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Ausführungen zum Bericht des Matthäus

(Evangelium nach Matthäus)

 

Abstammung, Zeugung und Geburt Jesu (Matthäus 1)

Die Magier und die Flucht nach Ägypten (Matthäus 2)

Johannes des Täufers Aufruf (Matthäus 3)

Die Versuchung Jesu und Sein erstes Wirken in Galiläa (Matthäus 4)

»Glückselig sind ...« (Matthäus 5:1-26)

Ich aber sage euch! (Matthäus 5:27-6:8)

»Unser Vater in den Himmeln« (Matthäus 6:9-34)

»Richtet nicht!« (Matthäus 7)

Jesus hat die Macht zu heilen (Matthäus 8:1-9:8)

Es kamen viele Zöllner und Sünder (Matthäus 9:9-38)

Die Aussendung der zwölf Jünger (Matthäus 10:1-27)

»Fürchtet euch nicht!« (Mat.10:28-11:1)

Über Johannes den Täufer (Matthäus 11:2-30)

Jesus ist Herr über den Sabbat (Mat.12:1-32)

Das Zeichen des Propheten Jona (Matthäus 12:33-50)

Das erste Königreichsgleichnis (Matthäus 13:1-23)

Das zweite bis siebente Königreichsgleichnis (Matthäus 13:24-58)

Fünf Brote und zwei Fische (Matthäus 14)

Um der Überlieferung willen (Matthäus 15:1-16:12)

»Du bist der Christus!« (Matthäus 16:13-27)

Die Verklärung Jesu (Matthäus 16:28-17:27)

»Wer ist der Größte im Königreich der Himmel?« (Matthäus 18)

Auf dem Weg nach Jerusalem (Matthäus 19 und 20)

Jesu Einzug in Jerusalem (Matthäus 21)

Weitere Reden Jesu in der Weihestätte (Matthäus 22:1-23:12)

»Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer!« (Matthäus 23:13-39)

Die große Endzeitrede des Herrn, Teil I (Matthäus 24:1-28)

Die große Endzeitrede des Herrn, Teil II (Matthäus 24:29-51)

Die große Endzeitrede des Herrn, Teil III (Matthäus 25)

Jesu Salbung, Passahfeier und Gebet in Gethsemane (Matthäus 26:1-46)

Jesu Gefangennahme und Verurteilung (Matthäus 26:47-27:26)

Die Kreuzigung Jesu Christi (Matthäus 27:27-61)

Jesu Auferstehung und Missionsbefehl (Matthäus 27:62-28:20)

 

 

Abstammung, Zeugung und Geburt Jesu

(Matthäus 1)

 

  Der Bericht des Jüngers und Apostels Matthäus, der auch Levi genannt wurde (Mark.2:14; Luk.5:27) und Zöllner war, über den Dienst unseres Herrn Jesus Christus unter Israel dürfte der älteste aller vier gewöhnlich Evangelien genannten Berichte sein. Nach den jüngsten Forschungsergebnissen wurde er um 40 n. Chr. oder etwas früher verfasst. Da die das Evangelium vom Königreich Israels verkündigenden Augenzeugen des Wirkens Jesu nicht immer überall sein konnten, entstand recht bald der Bedarf an Schriftsätzen.

  Im Blick auf die uns vorliegenden vier Berichte lässt sich sagen: Matthäus schildert Jesus Christus als den König Israels, Johannes Ihn als den Sohn Gottes (ca. 62 n. Chr.), beide schildern Ihn mithin in einer Herrlichkeitsstellung. Markus beschreibt Jesus Christus als Gottes Knecht (ca. 50 n. Chr.), Lukas Ihn als den Sohn des Menschen (ca. 55 n. Chr.); diese beiden beschreiben Ihn also in einer Stellung der Niedrigkeit.

  Matthäus nun mit seinem Bericht verfolgt die Absicht, den Juden nachzuweisen, dass Jesus aus Nazareth der verheißene Messias und König Israels ist, der ihnen das Königreich der Himmel bringen wird.

  Der Bericht des Matthäus lässt sich wie folgt gliedern:

 

  1:1-2:23 Die Beglaubigung Jesu

         3:1-4 Die Vorläufer

         3:5-17 Jesu Taufe in Wasser

                            4:1-11 Jesu Anfechtung in der Wildnis

                                      4:12-7:29 Verkündigung des Königreichs

                                               8:1-16:20 Verkündigung des Königs

                                               16:21-20:34 Verwerfung des Königs

                                      21:1-26:35 Verwerfung des Königreichs

                            26:36-46 Jesu Anfechtung im Garten Gethsemane

         26:47-28:15 Jesu Taufe in den Leiden

         28:16-18 Die Nachfolger

  28:19-20 Die Beglaubigung der Jünger

 

  Man beachte den spiegelbildlichen Aufbau des gottgehauchten Wortes (2.Tim.3:16)!

  Wir bezeichnen die ersten vier Bücher der griechischen heiligen Schriften übrigens als Berichte, weil die Heilige Schrift sie durch Lukas so nennt (Ap.1:1).

 

Rolle der Abstammung Jesu Christi

 

  Zuerst begründet Matthäus das Recht Jesu auf den Königsthron Israels mit dessen Abstammung. Er schreibt in Vers 1: »Rolle der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.« Jesus, hebräisch Jehoschua, bedeutet: Jewe ist der Retter. Christus, hebräisch Maschiach (Messias), ist der von Gott Gesalbte, für eine hervorragende Aufgabe Geweihte. Jesus Christus ist der Sohn Davids und mithin berechtigt, das zerfallene Zelt Davids wieder aufzubauen (Am.9:11; Ap.15:16). Jesus Christus ist ein wahrer Israelit, denn Abraham ist Sein Vorvater.

  Wir lesen die Verse 2 bis 6: »Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob, Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Phares und Zara mit der Thamar, Phares zeugte Esrom, Esrom zeugte Aram. Aram zeugte Aminadab, Aminadab zeugte Nahasson, Nahasson zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab, Boas zeugte Obed mit der Ruth, Obed zeugte Isai. Isai zeugte David, den König.«

  Von Abraham bis David sind es vierzehn Generationen. Mit dem Wort »zeugen« wird uns vermittelt, dass es sich hierbei um die natürliche Abstammung handelt. David ist Abrahams Same (oder: Nachkomme).

  Es sei an dieser Stelle eingeflochten, dass in Lukas 3:23-38 der Stammbaum Marias, der Tochter Helis, aufgeführt ist, denn Jesus ist der Adam und Eva im Garten Eden verheißene Same - nicht des Mannes, sondern der Frau (1.Mose 3:15). Matthäus bietet uns den Stammbaum Josephs dar.

  Wir lesen weiter: »David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam, Rehabeam zeugte Abia, Abia zeugte Asaph. Asaph zeugte Josaphat, Josaphat zeugte Joram, Joram zeugte Usia. Usia zeugte Joatham, Joatham zeugte Achas, Achas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse, Manasse zeugte Amos, Amos zeugte Josia. Josia zeugte Jechonia und seine Brüder in der Babylonischen Verbannung« (Verse 7-11).

  Nach Vers 17 sind es von David bis zur Babylonischen Verbannung ebenfalls vierzehn Generationen. Wir müssen also von David an zählen. Es gebührt ihm, in der ersten und in der zweiten Vierzehnergruppe gezählt zu werden. König Josia ist somit der Vierzehnte.

  Zuerst fällt auf, dass es in Vers 8 heißt: »Joram zeugte Usia.« Hier sind drei Generationen ausgelassen, nämlich Ahasja, Joas und Amazja. Da man statt »zeugen« auch »erwerden lassen« übersetzen kann, ist es klar, dass Joram seinen Urenkel Usia erwerden ließ. Die drei übergangenen Könige hatten Böses getan oder waren von Jewe abgefallen (2.Chr.22:25) und werden deshalb nicht erwähnt, und zwar weil Jewe nach 5.Mose 29:19 die Namen solcher Männer löscht.

  Der gleiche Fall liegt bei Vers 11 vor: »Josia zeugte Jechonia« (vgl. 1.Chr.3:15-17). Hier ist Jojakim ausgelassen, denn er tat, was böse in den Augen Jewes war (2.Kön.23:36,37).

  Die Rolle der Abstammung Jesu wird in den Versen 12 bis 16 fortgesetzt: »Nach der Babylonischen Verbannung zeugte Jechonia Salathiel, Salathiel zeugte Serubabel. Serubabel zeugte Abiud, Abiud zeugte Eliakim, Eliakim zeugte Azor. Azor zeugte Zadok, Zadok zeugte Achim, Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar, Eleasar zeugte Matthan, Matthan zeugte Jakob, Jakob zeugte Joseph; er war der Mann der Maria, von der Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird.« Wieder heißt es hierzu in Vers 17, dass er vierzehn Generationen sind, und zwar ausdrücklich nicht von Jechonia, sondern von der Babylonischen Verbannung bis Christus. Hier ist von Salathiel an zu zählen; danach ist Joseph der zwölfte, Maria stellt die dreizehnte Generation im Sinne eines vollwertigen Gliedes dar, und Jesus ist der vierzehnte.

  Warum ist Jechonia, der auch Jojachin und Chonia genannt wird, bei der Zählung nicht zu berücksichtigen? Weil er ebenfalls Übles in den Augen Jewes tat (2.Kön.24:6,9). Deshalb übergeht Vers 17 seinen Namen und spricht nur von der Babylonischen Verbannung. Jetzt müssen wir Jeremia 22: 24-30 heranziehen: »So wahr Ich lebe - das ist das Wort Jewes -, wenn auch Chonia, der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring an Meiner rechten Hand wäre, würde Ich dich doch von dort wegreißen. ... O Land, Land, Land, höre das Wort Jewes: So spricht Jewe: Schreibt diesen Mann als kinderlos auf, als einen Ermächtigten, dem nichts gelingt in seinen Tagen. Denn von seinen Nachkommen wird es nicht einem gelingen, auf dem Thron Davids zu sitzen und weiterhin über Juda zu herrschen.«

  Jechonias Name war zu Chonia verkürzt worden, weil er nicht mehr würdig war, die erste Silbe des Gottesnamens Jewe, Je, das heißt »Wird-sein«, in seinem Namen zu führen.

  Kein Same Jechonias kann also König Israels werden, auch Joseph nicht und, falls Jesus der leibliche Nachkomme Josephs gewesen wäre, auch Er nicht. Jesus ist aber nicht der Same Jechonias und Josephs, sondern der Maria. Mithin liegt der Jechonia aufgelegte Fluch nicht auf Jesus.

  Das juristische Anrecht auf den Königsthron verbleibt bei jedem gesetzmäßigen Nachkommen Jechonias - nicht umsonst führt Matthäus die Königslinie auf -, nur soll kein leiblicher Nachkomme den Thron erlangen. Das Recht war auf Joseph gekommen und über diese rechtliche Linie auch auf Jesus, denn Jesus war der gesetzmäßige Sohn Josephs, oder wie Lukas sagt: »Er war nach dem Gesetz der Sohn des Joseph« (Luk.3:23). Da Heli (Luk.3:24) keinen Sohn hatte und Maria die Erbtochter war (4.Mose 27:8), war Joseph nicht nur ein Schwiegersohn Helis, sondern »der Sohn nach dem Gesetz.«

  Somit ist nachgewiesen, dass Jesus das Recht hat, den Thron Davids einzunehmen, und dass Er der König Israels ist.

  Zum Abschluss dieses Gedankengangs, der den Weg dafür eröffnet, dass Gott Selbst der Vater Jesu ist, sei Vers 17 vollständig zitiert: »Alle Generationen nun von Abraham bis David sind vierzehn Generationen, ebenso von David bis zur Babylonischen Verbannung vierzehn Generationen, und von der Babylonischen Verbannung bis Christus vierzehn Generationen.«

  Im Rahmen des Vorsatzes für den Ablauf der Äonen, den Gott in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat (Eph.3:11), hat Er auch diese geschichtliche Abfolge in ihrer Ebenmäßigkeit beschlossen. Überschläglich gesagt, standen die ersten vierzehn Generationen von Abraham bis David unter der direkten Leitung Jewes, des Elohims Israels. Von David bis zum babylonischen Exil war Israel eine Monarchie. Die dritte Gruppe lebte in den Fristen der Nationen, die mit Nebukadnezar begann (Luk.21:24; Dan.2:37,38); Israel wurde von Fremden beherrscht. Die Theokratie - ein Fehlschlag! Die Monarchie - ein Fehlschlag! Die Fremdherrschaft - ebenfalls ein Fehlschlag, denn sie führte zur Zerstreuung unter alle Nationen der Erde. Jesus Christus allein ist der Retter Israels! Mit den Worten des Petrus: »Dieser [Jesus] ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, verschmäht wird; der ist zum Hauptstein der Ecke geworden (Ps.118:22)! Und in keinem anderen ist die Rettung; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter Menschen gegeben worden ist, in welchem wir gerettet werden müssen« (Ap.4:11,12).

 

Die Zeugung Jesu Christi

 

  »Mit der Zeugung Jesu Christi verhielt es sich so: Als Maria, Seine Mutter, mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie von heiligem Geist schwanger war. Joseph, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht anprangern wollte, beschloss daher, sie heimlich zu entlassen« (Verse 18+19).

  Maria war von heiligem Geist schwanger. Heiliger Geist ist nicht etwas Drittes neben dem Vater und dem Sohn, sondern es ist der Geist Gottes, der Geist ist (Joh.4:24), mithin Gott Selbst. Die Antwort des Boten Gottes auf die Frage Mirjams, wie es möglich sein sollte, dass sie schwanger werden würde, ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich: »Heiliger Geist wird auf dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich beschatten; darum wird auch das Heilig-Gezeugte »Sohn Gottes« heißen« (Luk.1:35). Hier haben wir mehrere Parallelen: Heiliger Geist wird mit der Kraft Gottes gleichgesetzt wie auch mit dem »Heilig« in dem Begriff »das Heilig-Gezeugte« und mit Gott Selbst in den Worten »Sohn Gottes«. Das »Kommen auf« wird mit »beschatten« gleichgesetzt wie auch mit »das Gezeugte« und mit »Sohn«.

  Der Eine, Gott, hatte Seinen Sohn gezeugt. Gott, der Eine und Einzige, ist der Vater Jesu Christi.

 

Josephs Überlegung

 

  Maria war dem Joseph angelobt. Das war kein Eheversprechen, wie eine Verlobung hierzulande verstanden sein will. Die Angelobung war das Treuegelöbnis bei der Eheschließung. Der Vollzug der Ehe konnte etliche Zeit später stattfinden. Die Angelobung galt als Ehebund, auch wenn die Frau noch im elterlichen Haus verblieb, bis der Bräutigam sie unter großen Feierlichkeiten in sein Haus holte.

  Nun aber kam Joseph in einen Konflikt. Seine Frau war schwanger, ehe sie zusammengezogen waren. Was sollte er tun? Das Gesetz des Mose war sehr streng in dem Fall, dass die junge Frau keine Jungfrau mehr war, und forderte, dass sie an den Eingang ihres Vaterhauses hinauszuführen ist und die Männer ihrer Stadt sie zu steinigen haben, sodass sie stirbt, weil sie eine Schandtat in Israel verübt hat, im Hause ihres Vaters zu huren (5.Mose 22:21).

  Joseph entschied sich - wohl aus Barmherzigkeit - nun aber, ihr einen Scheidebrief zu geben, was in den Fällen üblich war, wenn die Frau keine Gunst in den Augen ihres Mannes gefunden hatte, weil er etwas Anstößiges an ihr entdeckt hatte (5.Mose 24:1). Auf diese Weise wollte er sie still aus der Ehe entlassen.

 

Das Traumgesicht

 

  »Als er sich dies überlegte, siehe, da erschien ihm ein Bote des Herrn im Traumgesicht und sagte: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Mirjam als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das in ihr Gezeugte ist aus heiligem Geist. Sie wird einen Sohn gebären, und du sollst Ihm den Namen »Jesus« geben; denn Er, Er wird Sein Volk von ihren Sünden retten« (Verse 20+21).

  Der Bote Gottes würdigt Joseph als einen Sohn Davids und berechtigten Thronfolger. Maria erwähnte er nicht in dieser ihrer griechischen, sondern in der hebräischen Form ihres Namens: Mirjam (buchstäblich: Marjam).

  Der Name des Sohnes soll »Jesus« lauten. Dieser Name ist zusammengesetzt aus der ersten Silbe des Namens Gottes, Jewe, was »Wird-sein-seiend-war« bedeutet, und aus Hoshea, was Rettung heißt. »Jesus« ist die griechische Form des hebräischen »Jehoschua« und besagt, dass Er Jewe und der Retter ist. Er, ja Er wird Sein Volk von ihren Sünden retten.

  Dass mit Ihm die Gnade Gottes erscheinen wird, »allen Menschen zur Rettung« (Tit.2:11), ist hier nicht im Blickfeld, denn zuerst muss Israel gerettet werden, um zum Segen für die anderen Völker werden zu können (1.Mose 12:3; Mat.28:19).

  Als Joseph die Worte des Boten vernommen hatte, hat er vielleicht an Psalm 130:8 gedacht: »Er [Jewe] wird Israel loskaufen von all seinen Verwerflichkeiten.« Oder es gingen ihm Jeremias Worte durch den Kopf: »Siehe, Tage kommen - das ist das Wort Jewes -, da werde Ich dem David einen gerechten Spross erwecken. Der wird als König regieren, klug sein und Recht und Gerechtigkeit im Land üben. In Seinen Tagen wird Juda gerettet und Israel in Sicherheit wohnen. Und dies ist Sein Name, mit dem man Ihn nennen wird: Jewe, unsere Gerechtigkeit!« (Jer.23:5,6).

  Auch Mirjam wusste um die Bedeutung des Namens »Jesus«, den sie schon einige Zeit zuvor aus dem Munde des Boten Gabriel gehört hatte: »Siehe, du wirst empfangen, schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst Ihm den Namen »Jesus« geben. Dieser wird groß sein und »Sohn des Höchsten« heißen; Gott der Herr wird Ihm den Thron Seines Vaters David geben. Über das Haus Jakobs wird Er für die Äonen König sein; und Seine Königsherrschaft wird [für die Äonen; vgl. 1.Kor.15:24] keinen Abschluss haben« (Luk.1:31-33).

  Dass Jesus der Retter ist, war auch dem gottesfürchtigen, greisen Simeon offenbar, als er den Säugling Jesus in der Weihestätte in seine Arme nahm, Gott segnete und sprach: »Nun, mein Eigner, entlässt Du Deinen Sklaven Deinem Ausspruch gemäß in Frieden; denn meine Augen gewahren Deine Rettung, die Du vor dem Angesicht aller Völker bereitet hast, ein Licht zur Enthüllung für die Nationen und zur Herrlichkeit für Dein Volk Israel« (Luk.2:29-32).

  Hören wir noch das Wort des Petrus vor dem Synedrium: »Diesen [Jesus] hat Gott zum Urheber und Retter zu Seiner Rechten erhöht, um Israel Umsinnung und Sündenerlass zu geben« (Ap.5:31).

 

Immanuel

 

  Matthäus erläutert: »Dies Ganze ist geschehen, damit erfüllt werde, was vom Herrn durch den Propheten angesagt war: Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären; und man wird Ihm den Namen »Immanuel« geben - das ist verdolmetscht: Mit uns ist Gott« (Verse 22+23).

  Zugrunde liegt eine Begebenheit in den Tagen des Achas, des Sohnes Jothams, des Sohnes Usias, des Königs von Juda. Jewe sprach durch Jesaia zu Achas: »Erbitte dir ein Zeichen von Jewe, deinem Elohim! Es sei tief deine Bitte, oder erhebe sie hoch! Achas aber sagte: Nicht bitten will ich noch Jewe erproben. Da sagte er [Jesaia]: So höret doch, ihr vom Hause Davids! Ist es euch zu wenig, Männer zu ermüden, dass ihr sogar Jewe, meinen Elohim, ermüdet? Darum gibt euch Jewe Selbst ein Zeichen: Siehe! Die Jungfrau wird schwanger und gebiert einen Sohn, und sie nennt seinen Namen Immanuel« (Jes.7:11-14). Immanuel heißt: Mit uns ist El. El ist der alles Verfügende, der alle an ihren Platz Setzende, der alle Sich Unterordnende.

  Dieses Zeichen ist nun erfüllt. Möge Israel es erkennen!

  Das Wort »Jungfrau« in Jesaia 7:14, hebräisch Almah, gehört zur Wortfamilie Alum, »Verheimlichtes«, und bedeutet »Verheimlichte«, also eine weibliche Person, die weder von einem Mann erkannt noch von einem solchen enthüllt, entkleidet, gesehen wurde. Dieser Begriff ist mithin enger als das allgemeine Wort für »Jungfrau«, nämlich hebräisch Bötulah.

  Inwiefern ist Jesus Immanuel? Das ist doch ein ganz anderer Name! Jesus ist Immanuel und darf diesen Namen führen, weil Er als der Sohn Gottes, als das Wort Gottes, als das Abbild des unsichtbaren Gottes (Kol.1:15) in vollkommener Weise zum Ausdruck bringt, dass mit Ihm und in Ihm der Vater nun mit Israel ist. Wer Ihn sieht, sieht ja den Vater (Joh.14:9).

 

Er gab Ihm den Namen »Jesus«

 

  Kapitel eins schließt mit den Versen 24 und 25: »Als Joseph vom Schlaf erwachte, tat er, wie der Bote des Herrn ihm geboten hatte, und nahm sie als seine Frau zu sich. Er erkannte sie nicht, bis sie den Sohn gebar, und gab Ihm den Namen ‚Jesus’.«

  »Jesus« - wie herrlich klingt dieser Name in unseren Herzen!

 

Die Magier und die Flucht nach Ägypten

(Matthäus 2)

 

  »Als Jesus zu Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes geboren war, siehe, da kamen Magier aus dem Morgenland nach Jerusalem und fragten: Wo ist Er, der als König der Juden geboren wurde? Denn wir gewahrten Seinen Stern im Osten und sind gekommen, um vor Ihm anzubeten« (Verse 1+2).

  In den Tagen Herodes des Großen, des Königs der Juden, der von 39 bis 1 v. Chr. regierte, wurde unser Herr Jesus Christus in Bethlehem geboren.

  Wie Lukas näher ausführt (Luk.2:1-5), mussten sich Joseph und Maria aufgrund eines Erlasses des Kaisers Augustus eintragen lassen. Die Eintragung oder Aufschreibung diente der Überprüfung und Bestätigung der Bürgerrechte, was gewiss auch finanzielle Konsequenzen hatte. Ein jeder Bürger musste sich in seiner Stadt eintragen lassen. So zog Joseph von Nazareth nach Bethlehem, weil er aus dem Hause und der Familie Davids war. Die Familie Davids stammte aus Bethlehem (Ruth 1:1,2). David war dort geboren worden (1.Sam.16:1).

  So erfüllte sich, was in Micha 5:1 geschrieben steht: »Und du, Bethlehem Ephrata, zu gering, um unter den Tausendschaften Judas befunden zu werden, aus dir wird Mir der hervorgehen, der Herrscher über Israel werden soll; und Sein wiederholtes Hervortreten ist von der Vorzeit an, von den Tagen des Äons an.« Die Herrlichkeit dieses unbedeutenden Städtchens besteht einzig darin, der Geburtsort Jesu Christi, des Königs der Juden, zu sein.

  Nach den Hinweisen in der Heiligen Schrift und den historischen Zeugnissen dürfte unser Herr am 1. Etanim (Tischri) des Jahres 3 v. Chr., nach unserem Kalender am 11.9.3 v. Chr., geboren worden sein, am Tag des Trompetenjauchzens (Posaunenblasens; 3.Mose 23:24; 4.Mose 10:10; 29:1). So gebührt es dem König der Könige, denn vom 1. Etanim an wurde stets ein neues Regierungsjahr eines Königs gerechnet.

 

Die Magier

 

  Die Magier waren hoch- und höchstgestellte Persönlichkeiten, Berater von Königen, auch Abgesandte von Königreichen. Sie mögen auch übernatürliche Kräfte in Anspruch genommen haben. Das Wort »Magier« kommt von megas (griech.), groß, und von mag (hebr.), mächtiger Beschützer. Da Esra vier Monate für seine Reise von Babel bis nach Jerusalem brauchte, dürften die Magier frühestens fünf Monate nach der Geburt Jesu eingetroffen sein, denn sie mussten sich erst von verschiedenen Orten des Morgenlands (steht in Vers 1 im Plural) sammeln und für die Reise rüsten.

  Der Stern, den sie im Osten gesehen hatten, kann kein Fixstern oder Planet gewesen sein, da diese alle sich von Ost nach West bewegen und auch nicht stehen bleiben können. Es muss ein Komet gewesen sein, ein nie dagewesener, der später wieder auftauchte und die Magier von Jerusalem nach Bethlehem, also von Norden nach Süden leitete und über Bethlehem für das Auge des Beobachters stehen blieb.

  Die Magier müssen um Bileams Weissagung gewusst haben: »Ich sehe ihn, aber nicht als gegenwärtig, ich gewahre ihn, aber nicht nahe: Es tritt ein Stern aus Jakob hervor, und ein Zepter ersteht aus Israel« (4.Mose 24:17). Seit den Tagen des Propheten Daniel war in Babel auch das folgende Wort bekannt: »Vom Ausgang des Wortes, zurückzukehren und Jerusalem aufzubauen, bis zum Kommen des Messias, des Beherrschers, sind es sieben Siebener und zweiundsechzig Siebener« (Dan.9:25). Die 69 Jahrsiebener rechnen vom Erlass des Artaxerxes zum Wiederaufbau Jerusalems vom 1. Nisan 445 v. Chr. (14.3.445 v. Chr.) bis zu Jesu Einzug in Jerusalem am 10. Nisan 32 n. Chr. (Sonntag, 6.4.32 n. Chr.). Zwischen diesen zwei Daten liegen 69 Jahrsiebener, das sind 483 Jahre à 360 Tagen (=173.880 Tage) oder 476 Jahre und 24 Tage nach unserem Kalender. Wenn die Magier rund 30 Jahre für das Volljährigwerden des Königs der Juden abrechneten und noch eine unbekannte Wirkungszeit bis zu Seinem »Abgeschnittenwerden« (Dan.9:26) in Betracht zogen, musste es dieser Stern sein, und zwar mit einer Sicherheit, die sie zum Aufbruch bewog.

  In der zwischen der Geburt Jesu und der Ankunft der Magier liegenden Zeit von etwa einem halben Jahr war unser Herr an Seinem vierzigsten Lebenstag nach dem Gesetz in der Weihestätte dargestellt worden (Luk.2:22), und Joseph und Maria waren nach Nazareth zurückgekehrt (Luk.2:39). Zum Passahfest im Nisan (März/April) des Jahres 2 v. Chr., also rund sechs Monate später, waren sie wieder in Jerusalem und wohnten während dieser Festtage in Bethlehem.

  Zu dieser Zeit trafen die Magier in Jerusalem ein, um vor dem neugeborenen König der Juden anzubeten, wie sie verlauten ließen.

 

In Bethlehem!

 

  »Als der König Herodes dies hörte, wurde er beunruhigt, und das gesamte Jerusalem mit ihm. Er versammelte alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erkundigte sich bei ihnen, wo der Christus geboren würde. Sie sagten zu ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so ist es durch den Propheten geschrieben: Und du, Bethlehem im Land Juda, bist mitnichten die geringste unter Judas führenden Städten. Denn aus dir wird der regierende Herrscher hervorgehen, der Mein Volk Israel hirten wird« (Verse 3-6).

  Herodes nahm die Nachricht der Magier ernst. Er verließ sich auch auf die Auskunft der Hohenpriester und Schriftgelehrten aus den hebräischen heiligen Schriften, wenn auch nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit, denn er war kein Nachkomme Davids, sondern ein Idumäer (Edomiter) und mithin nicht der rechtmäßige König Israels, sodass er um seine Position fürchten musste. Immerhin weiß oder unterstellt Herodes nach Vers 3, dass der neugeborene König der Christus ist.

  Die Hohenpriester und Schriftgelehrten zitieren den Propheten Micha nicht wortgetreu, nämlich dass Bethlehem eine geringe Ortschaft sei, sondern der neuen Tatsache entsprechend, dass Bethlehem nunmehr mitnichten die geringste unter den Städten Judas ist.

  Der neue Herrscher wird Gottes Volk Israel hirten. Einst hatte König David dies getan (2.Sam.5:2; 1.Chr.11:2). Nun aber heißt es von Jesus Christus: »Er wird auftreten und [Seine Herde] hirten in der Kraft Jewes, in der Erhabenheit des Namens Jewes, Seines Elohim. Sie werden [in Sicherheit] wohnen, denn nun wird Er groß sein bis an die Enden der Erde. Und dieser wird [der Herr des] Friedens sein« (Micha 5:3,4). Der Prophet Jesaia schreibt: »Sage den Städten Judas: Siehe da: Euer Elohim! Siehe! Jewe, mein Herr, als Gewaltiger kommt Er, und Sein Arm herrscht für Ihn. Siehe! Sein Lohn ist mit Ihm und Sein Entgelt vor Ihm. Wie ein Hirte hirtet Er Seine Herde, und in Seinem Arm sammelt Er die Lämmlein« (Jes.40:9-11).

  Der Herr Jesus Christus wird der große Hirte der Schafe sein (Heb.13:20).

 

Die Hinterlist des Herodes

 

  »Dann berief Herodes heimlich die Magier und erforschte genau von ihnen die Zeit, wann der Stern erschienen war. Darauf sandte er sie nach Bethlehem und sagte: Geht hin und ergründet alles genau betreffs des Knäbleins; falls ihr es findet, berichtet mir, damit auch ich komme und vor Ihm anbete« (Verse 7+8).

  Herodes erkundigte sich genau. Dann sagte er den Magiern, in welches Städtchen sie zu gehen hatten, und bat um einen Bericht, angeblich, um dann selber vor dem Knäblein anzubeten. Dies war eine hinterlistige Lüge. Es erfüllte sich Psalm 37:12: »Der Frevler plant [Böses] gegen den Gerechten und knirscht mit seinen Zähnen über ihn.« Und Sprüche 10:11 sagt, dass der Mund der Frevler die [beabsichtigte] Gewalttat verbirgt.

 

Die Anbetung der Magier

 

  »Als sie den König gehört hatten, zogen sie hin, und siehe, der Stern, den sie im Osten gewahrt hatten, ging ihnen voran, bis er oben über der Stätte zu stehen kam, wo das Knäblein war. Da sie den Stern gewahrten, freuten sie sich mit überaus großer Freude. Als sie in das Haus kamen, gewahrten sie auch das Knäblein mit Maria, Seiner Mutter; niederfallend beteten sie vor Ihm an; und ihre Schätze auftuend, brachten sie Ihm Nahegaben dar: Gold, Weihrauch [ein beim Verbrennen angenehm duftendes Harz] und Myrrhe [ein wohlriechendes Harz]« (Verse 9-11). Die Zahl der Magier und die Größe ihres Trosses sind uns unbekannt. Die Anbetung der Magier ist nur der Anfang der Huldigungen, die dem Herrn Jesus Christus zuteil werden. In Jesaia 49:7 ist zu lesen: »Fürsten werden sich huldigend niederwerfen vor Ihm, um Jewes willen, der da treu ist, um des Heiligen Israels willen.«

  Die Gaben, Gold, Weihrauch und Myrrhe, waren eines Königs würdig. Eines Tages werden die Nationen dem Messias ihren Reichtum in großem Umfang darbringen (Jes.60:5,11). Die Geschenke der Magier kamen Joseph und Maria sicher zustatten, um nach Ägypten fliehen und dort leben zu können, bis Herodes gestorben war.

  Es fällt auf, dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten nicht nach Bethlehem gingen, um Jesus anzubeten. Sie hatten kein Interesse am Messias, der ihre dominierende Stellung im Volk Israel doch wohl mindern würde.

  Es folgt Vers 12: »Doch weil sie im Traumgesicht Weisung erhielten, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück.«

 

Die Flucht nach Ägypten

 

  »Nachdem sie zurückgezogen waren, siehe, da erschien dem Joseph ein Bote des Herrn im Traumgesicht und sagte: Erwache, nimm das Knäblein und Seine Mutter und fliehe nach Ägypten! Halte dich dort auf, bis ich es dir sage; denn Herodes hat vor, das Knäblein zu suchen, um es umzubringen. Als er erwacht war, nahm er noch bei Nacht das Knäblein und Seine Mutter mit sich und machte sich davon nach Ägypten. Dort hielt er sich auf, bis Herodes verschied, damit erfüllt werde, was vom Herrn durch den Propheten angesagt war: Aus Ägypten rufe Ich Meinen Sohn.«

  Der Prophet Hosea hatte gesagt: »Als Israel ein Jüngling war, liebte Ich es; und aus Ägypten rief Ich Meinen Sohn« (Hos.11:1; vgl. 4.Mose 24:7,8). Hosea verstand unter dem Sohn Jewes das Volk Israel, wie denn auch Mose zu Pharao sagen sollte: »So spricht Jewe: Mein Sohn, Mein Erstgeborener, ist Israel« (2.Mose 4:22). Matthäus erkennt die Weissagung Hoseas als auf Jesus bezogen; der Auszug Israels aus Ägypten war ein vorlaufendes Geschehen und eine Abbildung auf den Messias hin, »denn sie tranken aus dem geistlichen Felsen, der folgte. Der Felsen aber war der Christus« (1.Kor.10:4).

 

Der Knabenmord des Herodes

 

  »Dann gewahrte Herodes, dass er von den Magiern verhöhnt worden war; er ergrimmte sehr und schickte hin, um alle Knaben in Bethlehem und in all seinen Grenzgebieten niedermetzeln zu lassen (von den Zweijährigen an und darunter), entsprechend der Zeit, die er von den Magiern genau erforscht hatte. Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia angesagt war: In Rama hört man Geschrei, Jammern und viel Wehklagen; Rahel jammert um ihre Kinder und will keinen Zuspruch, weil sie nicht mehr da sind« (Verse 16-18).

  Jeremia hatte gesagt: »So spricht Jewe: Eine Stimme wird in Rama gehört, Wehgesang, bitteres Weinen. Rahel beweint ihre Kinder. Sie weigert sich, sich trösten zu lasten über ihre Kinder, denn sie sind nicht mehr« (Jer.31:15). Dieses Wort bezog sich auf das Weinen Israels im Jahre 586 v. Chr. über die auf dem Weg in die babylonische Verbannung umkommenden Kinder. Rama liegt etwa 8 km nördlich von Jerusalem. Dort starb Rahel, die Lieblingsfrau Jakobs, auf dem Weg nach Bethlehem bei der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamin (1.Mose 35:19; 48:7). Rahel bedeutet auf hebräisch »Mutterschaf«. Sie ist Israels Muttergestalt und steht für Israel.

  Mithin drückt Matthäus mit diesem Zitat das Jammern ganz Israels über den Knabenmord aus. Doch es gab eine Verheißung für die in die Verbannung Ziehenden, nämlich dass sie wieder zurückkehren würden (Jer.31:17), und so gibt es auch eine Rettung für Israel aus aller Not, nämlich durch den neugeborenen König.

 

Rückkehr nach Galiläa

 

  »Als Herodes verschieden war, siehe, da erschien dem Joseph in Ägypten ein Bote des Herrn im Traumgesicht und sagte: Erwache, nimm das Knäblein und Seine Mutter mit dir, und geh in das Land Israel zurück; denn die, welche die Seele des Knäbleins suchten, sind gestorben. Als er erwacht war, nahm er das Knäblein und Seine Mutter mit sich und zog in das Land Israel zurück. Da er hörte, dass Archelaus anstatt seines Vaters Herodes König von Judäa war, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Doch als er im Traumgesicht Weisung erhielt, zog er sich in die Gebiete Galiläas zurück. So kam er in eine Stadt mit Namen Nazareth und wohnte dort, damit erfüllt werde, was durch die Propheten angesagt war: Man wird Ihn Nazarener nennen« (Verse 19-23).

  Nach dem Tode Herodes des Großen im Jahr 1 v. Chr. wurden Archelaus König von Judäa, Samaria und Idumäa, Herodes Antipas Tetrarch von Galiläa und Peräa und Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis. Archelaus war ein berüchtigter Regent, der zum Beispiel kurz nach Amtsantritt beim Passahfest des Jahres 1 v. Chr. dreitausend Juden in der Weihestätte niedermachen ließ. Es war daher für Joseph besser, sich nicht in dessen Gebieten niederzulassen.

  Zum vierten Mal lesen wir im Bericht des Matthäus, dass Gott durch ein Traumgesicht sprach (1:20; 2:13,19,22). Damals und noch bis nahe an das Ende der Zeit der Apostelgeschichte gebrauchte Gott auch diesen Weg zur Verkündigung Seines Wortes und zur Leitung der Seinen. Heute, in der dem Apostel Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Verwaltung der Gnade Gottes (Eph.3:2), in der uns das Wort Gottes vervollständigt vorliegt (Kol.1:25), wandeln wir nicht durch Wahrnehmung, sondern durch Glauben (2.Kor.5:7). Wir handeln gemäß dem uns gegebenen Geist der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft (2.Tim.1:7).

  Unser Herr Jesus Christus wurde Nazarener genannt, weil Er aus dieser Stadt kam. Eine solche Weissagung ist bei den Propheten nicht zu finden. Sie hatten Worte gesprochen, ohne dass sie aufgeschrieben wurden. Ihre Aussagen waren mithin mündlich überliefert oder dem Matthäus durch den Geist Gottes offenbart worden.

  Nazareth war keine gute Adresse in den Augen der Juden, weil dort die für den Norden Galiläas zuständige römische Garnison lag und ihre Einwohner somit im Geruch von Kollaborateuren standen. Wir sehen dies auch an den Worten des Jüngers Nathanael (der vielleicht den Beinamen Bartholomäus trug), als Philippus ihm mitteilte: »Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn des Joseph, von Nazareth!« und Nathanael darauf sagte: »Aus Nazareth? Was kann es Gutes sein?« (Joh.1:45,46).

  Die Heilige Schrift verzeichnet an vielen Stellen, dass Jesus Nazarener genannt wurde. So schrie in der Synagoge zu Kapernaum ein Mann mit einem unreinen Geist auf und sagte: »Ha! Was ist zwischen uns und Dir, Jesus, Nazarener? Bist Du gekommen, uns umzubringen? Ich weiß, wer Du bist: der Heilige Gottes!« (Mark.1:24). - Ein Blinder, der am Weg nach Jericho bettelte und eine Volksmenge vorüberziehen hörte, erkundigte sich, was dies bedeute. Man berichtete ihm: Jesus, der Nazarener, geht vorüber. Da schrie er: Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner! (Luk.18:37). - Als die Truppe und die Gerichtsdiener den Herrn im Garten Gethsemane gefangen nehmen wollten, trat Er hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr? Sie antworteten Ihm: Jesus, den Nazarener! - Im Hause des römischen Hauptmanns Kornelius sagte Petrus: Ihr wisst ... wie Gott Jesus, den von Nazareth, mit heiligem Geist und mit Kraft salbte, Ihn, der umherzog, Wohltaten erwies und alle heilte, die vom Satan unterdrückt waren; denn Gott war mit Ihm (Ap.10:38).

  Auch der Herr Selbst nannte Sich so, und zwar dem Paulus vor Damaskus gegenüber. Nachdem Paulus aufgrund des grellen Lichts aus dem Himmel zu Boden gefallen war, die Stimme gehört: Saul, Saul, was verfolgst du Mich? und geantwortet hatte: Wer bist Du, Herr?, sagte Christus: Ich bin Jesus, der Nazarener, den du verfolgst! (Ap.22:8).

  Dieser Jesus von Nazareth ist der Herr aus dem Himmel! (1.Kor.15:47).

 

Johannes des Täufers Aufruf

(Matthäus 3)

 

  Im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius, das vom 19.8.28 bis 18.8.29 n. Chr. währte, begann unser Herr Jesus Christus Seinen Dienst, indem Er Sich von Johannes dem Täufer im Jordan taufen ließ (Luk.3:1). Dies geschah im Herbst des Jahres 28 n. Chr., als Jesus etwa dreißig Jahre alt war (Luk.3:23). Johannes, der Sohn des Priesters Zacharias und seiner Frau Elisabeth aus den Töchtern Aarons (Luk.1:5), heroldete die Taufe der Umsinnung zur Erlassung der Sünden (Luk.3:3).

 

Die Stimme eines Rufers

 

  Matthäus berichtet: »In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf, heroldete in der Wildnis Judäas und sagte: »Sinnet um! Denn das Königreich der Himmel hat sich genaht!« Er war nämlich der, über den durch den Propheten Jasaia angesagt war: Stimme eines Rufers: In der Wildnis bereitet den Weg des Herrn! Machet Seine Straßen gerade! Er aber, Johannes, hatte seine Kleidung aus Kamelhaar, mit einem ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Nahrung war Heuschrecken und wilder Honig« (Verse 1-4).

  »Sinnet um!« In das Königreich Gottes, das auch Königreich Christi und Königreich Israels genannt wird, gelangt man nämlich nicht wie selbstverständlich hinein, eben weil man Jude ist. Umsinnung ist erforderlich! Das griechische Wort dafür bedeutet im Grunde »mitdenken« im Sinne von »umdenken«. Es geht dabei um die Änderung des Sinnens und der Gesinnung. Die Umsinnung ist nach dem Evangelium der Beschneidung (Gal.2:7) eine Bedingung, um in das Königreich Israels eintreten zu können. Wer seine alte, egoistische Gesinnung beibehalten will und Sünde auf Sünde häuft, ist nicht geeignet für das Königreich.

  Die Propheten hatten Israel viele Male zur Umsinnung aufgerufen, so Jesaia: »Kehre um zu Mir, denn Ich habe dich erlöst [sagt Jewe Elohim, der König Israels]« (Jes.44:6,22). Und Hesekiel: »Kehrt um, damit ihr lebt« (Hes.18:30,32). Zuletzt Maleachi: »Kehrt um zu Mir! Und Ich kehre um zu euch, spricht Jewe der Heere« (Mal.3:7).

  Jesus sagt: »Nicht jeder, der zu Mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern nur, wer den Willen Meines Vaters in den Himmeln tut« (Mat.7:21).

  Das Königreich der Himmel ist das Königreich des Gottes der Himmel, so wie der Prophet Daniel es gegenüber dem König Nebukadnezar formulierte: »In den Tagen jener Könige wird der Elah der Himmel ein Königreich aufrichten, das für die Äonen unversehrt bleiben soll« (Dan.2:44). Das tausendjährige Königreich Israels und seine Regentschaft auch auf der neuen Erde haben sich genaht.

  Das Auftreten Johannes des Täufers war von Jesaia wie folgt angesagt worden: »Tröstet, tröstet Mein Volk!, sagt euer Elohim. Sprecht zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu! Denn erfüllt ist ihre Frondienstzeit; denn angenommen ist sie trotz ihrer Verworfenheit; denn sie nahm Doppeltes für all ihre Sünden aus der Hand Jewes. Stimme eines Rufers: In der Wildnis bereitet den Weg Jewes! Macht gerade in der Steppe den Hochweg unserem Elohim! Jede Schlucht soll ausgefüllt werden, und jeder Berg und Hügel soll erniedrigt werden, und die krummen sollen zu geraden werden und die rauen zu glatten Wegen. Und enthüllt werde Jewes Herrlichkeit, und sehen wird alles Fleisch das Heil Elohims. Denn der Mund Jewes hat gesprochen« (Jes.40:1-5: vgl. Jes.57:14). Wenn man in Israel Bauern krumme, bucklige und ausgefahrene Wege begradigen und einebnen sah, wusste man, dass eine hochgestellte Persönlichkeit erwartet wurde. Und nun bahnte Johannes der Täufer dem Herrn Jesus Christus den Weg zu den Herzen der Juden.

  Johannes war übrigens nicht der Prophet Elia, wie er selbst bekundete (Joh.1:21), nahm aber zu seiner Zeit den Platz des Elia in dessen Geist und Kraft ein (Luk.1:17). Elia wiederum wird in der Tat wiederkommen, und zwar vor des Herrn Tag, des großen und gefürchteten, vor der siebenjährigen Endzeit (Mal.3:23; Mat.11:14; 17:12).

  In seiner Kleidung war Elia das Vorbild des Johannes (2.Kön.1:8). Heuschrecken durfte er gemäß dem Gesetz des Mose essen (3.Mose 11:22).

Viele ließen sich taufen

 

  Wie Matthäus weiter berichtet, ging aufgrund der Stimme dieses Rufers ein Ruck durch das Volk: »Dann ging Jerusalem, das gesamte Judäa und die gesamte Gegend um den Jordan zu ihm hinaus, und sie ließen sich von ihm im Jordanfluss taufen, ihre Sünden offen bekennend« (Verse 5+6).

  Die Sehnsucht der Juden sollte sich nun, da das Königreich der Himmel nahe und der Messias im Kommen begriffen war, erfüllen - und alle machten sich auf. Nach dem offenen Bekenntnis der Sünden erfolgte die Taufe durch Untertauchen im Jordan. Bisher hatten die Israeliten nur zeremonielle Waschungen und diese an sich selbst vollzogen (2.Mose 29:4; 40:31; 3.Mose 11:30), und auch der aussätzige Syrer Naemann tauchte sich selbst siebenmal im Jordan unter und wurde rein (2.Kön.5:14), nun aber vollzog Johannes die Taufe an ihnen. Dies geschah in Bethanien, jenseits des Jordans (Joh.1:28).

  Das Bekenntnis der Sünden schließt ein, künftig ein heiliges Leben in Erwartung des Königs führen zu wollen.

 

Otternbrut!

 

  Aber nicht alle waren willig, umzusinnen; manche wollten sich zwar taufen lassen, um dem König entgegengehen zu können, ihre stolze und egoistische Gesinnung aber beibehalten. Davon lesen wir in den folgenden Versen: »Als er aber viele Pharisäer und Sadduzäer gewahrte, die zu seiner Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch zu verstehen gegeben, vor dem zukünftigen Zorn fliehen zu können? Bringt daher Frucht, würdig der Umsinnung! Meint nur nicht, ihr könntet bei euch selbst sagen: Wir haben Abraham zum Vater. - Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken« (Verse 7-9).

  Die Pharisäer waren die gesetzestreue Gruppe unter den Juden, die es mit dem Ritual des Mose sehr genau nahmen. Die Sadduzäer dagegen legten zwar ebenfalls Wert auf das Gesetz, waren aber ansonsten sehr liberal und sagten, es gäbe keine Auferstehung, auch keine Boten noch Geister.

  Johannes nennt diese Religiösen »Otternbrut«. Ottern stehen nach Jesaia 59:2-8 für Falschheit und Verworfenheit, Gesetzlosigkeit und Gewalttat. Ein klares und hartes Wort also. Johannes kennt ihre Gedanken und verweigert ihnen die Taufe, da ihr Sündenerkenntnis und Umsinnung vorausgehen muss - und Glaube. Sie hatten aber keinen Glauben (Mat.21:25). Und sie wollten sich auch gar nicht wahrhaftig taufen lassen. Das Wasser sollte die innere Reinigung symbolisieren. Ohne Herzensreinigung aber wäre das Untertauchen im Wasser nur Heuchelei gewesen. Später sagte der Herr Jesus: »Die Pharisäer und die Gesetzeskundigen aber lehnten den Ratschluss Gottes für sich selbst ab, indem sie sich nicht von ihm taufen ließen« (Luk.7:30).

  Vielleicht meinten sie, sie hätten dies alles gar nicht nötig, da ihnen als Kinder Abrahams das Königreich ja sicher sei. Eine edle Abstammung aber kann Glauben und Umsinnung nicht ersetzen. Ein andermal sagten sie zu Jesus: »Unser Vater ist Abraham!« Jesus erwiderte ihnen: »Wenn ihr Kinder Abrahams wäret, tätet ihr auch die Werke Abrahams. Nun aber sucht ihr Mich zu töten. ... Ihr seid von dem Vater, dem Satan« (Joh.8:39,40,44).

  Diese Religiösen werden die Rettung mithin nicht erlangen. Gott aber ist imstande, Sich wahre Abrahamskinder zu erwecken, sogar aus Steinen, was besagen mag: aus Unwürdigen, sogar aus den Heiden.

  Der Täufer sprach auch von dem zukünftigen Zorn Gottes, den viele Propheten bereits angekündigt hatten, zum Beispiel Jesaia: »Siehe! Der Tag Jewes kommt, grausam mit Ingrimm und Zorneshitze, um die gesamte Erde zur Öde zu machen, und ihre Sünder vertilgt Er von ihrem Angesicht. ... Ich will die Himmel erschüttern, und es erbebt die Erde von ihrer Stätte bei dem wütenden Ingrimm Jewes der Heere und am Tage Seiner Zorneshitze« (Jes.13:9,13). Siehe auch Jeremia 51:6 und Zephanja 1:14-2:3. Der Apostel Paulus schreibt: »Gemäß deiner Härte und deinem unumsinnenden Herzen speicherst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Enthüllung des gerechten Gerichts Gottes, der jedem seinen Werken gemäß vergelten wird« (Röm.2:5,6). Diesem Gericht werden die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Ungerechten und die Heuchler nicht entfliehen, wie auch der Herr sagte: »Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr dem Gericht der Gehenna entfliehen?« (Mat.23:33).

  Außerdem sagte der Täufer: »Bringt daher Frucht, würdig der Umsinnung!« (Vers 8). Nach dem Evangelium der Beschneidung, das die Zwölf lehrten, ist Umsinnung eine Bedingung zur Erlangung der Rettung, wie auch Petrus an dem denkwürdigen Pfingsten erklärte (Ap.2:38). Und ohne Frucht ist Rettung ebenfalls nicht möglich, wie der Herr deutlich gemacht hat: »Ich bin der wahrhafte Weinstock, und Mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an Mir, welche keine Frucht bringt, die nimmt Er fort« (Joh.15:1,2).

  Wie ganz anders verhält es sich doch nach dem Evangelium der Unbeschnittenheit (Gal.2:7) in der gegenwärtigen, dem Apostel Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes (Eph.3:2; Kol.1:25): Wir sind allein durch Glauben gerechtfertigt und gerettet (Röm.3:24,28). Welch ein Reichtum an Gnade! Und ob wir Frucht bringen oder nicht - wir sind und bleiben gerechtfertigt und mit heiligem Geist versiegelt und werden gerettet werden (Röm.8:30; 1.Kor.3:15; Eph.1:13) - zum Lobpreis der Herrlichkeit der Gnade!

 

Die Axt an der Wurzel der Bäume

 

  Johannes der Täufer setzt seine Rede an die Pharisäer und Sadduzäer fort und wendet sich dabei zugleich an alle seine Zuhörer, denen er in den Versen 10 bis 12 das Entweder-Oder eindringlich vor Augen führt.

  Zunächst Vers 10: »Die Axt aber liegt schon an der Wurzel der Bäume. Daher wird jeder Baum, der nicht edle Frucht trägt, umgehauen und ins Feuer geworfen.« Ähnliche Worte finden wir auch in Matthäus 7:19 und Lukas 13:9. Ins Feuer geworfen zu werden, bedeutet, nicht an der ersten Auferstehung Israels, der zum äonischen Leben, teilzuhaben, sondern an der zweiten, nach dem tausendjährigen Königreich Israels stattfindenden, der zum Gericht vor dem großen, weißen Thron (Joh.5:29), dort zum zweiten Tod verurteilt und in die Gehenna, den Feuersee, geworfen zu werden (Off.20:14,15; 21:8).

 

Er wird euch mit heiligem Geist und Feuer taufen

 

  Johannes fährt fort: »Denn ich taufe euch in Wasser zur Umsinnung; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht würdig genug, Ihm die Sandalen nachzutragen. Er wird euch in heiligem Geist und Feuer taufen« (Vers 11). Die Taufe in Wasser war ein Eintauchen in die Umsinnung und führte zur Vergebung der Sünden (Luk.3:3). Unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer als Johannes der Täufer erweckt worden (Mat.11:11), im Verhältnis zu dem nach ihm Kommenden, dem Christus und Herrn, aber ist er nicht würdig genug, Ihm die Riemen Seiner Sandalen zu lösen (Joh.1:27).

  Jesus Christus wird die Gläubigen mit heiligem Geist taufen, mit dem Geist Gottes, der Kraft Gottes. Gott Selbst ist Geist (Joh.4:24) und teilt von Seinem Geist zu. Sein Geist und damit Er Selbst verleiht den Gläubigen Kraft und befähigt sie, Zeugnis zu geben (Ap.1:8).

  Außerdem wird der Herr Menschen mit Feuer taufen. Mit Feuer taufen heißt durch Gericht zurechtbringen. Hat ja doch bei Gott alles einen zum Heil führenden Sinn und Zweck. Jesaia spricht in Kapitel 4:4 davon, dass der Unflat der Töchter Zions abgewaschen und die Blutschuld Jerusalems abgespült sein wird durch den Geist des Gerichts und des Vertilgens.

  Johannes taufte nur mit Wasser. Diese Taufe vollzog der Herr während Seines Dienstes unter Israel weiterhin (Joh.3:22; 4:1,2). Zu Pfingsten wurden die in Wasser Getauften auch in heiligem Geist getauft (Ap.1:5; 2:4,17,33). Auch der römische Hauptmann Kornelius wurde zweimal getauft, zuerst mit heiligem Geist und dann in Wasser (Ap.10:44,48). Heute gibt es nur eine Taufe (Eph.4:5), die in Christus Jesus hinein, in Seinen Tod hinein (Röm.6:3); dies ist unsere Taufe in den Geist. In dem einen Geist sind wir des Weiteren auch alle in den einen Körper hineingetauft (1.Kor.12:13).

 

Mit unauslöschlichem Feuer

 

  Johannes schließt mit den Worten: »Er hat die Worfschaufel in Seiner Hand und wird Seine Tenne säubern und Sein Getreide in Seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird Er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen« (Vers 12). Er wird die Menschen worfeln, sichten, richten, und die Gläubigen in Sein Königreich bringen, der Spreu aber geschieht, wie auch Maleachi sagte: »Siehe! Der Tag kommt, der wie ein Ofen brennt. Da werden alle Vermessenen und alle frevelnd Handelnden wie Spreu sein, und der kommende Tag wird sie verbrennen, spricht Jewe der Heere« (Mal.3:19). Das Feuer der Gehenna ist für die Äonen unauslöschlich, denn es brennt im tausendjährigen Königreich Israels und auf der neuen Erde, also in den beiden kommenden Äonen. Während des Millenniums übrigens werden die Leichen der Übertreter aus Israel in die Gehenna geworfen, wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlischt (Jes.66:24).

 

Die Taufe Jesu

 

  Und nun berichtet Matthäus: »Dann kam Jesus von Galiläa her an den Jordan zu Johannes, um Sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber verwehrte es Ihm und sagte: Ich bedarf, von Dir getauft zu werden, und Du kommst zu mir? Als Antwort sagte Jesus zu ihm: Lass es jetzt zu; denn so geziemt es uns, jede Gerechtigkeit zu erfüllen. Dann ließ er Ihn gewähren« (Verse 13-15).

  Jesus hatte eine Umsinnung und mithin eine Taufe nicht nötig, wollte Sich aber - alles, was gerecht ist - mit den Gereinigten identifizieren. Der Sündlose tritt Seinen Dienst an, indem Er Sich den umsinnungswilligen Sündern gleichstellt. »Denn sowohl der Heiligende wie auch die geheiligt werden, stammen alle aus dem Einen, um welcher Ursache willen Er Sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen« (Heb.2:11).

 

Der Geist Gottes kam auf Jesus

 

  »Getauft stieg Jesus sogleich aus dem Wasser, und siehe, da öffneten sich Ihm die Himmel; er gewahrte den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen und auf Ihn kommen« (Vers 16). So wurde der Herr nun auch mit dem Geist getauft und damit mit Kraft für Seinen Dienst ausgerüstet (Ap.10:38). - Geist ist unsichtbar. Dem Johannes wurde gleichwohl etwas wie eine Taube Aussehendes (Luk.3:22) erkennbar gemacht. Eine Taube ist ohne Falsch, hat den Charakter der Sanftheit, Offenheit und Opferbereitschaft. Schließlich waren Tauben nach dem Gesetz des Mose auch Opfer (2.Mose 13:2; 3.Mose 12:8).

  So erfüllte sich die Schrift, die sagt: »Ich gebe Meinen Geist auf Ihn« (jes.42:1) und: »Ruhen wird der Geist Jewes auf Ihm« (Jes.11:2).

  Nun wird Jesus Christus das Königreich der Himmel im Geist der Sanftmut, Offenheit und Gnade verkündigen.

 

»Dies ist Mein geliebter Sohn!«

 

  »Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sagte: Dies ist Mein geliebter Sohn, an Ihm habe Ich Mein Wohlgefallen« (Vers 17). Gott, der Vater, ließ Seine Stimme erschallen und bestätigte Jesus als Seinen Sohn.

  Die Worte Gottes erinnern uns an Jesaia 42:1: »Siehe! Mein Knecht! Aufrecht halte Ich Ihn! Mein Erwählter, den Meine Seele [mit Wohlgefallen] angenommen hat« und an Psalm 2:7: »Jewe sagte zu Mir: Mein Sohn bist Du.« Auf dem Berg der Verklärung Jesu hörten Petrus, Johannes und Jakobus diese Worte des Vaters ebenfalls (Mat.17:5).

  Johannes der Täufer hatte nun aufgrund des auf Jesus bleibenden Geistes und der Stimme völlige Gewissheit, dass Jesus der Sohn Gottes ist, und bezeugte dies seitdem auch (Joh.1:34).

  Auch wir Gläubigen in Christus Jesus heute haben keinerlei Zweifel, denn der Apostel Paulus hat uns das »Evangelium Gottes über Seinen Sohn Jesus Christus« (Röm.1:1-4) nahegebracht und uns den »Geliebten« vor Augen gemalt, in welchem wir in überragender Weise begnadet sind (Eph.1:6). Und so preisen wir immer wieder den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns mit jedem geistlichen Segen inmitten der Überhimmlischen in Christus gesegnet hat (Eph.1:3).

 

Die Versuchung Jesu und Sein erstes Wirken in Galiläa

(Matthäus 4)

 

  Der Apostel Matthäus berichtet: »Dann wurde Jesus vom Geist in die Wildnis hinaufgeführt, um vom Widerwirker versucht zu werden«

(Vers 1).

  Damit der Herr Jesus Christus Seine Königsherrschaft über Israel und das All ausüben kann, muss Er nicht nur den Widerstand gegnerischer Menschen überwinden, sondern vor allem den Satan, der in den widerspenstigen Menschen wirkt (Eph.2:2), und die geistlichen Mächte der Bosheit, die Weltbeherrscher dieser Finsternis (Eph.6:12).

  Darum schickte Ihn der Geist Gottes, also Gott Selbst durch Seinen Geist, in die Wildnis. Der Anfang der Überwindung des Satans besteht darin, dass Jesus dessen Versuchungen widersteht, somit über ihn obsiegt und Sich als Bewährter erweist. Es war eine Erprobung Jesu mit dem Ziel Seiner Reifung und Festigung.

 

Steine zu Brot

 

  »Als Er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte Ihn zuletzt. Da kam der Versucher herzu und sagte zu Ihm: Wenn Du Gottes Sohn bist, sage, dass diese Steine zu Brot werden. Er aber antwortete: Es steht geschrieben: Nicht von Brot allein wird der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch Gottes Mund ausgeht« (Verse 2-4).

  Die Kriegslist Satans war präzise angesetzt, denn Jesus ist Gottes Sohn und kann aus Steinen Brot machen, und dies war jetzt, da Ihn hungerte, nötig. Unser Herr aber wusste, was auf dem Spiel stand. Sollte Er einem scheinbar guten Rat Satans folgen? Sollte Er Sich vor ihm als Gottes Sohn beweisen? Wie könnte Er so etwas tun! Sollte Er eigenmächtig Steine in Brot verwandeln, ohne auf den Vater zu hören? Ist Seine Speise nicht die, dass Er den Willen dessen tut, der Ihn gesandt hat, und Sein Werk vollendet (Joh.4:34)?

  Die Worte des Infragestellens: »Wenn Du Gottes Sohn bist« hören wir übrigens abermals aus der Umgebung des Kreuzes auf Golgatha: »Wenn Du Gottes Sohn bist, so steige vom Kreuz herab« (Mat.27:40). Diese sich so klug anhörenden Worte von Menschen, die so logisch klingen, sind aber aufgrund ihres Unglaubens satanisch.

  Der Herr führte das Schwert des Geistes, das ein Ausspruch Gottes ist, als mit Gottes Wort Gewappneter richtig (Eph.6:17) und antwortete mit Worten aus 5.Mose 8:3, die insgesamt wie folgt lauten: »Und Er demütigte dich und ließ dich hungern, und Er speiste dich mit Man, das du nicht kanntest und das deine Väter nicht kannten, um dich erkennen zu lassen, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern von allem, was aus dem Mund Jewes hervorgeht, der Mensch lebt.«

  So bestand Jesus diese Erprobung in der Kraft des Geistes Gottes. Er harrte geduldig im Hunger aus, bis der Vater Ihm anderes gebieten würde.

  Im Hebräerbrief lesen wir dazu: »Worin Er gelitten hat und angefochten wurde, darin kann Er den Angefochtenen helfen« (Heb.2:18) und: »Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit unserer Schwachheit Mitgefühl haben könnte, sondern einen, der in allem auf die Probe gestellt wurde, in unserer Gleichheit, nur ohne Sünde« (Heb.4:15).

 

Auf dem Flügel der Weihestätte

 

  »Dann nahm der Widerwirker Ihn mit sich in die heilige Stadt, stellte Ihn auf den Flügel der Weihestätte und sagte zu Ihm: Wenn Du Gottes Sohn bist, so wirf Dich hinab! Denn es ist geschrieben: Seinen Boten wird Er Deinethalben gebieten, und auf ihren Händen werden sie Dich aufheben, damit Du Deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Jesus entgegnete ihm: Wiederum steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen« (Verse 5-7).

  Der Satan kennt die Heilige Schrift. Mögen wir sie besser kennen, als er vorgibt, indem wir das Wort der Wahrheit aber auch richtig schneiden (2.Tim.2:15), das heißt jede Wahrheit auf die richtige Zeit, wie die Äonen und die heilsgeschichtlichen Haushaltungen (oikonomia; Eph.3:2; Kol.1:25), und den richtigen Adressaten sowie im richtigen Zusammenhang anwenden. Es geht insbesondere um die richtige Unterscheidung und Zuordnung dessen, was Israel, die zukünftige Brautgemeinde, und was uns, die gegenwärtige Gemeinde betrifft, die Christi Körper ist (Eph.1:22,23).

  Der Satan zitierte Psalm 91:11,12. Damit spielte er auch an Maleachi 3:1 an, wo es heißt, dass der Herr plötzlich zu Seinem Tempel kommt. Sollte nun Jesus urplötzlich vom Flügel der Weihestätte auf den Platz davor herabschweben, so würde Israel erkennen, dass Er der verheißene Messias ist und Ihn als König annehmen. Mit einem solchen Schauwunder hätte der Herr zwar viel Begeisterung geerntet, aber die Herzen nicht gewonnen. Im Wesentlichen aber hätte Er gegen den Willen Seines Vaters gehandelt, der Ihm dies für jetzt nicht angeordnet hatte. Eines Tages wird Jesus sogar vom Himmel herabsteigen und Seinen Fuß nicht an einen Stein stoßen. Zunächst aber ging es darum, den Glauben in den Juden zu erwecken und ihre Umsinnung hervorzurufen, ihre Herzen also für den Messias zuzubereiten.

  So entgegnete Jesus, was in 5.Mose 6:16 wie folgt lautet: »Ihr sollt Jewe, euren Elohim, nicht erproben, wie ihr Ihn zu Massa erprobt habt.« In Massa hatte das Volk gegen Mose gemurrt, weil sie Durst hatten, woraufhin Mose ihnen Wasser aus dem Felsen schlug. Die Erprobung Jewes bestand darin, dass sie riefen: Ist Jewe in unserer Mitte oder nicht?, was besagt: Beweise Dich, Jewe, falls Du da bist, indem Du uns Wasser gibst.

  Auch der Apostel Paulus schreibt, wenn auch auf ein anderes Ereignis bezogen: »Lasst uns den Herrn nicht auf die Probe stellen, so wie Ihn einige von ihnen auf die Probe stellten und dann von den Schlangen umgebracht wurden« (1.Kor.10:9). Das Volk war mit dem Weg, den Elohim sie durch die Wildnis führte, unzufrieden und redete gegen Elohim und Mose. Da sandte Jewe feurige Schlangen unter das Volk. Von den Gebissenen blieben nur die am Leben, die auf die von Mose angefertigte und auf eine Stange gesetzte kupferne Schlange blickten (4.Mose 21:4-9).

 

Auf dem sehr hohen Berg

 

  »Nochmals nahm der Widerwirker Ihn mit sich - auf einen sehr hohen Berg, zeigte Ihm alle Königreiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sagte zu Ihm: Alle diese werde ich Dir geben, wenn Du niederfallend vor Mir anbetest. Dann sagte Jesus zu ihm: Geh fort, Satan; denn es steht geschrieben: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und Ihm allein Gottesdienst darbringen« (Verse 8-10).

  Der Berg war sehr hoch, aber sicherlich wird man alle Königreiche der Welt auch von dort aus nur mit dem geistigen Auge sehen (Luk.4:5). Ein Berg ist in der Bibel auch ein Symbol für ein Königreich und eine Regierungsmacht. Und um die Machtausübung im kommenden Königreich Israels ging es. Dem Herrn Jesus Christus steht das Königtum zu. Noch aber hat der Fürst dieser Welt, der Satan (Joh.12:31), der Gott dieses Äons (2.Kor.4:4), die Vollmacht über alle Königreiche - Gott hat sie ihm übergeben - und gibt sie weiter an wen er will (Luk.4:6).

  Jesus wurde vom Satan die verlockende Gelegenheit geboten, Seine Ihm verheißene Königsherrschaft anzutreten, und zwar sofort, ohne den Weg über das Kreuz, ohne die Grundprobleme der Menschheit zu lösen; diese sind das Dasein im adamitischen Wesen, die Sünde und der Tod.

  Ebenso gewichtig ist, dass Anbetung nur Jesu Gott und Vater zukommt. So antwortete der Herr im Sinne von 5.Mose 6:13 und 10:20, wo es heißt: »Jewe, deinen Elohim, sollst du fürchten und Ihm dienen.« Da heißt es zwar »fürchten« statt »anbeten«, doch richtiges Fürchten ordnet Gott über alles andere ein. Wer Gott wahrhaft fürchtet, kann nur Ihm allein Anbetung darbringen.

  Im Übrigen heißt es in 5.Mose 11:16, dass man nicht anderen elohim dienen und sich vor ihnen niederwerfen darf.

  Der Satan aber will Anbetung. In der Endzeit wird die Menschheit dem wilden Tier (dem Antichristus) und Satan, dem Drachen, die Anbetung zuteil werden lassen (Off.13:4).

 

Boten dienten Ihm

 

  Der Bericht über die Versuchung Jesu schließt mit Vers 11: »Dann verließ Ihn der Widerwirker. Und siehe, Boten kamen herzu und dienten Ihm.« Diese Versuchung sollte nicht die letzte gewesen sein, zumal der Satan sich nach Lukas 4:13 bis zu gelegener Zeit entfernte. Jesus hatte die Probe bestanden. Und was Er dann erfuhr, nämlich dass der Satan wegging, erfahren auch die treuen Gläubigen, wie denn Jakobus schreibt: »Ordnet euch nun Gott unter, widersteht aber dem Widerwirker, und er wird von euch fliehen« (Jak.4:7). Wir sind geheißen, die gesamte Waffenrüstung Gottes anzulegen, um den Kriegslisten Satans standzuhalten und fest zu stehen (Eph.6:10-20).

  Und nun dienten Boten Gottes dem Herrn mit allem, was Er bedurfte. Damit wurde wahr, was Er zu Nathanael und mithin zu allen Seinen Jüngern sagte: »Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Boten Gottes über dem Sohn des Menschen hinaufsteigen und herabsteigen« (Joh.1:51). Boten sind ein Amt versehende, zum Dienst ausgesandte Geister (Heb.1:14). Sie werden Jesus wohl auch angebetet haben, wie Psalm 97:7 sagt: »Werft euch nieder vor Ihm, all ihr Götter (hebr. elohim)« und Hebräer 1:6 auf die Boten bezieht: »Von der Zeit, wenn Er [Gott] wieder den Erstgeborenen in die Wohnerde einführt, sagt Er: Anbeten sollen vor Ihm alle Boten Gottes.«

 

In Kapernaum

 

  Wir lesen nun die Verse 12 bis 16: »Nachdem Er gehört hatte, dass Johannes überantwortet worden war, zog Er Sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazareth, kam nach Kapernaum und wohnte dort. Es liegt am See im Grenzgebiet von Sebulon und Naphtali - damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaia angesagt war: Das Land Sebulon und das Land Naphtali, der Weg am See jenseits des Jordans, das Galiläa der Nationen - das Volk, das in Finsternis sitzt, gewahrte ein großes Licht; denen, die im Land und Schatten des Todes sitzen, ihnen geht ein Licht auf.«

  Was nach Jesu Taufe und Versuchung geschah, ist bei Johannes in den Kapiteln 1:35 bis 5:15 aufgezeichnet.

  Nach dem Passahfest des Jahres 30 n. Chr. ließ Herodes Antipas, Vierfürst von Galiläa und Peräa, Johannes den Täufer ins Gefängnis werfen (Mat.14:3). Für den Herrn Jesus war dies ein Zeichen, Sich von Jerusalem (Joh.5:1) nach Nazareth in Galiläa zurückzuziehen. Er verließ Nazareth aber wegen ihres Unglaubens und Mordversuchs an Ihm (Luk.4:16-30) und kam nach Kapernaum (Luk.4:31).

  Mit der Wohnsitznahme in Kapernaum sieht Matthäus die Weissagung Jesaias in Kapitel 8:23 bis 9:1 erfüllt, ist Jesus doch das wahrhafte Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet (Joh.1:9). »Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit keiner, der an Mich glaubt, in der Finsternis bleibe«, sagte der Herr (Joh.12:46).

 

Sinnet um!

 

  »Von da an begann Jesus zu herolden und zu sagen: Sinnet um! Denn das Königreich der Himmel hat sich genaht!« (Vers 17).

  Nach dem Evangelium der Beschneidung (Gal.2:7) ist Umsinnung, die Änderung der Gesinnung und des Verhaltens, Bedingung, um am Königreich Israels, an der Königsherrschaft Jesu Christi, teilhaben zu können (Ap.2:38). Man kann im Reich des Königs der Himmel nicht mit einem Herzen leben, das Gottes Worte außer Acht lässt.

  Das Königreich war nahe. Diese Aussage ist nicht in Jahren zu messen, sondern in dem Sinne zu verstehen, dass nicht mehr viel bis dahin geschehen muss.

 

Die Berufung von vier Jüngern

 

  »Als Er am See Galiläas wandelte, gewahrte Er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und Andreas, seinen Bruder, ein Beutelnetz in den See werfen; denn sie waren Fischer. Da sagte Er zu ihnen: Herzu, hinter Mir her! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sofort verließen sie ihre Netze und folgten Ihm« (Verse 18-20). Andreas und Simon Petrus, aus Bethsaida stammend (Joh.1:44), waren dem Herrn schon eine Zeitlang nachgefolgt (Joh.1:40-42), waren aber nicht ständig mit Ihm zusammen und übten auch ihren Beruf noch aus (Luk.5:1-5). Jetzt aber hieß es: »Herzu, hinter Mir her!«, also alles zu verlassen und dem Herrn völlig zu Diensten zu stehen. Und sie folgten Ihm sofort. Der Messias hat das Recht, eine solche Aufforderung auszusprechen. Er berief sie zu Seinen Jüngern und zu Menschenfischern und setzte sie damit in einen neuen Beruf ein. Sie sollten Menschen für das Königreich Israels gewinnen. - Ein Jünger ist ein Lernender, der einem Lehrer anhängt.

  »Von dort weiterschreitend, gewahrte Er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Schiff mit ihrem Vater Zebedäus ihre Netze zurechtlegten. Da berief Er sie, und sofort verließen sie das Schiff und ihren Vater und folgten Ihm« (Verse 21+22). Die Mutter der beiden Zebedäus-Söhne hieß Salome (Mark.15:40). Auch sie verließen ihr Schiff und ihre Eltern augenblicklich.

  Später fragte Petrus den Herrn: »Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir gefolgt: Was wird wohl unser Teil sein? Da entgegnete Jesus ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Die ihr Mir gefolgt seid - in der Wiederwerdung, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzt, werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der Meines Namens wegen Häuser, Brüder oder Schwestern, Vater oder Mutter, Frau oder Kinder oder Felder verlassen hat, wird dies hundertfältig wiedererhalten, und äonisches Leben wird ihm zugelost werden« (Mat.19:27-29). Die zwölf Jünger werden im Königreich der Himmel die zwölf Stämme richten, was auch das Regieren einschließt. Sie werden in einem großen Reichtum leben, und der Menschenreichtum eines ganzen Stammes, für den sie sorgen dürfen, wird ihnen zu ihrer Freude zuteil werden.

 

In Galiläa

 

  Unser Kapitel schließt mit den Versen 23 bis 25 über Jesu allgemeine Tätigkeit in Galiläa: »Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen, heroldete das Evangelium des Königreichs und heilte jede Krankheit und jede Gebrechlichkeit unter dem Volk. Die Kunde von Ihm ging in ganz Syrien aus, und man brachte alle zu Ihm, die mit mancherlei Krankheiten und bedrückenden Qualen übel daran waren, wie dämonisch Besessene, Fallsüchtige und Gelähmte, und Er heilte sie. Ihm folgten große Scharen aus Galiläa, den Zehn Städten, Jerusalem, Judäa und von jenseits des Jordans.«

  Welch ein verheißungsvoller Aufbruch im Volk! Es schien, dass Israel im Begriff war zu erkennen, dass Jesus der Messias ist!

  Jesus wirkt in aller Öffentlichkeit und besonders in der Synagoge, dem Mittelpunkt des geistlichen und gesellschaftlichen Lebens der Juden, wo jedermann aus der Heiligen Schrift vorlesen und sie auslegen sowie ein Gebet sprechen durfte.

  Jesus lehrte wie einst Mose sie gelehrt hatte, denn Er war der Prophet, von dem Mose gesprochen hatte: »Einen Propheten wie mich wird Jewe, dein Elohim, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören!« Und Jewe sprach zu Mose: »Einen Propheten wie dich will Ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will Meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen alles reden, was Ich ihm gebieten werde. Und es wird geschehen: Der Mann, der nicht auf Meine Worte hört, die er in Meinem Namen reden wird, von dem werde Ich Rechenschaft fordern« (5.Mose 18:15,18,19).

  Jesus heroldete das Evangelium des Königreichs. Dessen Inhalt ist im Wesentlichen: Gott, der Vater Israels, macht nun durch Seinen Sohn Jesus Christus Seine Verheißungen wahr und führt das Königreich Israels herauf. Um daran teilzuhaben, sind Glaube und Umsinnung sowie die Wassertaufe nötig. Und vor allem die Erkenntnis, dass Jesus derjenige ist, durch den die Rettung und der Segen kommen.

  Der Herr sprach nicht nur in Vollmacht - und dies, weil Er die Worte Gottes sagte -, sondern Er tat auch die Werke des Messias, die von Jesaia angekündigt waren: »Hören werden taube Ohren an jenem Tag die Worte der Schriftrolle, und aus Dunkel und Finsternis werden blinde Augen sehen. Mehren werden die Demütigen in Jewe ihre Freude, und die Dürftigen der Menschheit werden in dem Heiligen Israels frohlocken« (Jes.29:18,19); »Er [Elohim] wird kommen und euch retten. Dann werden aufgetan der Blinden Augen und der Tauben Ohren geöffnet, dann wird springen wie ein Hirsch der Lahme und jubeln des Stummen Zunge« (Jes.35:4-6); »Und Mein Volk soll sehen die Herrlichkeit Jewes und unseres Elohims Ehre« (Jes.35:2).

  In der Kraft des Königreichs, in den Kräften des zukünftigen Äons (Heb.6:5), heilte der Herr alle Kranken zum Zeichen Seiner Messianität und des nahen Königreichs, in welchem es grundsätzlich keine Krankheiten und kein Sterben mehr geben wird.

  Zwischen Krankheit und dem Satan bestehen durchaus Beziehungen. Denn es heißt in Apostelgeschichte 10:38, dass Jesus alle heilte, die vom Satan unterdrückt waren. Und schließlich war Jesus ja gekommen, um die Werke des Satans niederzureißen (1.Joh.3:8).

  Der Herr hatte auch Vollmacht über die bösen Geister und die Dämonen, die Er mit einem Befehlswort aus den Besessenen austrieb.

 

Ein Lobpreis

 

  Nach alledem, was wir nun im Kapitel vier des Berichts des Matthäus vernommen haben, sagen wir unserem herrlichen Gott und Vater Lobpreis und Dank und geben Ihm alle Verherrlichung! Und unserem Herrn Jesus Christus sei die Herrlichkeit und die Gewalt für die Äonen der Äonen (1.Pet.4:11). »Die Königsherrschaft über die Welt wird unserem Herrn und Seinem Christus zuteil werden, und Er wird als König für die Äonen der Äonen herrschen« (nach Off.11:15).

  Und was uns betrifft, dürfen wir die Worte von Hebräern 13:20,21 zum Gebet machen: »Der Gott aber des Friedens, der den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus, aus den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des äonischen Bundes, der bereite uns zu in jedem guten Werk, um Seinen Willen zu tun, und wirke in uns, was vor Seinen Augen wohlgefällig ist, durch Jesus Christus, dem die Verherrlichung sei für die Äonen der Äonen! Amen!«

 

»Glückselig sind ...«

(Matthäus 5:1-26)

 

  Bei der Belehrung auf dem Berg, der sogenannten Bergpredigt, verkündigte unser Herr Jesus Christus die Gesetze und damit zugleich die Eintrittsbedingungen des Königreichs Israels.

 

Auf dem Berg

 

  Der Apostel Matthäus berichtet: »Als Er die Scharen gewahrte, stieg Er auf den Berg hinauf; dort setzte Er Sich, und Seine Jünger kamen zu Ihm« (Vers 1). Ein Berg ist in der Bibel zugleich ein Symbol für ein Königreich und eine Regierungsmacht. Da die Königsherrschaft Christi im Anbruch begriffen war, ist ein Berg der angemessene Verkündigungsort.

  Jesus setzte Sich, wie die Rabbis dies taten, wenn sie lehrten, und nicht nur Seine Jünger kamen zu Ihm, sondern auch die Scharen, wie der Zusammenhang erkennen lässt und es auch in Kapitel 7:28 gesagt wird.

  Das Königreich der Himmel hat sich genaht. Nun stellt sich die Frage: Wer gelangt da hinein?

 

Die Armen

 

  »Er tat Seinen Mund auf, lehrte sie und sagte: Glückselig im Geist sind die Armen; denn ihrer ist das Königreich der Himmel« (Verse 2+3). Die Armen dieser Welt, die nichts haben und nichts gelten - wenn sie glauben, werden sie im Geist Gottes sein - vom Geist Gottes umgeben - und glückselig darüber, dass sie das Königreich erlangen werden. So sagt es auch Jakobus: »Hört, meine geliebten Brüder, hat nicht Gott die Armen in dieser Welt zu Reichen im Glauben und Losteilinhabern des Königreichs erwählt, das Er denen verheißen hat, die Ihn lieben?« (Jak.2:5).

 

Die Trauernden

 

  »Glückselig sind, die nun trauern; denn ihnen soll zugesprochen werden« (Vers 4). Die da traurig sind über ihre Schwachheit, ihre Sünde, ihr Versagen, denen wird zugesprochen mit den Worten, die der Herr - sie auf Sich Selbst beziehend - in Nazareth aus der Rolle des Propheten Jesaia vorlas: »Der Geist Meines Herrn ist auf Mir, weswegen Er Mich gesalbt hat, um den Armen Evangelium zu verkündigen: Er hat Mich ausgesandt, um zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, um Gefangenen Erlassung zu herolden und Blinden das Augenlicht zu geben, um Niedergebeugte mit [Sünden-]Erlassung fortzuschicken und ein wohlannehmbares Jahr des Herrn zu herolden« (Luk.4:18,19; vgl. Jes.61:1,2). »In der Höhe und im Heiligen weile Ich«, sagt Jewe in Jesaia 57:15, »und bei dem, der zerschlagenen und erniedrigten Geistes ist, zu beleben den Geist der Erniedrigten und zu beleben das Herz der Zerschlagnen.«

 

Die Sanftmütigen

 

  »Glückselig sind die Sanftmütigen; denn ihnen soll das Land zugelost werden« (Vers 5). Hiermit bekräftigt der Herr, was in Psalm 37:9,11 steht: Die Jewe erwarten, die Demütigen, werden das Land einnehmen. Nicht der Gewalttätige, der etwas an sich reißen will, sondern der Mensch mit einem sanftmütigen und stillen Geist ist vor den Augen Gottes teuer (1.Pet.3:4). Solche werden das dem Volk Israel verheißene Land einnehmen, das bis zum Euphrat reichen wird (5.Mose 11:24; Jos.1:4).

 

Die nach der Gerechtigkeit Hungernden

 

  »Glückselig sind, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten; denn sie sollen gesättigt werden« (Vers 6). Sie mussten weiterhin hungern und dürsten und werden in der Endzeit wiederum nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten; erst mit der Wiederkunft Jesu Christi zu Seinem Volk und der Aufrichtung des Königreichs Israels wird ihre Sehnsucht gestillt werden. Noch wird die Wahrheit auf allen Gebieten in Ungerechtigkeit niedergehalten (Röm.1:18). Gerechtigkeit wird erst dann auf der Erde herrschen, wenn der Gerechte herrscht, der Herr Jesus Christus, dessen Lenden mit Gerechtigkeit umgürtet sind (Jes.11:5). Seine Gerechtigkeit bleibt für den Äon (Jes.51:8). Er wird die Treuen sättigen, wie König David betete: »Ziehe Deine Huld zu denen hin, die Dich kennen, und Deine Gerechtigkeit zu denen aufrichtigen Herzens« (Ps.36:11). Dann wird auch jedem persönlich Gerechtigkeit zu teil, wie Psalm 37:6 sagt: »Er bringt deine Gerechtigkeit wie das Licht hervor und dein Recht wie den Mittag.«

 

Die sich Erbarmenden

 

  »Glückselig sind die sich Erbarmenden; denn sie sollen Erbarmen erlangen« (Vers 7). »Das Gericht«, so Jakobus 2:13, ist unbarmherzig gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat. Barmherzigkeit rühmt sich gegenüber dem Gericht.« »Um der innigsten Barmherzigkeit unseres Gottes willen«, wie Zacharias, der Vater Johannes des Täufers es ausdrückte (Luk.1:78), aber wird dem gesamten Volk - das aus den sich Erbarmenden besteht - Erbarmen widerfahren (Röm.11:31).

 

Die im Herzen Reinen

 

  »Glückselig sind die im Herzen Reinen; denn sie sollen Gott sehen« (Vers 8). Wie könnte auch ein Unreiner in die heilige Stadt gelangen oder einer in unreinem Gewand an der Hochzeit des Königs teilnehmen (Mat.22:12) und Gott sehen? »Wer wird zum Berg Jewes hinaufsteigen, und wer wird auf Seiner heiligen Stätte stehen? Der unschuldige Handflächen hat und ein lauteres Herz, der seine Seele nicht zur Nichtigkeit erhebt und nicht zum Betrug schwört« (Ps.24:3,4). »Ja, gut ist El zu dem Aufrichtigen, Elohim zu dem lauteren Herzens« (Ps.73:1).

  Sie werden Gott im Angesicht Jesu Christi sehen, denn wer Jesus sieht, sieht den Vater (Joh.12:45; 14:9). Davon wusste auch David und sagte: »Ich aber werde in Gerechtigkeit Dein Angesicht gewahren und werde gesättigt, wenn ich erwache als Dein Abbild« (Ps.17:15).

 

Die Friedensstifter

 

  »Glückselig sind die Friedensstifter; denn sie sollen Söhne Gottes genannt werden« (Vers 9). Jakobus schreibt dazu: »Die Frucht aber der Gerechtigkeit wird für die in Frieden gesät, die den Frieden wirken« (Jak.3:18). Nur die Friedsamen werden am Friedensreich des Messias teilhaben (Jes.9:6). Vergessen wir Hebräer 12:14 nicht: »Jaget nach dem Frieden mit allen und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.«

  Als Söhne Gottes werden sie dann beten: »Unser Vater in den Himmeln« (Mat.6:9).

 

Die der Gerechtigkeit wegen Verfolgten

 

  »Glückselig sind, die der Gerechtigkeit wegen verfolgt werden; denn ihrer ist das Königreich der Himmel« (Vers 10). Es kommt in dieser Welt der Ungerechtigkeit fast planmäßig vor, dass ein sich gerecht Verhaltender ausgegrenzt wird. Petrus hat gut zugehört und schreibt dementsprechend: »Wenn ihr aber auch um der Gerechtigkeit willen leiden mögt, werdet ihr glückselig sein« (1.Pet.3:14). Und: »Dies ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott Trübsale erträgt und ungerecht leidet. Denn welch ein Ruf wäre das, wenn ihr Leiden erduldet, weil ihr sündigt und deshalb mit Fäusten geschlagen werdet? Wenn ihr jedoch ausharrt, Gutes tut und doch leiden müsst, ist dies Gnade bei Gott« (1.Pet.2:19,20).

  Möge niemand wegen ungerechter Tagen verfolgt werden! Die Gerechten aber werden das Königreich der Himmel gewinnen.

 

Die des Herrn wegen Verfolgten

 

  »Glückselig seid ihr, wenn man euch Meinetwegen schmäht und verfolgt und euch lügnerisch alles Böse nachsagt. Freuet euch und frohlocket, weil euer Lohn in den Himmeln groß ist. Denn ebenso verfolgte man die Propheten (2.Chr.36:16), die vor euch waren« (Verse 11+12).

  Gläubige haben einen anderen Geist. Die Welt muss sie deshalb hassen, ebenso wie sie den Herrn Jesus gehasst hat (Joh.15:18). Sie sollen die Schmähungen der Menschen aber nicht fürchten (Jes.51:7), denn - so schreibt Petrus (1.Pet.4:14) - »wenn ihr wegen des Namens Christi geschmäht werdet, seid ihr glückselig, da der Geist der Herrlichkeit und der Kraft und der Geist Gottes auf euch ruht.« In dieser Kraft gingen die Apostel, nachdem man sie ausgepeitscht hatte, freudevoll vom Synedrium fort, weil sie gewürdigt worden waren, um Jesu willen entehrt zu werden (Ap.5:41).

  Gott vergilt alles gerecht und wird den Treuen auch den für sie in den Himmeln aufbewahrten Lohn geben, indem Er den einen etwa über fünft Städte auf der Erde setzt und dem anderen über zehn Vollmacht gibt (Luk.19:19). Auch Mose erachtete die Schmach des Christus für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er blickte davon fort auf die Belohnung hin (Heb.11:26).

  In der bevorstehenden Endzeit, wenn die Gläubigen verfolgt werden, weil sie den Drachen und das wilde Tier nicht anbeten, wird es in Bezug auf sie heißen: »Hier ist das Ausharren der Heiligen nötig, die die Gebote Gottes und den Glauben Jesu bewahren. Dann hörte ich eine Stimme aus dem Himmel rufen: Schreibe: Glückselig sind die Toten, die von jetzt an in dem Herrn sterben! Ja, so sagt der Geist: Ruhen sollen sie von ihren Mühen; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« (Off.14:12,13).

 

Das Salz der Erde

 

  Der Herr Jesus Christus fährt fort zu sprechen: »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz fade wird, womit soll man es wieder salzen? Zu nichts mehr erweist es sich stark genug, als nur hinausgeworfen und von den Menschen niedergetreten zu werden« (Vers 13).

  Salz ist ein Symbol für die der Zersetzung entgegenwirkende Kraft und damit für äonische Beständigkeit (vgl. 4.Mose 18:19 und 2.Chr.13;5: »äonischer Salzbund«). Wenn aber die Gläubigen nicht treu bleiben, sind sie zu nichts mehr nütze. Sie können auch nicht mehr zur Umsinnung erneuert werden (Heb.6:6; 10:26-31: 2.Pet.2:20). Das trifft heute, in der dem Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes (Eph.3:2; Kol.1:25), für die Gläubigen nicht zu, denn sie sind mit heiligem Geist versiegelt (Eph.1:13; Röm.8:30).

  Israel, das auserwählte Volk, ist das Salz der Erde. Das wiedergezeugte Israel wird für die kommenden Äonen die Beständigkeit des Segens auf der Erde garantieren.

 

Das Licht der Welt

 

  »Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die oben auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man brennt doch nicht eine Leuchte an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So lasst nun euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure edlen Werke gewahren und euren Vater in den Himmeln verherrlichen« (Verse 14-16).

  Wer anderes sollte Licht in diese in der Welt herrschende Finsternis hineinbringen als die vom Wort Gottes Erleuchteten? Nur die an Jesus Christus, das Licht der Welt (Joh.8:12), Glaubenden und damit von Seinem Licht Erfassten können die Strahlen weitergeben. Die Jesus, dem Licht, Treuen, diese sind Söhne des Lichts (Joh.12:36). Eines Tages wird das wiedergezeugte Israel das Licht der Welt sein in Jewe, ihrem Elohim. Das Licht Jerusalems, der Stadt auf dem Berg, wird alle erleuchten (Jes.60:1-3).

  Lichthabende können nicht übersehen werden. Die Frucht des Lichts ist Gutheit, Gerechtigkeit und Wahrheit (Eph.5:9). Diese Dinge nehmen die Menschen wahr. Und sie sollen sie auch wahrnehmen. Sie gehören nicht unter einen Scheffel, ein Tongefäß von etwa 12,5 l Rauminhalt zum Abmessen von Getreide. Auch Paulus war auf das Edle vorbedacht, nicht nur vor den Augen des Herrn, sondern auch vor den Augen der Menschen (2.Kor.8:21).

  Die edlen Werke des Lichts sollen natürlich nicht zum eigenen Ruhm vor den Menschen zur Schau gestellt (Mat.6:1), sondern ganz unbefangen und ohne auf Zuschauer zu schielen zur Verherrlichung Gottes getan werden, eben damit »euer Vater in den Himmeln« - wie der Herr an dieser Stelle das erste Mal sagt - verherrlicht werde. Jesu Vater ist auch der Vater derer, die Jesus gehorchen. Welch ein herrlicher Zuspruch: der allgewaltige Gott ist unser uns liebender und treusorgender Vater! (Diese Aussage bezieht sich hier in Vers 16 nur auf die gläubigen Juden.)

Jesu Stellung zum Gesetz und den Propheten

 

  Wir hören weiter auf unseres Herrn Worte: »Meinet nur nicht, dass Ich kam, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich kam nicht, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen. Denn wahrlich, Ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird keinesfalls ein Jota oder ein Hörnlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist« (Verse 17+18).

  Es ist anzunehmen, dass manche aus früheren Handlungen Jesu folgerten, Er wolle das Gesetz und die Propheten - dies ist ein Ausdruck für alle hebräischen heiligen Schriften - auflösen. Jesus hatte zum Beispiel an einem Sabbat nach Meinung der Pharisäer unerlaubterweise Ähren abgerupft und dann erklärt, dass der Sabbat um des Menschen willen eingesetzt sei und nicht der Mensch um des Sabbats willen (Mark.3:23-28).

  Nein, Jesus kam, um alle Schrift zu erfüllen. Ist es doch so, dass es »Jewe Elohim gefällt um Seiner Gerechtigkeit willen, das Gesetz groß zu machen und es zu adeln« (Jes.42:21). Der Herr erfüllte das Gesetz des Mose in allem, und dies keineswegs nur formal, sondern dem geistlichen Gehalt nach; auch die Vorschriften für die Opfer erfüllte Er als das wahre Opferlamm für die Sünden der Welt ebenso wie die für die Darbringung von Nahegaben zur Huldigung Gottes, denn Er gab Seinem Gott und Vater allezeit alle Ehre und Verherrlichung.

  Auf keinen Fall wird Jesus etwas am Wort Gottes ändern, im Gegenteil, Er bekräftigt in Lukas 16:17 die Beständigkeit des Wortes: »Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Hörnlein vom Gesetz falle.« Kein Jota, also weder der kleinste Buchstabe jod (i, j), noch ein Hörnlein oder Häkchen, das manche hebräischen Buchstaben voneinander unterscheidet, werden vergehen, bis alles, was im Gesetz und den Propheten geschrieben steht, erfüllt ist, ja bis die jetzigen Himmel und die jetzige Erde vergangen sind und neue erschaffen werden (2.Pet.3:7,10,13; Off.20:11; 21:1).

  Und wenn wir Gläubigen heute, ob aus den Juden oder aus den Nationen, auch gar nicht unter dem Gesetz stehen, sondern unter der Gnade (Röm.6:14), so hält Paulus es dennoch aufrecht (Röm.3:31), denn es ist heilig, gerecht und gut (Röm.7:12) und auch für uns »nützlich zur Belehrung, zur Überführungen [von Sünden], zur Zurechtweisung, zur Erziehung in Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes zubereitet sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk« (2.Tim.3:16,17).

 

Daher ...

 

  Jesu Betonung der Unverrückbarkeit des Gesetzes hat Konsequenzen: »Wer daher auch nur eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen belehrt, wird der Geringste im Königreich der Himmel genannt werden. Wer sie aber tut und lehrt, der wird groß im Königreich der Himmel genannt werden« (Vers 19). Schrifttreue ist gefordert im Denken, Handeln und Lehren. Schon in Psalm 119:4 steht geschrieben: »Du hast geboten, dass Deine Vorschriften überaus zu bewahren sind.« Im Königreich Israels wird der Gehorsam dem Wort und damit Gott gegenüber belohnt werden. Der Herr hat gewiss auch an die Pharisäer gedacht, als Er dies sagte, denn jene übertragen die Gebote Gottes um ihrer Überlieferungen willen, machten das Wort Gottes um ihrer Traditionen willen ungültig und lehrten die Vorschriften der Menschen als Lehren (Mat.15:1-9).

  Nun fügt Jesus hinzu: »Denn Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, werdet ihr keinesfalls in das Königreich der Himmel eingehen« (Vers 20). Die Pharisäer verzehnteten zwar die Minze, den Dill und den Kümmel, doch das wichtigste im Gesetz, das gerechte Richten, die Barmherzigkeit und den Glauben, ließen sie außer Acht (Mat.23:23). Jedoch nur solche Gläubige, die sich anderer erbarmen und gerecht handeln - dem Wort gemäß -, gelangen in das Königreich.

  Und wie steht es um unsere Gerechtigkeit? Sie ist weit besser als die der Schriftgelehrten! Denn sie gründet sich allein in Christi Blut und somit allein in der Gnade (Röm.5:9; Eph.2:8).

 

Warnung vor dem Zürnen und Beschimpfen

 

  Des Weiteren sagte der Herr: »Ihr habt gehört, dass den Altvordern geboten worden ist: Du sollst nicht morden! Wer mordet, soll dem Gericht verfallen sein (2.Mose 20:13). ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Wer aber »Raka« zu seinem Bruder sagt, soll dem Synedrium verfallen sein. Wer aber »Tor« zu ihm sagt, soll der Gehenna des Feuers verfallen sein« (Verse 21+22).

  Es mag so aussehen, als ob Jesus die Gebote des Gesetzes verschärfe, doch Er schürft nur tiefer, indem Er nicht nur auf die äußere Gestalt einer Tat sieht, sondern darauf verweist, dass es auf die innere Haltung, die Herzenseinstellung ankommt.

  Schon das Zürnen, der zum Ausbruch gekommene Zorn, ist eine schwere Sünde, denn von da aus bis zum Mord ist kein weiter Weg. Wie schnell kann man sich dazu hinreißen lassen! »Raka« heißt so viel wie Dummkopf. »Tor« aber bedeutet im jüdischen Kontext so viel wie »Du gottloser Narr!« Da ist das Übelste, was man sagen kann, und lässt ganz deutlich werden, was für ein Sünder ein solcher Mann ist. Er ist der Gehenna des Feuers verfallen. Im tausendjährigen Königreich wird im Tag Hinnom bei Jerusalem ständig Feuer auf der Abraumhalde brennen. Dort werden auch die Leichen der Übertreter hineingeworfen (Jes.66:24; Ps.101:8). Dies ist die Gehenna.

 

Besänftige zuerst deinen Bruder!

 

  Es folgen die Verse 23 und 24: »Wenn du nun deine Nahegabe auf dem Altar darbringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Nahegabe dort vor dem Altar und geh zuerst hin und besänftige deinen Bruder; dann komm und bringe deine Nahegabe dar!«

  Wie kann ein Dienst für Gott rein sein, wenn ein Mitmensch uns zu Recht etwas vorzuwerfen hat? Da gibt es keine Nachsicht unter dem Gesetz. Nicht umsonst ermahnt Petrus: »Suche Frieden und jage ihm nach« (1.Pet.3:11). Die Sünde, mit der wir jemandem schadeten, ist zu bereinigen, damit man mit einem reinen Herzen vor Gott treten kann. Der Bruder soll uns nicht gleichgültig sein - das wäre keine Liebe.

  Dieses Wort des Herrn erinnert uns an 1.Korinther 13:3: »Wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen.«

 

Bei einem Rechtsstreit

 

  Für den Fall eines Rechtsstreits sagte der Herr: »Zeige dich deinem Prozessgegner gegenüber schnell gutwillig, solange du mit ihm noch auf dem Weg [zur Obrigkeit] bist, damit der Prozessgegner dich nicht dem Richter übergebe und der Richter dem Gerichtsdiener und du in Gefängnis geworfen werdest. Wahrlich, Ich sage dir: Du wirst von dort keinesfalls herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast« (Verse 25+26).

  Ein versöhnungsbereites Herz sollen die Gläubigen auch bei Rechtsstreitigkeiten haben. Sie sollen dem Gegner gegenüber wohlgesinnt sein und einigungswillig, ihm schnell entgegenkommen, ihn beschwichtigen und ihm geben, was ihm zusteht. Andernfalls: Wenn jemand hart gegen seinen Prozessgegner ist, muss er damit rechnen, das er verurteilt wird und erst dann aus dem Gefängnis herauskommt, wenn er den letzten Cent bezahlt hat.

  Wie viel leichter als denen damals unter dem Gesetz fällt uns dies doch heute, die wir aus der Gnade leben und daher Gnade gewähren, die wir den Dienst der Versöhnung haben und daher allen im Geist der Versöhnung begegnen.

 

Ich aber sage euch!

(Matthäus 5:27-6:8)

 

  Wir lauschen weiterhin der Rede unseres Herrn Jesus Christus auf dem Berg.

 

Vom Ehebruch

 

  »Ihr habt gehört, dass geboten worden ist: Du sollst nicht ehebrechen (2.Mose 20:14)! Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau anblickt, um sie zu begehren, treibt mit ihr schon Ehebruch in seinem Herzen« (Verse 27+28). Nicht die Tat, sondern schon die Herzenshaltung ist Sünde. Wer eine Frau lustvoll anblickt, um mit ihr ins Bett zu gehen, ist reif für die Gehenna. Ehebrecher sind Kinder des Fluchs, lässt 2.Petrus 2:14 erkennen. Wer Ehebruch treibt, ist ohne Verstand und vernichtet seine Seele für die kommenden Äonen (Spr.6:32).

  Hiob hatte einen Bund mit seinen Augen geschlossen (Hiob 31:1). Er blickte keine Jungfrau und Frau lüstern an.

  Der Herr fügt an: »Wenn dein rechtes Auge dir zum Fallstrick wird, so reiß es heraus und wirf es von dir; denn förderlicher wäre es für dich, dass eins deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Körper in die Gehenna geworfen werde. Und wenn deine rechte Hand dir zum Fallstrick wird, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn förderlicher wäre es für dich, dass eins deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Körper in die Gehenna gehe« (Verse 29+30).

  Selbstverstümmelung ist nicht die Lösung, denn man kann auch mit einem Auge und einer Hand sündigen. Die Radikalität dieser Worte will die Schrecklichkeit jener Sünde deutlich machen und darauf hinweisen, dass das Herz beschnitten werden muss. Nur die innere Wandlung rettet vor der Gehenna, der brennenden Abfallhalde im Tal Hinnom unterhalb von Jerusalem, wo die Leichen der Übertreter des Gesetzes hineingeworfen werden (Jes.66:24; Ps.101:8).

  Das Herz ist das Problem. Aus dem Herzen kommen böse Erwägungen und darunter auch der Ehebruch (Mat.15:19). Das Herz muss durch das lebendige und wirksame Wort Gottes und den Glauben ein neues werden.

  Die Begierde der Augen und die des Fleisches sind nicht vom Vater, sondern von der Welt. »Und die Welt samt ihrer Begierde geht vorüber. Wer aber den Willen Gottes tut, bleibt für den Äon« (1.Joh.2:17).

 

Die Scheidung

 

  Jesus fährt fort zu sprechen: »Auch ist geboten worden: Wer seine Frau entlässt, gebe ihr eine Scheidungsurkunde (5.Mose 24:1)! Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt (mit Ausnahme im Fall der Hurerei), macht sie zu einer, deren Ehe gebrochen wird; und wenn jemand eine Entlassene heiratet, bricht er die Ehe« (Verse 31+32).

  Mose schrieb: »Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet und es geschieht, dass sie keine Gnade in seinen Augen findet, weil ihm etwas Anstößiges an ihr offenbar wird, und er schreibt ihr eine Scheidungsurkunde, gibt sie in ihre Hand und sendet sie aus seinem Haus ...« Der Mann konnte also einen Scheidebrief schreiben, wenn ihm etwas offenkundig wurde, was ihm nicht gefiel und er nicht tragen wollte. Diese Vorschrift wurde sicherlich oftmals leichtfertig ausgelegt. Dem schob der Herr hier nun den Riegel vor. Es gibt nur einen Grund zur Ehescheidung, den des Ehebruchs.

  Liegt dieser Grund nicht vor, besteht die Ehe trotz einer Scheidungsurkunde weiter. Eine neue Eheschließung würde somit die noch bestehende erste Ehe brechen.

  Jesus sagte übrigens an anderer Stelle: »Mose gestattet euch wegen eurer Hartherzigkeit, eure Frauen zu entlassen; aber von Anfang an ist es nicht so gewesen« (Mat.19:8). - Möge es auch bei uns so sein wie am Anfang und nur der Tod die Eheleute scheiden (1.Kor.7:39).

 

Vom Schwören

 

  In den Versen 33 bis 37 geht es ums Schwören: »Wieder habt ihr gehört, dass den Altvordern geboten worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, aber deine Eide dem Herrn erstatten! Ich aber sage euch, überhaupt nicht zu schwören, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist Seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt. Noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du kannst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Euer Wort sei vielmehr: Ja, ja; nein, nein. - Alles darüber hinaus aber ist vom Bösen.«

  Schwören war üblich, auch bei Kleinigkeiten, sodass es kaum noch auffiel. Schlaue schworen nur beim Himmel, bei der Erde oder bei Jerusalem, damit sie hernach sagen konnten, sie hätten ja nicht bei Gott geschworen. Doch auch damit wurde der Name Gottes ständig in das Gemeine herabgezogen.

  Mose hatte gesagt: »Ihr sollt in Meinem Namen nicht falsch schwören, sodass du den Namen deines Elohim entheiligst. Ich bin Jewe« (3.Mose 19:12); »Wenn du Jewe, deinem Elohim, ein Gelübde ablegst, zögere nicht, es zu erfüllen. ... Was über deine Lippen gegangen ist, halte es und tue es, so wie du es Jewe, deinem Elohim, freiwillig gelobt hast« (5.Mose 23:22,24; vgl. 4.Mose 30:3). Diese Worte bleiben unberührt, im alltäglichen Umgang miteinander aber soll überhaupt nicht geschworen werden. Das Wort eines Gläubigen sei ein schlichtes und wahrhaftiges Ja oder Nein. Alles darüber hinaus ist vom Satan.

  Jakobus schreibt ebenso: »Vor allem aber, meine Brüder, schwört nicht, weder bei dem Himmel noch bei der Erde, noch irgendeinen anderen Eid. Euer Ja sei ja und euer Nein sei Nein, damit ihr nicht unter das Gericht fallt« (Jak.5:12).

 

Leistet keinen Widerstand!

 

  Des Weiteren sagte Jesus: »Ihr habt gehört, dass geboten worden ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dem Bösen nicht Widerstand zu leisten; sondern wer dich auf deine rechte Wange ohrfeigt, dem wende auch die andere zu« (Verse 38+39).

  In 3.Mose 24:19,20 steht geschrieben: »Wenn jemand seinem Nächsten einen Schaden zufügt - so wie er getan hat, ebenso soll ihm getan werden: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn« (vgl. 2.Mose 21:23,24). Eins um eins - dies ist der Maßstab für die Rechtsprechung, der mit dieser Verhältnismäßigkeit Grenzen gesetzt sind. Der Geschädigte selbst aber »spreche nicht«, wie es in den Sprüchen 24:29 heißt, »wie er mir getan, so tue ich ihm; ich vergelte dem Mann nach seinem Tun.« Angesichts der Selbstjustiz musste der Herr die Juden wieder daran erinnern, was sie aus den Klageliedern wussten, dass nämlich der Erduldende schweigend auf die Rettung durch Jewe warten und dem, der ihm schlägt, die Wange bieten soll, denn Jewe erbarmt sich über die, die Er betrübt hat. Denn nicht von Herzen demütigt und betrübt Jewe die Menschenkinder (Klgl.3:26-33).

  Es war übrigens sehr entehrend, mit dem rechten Handrücken auf die rechte Wange geschlagen zu werden.

  Das große Vorbild ist Jesus Selbst, der Seinen Körper denen dahingab, die Ihn schlugen, und Seine Wangen denen, die Ihn rauften (Jes.50:6), oder wie in 1.Petrus 2:23 zu lesen: »... der, beleidigt, nicht wieder beleidigte und, als Er litt, nicht gedroht hat, sondern Er übergab es dem, der gerecht richtet.«

  Heute bewegt uns die erfahrene Gnade, dem Gegner Gnade zu gewähren (Eph.4:32), Übles nicht mit Üblem zu vergelten (Röm.12:17), den Dienst der Versöhnung zu tun (2.Kor.5:18) und uns eher benachteiligen und Unrecht tun zu lassen, als dass wir Gefahr laufen, selbst Unrecht zu tun (1.Kor.6:7).

  Jesus nennt weitere Beispiele dafür, nicht Widerstand zu leisten: »Wer mit dir rechten und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch dein Obergewand. Wer dich zu einer Meile zwingt, mit dem gehe zwei! Dem, der dich bittet, gib; und von dem, der von dir leihen will, wende dich nicht ab!« (Verse 40-42).

  Das Gewand konnte gepfändet werden. Das Gesetz sagt: »Falls du das Gewand deines Nächsten als Pfand, ja als Pfand nimmst, sollst du es ihm vor dem Untergang der Sonne zurückbringen, denn es ist seine alleinige Bedeckung. Es ist sein Obergewand für seine Haut: worin soll er sonst liegen? Wenn er zu Mir schreien sollte, dann will Ich ihn erhören, denn Ich bin gnädig« (2.Mose 22:26,27; vgl. 5.Mose 24:10-13). Abgesehen von dieser gerechten Regelung, gib dem Fordernden ein Pfand und noch eins darüber hinaus.

  Geh zwei Meilen statt nur einer. Die Römer konnten jeden Juden zwingen, ihnen eine Meile weit den Weg zu zeigen oder Gerätschaften zu tragen, wie es zum Beispiel dem Kyrenäer Simon, dem Vater des Alexander und des Rufus, erging, den sie zwangen, Jesu Kreuz aufzunehmen (Mark.15:21). Aber unabhängig von dem Recht der Römer - wenn jemand zu einer Leistung genötigt wird, so tue er durchaus mehr.

  Dem Bittenden soll man geben, wobei vorausgesetzt wird, dass er bedürftig ist. Das Gesetz verlangt die Unterstützung des Verarmten (3.Mose 25:35). Nun aber gib von ganzem Herzen.

  Leihe auch gern. »Der Gerechte gibt und hält nicht zurück« (Spr.21:26). »Der Gesegnete ist gnädig und gibt. ... Jeden Tag ist er gnädig und leiht« (Ps.37:21,26).

  Bei all diesen Anweisungen ist der Glaube entscheidend, die Überzeugung, dass Gott alles gerecht vergelten und ausgleichen wird (5.Mose 32:35; Röm.12:19). Mögen auch wir all unsere Rechtsangelegenheiten dem übergeben, der gerecht richtet (1.Pet.2:23), wie schon Jeremia zu Jewe sagte: »Dir habe ich meine Rechtssache anvertraut« (Jer.11:20).

 

Liebet eure Feinde!

 

  Jetzt schneidet unser Herr den Punkt der Feindesliebe an: »Ihr habt gehört, dass geboten worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, weil Er ja Seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und es auf Gerechte und Ungerechte regnen lässt« (Verse 43-45).

  Die Schrift sagt einerseits: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Denn Ich bin Jewe« (3.Mose 19:18); »Auch den Fremden, der unter euch wohnt, sollst du lieben wie dich selbst« (3.Mose 19:34); »Wenn der dich Hassende hungrig ist, speise ihn mit Brot, und wenn er durstig ist, tränke ihn mit Wasser. Glühende Kohlen häufst du so auf sein Haupt, und Jewe wird es dir erstatten« (Spr.25:21,22; vgl. Röm.12:20; siehe auch 2.Mose 23:4,5). Andererseits sagt die Schrift im Hinblick auf die Frevler an Gott und Gottes Volk: »Hasse ich nicht die, welche Dich hassen, Jewe, und ekelt es mich nicht vor denen, die sich gegen Dich erheben? Mit vollkommenem Hass hasse ich sie, zu Feinden sind sie für mich geworden« (Ps..139:21,22); »Ihren [der Ammoniter und Moabiter] Frieden und ihr Wohl sollst du nicht suchen all deine Tage für äonisch« (5.Mose 23:7).

  Im Königreich der Himmel wird Israel ein Segen für alle Nationen sein; wie könnten sie ihnen da feindlich gesonnen sein? So gerecht es war, die Feinde Jewes, ihres Elohim, und damit auch die Feinde Israels zu hassen, so können die, die ihre Erwartung auf das Königreich Gottes setzen, jetzt schon alle Menschen lieben, auch die, von denen sie vielleicht umgebracht werden, denn sie werden ja das äonische Leben bekommen.

  Söhne Gottes sollen sie werden beziehungsweise sich als solche erweisen, und so wie Gott den Guten und Bösen, den Gerechten und Ungerechten den Segen der Natur zuteil werden lässt, sollen sie auf der geistlichen Ebene allen Menschen Segen zukommen lassen, indem sie auch ihre Feinde lieben und für sie beten. Mögen sie handeln wie Jewe, ihr Elohim, von dem sie wissen: »Jewe ist gut gegen alle, und Sein Erbarmen geht über all Seine Werke« (Ps.145:9). Übrigens sind Gute und Böse eingeladen, an der Hochzeitsfeier des Königs mit Israel, der Braut, teilzunehmen (Umsinnung und edle Werke vorausgesetzt; Mat.22:10).

  So gilt nun für alle Nachfolger des Herrn Jesus Christus: »Liebet eure Feinde, handelt edel an denen, die euch hassen! Segnet, die euch verfluchen, betet für die, die euch verunglimpfen!« (Luk.6:27,28). Unser Herr Selbst betete am Kreuz für Seine Hasser: »Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun« (Luk.23:34). Und Stephanus erwies sich als Sohn des himmlischen Vaters, als er ausrief: »Herr, stelle diese Sünde nicht gegen sie!« (Ap.7:60).

  Sollten wir heute uns einander ermahnen, unsere Feinde zu lieben, dann mögen wir durchaus an Gottes Segen der Natur über Gute und Böse denken, vor allem aber daran, dass wir geliebte Kinder Gottes sind und aus diesem Grund in Liebe wandeln, so wie auch Christus uns liebt und Sich Selbst für uns als Darbringung und Opfer für Gott dahingegeben hat, zu einem duftenden Wohlgeruch (Eph.5:1,2).

 

So werdet ihr vollkommen sein!

 

  Zur weiteren Begründung Seiner Worte über die Feindesliebe sagte der Herr: »Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was für einen Lohn habt ihr zu erwarten? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Außergewöhnliches? Tun nicht dasselbe auch die aus den Nationen? So werdet ihr nun vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist« (Verse 46-48).

  Ja, was wäre es denn Besonderes, nur die zu lieben, die uns Gutes tun? Vollkommen sollen die Gläubigen werden. Söhne ihres himmlischen Vaters sollen sie sein; dies ist man, wenn man in derselben Gesinnung wandelt wie der Vater.

  So sagt es das Evangelium der Beschneidung, die Wohlkunde für Israel. Wir dagegen sind nach dem Evangelium der Unbeschnittenheit (Gal.2:7), nach der Lehre des Apostels Paulus »alle Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus« (Gal.3:26).

  Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit allein soll die Richtschnur für das Handeln Israels sein, wie denn auch Mose sagte: »Ihr sollt heilig sein, denn Ich, Jewe, euer Elohim, bin heilig« (3.Mose 19:2) und: »Makellos sollst du werden mit Jewe, deinem Elohim« (5.Mose 18:13).

  Das Ziel, vollkommen zu werden, wohnt der gesamten Belehrung auf dem Berg inne; die Ermahnung zur Feindesliebe aber ist besonders geeignet, um zur Vollkommenheit zu gelangen.

  Wie der Vater sollen die Söhne sein, und den Treuen, die dies ständig anstreben, lässt Er es gelingen: »Jeder, der in Ihm [Christus] bleibt, sündigt nicht«, verheißt 1.Johannes 3:6. »Niemand hat Gott jemals geschaut; doch wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und Seine Liebe ist in uns vollkommen geworden« (1.Joh.4:12).

 

Zeigt euch nicht vor den Menschen!

 

  Nun warnt Jesus vor dem Streben nach Ansehen: »Nehmt euch aber in Acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen zur Schau stellt, um von ihnen angeschaut zu werden; wenn aber doch, so habt ihr bei eurem Vater in den Himmeln keinen Lohn zu erwarten. Folglich, wenn du Almosen gibst, lass nicht vor dir her posaunen, so wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen es tun, damit sie von den Menschen verherrlicht werden. Wahrlich, Ich sage euch: Sie haben ihren Lohn vorweggenommen! Du aber, wenn du Almosen gibst, lass deine Linke nicht erfahren, was deine Rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen sei; dein Vater, der im Verborgenen beobachtet, wird es dir vergelten« (Kap.6:1-4).

  Wem der Beifall der Menschen gut tut, hat sich seinen Lohn selbst verschafft und bekommt keinen mehr von Gott. Beachten wir dabei aber, dass edle Werke zu tun waren, um in das Königreich der Himmel zu gelangen (Mat.5:20; Jak.2:24; 2.Pet.1:10,11). Wir dagegen, die Glieder der Körpergemeinde, wirken in Auswirkung unserer Rettung.

  Wie können Gläubige treu sein, wenn sie auf Verherrlichung durch Menschen aus sind, »doch die Verherrlichung, die vom alleinigen Gott ist, nicht suchen« (Joh.5:44)?

  Dass die linke Hand nicht erfahren soll, was die rechte tut, besagt, dass es im Verborgenen geschehen soll.

  Dies gilt auch für das Beten: »Wenn ihr betet, sollt ihr nicht wie die Heuchler sein; denn sie haben es gern, in den Synagogen und an den Ecken der Plätze zu stehen, um zu beten, damit sie sich vor den Menschen zeigen. Wahrlich, Ich sage euch: Sie haben ihren Lohn vorweggenommen!« (Vers 5).

  So aber soll es sein: »Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ deine Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen beobachtet, wird dir vergelten« (Vers 6).

  Beten ist kein Schauspiel. Geh in den abgelegensten Raum deines Hauses. Dies schließt nicht aus, dass man überall beten kann; ja mitten im Lärm der Welt können wir in unserem Denksinn beten, völlig unbemerkt von anderen.

 

Auch plappert nicht!

 

  Der Herr fährt fort zu sprechen: »Auch plappert nicht beim Beten, so wie die aus den Nationen es tun; denn sie meinen, mit ihrem Wortschwall erhört zu werden. Darin solltet ihr ihnen nun nicht gleichen; denn Gott, euer Vater, weiß, wessen ihr bedürft, bevor ihr Ihn bittet« (Verse 7+8).

  Plappern ist ehrfurchtslos, Plappern unterstellt einen unwilligen Gott, dem man etwas abschwatzen müsse, oder einen eitlen, dem man mit vielen Worten schmeicheln könne.

  Ein extremes Beispiel für ellenlanges Beten ist das der Baalspropheten auf dem Berg Karmel zu Elias Zeiten, als sie vom Morgen bis zum Nachmittag ihren Gott anriefen, um den Altar sprangen und sich ritzten (1.Kön.18:26-29). Möge Israel aber auch diese Worte Jewes nicht vergessen: »Wenn ihr eure Hände zu Mir ausbreitet, dann verhülle Ich Meine Augen vor euch. Auch wenn ihr eure Gebete vervielfacht, werde Ich sie nicht hören. Denn eure Hände sind voller Blut« (Jes.1:15). Auf Sünder hört Gott nicht (Spr.15:29; Joh.9:31).

  Die folgenden Worte König Salomos sollten die Juden sich zu Herzen nehmen: »Dein Mund sei nicht rastlos und dein Herz eile nicht, ein Wort angesichts Elohims hervorgehen zu lassen. Denn Elohim ist in den Himmeln, und du bist auf der Erde; darum seien deine Worte wenige. Denn bei vielen Worten kommt törichte Rede [zum Vorschein]« (Pred.5:1,2).

  Der Herr Jesus sprach seinen Zuhörern zu: »Euer Vater weiß [doch], wessen ihr bedürft, bevor ihr Ihn bittet.« Gott kennt das Herz eines jeden, zumal Er es ihnen allen gebildet hat (Ps.33:15); er kennt ihre Wünsche, wie König David in Psalm 139:1-4 sagte:

         »Jewe, Du hast mich erforscht und erkannt.

         Du kennst mein Sitzen und mein Aufstehen;

         Du verstehst meine Gedanken von ferne.

         Meinen Pfad und mein Bettlager - Du misst es ab,

         und für all meine Wege trägst Du Fürsorge.

         Denn ein Ausspruch ist noch nicht auf meiner Zunge,

         siehe, Jewe, Du kennst sie alle«.

  Mögen sich die Gläubigen mithin mit wenigen Worten an Ihn wenden im Vertrauen darauf, dass Er weiß, was das Beste für sie ist - und sie werden Seine Treue erfahren. So kann Johannes schreiben: »Dies ist der Freimut, den wir zu Ihm haben, dass, wenn wir etwas nach Seinem Willen bitten, Er uns hört. Und wenn wir wissen, dass Er uns hört, um was wir auch bitten, so wissen wir, dass das Erbetene schon unser ist, worum wir Ihn gebeten haben« (1.Joh.5:14,15).

  Die Worte des Apostels Paulus: »Betet unablässig« (1.Thess.5:17) meinen keinesfalls, dass man ununterbrochen oder endlos lange beten soll, sondern dass wir bei keiner besonderen Situation versäumen sollen zu beten. Da wir uns allezeit vor dem Angesicht Gottes in Christus wissen (2.Kor.2:17), werden wir es nicht am Gebet fehlen lassen, sobald ein Anlass dafür gegeben ist, zumal unser Herz allezeit in der Haltung der Anbetung steht.

 

 

»Unser Vater in den Himmeln«

(Matthäus 6:9-34)

 

  Unser Herr Jesus Christus hatte in Seiner Belehrung auf dem Berg gesagt: »Auch plappert nicht beim Beten, so wie die aus den Nationen es tun; denn sie meinen, mit ihrem Wortschwall erhört zu werden. Darin solltet ihr ihnen nun nicht gleichen; denn Gott, euer Vater, weiß, wessen ihr bedürft, bevor ihr Ihn bittet« (Mat.6:7,8). Daher, weil dies so ist, sollen die Juden mit wenigen Worten und um das, wessen sie wirklich bedürfen, so beten, wie der Herr es ihnen mit dem folgenden Mustergebet aufzeigte.

 

Betet ihr daher so!

 

  »Betet ihr daher so: Unser Vater in den Himmeln, geheiligt werde Dein Name!« (Vers 9).

  Gott ist der Vater des Volkes Israel, und Er ist auch eines jeden gläubigen Juden Vater, der die Seinen in Weisheit und Fürsorge erzieht und bewahrt.

  Sein Name ist heilig, denn Er Selbst, Jewe Elohim, ist heilig (3.Mose 19:2). Möge aber insbesondere Sein Name »Vater« geheiligt werden, indem Er mit Ehrfurcht so angebetet wird, wie schon Jesaia es tat: »Du bist unser Vater. ... Du bist Er, Jewe, unser Vater, unser Erlöser vom Äon an, dies ist Dein Name« (Jes.63:16). Und möge Sein herrlicher Vatername durch das gesamte Verhalten im Alltag geheiligt und verherrlicht werden!

  Vollends erfüllt wird dem Volk Israel diese Bitte, wenn sie eine heilige Nation geworden sind, im tausendjährigen Königreich Gottes (2.Mose 19:6; 1.Pet.2:9). Dann werden sie den Namen Jewes heiligen und Ehrfurcht vor Ihm haben zu treuem Dienst (Jes.29:23).

 

Dein Königreich komme!

 

  Die nächste Bitte soll lauten: »Dein Königreich komme!« (Vers 10).

  Das Königreich Gottes ist die große und besondere Verheißung für Israel. Schon durch Mose sprach Jewe zu dem Volk, das Ihm unter allen Völkern zum besonderen Eigentum werden soll: »Ihr, ihr sollt für Mich ein königliches Priestertum werden« (2.Mose 19:6), mithin die Regierung der Welt übernehmen. »Jewe, dein Elohim, wird dich als oberste über alle Nationen der Erde setzen« (5.Mose 28:1).

  Jesus Christus hatte Seinen Dienst mit den Worten begonnen: »Sinnet um! Denn das Königreich der Himmel hat sich genaht!« (Mat.4:17), und Seine Rede auf dem Berg begann wie folgt: »Glückselig im Geist sind die Armen, denn ihrer ist das Königreich der Himmel« (Mat.5:3). Und jetzt war Er da, Jesus, der König, der das Königreich herbeiführt. Daniel schrieb davon: »In den Tagen jener Könige wird der Elah der Himmel ein Königreich aufrichten, das für die Äonen unversehrt bleiben soll« (Dan.2:44), und Sacharja verkündigte: »Und Seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen. ... Und Jewe wird König sein über die ganze Erde; an jenem Tag wird Jewe der Einzige sein und Sein Name der einzige« (Sach.14:4,9). Nach dem letzten Jahrsiebener (Dan.9:24,27) wird es so weit sein: »Sie werden mit Ihm [Christus] die tausend Jahre als Könige herrschen« (Off.20:6), ja »sie werden als Könige für die Äonen der Äonen herrschen« (Off.22:5).

  Wer in das Königreich Israels eingehen will, der höre auf den, den der Vater gesandt hat.

  Uns dagegen, die wir nicht zu dem zukünftig wiedergezeugten Israel gehören, sondern Glieder der Körpergemeinde sind (Eph.1:23), ist dieses Königreich nicht verheißen, sondern wir werden nach dem dem Apostel Paulus enthüllten Evangelium (Gal.1:12) in das überhimmlische Königreich Christi versetzt (2.Tim.4:18) und dort in den beiden kommenden Äonen niedergesetzt sein (Eph.2:6,7).

 

Dein Wille geschehe!

 

  Die dritte Bitte lautet: »Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!« (Vers 10).

  Der Wille Gottes geschieht immer und überall, denn Gott, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt (Eph.1:11), hat in Christus Jesus einen Vorsatz für den Ablauf der Äonen gefasst (Eph.3:11), nach welchem alles geschieht. Aber noch ist vieles nicht erfüllt. Mögen die Planungen Gottes bald eintreffen.

  Und noch tun die Menschen nicht den für sie erklärten Willen Gottes, sondern verfehlen ihn ständig und sündigen. Dies muss nach Gottes Vorsatz aber so sein (Jes.6:9,10; 63:17; Mat.13:13,14; Röm.9:18,21; 11:32).

  Im Königreich Gottes aber wird Israel endlich in Gottes Ordnungen leben, Seine Rechtsbestimmungen bewahren und tun sowie Seinen heiligen Namen nicht mehr entweihen (Hes.20:39; 36:27; 43:7).

  Diese drei Bitten waren die ersten der sieben Bitten dieses Mustergebets für Jünger Jesu. Es waren Bitten zur Ehre Gottes. Nun folgen vier Bitten um Dinge, die die Menschen aufgrund ihrer Schwachheit stets nötig haben.

 

Das auskömmliche Brot

 

  Die vierte Bitte ist elementar: »Unser auskömmliches Brot gib uns heute!« (Vers 11).

  Das auskömmliche Brot, wörtlich das (dar)auf-seiende, ist mehr als das nötige und meint wohl auch das für den (darauf)folgenden Tag ausreichende.

 

Erlass uns all unsere Schuld!

 

  Es folgt die Bitte um Vergebung der Sünden: »Erlass uns all unsere Schuld, wie auch wir die unserer Schuldner erlassen haben!« (Vers 12).

  Israel erhielt Vergebung unter den Bedingungen der Umsinnung (Luk.3:3), des offenen Bekenntnisses der Sünden (1.Joh.1:9) und der vorausgehenden Vergebung gegenüber den Mitmenschen. Dies betont der Herr in den Versen 14 und 15: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Kränkungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Kränkungen nicht vergebt, wird euer Vater euch eure Kränkungen auch nicht vergeben.« Dies ist gerecht.

  Die empfangene Erlassung der Schuld kann übrigens wieder rückgängig gemacht werden, wenn man hernach anderen nicht vergibt (Mat.18:23-35). Auch das zukünftige »Gericht ist unbarmherzig gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat« (Jak.2:13).

  Wir heute, die wir in der dem Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes leben (Eph.3:2; Kol.1:25), sind dagegen allein durch Glauben weit weg von allen Sünden - an sie ist gar nicht mehr zu denken - ein für allemal gerechtfertigt, das heißt für gerecht erklärt. Und was unsere Kränkungen des Vaterherzens Gottes anbelangt: »In Ihm [Christus] haben wir die Freilösung durch Sein Blut, die Vergebung der Kränkungen nach dem Reichtum Seiner Gnade, die Er in uns überfließen lässt« (Eph.1:7).

 

Bring uns nicht in Versuchung hinein!

 

  Die beiden letzten Bitten lauten: »Bring uns nicht in Versuchung hinein, sondern birg uns vor dem Bösen!« (Vers 13).

  Möge der Vater Seine Heiligen nicht in Versuchungssituationen hineinbringen, in Konflikte der Verführung zum Sündigen, sondern vor dem Satan bewahren. Diese Bitte wird dem auserwählten Volk im Königreich Gottes erfüllt werden, wenn der Satan im Abgrund gebunden ist (Off.20:3) und sie nicht mehr zum Sündigen verleiten kann.

  Aber schon damals, als Jesus noch bei ihnen war, galt es für die Jünger, zu wachen und zu beten, damit sie nicht in Anfechtungen hineingerieten (Mat.26:41). Zugleich bat auch Jesus für die Seinen: »Ich ersuche Dich nicht, dass Du sie aus der Welt nimmst, sondern dass Du sie vor dem Bösen bewahrst« (Joh.17:15). Und wer fest in Christus stand, dem konnte der Satan nichts anhaben. »Ordnet euch nun Gott unter«, ermahnte Jakobus, »widerstehet aber dem Satan, und er wird von euch fliehen« (Jak.4:7). Und Petrus sprach zu: »Seid nüchtern! Wachet; denn euer Gerichtsgegner, der Satan, wandelt wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben« (1.Pet.5:8,9). Mithin kann Petrus feststellen: »Der Herr weiß die Frommen aus der Anfechtung zu bergen« (2.Pet.2:9).

  Uns sagt Gott durch Paulus: »Gebt dem Satan keinen Raum!« (Eph.4:27). Und wenn wir die uns von Gott bereitgelegte Gesamtwaffenrüstung angelegt haben, den Gürtel der Wahrheit, den Panzer der Gerechtigkeit, die Sandalen des Friedens, den Langschild des Glaubens, und darauf den Helm des Heils und das Schwert des Geistes empfangen haben, dann werden wir den Kriegslisten des Satans widerstehen, standhalten und fest stehen (Eph.6:10-17).

  (Die Verse 14 und 15 waren im Zusammenhang mit Vers 12 angesprochen worden.)

 

Vom Fasten

 

  Der Herr fährt fort, Seine Jünger und die Scharen zu belehren: »Wenn ihr fastet, so zieht keine kummervolle Miene wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, damit sie sich den Menschen als fastend zeigen. Wahrlich, Ich sage euch: Sie haben ihren Lohn vorweggenommen! Du aber, wenn du fastest, reibe dein Haupt ein und wasche dein Angesicht, damit du dich nicht den Menschen als fastend zeigst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen beobachtet, wird dir vergelten« (Verse 16-18).

  Almosengeben (Verse 1-4), Beten (Verse 5-8) und Fasten waren Grundsäulen der Glaubenspraxis der Pharisäer und Schriftgelehrten, die dabei allerdings nur allzu leicht in Heuchelei verfielen. Deshalb waren diese klaren Worte nötig.

  Fasten ist eine Außerachtlassung des Fleisches; wer dabei die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen will, pflegt aber gerade sein stolzes Fleisch. Solche haben ihren Lohn schon vorweg eingestrichen (Verse 2, 5+16) und bekommen keinen mehr von Gott. Rechtes Fasten geschieht in Demütigung der Seele (Jes.58:5).

 

Vom Aufspeichern von Schätzen

 

  Ein anderes Thema spricht Jesus nun an: »Speichert euch keine Schätze auf Erden, wo Motten und Rost sie entstellen und wo Diebe Wände durchgraben und stehlen. Speichert euch aber Schätze im Himmel auf, wo weder Motten noch Rost sie entstellen und wo Diebe nicht die Wände durchgraben noch stehlen; denn wo dein Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein« (Verse 19-21).

  Die Pharisäer sahen ihren Reichtum als Belohnung Gottes für ihre guten Werke an. Ach, hätten sie doch einen Blick für das Königreich! Alles, was sie auf der Erde haben, ist doch nicht sicher. Nur was sie geben, ist ihrer in den Himmeln. Die Schätze im Himmel sind Losanteile, die ihnen im Himmel verwahrt (1.Pet.1:4) und im Königreich Israels übergeben werden.

  Die elementare Wahrheit »Wo dein Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein« möge uns immer daran denken lassen, dass unser Herr und Haupt Christus Jesus unser Schatz ist, in welchem uns zudem alle weiteren Schätze der Weisheit und Erkenntnis erschlossen sind (Kol.2:3). Darum: »Wenn ihr nun zusammen mit Christus auferweckt wurdet, suchet das droben, wo Christus ist, zur Rechten Gottes sitzend! Auf das droben sinnet, nicht auf das auf Erden! Denn ihr starbet, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen« (Kol.3:1-3). - In Gott ist unser Leben!

 

Vom Herzensauge

 

  Wir hören die Verse 22 und 23: »Dein Auge ist die Leuchte des Körpers. Folglich, wenn dein Auge klar ist, wird auch dein ganzer Körper licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, wird auch dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie viel dichter ist dann die Finsternis!«

  Ein böses Auge ist missgünstig, sucht nur den eigenen Vorteil und verfinstert das Herz. Ein klares Auge ist ungeteilten Sinnes und ohne Hintergedanken. Die geistliche Blickrichtung entscheidet darüber, ob man in der Finsternis oder im Licht lebt.

  Wir denken hierbei an Titus 1:15,16: »Den Reinen ist alles rein, den Beschmutzten aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern ihr Denksinn wie auch ihr Gewissen ist beschmutzt. Sie bekennen zwar, mit Gott vertraut zu sein; mit ihren Werken aber verleugnen sie Ihn, indem sie gräulich sind, widerspenstig und zu jedem guten Werk unbewährt.«

 

Man kann nicht zwei Herren dienen

 

  Der folgende Vers 24 steht im engen Zusammenhang mit dem Schätzesammeln und dem ungeteilten Auge: »Niemand kann zwei Herren sklaven; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben oder er wird für den einen einstehen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott sklaven und dem Mammon.«

  Mammon ist jede Form der Vergötzung von Geld und Sachwerten. In aller Schärfe sagt Jakobus: »Wisst ihr nicht, dass die Freundschaft dieser Welt Feindschaft Gott gegenüber bedeutet? Wer nun beabsichtigt, der Welt Freund zu sein, wird als Feind Gottes hingestellt« (Jak.4:4). Johannes ermahnt: »Liebet nicht die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebt, ist nicht die Liebe des Vaters in ihm« (1.Joh.2:15). Vernehmen wir noch den Zuspruch von Hebräer 13:5: »Geldgier sei nicht eure Weise, euch genüge, was vorhanden ist; denn Er Selbst hat versichert: Keinesfalls würde Ich dich preisgeben noch je dich verlassen.«

 

Seid nicht besorgt um Seele und Körper!

 

  Mit den Versen 25 bis 34 wird den Gläubigen zugesprochen, nicht um Seele und Körper besorgt zu sein, sondern zuerst das Königreich und seine Gerechtigkeit zu suchen.

  Jesus spricht: »Deshalb sage Ich euch: Seid nicht besorgt für eure Seele (also was ihr essen oder was ihr trinken möget) noch für euren Körper (was ihr anziehen sollt). Ist nicht die Seele mehr als die Nahrung und der Körper mehr als die Kleidung? Seht die Flügler des Himmels an: sie säen nicht, noch ernten sie, noch sammeln sie in Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Überragt ihr sie nicht bei Weitem?« (Verse 25+26).

  Es ist nicht die Rede davon, dass man nicht arbeiten solle - Sorgen soll man sich keine machen!

  Die Seele ist unser Bewusstsein, das Empfinden, die Wahrnehmung. Essen und Trinken erhalten unser Leben und damit auch unser Bewusstsein. Und der Körper bedarf der Kleidung. Um diese Dinge sollen die Jünger nicht besorgt sein. Schon König David bezeugte: »Ein Knabe war ich, auch bin ich alt geworden, doch nicht sah ich den Gerechten verlassen, noch seinen Samen nach Brot suchen« (Ps.37:25). Ihr himmlischer Vater ernährt die Vögel und alle anderen fliegenden Tiere - sind die Gläubigen Ihm etwa geringerer Beachtung wert? Auf keinen Fall, denn Mose sagte: »Ein heiliges Volk bist du Jewe, deinem Elohim. Dich erwählte Jewe, dein Elohim, zum Volk des besonderen Eigentums aus all den Völkern, die auf dem Erdboden sind« (5.Mose 7:6).

  Die Tatsache, dass Gott sie mit all ihrem Bedarf versorgen wird, ist einerseits eine Erfahrung Israels, andererseits und im Wesentlichen aber eine gewaltige Verheißung. Sie durften die Kräfte des zukünftigen Äons bereits schmecken (Heb.6:5), den vollen Segen aber erhalten sie erst im Königreich. Im Königreich wird sich erfüllen, was David sagte: »Wirf auf Jewe, was Er dir gewährt hat, und Er wird dich versorgen. Nicht wird Er zulassen, dass der Gerechte gleite für den Äon« (Ps.55:23).

 

Lernt von den Anemonen!

 

  Mit den Versen 27 bis 30 vertieft der Herr das Gesagte: »Wer von euch kann mit Sorgen seinem Vollwuchs eine Elle hinzufügen? Was seid ihr um die Kleidung besorgt? Lernt doch von den Anemonen auf dem Feld, wie sie wachsen! Sie mühen sich nicht, noch spinnen sie. Ich sage euch: Nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit (1.Kön.10:5) war so umhüllt wie eine von diesen. Wenn aber Gott das Gras auf dem Feld, das heute da ist und morgen in den Ofen geworfen wird (Ps.90:5,6), so kleidet, wird Er da nicht viel eher euch kleiden, ihr Kleingläubigen?«

  Kleinglaube gegenüber dem allmächtigen Gott war nie angebracht und angesichts Jesu Christi, ihres Königs, ebenso wenig; mögen sie Ihm viel, ja alles glauben in beständiger Treue. Wird Gott doch das auserwählte Volk im Königreich der Himmel nicht nur in prächtigste Kleidung hüllen, sondern sie auch befähigen, alle Nationen der Erde zu regieren. »Denn wie die Himmel erhabener sind als die Erde, so sind Meine Wege erhabener als eure Wege«, spricht Jewe, »und Meine Gedanken als eure Gedanken« (Jes.55:9).

 

Suchet zuerst das Königreich und seine Gerechtigkeit

 

  Der Herr fasst zusammen und kommt zum entscheidenden Punkt: »Daher sollt ihr euch nicht sorgen und sagen: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Womit sollen wir uns umhüllen? Denn nach all diesem trachtet man bei den Nationen. Euer himmlischer Vater weiß doch, dass ihr all dieser Dinge bedürft. Suchet nun zuerst das Königreich und seine Gerechtigkeit, und man wird euch dies alles hinzufügen. Folglich seid nicht um den morgigen Tag besorgt; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Hinreichend ist für jeden Tag sein eigenes Übel« (Verse 31-34).

  Die Nationen kennen den liebenden, allweisen und fürsorgenden Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus nicht und verfallen infolgedessen in sorgenvolle Habgier. Israel aber hat die herrliche Verheißung, dass der Vater ihnen alles bereitet hat. Denen, die das Königreich von Herzen suchen, wird Gott nicht nur dieses geben, sondern ihnen auch allen weiteren Reichtum hinzufügen. Die Treuen erfuhren es zeichenhaft immer wieder.

  Noch hat jeder Tag seine eigene Last. Sich heute schon die Last des morgigen Tages aufzuladen, also doppelte Last zu tragen, ist sehr töricht.

  Und wie strebt man nach dem Königreich Gottes und seiner Gerechtigkeit? - Indem man Gott glaubt und umsinnt und die Worte des Herrn Jesus Christus hört und sie tut (Mat.7:24).

  Die Regentschaft Jesu Christi in Gemeinschaft mit Seinem Volk Israel währt die beiden kommenden Äonen lang, den des tausendjährigen Königreichs und den der neuen Erde und des neuen Himmels.

  Was uns nun anbelangt, werden wir vor dem Zorn Gottes, der zum Abschluss unseres bösen Äons (Gal.1:4) über Israel und die Welt kommt (Röm.5:9; 1.Thess.5:9), geborgen für Christi überhimmlisches Königreich (2.Tim.4:18). Dort werden wir in den beiden kommenden Äonen inmitten der überhimmlischen Geschöpfe niedergesetzt sein, und Gott wird ihnen an uns den alles übersteigenden Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus zur Schau stellen (Eph.2:6,7), damit auch sie zur vollen Erkenntnis Gottes gelangen.

 

»Richtet nicht!«

(Matthäus 7)

  Unser Herr Jesus Christus setzt Seine Belehrung auf dem Berg fort: »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Urteil ihr richtet, werdet auch ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird man auch euch messen« (Mat.7:1,2).

  Hier geht es nicht um das Gericht Gottes vor dem großen, weißen Thron und nicht um die Rechtsprechung nach dem Gesetz des Mose. Auch das Recht eines Propheten, Johannes des Täufers und unseres Herrn, des zukünftigen Richters, Unrecht Unrecht zu nennen, bleibt unberührt, denn sie bezeichnen bestimmte Menschen urteilenderweise doch deshalb zum Beispiel als Heuchler, um die Sünde aufzudecken, damit der Sünder umsinne. Es geht um das gegenseitige Richten unter den Menschen, das aburteilende Reden hinter dem Rücken des Nächsten, und darum, dass einem mit gleicher Münze heimgezahlt wird, und schließlich, wie die anschließenden Verse 3 bis 5 zeigen, um die rechte Selbsterkenntnis, die nötig ist, bevor man einen Bruder ermahnt.

  Gewiss wird Gott einmal die Handlungen aller gerecht beurteilen und richten (was auch heißt: Gerechtigkeit herbeiführen und zurechtbringen), aber das ist hier nicht das Thema.

  Zunächst hören wir Jakobus: »Verleumdet einander nicht, Brüder. Wer den Bruder verleumdet oder seinen Bruder richtet, der verleumdet das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer allein ist der Gesetzgeber und Richter, Er, der retten und umbringen kann. Wer aber bist du, der du deinen Nächsten richtest?« (Jak.4:11,12). Und nun Paulus: »Darum bist du unentschuldbar, o Mensch - jeder, der richtet; denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst; denn du, der du richtest, verübst dasselbe« (Röm.2:1). In Römer 14:10-13 schreibt er: »Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verschmähst du deinen Bruder? Werden wir doch alle vor der Preisrichterbühne Gottes dargestellt werden; denn es steht geschrieben: So wahr Ich lebe, spricht der Herr: Vor Mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird Gott huldigen. Demnach nun wird jeder von uns für sich selbst Rechenschaft geben. Folglich lasst uns nicht länger einander richten, sondern achtet viel mehr darauf, dem Bruder keinen Anstoß oder Fallstrick zu geben.« Und in 1.Korinther 4:4,5 lesen wir: »Der mich aber erforscht, ist der Herr! Richtet daher nichts vor der gebührenden Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Ratschläge der Herzen offenbaren wird.«

  Wie sollen wir einander begegnen? »Werdet aber gegeneinander gütig und im Innersten wohlwollend, erweist euch gegenseitig Gnade, wie auch Gott euch in Christus Gnade erweist!« (Eph.4:32). Petrus sagt: »Liebe bedeckt eine Menge Sünden« (1.Pet.4:8); das heißt, die Liebe veranlasst uns, die Sünden der anderen nicht weiterzuerzählen.

 

Das Spänlein und der Balken

 

  Wie nun aber ermahnt man einen irrenden Bruder recht? Hören wir dazu die Verse 3 bis 5: »Wieso erblickst du denn das Spänlein in deines Bruders Auge, bedenkst aber nicht den Balken in deinem Auge? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich das Spänlein aus deinem Auge herausholen! - Und siehe, der Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler! Hole zuerst den Balken aus deinem Auge heraus; dann wirst du scharf genug sehen, um das Spänlein aus deines Bruders Auge herauszuholen.«

  Bevor man also einen anderen ermahnt, soll man seinen eigenen Lebenswandel bereinigen; da sind vielleicht noch dunklere Flecken. Rechte Selbsterkenntnis und Barmherzigkeit sowie nicht Überheblichkeit, sondern Trauer über die Sünde sind die unabdingbaren Voraussetzungen für den Dienst am Nächsten.

 

Die Perlen

 

  Weiter sagte der Herr: »Gebt das Heilige nicht streunenden Hunden, noch werft eure Perlen vor die Schweine, damit diese [die Schweine] sie nicht mit ihren Füßen niedertreten und jene [die Hunde] sich nicht gegen euch wenden und euch zerfleischen« (Vers 6).

  Das Heilige und die Perlen sind die Schätze Israels, »der Sohnesstand und die Herrlichkeit, die Bündnisse und die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen« (Röm.9:4). Hunde und Schweine sind nach dem Gesetz unreine Tiere. Die Hunde und Schweine stehen bildlich für Nicht-Juden (vgl. Mat.15:24-27). Die Nationen schätzen Israel nicht, sie würden deshalb seine Herrlichkeiten aus Unverstand niedertreten und Israel aus Neid zerfleischen.

  Damals, als Israel zur Umsinnung aufgerufen war, war es richtig, nur Israel zu dienen (Mat.15:24), denn nur das wiedergezeugte Israel kann den Nationen zum Segen werden. Heute verhält es sich anders. Wohl werden wir schweigen, wenn man unser Evangelium nicht mehr hören will; da wir aber in der dem Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes leben (Eph.3:2; Kol.1:25; Röm.5:20), wird Gott selbst einen auserwählten Lästerer, Verfolger und Frevler, wie Paulus einer war (1.Tim.1:13), irgendwann wieder ansprechen, sei es durch uns oder andere Gläubige, und berufen.

 

Bittet, sucht, klopft an!

 

  In den Versen 7 bis 11 ermutigt Jesus Christus zum vertrauensvollen Bitten, Suchen und Anklopfen: »Bittet, und euch wird gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und euch wird geöffnet werden. Denn jeder, der bittet, erhält; und wer sucht, der findet; und dem, der anklopft, wird geöffnet werden. Oder ist da ein Mensch unter euch, den sein Sohn um Brot bitten wollte - er wird ihm doch keinen Stein reichen! Oder wenn er um seinen Fisch bittet, wird er ihm keine Schlange reichen! Wenn ihr nun, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater in den Himmeln denen Gutes geben, die Ihn bitten!«

  Was soll Israel erbitten? »Dein Königreich komme!« (Mat.6:10) und »den heiligen Geist« (Luk.11:13). Was soll Israel suchen? »Das Königreich und seine Gerechtigkeit« (Mat.6:33). Und Gott sollen sie suchen, Jewe, ihren Elohim (5.Mose 4:29; Jer.29:13,14; Spr.8:17). Alle ihre Anliegen werden ihnen bei der Wiederkunft Jesu Christi erfüllt werden. Wenn die Menschen, die von Jugend an böse sind (1.Mose 8:21), ihren Kindern schon Gutes geben können, wie viel mehr ihr himmlischer Vater.

  Israel soll allerdings in Jesu Namen (Joh.14:14) und nach dem Willen Gottes bitten (1.Joh.5:14). Voraussetzung für die Erhörung ist, dass sie Gottes Gebote halten (1.Joh.3:22) und im Glauben bitten (Mat.21:22; Jak.1:6). Und dann wird Israel erfahren: »Du, Jewe, bist gut und erbarmend und erzeigst große Huld all denen, die zu Dir rufen« (Ps.86:5).

 

Die goldene Regel

 

  Vers 12 wird allgemein die goldene Regel genannt. Unser Herr sagte: »Alles nun, was auch immer ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das erweist auch ihr ihnen ebenso! Denn dies ist das Gesetz und die Propheten.« Das heißt das Gesetz und die Propheten bringen zum Ausdruck, den Nächsten zu lieben (3.Mose 19:18). Und ein sehr praktischer Weg, auf die richtige Idee zu kommen, ist, zu überlegen, was einem selber gut tun würde. Die Liebe mag dem einen oder anderen von uns Darüberhinausgehendes einfallen lassen.

  Paulus schreibt dazu: »Seid niemandem irgend etwas schuldig, außer einander zu lieben; denn wer den anderen liebt, hat das Gebot erfüllt« (Röm.13:8); er bezeichnet die Liebe sogar als »die Vervollständigung des Gesetzes« (Röm.13:10).

 

Die enge Pforte

 

  Nun fordert Jesus Seine Zuhörer auf: »Gehet ein durch die enge Pforte; denn breit ist die Pforte und geräumig der Weg, der zum Untergang hinführt, und viele sind es, die durch sie hineingehen. Wie eng aber ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben hinführt! Doch wenige sind es, die ihn finden« (Verse 13+14).

  Ähnlich wie Mose (5.Mose 30:15,19) hatte der Prophet Jeremia gesagt: »So spricht Jewe: Siehe, Ich lege euch den Weg des Lebens und den Weg des Todes vor« (Jer.21:8).

  Die breite Pforte und der geräumige Weg ist der bequeme, selbstsüchtige Wandel, der dazu führt, dass man Schlechtes verübt und dann erst an der zweiten Auferstehung, der des Gerichts, teilhat (Joh.5:29). Der Psalmist sagt: »Jewe kennt den Weg der Gerechten, doch der Weg der Frevler führt zum Untergang« (Ps.1:6).

  Die enge Pforte und der schmale Weg ist ein Wandel in Liebe nach dem Gesetz und den Propheten, der zur Folge hat, dass man das Gute tut und an der ersten Auferstehung teilhat, der des Lebens in den beiden kommenden Äonen im Königreich Israels (Joh.5:29).

  Heute ist die Pforte nach dem dem Apostel Paulus enthüllten Evangelium der Unbeschnittenheit (Gal.1:12; 2:7) über alle Maßen breit und ein Weg ist gar nicht zurückzulegen. Nichts hat ein Sünder zur Erlangung der Rettung zu tun. Gott beruft Seine Auserwählten nach Seiner überströmenden Gnade, ihnen den Glauben in Gnaden gewährend (Röm.8:30; Eph.1:4; 2:8; Phil.1:29).

  Zurück zum Text. Wie froh dürfen doch die sein, die den schmalen Weg gehen, den nur wenige finden: »Glückselig der Mensche, der Weisheit gefunden, und der Mensch, der Verständnis erlangt hat« (Spr.3:13). Und wie dankbar sie mit König David lobsingen: »Du hast mich mit dem Pfad des Lebens bekannt gemacht, vor Deinem Angesicht ist überaus befriedigende Freude« (Ps.16:11).

 

An den Früchten zu erkennen

 

  Der Herr warnte: »Nehmt euch in Acht vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber räuberische Wölfe sind. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Man liest doch nicht Weinbeeren von Dornbüschen oder Feigen von Sterndisteln. So trägt auch jeder gute Baum edle Früchte, der faule Baum aber trägt böse Früchte. Ein guter Baum kann nicht böse Früchte tragen, noch kann ein fauler Baum edle Früchte tragen. Jeder Baum, der nicht edle Frucht trägt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. An ihren Früchten werdet ihr sie demnach sicher erkennen« (Verse 15-20).

  Falsche Propheten waren Israel nicht unbekannt. Von Mose und Jeremia zum Beispiel waren sie bereits angeprangert worden (5.Mose 13:1-6; Jer.6:13). Ein Prophet, dessen Weissagung eintraf, war ein von Jewe gesandter (Jer.28:9). Ein falscher Prophet war einer, dessen Wort nicht eintraf, und jemand, der Israel von Jewe, seinem Elohim, wegziehen wollte, und zwar auch dann, wenn seine Weissagung eintraf (5.Mose 13:1-6). Sie waren zu steinigen.

  Heute gibt es keine Propheten mehr, denn der Apostel Paulus hat das Wort Gottes vervollständigt (Kol.1:25). Es ist nichts mehr hinzufügen. Die Propheten bilden die Grundlage der herausgerufenen Gemeinde (Eph.2:20). Heute wird nicht mehr Grund gelegt.

  In der Endzeit wird Israel die falschen Propheten unter anderem daran erkennen, dass sie Jesus, ihren Messias, nicht als im Fleisch gekommen bekennen. Diese haben den Geist des Antichristus (1.Joh.4:1-3). In jenen letzten sieben Jahren wird der falsche Prophet (das andere wilde Tier neben dem wilden Tier, dem Menschen der Gesetzlosigkeit; 2.Thess.2:3) auftreten, der wie ein Lämmlein aussieht, aber wie ein Drache redet (Off.13:11; 19:20). An dieser üblen Frucht werden die gläubigen Juden ihn erkennen.

  Faule Bäume tragen böse Früchte. Von den Früchten lässt sich mithin auf die Qualität des Baumes schließen. Viele Male wird dem Volk Israel bezeugt, dass faule Bäume umgehauen und ins Feuer geworfen werden, Juden solchen Charakters also nicht in das Königreich Israels gelangen (Mat.3:10; Joh.15:2). Die edlen Früchte, nämlich die Feigen und Weinbeeren, stehen für die gerechte Regierung des Messias und die Freude im Königreich. Die Juden, die diese Früchte hervorbringen, werden sich des Königreichs mit seiner Gerechtigkeit und seinem Frieden erfreuen und tatsächlich ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen (Micha 4:4).

  In der gegenwärtigen heilsgeschichtlichen Haushaltung (Eph.3:2) hängt unsere Rettung nicht an den Früchten, da wir allein in der Gnade berufen wurden und unverrückbar in der Gnade stehen (Eph.2:8; Röm.5:2). Selbst wenn wir ohne Frucht bleiben sollten, weder die Frucht des Geistes an uns sichtbar wird (Gal.5:22) noch der Prüfung standhaltende Werke auf den von Paulus gelegten Grund bauen sollten, sind und bleiben wir Gerettete (1.Kor.3:10-15). In unserem Falle sind Früchte mithin kein absolutes Erkennungsmerkmal. Und wie viele Gläubige wandeln fleischgemäß und nicht geistgemäß! (Näheres siehe den Artikel »An ihren Früchten können wir sie nicht erkennen« in der Zeitschrift »Unausforschlicher Reichtum«, Jahrgang 2000, Seite 60, des Konkordanten Verlags Pforzheim.)

 

Das Tun ist entscheidend

 

  Rechte Frucht brachte nur der, der den Willen Gottes tat, und nicht jeder, der da »Herr, Herr« sagte oder sogar prophezeite. Dies machte Jesus in den Versen 21 bis 23 deutlich: »Nicht jeder, der zu Mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern nur, wer den Willen Meines Vaters in den Himmeln tut. Viele werden Mir an jenem [Gerichts-]Tag erwidern: Herr! Herr! Haben wir nicht in Deinem Namen prophezeit, in Deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in Deinem Namen viele Machttaten getan? - Dann werde Ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt. Weichet von Mir, die ihr gesetzlos handelt!«

  Falsche »Fromme« verherrlichen Gott mit ihren Lippen, doch ihr Herz ist ferne von Ihm (Jes.29:13). Die größten Verführer sind die, die in den Kräften Satans und der geistlichen Mächte der Bosheit Bekundungen des Geistes Gottes nachahmen. Satan verstellt sich zu einem Boten des Lichts (2.Kor.10:14), und die Heiligen, die sich nicht an das Wort Gottes halten, merken es nicht.

  »Entfernt euch alle von mir, die ihr Gesetzlosigkeit vollbringt«, hatte schon König David gesagt (Ps.6:9). Der Herr hat die gesetzlos Handelnden nie gekannt in dem Sinne, dass sie nie eins mit Ihm waren. Nur wer den Willen des Vaters tut, ist eins mit dem Sohn, der stets den Willen Seines Vaters tat. Deshalb spricht Jakobus zu: »Werdet aber Täter des Wortes und nicht solche, die nur darauf lauschen, sonst hintergeht ihr euch selbst« (Jak.1:22). Und Johannes verheißt: »Wer den Willen Gottes tut, bleibt für den Äon« (1.Joh.2:17).

 

Das Schlusswort

 

  Der Herr Jesus Christus schloss Seine Rede mit den Worten: »Jeder nun, der diese Meine Worte hört und sie tut, gleicht einem besonnenen  Mann, der sein Haus auf den Felsen baute. Dann fiel der Regen herab, und die Ströme kamen, die Winde wehten und stürmten auf jenes Haus ein; doch es fiel nicht zusammen, denn es war auf den Felsen gegründet. - Jeder, der diese Meine Worte hört und sie nicht tut, gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf den Sand baute. Dann fiel der Regen herab, und die Ströme kamen, die Winde wehten und stießen an jenes Haus; da fiel es zusammen, und gewaltig war sein Zusammenfallen« (Verse 24-27).

  Unser Herr verkündigte nicht Gottes Gnade, sondern das Königreich Israels, und suchte edle Werke. Der besonnene Mann tat solche, der törichte baute sein Leben auf eine falsche Grundlage. Wer sein Haus auf Christus, den Felsen (Ps.18:3; 62:8; 1.Kor:10:4), baut, dessen Worte hörend und tuend, wird gerettet, geht in das Königreich der Himmel ein und wird das äonische Leben haben.

  Das uns angehende Evangelium dagegen ist für solche, die nicht wirken, sondern glauben; denen wird der Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet (Röm.4:5).

  Die schweren Stürme - sie stehen für den Grimm Gottes (Hes.13:13) - begleiten das Kommen des Königreichs in der siebenjährigen Endzeit, der Zeit des Zorns und gerechten Gerichts Gottes. Nur wer überwindet, wird gerettet werden (Off.2:7,11,17,26; 3:5,12,21).

  Mit diesen Schlussworten hat Jesus Christus Seinem Volk den Weg des Lebens und den Weg des Todes vorgelegt. Wie wird Israel sich entscheiden, oder besser gesagt: Welche Entscheidung Israels wird Gott, der alles nach Seinem weisen Ratschluss Bewirkende (Eph.1:11), nach Seinem in Christus Jesus gefassten Vorsatz für den Ablauf der Äonen (Eph.3:11) hervorrufen?

 

Sie verwunderten sich über Seine Lehre

 

  Über die Reaktion der Menschen berichtet Matthäus wie folgt: »Als Jesus diese Worte vollendet hatte, geschah es, dass die Scharen sich über Seine Lehre verwunderten; denn Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat und nicht wie ihre Schriftgelehrten« (Verse 28+29).

  Jesu Hörer waren innerlich aufgewühlt. Sie müssen die traditionelle Auslegung der heiligen Schriften durch die Pharisäer und Schriftgelehrten als von geringerer Autorität erkannt haben, weil sie dem Menschen die Ehre gab. Hier aber sprach einer, dessen Vollmacht, so zu reden, nur auf Gott zurückgeführt werden konnte und der die Verherrlichung Gottes im Sinn hatte.

  Der da gesprochen hatte, war Jesus, der Seinem Gott und Vater gegenüber treu war, ja der Selbst das Wort Seines Gottes und Vaters war. Von Ihm durfte Israel die Rettung erwarten, wie auch Sein Name in der hebräischen Form erkennen lässt: Jehoschua, die Zusammenziehung von Jewe und Hosea, bedeutet »Jewe ist der Retter«.

  Zu wiederholten Malen verwunderten sich die Menschen über Jesu Worte. Als Er in der Synagoge von Nazareth lehrte, verwunderten sie sich und sagten: »Woher hat der diese Weisheit und die Kräfte?« (Mat.13:54). Und als die Sadduzäer, die die Auferstehung leugneten, an Ihn herantraten, sagte Jesus: »Was die Auferstehung der Toten betrifft: habt ihr nicht gelesen, was euch von Gott angesagt war: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs -? (2.Mose 3:6). Er ist kein Gott der Toten, sondern der Gott der Lebendigen.« Als die Scharen das hörten, verwunderten sie sich über Seine Lehre (Mat.22:31-33).

  Wir, die wir Jesus Christus bereits kennen und als unseren Herrn verherrlichen, schließen die Betrachtung Seiner Rede auf dem Berg mit den Worten: Wahrhaftig, dieser ist Gottes Sohn! Er wird das Königreich Israels herbeiführen!

 

Jesus hat die Macht zu heilen

(Matthäus 8:1-9:8)

 

  Jesu Worte auf dem Berg waren von göttlicher Vollmacht. Hatte Er aber auch - so mögen sich welche gefragt haben - wirklich die Macht, das Königreich für Israel aufzurichten? Matthäus berichtet in den Kapiteln acht und neun von mehreren Heilungen und anderen Wundern Jesu, die Seine Macht beweisen.

 

Die Reinigung des Aussätzigen

 

  Er schreibt in den Versen 1 bis 4: »Dann stieg Er vom Berg herab, und viele Scharen folgten Ihm nach. Und siehe, ein Aussätziger kam herzu, fiel vor Ihm nieder und bat: Herr! Wenn Du willst, kannst Du mich reinigen. Da streckte Er Seine Hand aus, rührte ihn an und sagte: Ich will! Sei gereinigt! - Und sofort war sein Aussatz gereinigt. Darauf gebot Jesu ihm: Siehe zu, sage niemandem etwas, sondern gehe hin, zeige dich dem Priester und bringe die Nahegabe dar, die Mose anordnete, ihnen zum Zeugnis.«

  Ein Aussätziger! Sein Körper ist von einer schweren Krankheit gezeichnet, die zudem aus der menschlichen Gesellschaft ausschloss und kultisch unrein machte.

  Und dieser Mensch scheute sich nicht und kam zu Jesus. Er redete Ihn mit »Herr« an, als einen, der herrschen und gebieten kann. Gewiss hatte er von der göttlichen Vollmacht Jesu gehört.

  »Wenn Du willst«, sagte der Aussätzige. Dies ist die rechte Glaubenshaltung dem Herrn gegenüber, bei dem allein die Entscheidung liegt. »... kannst Du mich reinigen.« Dass Jesus dazu imstande ist, steht für jeden Glaubenden fest. Er sagte übrigens nicht »heilen«, sondern »reinigen«, was den Gedanken an eine Reinigung zugleich auch von Sünden nicht ausschließt. Und Er, der das Leben ist (Joh.14:6), Jesus, der lebendig machende Geist (1.Kor.15:45), wollte und sprach daher: »Sei gereinigt!« Und es geschah, wie in Psalm 33:9 geschrieben: »Er [Jewe] spricht, und es geschieht, Er gebietet, und es steht da.«

  Dann wies der Herr, der unter dem Gesetz war und es zu erfüllen gekommen war, den Gereinigten an, sich dem Priester zu zeigen und die in 3.Mose 14:1-32 angeordneten Nahegaben (Geschenke, mit denen man sich Gott huldigend naht) darzubringen. Nun musste ein Priester, also jemand aus den Gegnern Jesu Christi, offiziell feststellen, dass der Mann gesund geworden war. Nirgendwo ist auch nur angedeutet, dass die Priesterschaft Jesus jetzt als den verheißenen Messias erkannte, der nach den heiligen Schriften doch solche Zeichen im Hinblick auf das Königreich tun wird (Jes.29:18,19; 35:5; 61:1-3; Mat.11:3-6). Und wohl kaum einem Priester dürfte der Gedanke gekommen sein, dass die Reinigung des Aussätzigen durch Jesus ein Zeichen dafür war, dass nur Er Israel von der Krankheit der Sünde heilen kann.

  Der Herr schloss Seine Rede mit den Worten: »... ihnen zum Zeugnis.« Den Führern des Volkes war damit bezeugt, dass Jesus die Kräfte des Messias hat, sodass sie sich nicht mehr als Unwissende entschuldigen konnten.

 

Die Heilung des Knaben eines Hauptmanns in Kapernaum

 

  Eine zweite Heilung zeichnet Matthäus in den Versen 5 bis 13 nach: »Als Er in Kapernaum einzog, kam ein Hauptmann zu Ihm, sprach Ihm zu und sagte: »Herr, mein Knabe liegt zu Haus gelähmt darnieder, von Schmerzen unsagbar gequält.« Da sagte Er zu ihm: »Ich will kommen, Ich werde ihn heilen.« Der Hauptmann entgegnete als Antwort: »Herr, ich bin nicht würdig genug, dass Du unter mein Dach kommst, sondern sprich nur ein Wort, und mein Knabe wird geheilt sein. Denn ich bin ein meiner Obrigkeit untergeordneter Mensch, ich habe selbst Krieger unter mir, und wenn ich zu diesem sage: Geh!, so geht er, und zu dem anderen: Komm!, so kommt er, und zu meinem Sklaven: Tue dies!, so tut er es.« Als Jesus das hörte, erstaunte Er und sagte zu denen, die Ihm nachfolgten: »Wahrlich, Ich sage euch: Bei niemandem in Israel habe Ich so viel Glauben gefunden. Ich sage euch aber: Viele werden vom Osten und Westen eintreffen und sich mit Abraham, Isaak und Jakob  im Königreich der Himmel zu Tisch lagern; die Söhne des Königreichs aber wird man hinauswerfen in die Finsternis, die draußen ist. Dort wird Jammern und Zähneknirschen sein.« Doch zu dem Hauptmann sagte Jesus: »Gehe hin! Wie du glaubst, so geschehe dir.« Und zu jener Stunde wurde der Knabe geheilt. Der Hauptmann kehrte zur selben Stunde in sein Haus zurück und fand den Knaben gesund.«

  Der Zenturio, Anführer einer Hundertschaft der römischen Armee, dessen Knappe gelähmt war, nahm eine vorbildliche Haltung gegenüber dem Herrn ein, da er erkannte, dass er nicht würdig genug war, dass Jesus zu ihm komme. Und überhaupt ist bemerkenswert, dass ein Nichtjude, ein Heide aus der Sicht der Juden, glaubte, dass Jesus von Gott gesandt war, und sogar glaubte, dass dieser auch ohne persönliche Anwesenheit in der Kraft Seines Geistes über Entfernungen hin wirken könne. Dabei kam ihm zustatten, dass er es selbst täglich in der Armee erlebte, welche Autorität sein Wort hatte, und vieles getan wurde, ohne dass er selbst Hand anlegte.

  Die Heilung des Knappen, der nichts tat, um gesund zu werden, und auch gar keine Kraft dazu hatte, lässt uns - wenn man den Gedanken so weit ausspinnen darf - an unsere eigene Rettung denken, zu der wir, die aus den Nationen, ebenfalls nichts beigetragen haben. Wir sind in der Gnade Gerettete, allein durch Glauben, ohne jegliches Wirken (Röm.3:28; Eph.2:8).

  Im Königreich der Himmel wird sich das wiedergezeugte, gläubige und treue Israel mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch lagern. Es werden aber auch viele aus den Nationen vom Osten und vom Westen eintreffen und dabei sein. Wie Jewe durch Jesaia gesagt hatte: »Und überdies will Ich Mir welche von ihnen [welche aus den Nationen] zu Priestern und zu Leviten nehmen« (Jes.66:21). Wenn das Lämmlein mit Israel, Seiner Braut, Hochzeit feiert, wird es auch zum Hochzeitsmahl Geladene, eben welche aus den Nationen, geben (Off.19:7,9). Dies illustriert der Psalm 45: »Aufgestellt ist die Gemahlin zu Deiner Rechten in gleißendem Ophirgold. ... Mit Stickwerk bekleidet wird sie zum König geholt werden. Jungfrauen, ihre Gefährtinnen, nach ihr, werden zu Dir hineingebracht. Sie werden mit Frohlocken geholt werden, sie sollen in den Palast des Königs kommen« (Verse 10,15,16). Mit den Jungfrauen dürften welche aus den Nationen gemeint sein.

  Diese aus den Nationen sind nicht zu verwechseln mit den Gläubigen aus den Nationen in der gegenwärtigen, dem Apostel Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Verwaltung der Gnade Gottes, also mit uns, die wir zusammen mit den während der Verwerfung Israels gläubigen Juden die Gemeinde bilden, die Christi Körper - nicht Braut - ist (Eph.1:22,23; 3:2; Kol.1:25).

  Die Söhne des Königreichs aber, das heißt in diesem Zusammenhang die nicht glauben, dass Jesus der Christus ist, die zwar berufen, aber nicht auserwählt sind (Mat.22:14), werden draußen, in der Finsternis, sein. Denn nicht alle, die aus Israel sind, sind Israel, sondern nur die Kinder der Verheißung (Röm.9:6-8), nur die auch am Herzen Beschnittenen (Röm.2:29). Nur die Gnadenauswahl aus Israel wird das auserwählte Volk in seiner Gesamtheit darstellen (Röm.11:5,7,26).

  Die ungläubigen Nachkommen Jakobs werden während des tausendjährigen Königreichs in der Finsternis sein, draußen unter den Nationen, fern vom Licht, fern von der strahlenden Herrlichkeit Israels, die Jesaia wie folgt beschreibt: »Leuchte, leuchte, Jerusalem! Denn gekommen ist dein Licht, und die Herrlichkeit Jewes strahlt auf über dir. Denn siehe! Finsternis bedeckt die Erde und Wetterdunkel die Völkerstämme. Doch Jewe strahlt auf über dir, und Seine Herrlichkeit erscheint über dir. Es kommen die Nationen zu deinem Licht und Könige zu dem Glanz, der über dir erstrahlt« (Jes.60:1-3). Fern vom Königreich der Himmel zu sein, ist für einen Juden wahrhaft ein Grund zum Jammern und Zähneknirschen.

  Und der Hauptmann fand seinen Knappen gesund. Und dafür verherrlichen wir Gott mit den Worten des Petrus nach der Heilung eines Gelähmten an der Tür der Weihestätte: »Auf den Glauben an Seinen [Jesu] Namen hin hat Sein Name diesen, den ihr anschaut und mit dem ihr vertraut seid, [in den Füßen] gefestigt. Und der durch Ihn [Jesus] gewirkte Glaube hat ihm vor euch allen diese völlige Gesundung gegeben« (Ap.3:16).

 

Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus

 

  Dann schildert Matthäus eine dritte Heilung: »Dann kam Jesus in das Haus des Petrus und gewahrte dessen Schwiegermutter fiebernd darniederliegen. Er rührte ihre Hand an, und das Fieber verließ sie. Da erhob sie sich und bediente Ihn« (Verse 14+15).

  In Jesus Christus ist Geist und damit Leben in überfließendem Maß. - Dass die Apostel verheiratet waren, wissen wir auch aus 1.Korinther 9:5, wo Paulus schreibt: »Haben wir denn keine Vollmacht, eine Schwester als Frau mit uns zu führen wie auch die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?«

 

Er trug unsere Gebrechen

 

  Des Weiteren berichtet Matthäus: »Als es Abend geworden war, brachte man viele dämonisch Besessene zu Ihm; mit einem Wort trieb Er die Geister aus; und alle, die mit Krankheit übel daran waren, heilte Er, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaia angesagt war: Er hat unsere Gebrechen auf Sich genommen und unsere Krankheiten getragen« (Verse 16+17).

  Das zitierte Wort lautet in Jesaia 53:4: »Dennoch, unsere Krankheiten - Er, Er trug sie, und unsere Schmerzen - Er bürdete sie Sich auf.« Er, der letzte Adam (1.Kor.15:45), war gekommen, aus Liebe zu den Sündern zu leiden und ihre Sünden an das Holz hinaufzutragen, sodass Er auch die Folgen der Sünde Adams, nämlich zum Sterben hin sterbend zu sein (1.Mose 2:17), was mit Krankheiten verbunden ist, beheben konnte.

  Jesus ist der Herr und hocherhaben auch über alle Geister und Dämonen; Er befiehlt, und sie weichen.

 

Die Belehrung zweier Nachfolgewilligen

 

  »Jesus gewahrte nun die vielen Scharen um Sich herum und befahl, nach dem jenseitigen Ufer hinüberzufahren. Da kam ein Schriftgelehrter herzu und sagte zu Ihm: Lehrer! Ich werde Dir folgen, wohin Du auch gehst. Jesus antworte ihm: Die Schakale haben Baue, und die Flügler des Himmels haben Unterschlupf; aber der Sohn des Menschen hat keine Stätte, wo Er das Haupt hinlege« (Verse 18-20).

  Jesus war mehr als ein Lehrer. Er bezeichnete Sich Selbst als den Sohn des Menschen, denn Er ist der verheißene Sohn Adams (1.Mose 3:15), viel größer als dieser, und bringt alles, was Adam verwirkt hat, mehr als zurück (Röm.5:12-19).

  Welch eine Erniedrigung für Ihn, in welchem alle Kreatur erschaffen war (Kol.1:16). Die Tiere haben ihre Schlafplätze, Er aber nicht. Jetzt entschied sich, ob der Schriftgelehrte nur die Ehre suchte, zum Kreis eines bekannten Lehrers zu gehören, oder ob er wirklich bereit war, die schlichte Lebensweise eines Umherziehenden zu teilen.

  Ja, Jesus war, obwohl Er reich war, um unsertwillen arm geworden (2.Kor.8:9).

  Der Schriftgelehrte hat entweder bereits geglaubt, dass Jesus der König Israels ist, oder es muss ihm sofort klar geworden sein, als er den Begriff »Sohn des Menschen« hörte, den er aus Daniel 7:13,14 kannte, wo Daniel schreibt: »Während ich noch die Nachtgesichte gewahrte, siehe, da kam mit den Wolken der Himmel einer wie eines Menschen Sohn [wörtlich: wie eines Sterblichen Sohn]; Er kam zu dem Verfüger über Tage und wurde nahe zu Ihm gebracht. Dann wurde Ihm Vollmacht, Würde und ein Königreich gewährt, und alle Völker, Stämme und Zungen sollen Ihm dienen; Seine Vollmacht, eine äonische Vollmacht, wird nicht vergehen, und Sein Königreich wird [für die Äonen; 1.Kor.15:24] unbegrenzt sein.«

  Es schließen sich die Verse 21 und 22 an: »Ein anderer, einer der Jünger, sagte zu Ihm: Herr, gestatte mir, zuerst hinzugehen, um meinen Vater zu begraben. Darauf erwiderte Jesus ihm: Folge Mir, und lass die Toten ihre Toten begraben.«

  Damals galt es, dem Herrn in unmittelbarer Nähe zur Verfügung zu stehen; da konnte man nicht an einem anderen Ort sein, etwa um familiären Verpflichtungen nachzukommen. Heute können wir unserem Haupt immer und überall, in Beruf und Familie und was sonst sein mag, ungeteilten Herzens dienen. Paulus schreibt: »Alles, was ihr tut, wirket aus der Seele, als gälte es dem Herrn und nicht den Menschen« (Kol.3:23).

  Im Übrigen ist klar, dass mit den Toten zum einen die Verstorbenen und zum anderen die gemeint sind, die den, der das Leben ist, nicht erkennen, und das Leben somit nicht haben.

 

Das Seebeben

 

  »Dann stieg Er ins Schiff, und Seine Jünger folgten Ihm. Und siehe, im See geschah ein großes Beben, sodass das Schiff von den Wogen bedeckt wurde. Er aber schlummerte. Da traten sie herzu, weckten Ihn und sagten: Herr! Rette uns! Wir kommen um! - Er erwiderte ihnen: Was seid ihr so verzagt, Kleingläubige? Dann erhob Er Sich, schalt die Winde und den See, und es trat große Stille ein. Die Menschen aber sagten erstaunt: Was ist das für ein Mensch, dass auch die Winde und der See Ihm gehorchen?« (Verse 23-27).

  Wer ist dieser, dem sogar die Naturgewalten gehorchen? Der Sohn Gottes, dem der Vater alle Vollmacht gegeben hat! Der König Israels, der eines Tages zudem die Stürme der Weltgeschichte stillen wird!

  Wie kann man verzagt und kleingläubig sein, wenn Sich Jesus im selben Schiff befindet? Und wie können wir verzagt sein, wenn wir wissen, dass der allgewaltige Gott unser herrlicher und treuer Vater ist, der alles nach Seinem weisen Liebesratschluss bewirkt (Eph.1:11)?

  Eine Frage noch: Was ist unter dem in Vers 28 gebrauchten Wort »schelten« zu verstehen? Ein werturteilendes Zurechtweisen (von griech. epitimaõ = auf den Wert einer Sache weisen).

 

Die Austreibung von Dämonen in eine Schweineherde

 

  Was darauf in der Gegend von Gergesa (nach dem redigierten Codex Sinaiticus S2, der vorher Gasarener hatte; Codex Vaticanus hat Gadarener) geschah, erfahren wir durch die Verse 28 bis 34: »Als Er an das jenseitige Ufer in die Gegend von Gergesa kam, traten Ihm zwei dämonisch Besessene entgegen, die aus den Gräbern herauskamen und sehr gefährlich waren, sodass niemand auf jenem Weg vorbeizukommen vermochte. Und siehe, sie schrien und sagten: »Was ist zwischen uns und Dir, Du Sohn Gottes? Kamst Du her, um uns vor der gebührenden Zeit zu quälen?« Weiter entfernt von ihnen war nun ein großer Auftrieb weidender Schweine. Da flehten die Dämonen Ihn an und baten: »Wenn Du uns austreibst, so schicke uns in den Auftrieb der Schweine!« Darauf gebot Er ihnen: »Geht!« Da fuhren sie aus; und siehe, als sie in die Schweine fuhren, stürmte der gesamte Auftrieb den Abhang hinab in den See, und sie starben im Wasser. Die sie weideten, flohen dann und gingen hin in die Stadt, wo sie dies alles berichteten, auch was mit den dämonisch Besessenen geschehen war. Und siehe, die gesamte Stadt zog Jesus entgegen; als sie Ihn gewahrten, sprachen sie Ihm zu, dass Er von ihrem Grenzgebiet weitergehe.«

  Zwei dämonisch Besessene hausten in den in die Felsen geschlagenen Grabhöhlen in der Nähe eines recht steilen Abhangs nicht weit von der heute Chersa genannten Ortschaft am See Genezareth.

  Die Dämonen wissen, wer Jesus ist. Jakobus erklärt: »Auch die Dämonen glauben - und schaudern dabei« (Jak.2:19). Dämonen sind die niedrigere Klasse böser Geister; ihr Oberster ist Beezeboul (Mat.12:14). Andere böse Geister sind Boten des Satans (2.Kor.12:7) und sogar Weltbeherrscher der gegenwärtigen Finsternis (Eph.6:12). Die Dämonen ziehen es vor, in einem Körper zu wohnen, und sei es von Schweinen. Auf keinen Fall wollen sie in den Abgrund. Zum Abgrund zählt nach der Bibel alles, was unter der Erd- und Wasseroberfläche ist.

  Wann werden die Dämonen gequält werden? Sicherlich zusammen mit dem Satan im See des Feuers (Off.20:10) und wohl auch zusammen mit dem Satan in den tausend Jahren, während derer er und seine Boten im Abgrund sind (Mat.25:41; Off.20:3).

  Und genau dorthin, in den Abgrund, gelangten sie mit den im See sterbenden Schweinen - und vor der Zeit. Im Abgrund zu sein - zum Gericht des großen Tages in unwahrnehmbaren Fesseln in Dunkelheit verwahrt (vgl. Jud.6) - ist für sie eine Qual.

  Statt sich dem Sohn Gottes zuzuwenden, bat die ganze Stadt Ihn, ihr Gebiet zu verlassen; Seine Heiligkeit war für sie, die in der Sünde verharren wollten, schwer zu ertragen.

  Den Eigentümern der Schweine geschah kein Unrecht, denn die Schweinehaltung war nach dem Gesetz des Mose verboten.

 

Die Heilung und die Erlassung der Sünden eines Gelähmten

 

  »Dann stieg Er in ein Schiff, fuhr hinüber und kam wieder in Seine eigene Stadt. Und siehe, man brachte einen Gelähmten zu Ihm, der auf einem Tragbett darniederlag. Ihren Glauben gewahrend, sagte Jesus zu dem Gelähmten: »Fasse Mut, Kind! Deine Sünden sind dir erlassen!« Und siehe, einige der Schriftgelehrten sagten bei sich: »Dieser lästert!« Da Jesus ihre Überlegungen wahrnahm, sagte Er: »Warum überlegt ihr Böses in euren Herzen? Was ist denn leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir erlassen - oder zu sagen: Erhebe dich und wandle? Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu erlassen (sagte Er dann zu dem Gelähmten): Erhebe dich, nimm dein Tragbett auf und gehe hin in dein Haus!« Da erhob er sich und ging in sein Haus. Die Scharen, die dies gewahrten, fürchteten sich und verherrlichten Gott, der den Menschen solche Vollmacht gibt« (Mat.9:1-8).

  Nur Gott kann Sünden erlassen. - Und Jesus? Der Vater hatte Ihm, der die Sünde der Welt auf Sich nehmen wird, bereits die Vollmacht zu ebensolchem Tun gegeben.

  Anders als die Gergesener hatten die in Kapernaum, die den Gelähmten herbeibrachten, und wohl auch der Kranke selbst, Glauben. Sie stellen den gläubigen Überrest dar, dem das Königreich zugelost werden wird. Die Schriftgelehrten glaubten nicht, dass Jesus der von Gott Gesandte ist. Die Führer des Volkes stellten sich damit gegen Ihn. Sie repräsentieren die abgefallene Nation.

  Der Herr schien das Anliegen des Gelähmten zu übergehen, denn Er ging gar nicht auf sein Leiden ein, sondern erließ ihm die Sünden. Diese Tat aber brachte nun zum Vorschein, was in den Schriftgelehrten war, nämlich der böse Vorwurf der Gotteslästerung, weil Er Sich Gottes Amt anmaße. Diese ihre Gedanken nahm Jesus wahr, denn Er kannte alle Menschen und wusste, was in jedem Einzelnen war (Joh.2:25).

  Und dann frage Er sie, was denn leichter sei: Sünden zu erlassen oder den Kranken zu heilen. Es ist leicht zu sagen: Deine Verfehlungen sind dir vergeben, weil dies ja niemand nachprüfen kann. Darum aber, damit sie erkannten, dass Er tatsächlich die Vollmacht hat, Sünden zu erlassen, heilte Er nun den Kranken. Die Heilung war der Beweis dafür, dass der Mann Vergebung hatte und Jesus der verheißene Sohn des Menschen, der König Israels, war.

  Gott hatte Seinem Sohn die Vollmacht über alles Fleisch gegeben, in jeder Hinsicht, sogar um den Gläubigen äonisches Leben zu geben (Joh.17:2).

  Sünde und Krankheit stehen in einem Zusammenhang, nicht bei dem einzelnen Menschen, sondern bei der Menschheit insgesamt, die aufgrund der Sünde Adams einem langen, mit Krankheiten verbundenen Sterbensprozess unterliegt.

  Im kommenden Königreich der Himmel wird die Erlassung der Sünden sich auch körperlich auswirken (heute haben wir, die Glieder der Körpergemeinde, alle Segnungen nur im Geist; Röm.8:10; Eph.1:3), sodass Krankheit und Tod Ausnahmen sein werden (Jes.65:29).

  Lobpreis, Dank und Verherrlichung sei dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus!  

 

Es kamen viele Zöllner und Sünder

(Matthäus 9:9-38)

 

  Wir hören vom weiteren Wirken unseres Herrn Jesus Christus in Israel.

 

Die Berufung des Matthäus

 

  Durch Vers 9 erfahren wir: »Als Jesus von dort weiterzog, gewahrte Er einen Mann namens Matthäus am Zollamt sitzen und sagte zu ihm: »Folge Mir nach!« Da stand er auf und folgte Ihm nach.«

  Matthäus, auch Levi genannt, Sohn des Alphäus (Mark.2:14; Luk.5:27), Verfasser des Berichts, den wir gerade fortlaufend betrachten, saß am Zollamt, vermutlich am Hafen von Kapernaum. Er gehorchte dem Herrn augenblicklich. Auf dessen Ruf hin gibt es kein Wenn und Aber. Gewiss hatte er schon viel über Jesus gehört, und obwohl er einen anrüchigen Beruf hatte, muss die Erwartung Israels in seinem Herzen nicht erstorben gewesen sein, sodass er den Ruf Jesu wie eine Befreiung empfunden haben mag.

  Andere, mindestens sechs (Mat.4:18-22; Mark.1:16-20; Luk.5:10,11; Joh.1:35-51), waren schon längere Zeit vor ihm zu Jüngern berufen worden.

  Die Zöllner waren verhasst, weil sie für die römische Besatzungsmacht arbeiteten. Sie waren verachteter als manch ein grober Sünder, denn sie versuchten stets mehr Zoll abzufordern als sie an die Römer abzuliefern hatten. Durch Korruption und Erpressung wurden viele von ihnen auf Kosten ihrer Volksgenossen reich.

  Doch wer will dem Herrn der Herren verwehren zu erwählen, wen Er will? Ist Er etwa nicht der Retter, der auch die Umsinnung herbeiführt?

 

Im Haus des Matthäus

 

  Dann bereitete Matthäus dem Herrn einen großen Empfang in seinem Haus (Luk.5:29). In den Versen 10 bis 13 berichtet er darüber: »Als Er in dessen Haus zu Tisch lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen ebenfalls mit Jesus und Seinen Jüngern zu Tisch. Die Pharisäer gewahrten dies und sagten zu Seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? - Er hörte es und erwiderte: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die mit Krankheit übel daran sind! Gehet nun und lernet, was das ist: Barmherzigkeit will Ich und nicht Opfer. Denn Ich kam nicht, Gerechte zu berufen, sondern Sünder.«

  Es ist typisch für solche, die keine Sündenerkenntnis haben, mit anderen Worten: die Selbstgerechten, kein Verständnis für die Gemeinschaft Jesu mit Zöllnern und anderen Sündern zu haben. Wie doch bei dem Mahl im Hause des Matthäus offenbar wurde, dass die Gerechtigkeit der Pharisäer sehr selbstbezogen war! Es ging ihnen nur um sie selbst. Darin waren sie keinen Deut besser als die Zöllner. Aus dem Gesetz des Mose aber hätten sie wissen müssen, dass sie ihren Nächsten lieben sollten (3.Mose 19:18). Doch genau daran ließen sie es vermissen.

  Die Antwort unseres Herrn baut auf der jedem Menschen bekannten Erfahrung auf, dass nicht die Gesunden, sondern die Kranken eines Arztes bedürfen. Dementsprechend war Er nicht gekommen, um etwa für Gerechte zu sterben. Gerechte haben es selbstverständlich nicht nötig, dass Er Sich Selbst als Sündopfer dahingebe, sondern nur die Sünder. Aber gibt es denn Gerechte, etwa die Pharisäer? Der Apostel Paulus schreibt in Römer 3:10 nach Psalm 143:2: »Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen!« Es gibt nur Sünder (Röm.3:23; 5:12,19); deshalb musste Er Sein Blut für alle vergießen (2.Kor.5:14; 1.Tim.2:6). Er hatte ein Herz für alle Menschen, für die Zöllner, die Seiner bedurften, und für die Pharisäer, die Er mit dieser Zurechtweisung zur Sündenerkenntnis, zur Erkenntnis ihrer Rettungsbedürftigkeit und zur Umsinnung führen wollte.

  Die Bezugnahme auf Hosea 6:6 war dazu besonders geeignet. Dort heißt es: »Denn Huld gefällt Mir und nicht Opfer, und Erkenntnis Elohims mehr als Nahegaben.« In den Sprüchen 21:3 steht Ähnliches: »Gerechtigkeit erweisen und das Recht vertreten ist Jewe lieber als Schlachtopfer.« Ohne die Gewährung von Huld und Barmherzigkeit, ohne Liebe sind religiöse Formen inhaltslos. Nach Matthäus 23:23 gehört die Barmherzigkeit neben dem gerechten Richten und dem Glauben zum Wichtigsten im Gesetz.

 

Warum Jesu Jünger nicht fasteten

 

  »Dann kamen die Jünger des Johannes zu Ihm und fragten: Warum fasten wir und die Pharisäer viel, Deine Jünger aber fasten nicht? -Jesus antwortete ihnen: Die Söhne des Brautgemachs können doch nicht trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist. Es werden aber Tage kommen, wenn der Bräutigam von ihnen genommen wird, und dann werden sie fasten. - Niemand flickt einen ungewalkten Flicklappen auf ein altes Kleid; denn sonst reißt das Füllstück von dem Kleid ab, und der Riss wird ärger. Noch tut man jungen Wein in alte Schläuche; wenn aber doch, dann bersten die Schläuche, sodass der Wein vergossen wird und die Schläuche umkommen. Sondern man tut jungen Wein in neue Schläuche, und beide bleiben erhalten« (Verse 14-17).

  Die Jünger Jesu sind die Söhne des Brautgemachs, das heißt sie gehören zum engsten Kreis der Hochzeitsgäste. Jesus, ihr Herr, ist der Bräutigam (Mat.22:2; 25:1; Joh.3:29; Off.19:7,9). Das wiedergezeugte und gläubige Israel ist die Braut (Jes.54:6-8; 62:5; Off.19:7; 21:9).

  Mit Jesus ist das Königreich Israels für die Jünger gewissermaßen bereits angebrochen. Dies ist ein Anlass zum Feiern und nicht zum Trauern, oder wie es in Jesaia 58:3 heißt, zum »Demütigen der Seele«, wie das Fasten dort charakterisiert wird. Nach Jesu Himmelfahrt werden sie fasten.

  Die Jünger Johannes’ des Täufers fasteten entsprechend ihrer Aufgabe, Menschen zur Umsinnung zu rufen, damit jene des Lebens im Königreich gewürdigt würden. Die Jünger Jesu aber sahen sich nicht mehr in alten Kleidern oder als alten Wein (was für den Dienst des Johannes steht), sondern als bereits im Königreich befindlich und damit in neuen Kleidern und als neuen Wein, der in neue Schläuche, sprich: neue Formen des Wandels, gehört.

  Nicht nur die Jünger des Johannes erkannten das Neue nicht so recht, sondern auch die Gläubigen heute verharren gern im Alten, in den Israel betreffenden Teilen der Schrift. Sie wissen nicht, dass wir heute in einer neuen heilgeschichtlichen Haushaltung (griech. oikonomia) leben, und zwar in der dem Apostel Paulus gegebenen, der der überströmenden Gnade (Eph.3:2; Kol.1:25; Röm.5:20). Die Worte unseres Herrn Jesus Christus, die Er als nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel sprach (Mat.15:24), sind uns wertvoll, betreffen uns aber nicht direkt. Gott spricht heute durch Paulus unmittelbar zu uns, wie in Titus 1:3 geschrieben steht: »Sein Wort aber hat Er zu den [Ihm] eigenen [dafür vorgesehenen] Fristen offenbart durch die Heroldsbotschaft, mit der ich [Paulus] betraut wurde.« Heute ist Paulus der Lehrer, nicht die Zwölf (1.Tim.2:7; 2.Tim.1:11). Möge unser Wandel und Dienst mithin mit den neuen und höheren Offenbarungen der Paulusbriefe übereinstimmen!

 

Die Heilung der blutflüssigen Frau

 

  Wir lesen weiter: »Während Er dies zu ihnen sprach, siehe, da kam ein Vorsteher herzu, fiel vor Ihm nieder und sagte: »Meine Tochter ist jetzt gerade verschieden; jedoch komm, lege Deine Hand auf sie, so wird sie leben.« Da erhob Sich Jesus und folgte ihm mit Seinen Jüngern.

  Und siehe, eine Frau, seit zwölf Jahren blutflüssig, kam von hinten herzu und rührte die Quaste Seines Obergewands an; denn sie sagte sich: »Wenn ich nur Sein Obergewand anrühre, werde ich gerettet sein.« Jesus aber wandte Sich um, gewahrte sie und sagte: »Fasse Mut, Tochter, dein Glaube hat dich gerettet.« Und von jener Stunde an war die Frau gerettet« (Verse 18-22).

  Markus und Lukas berichten ausführlich über diese Begebenheiten (Mark.5:22-35; Luk.8:41-49). Der Synagogenvorsteher hieß Jairus; sein zwölfjähriges Töchterlein lag im Sterben, als er sich an Jesus wandte. Matthäus berichtet erst von dem Zeitpunkt an, als ihm die Nachricht vom Tode seiner Tochter erreichte. Seiner Bitte: »Lege Deine Hand auf sie, so wird sie leben« liegt der beachtliche Glaube an die Auferstehung der Toten zugrunde.

  Und Jesus und Seine Jünger machten sich auf den Weg zu seinem Haus.

  Unterwegs rührte mitten in der Menschenmenge, die den Herrn umdrängte, eine Frau von hinten kommend eine Quaste Seines Obergewands an. Jesus spürte, dass eine Kraft von Ihm ausgegangen war und fragte nach, wer Seine Kleidung mit Absicht angerührt hatte. Da kam die Frau sich fürchtend und zitternd herbei und bekannte Ihm alles. Er aber sprach sie liebevoll mit »Tochter« an, bestätigte ihr, dass ihr Glaube sie gerettet hat, und entließ sie mit den Worten: »Gehe hin in Frieden« (Mat.5:34; Luk.8:48).

  Von hinten war sie gekommen; sicherlich deshalb, weil sie aufgrund ihres Blutflusses nach dem Gesetz unrein war (3.Mose 15:25). Eine Quaste hatte sie angerührt. Nach 4.Mose 15:37-41 und 5.Mose 22:12 hatten die Juden vier Quasten an den Zipfeln ihrer Obergewänder anzubringen, die sie immer daran erinnern sollten, an die Gebote Jewes zu denken und sie zu tun.

  Die Quasten vervollständigten das Obergewand. Die Frau hatte also die Vervollständigung Seiner Kleidung angerührt. Dies ist nicht ohne Bedeutung. Die Vervollständigung des Werkes Jesu geschah auf Golgatha. Ihre Gesundung beruhte mithin auf dem am Kreuz zur Vollendung gebrachten Werk Jesu Christi.

 

Die Auferweckung des Töchterlein des Jairus

 

  »Als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und die Flötenspieler und den Tumult in der Volksmenge gewahrte, sagte Er: »Macht euch davon; denn das Mädchen ist nicht gestorben, sondern schlummert.« Da verlachten sie Ihn. Als die Volksmenge hinausgetrieben war, ging Er hinein, fasste ihre Hand, und das Mädchen erwachte. Die Kunde davon ging in jenes ganze Land hinaus« (Verse 23-26).

  Markus und Lukas berichten darüber hinaus (Mark.5:35-43; Luk.8:49-56), dass der Herr zu dem Vorsteher sagte, nachdem jenem die Todesnachricht überbracht worden war: »Fürchte dich nicht, glaube nur, und sie wird gerettet werden.« Im und am Hause des Jairus war ein großes Jammern und lautes Wehklagen, und man spielte Totenlieder auf der Flöte. Jesus trieb alle hinaus, nur Petrus, Jakobus und Johannes sowie die Eltern des Mädchens waren dann zusammen mit Jesus bei der Toten.

  Wenden wir uns der Aussage Jesu gegenüber der Menschenmenge zu, dass das Mädchen nicht gestorben sei, sondern schlummere. Es steht fest, dass es tot war - wie kann es dann schlummern? Der Herr umschrieb und definierte mit dem Schlafen den Zustand des Todes, denn im Schlaf ist man praktisch ohne Bewusstsein, wie dies auch im Tode in absoluter Weise der Fall ist (Pred.9:5,10; Ps.115:17; 146:4; Jes.63:16; Dan.12:13).

  Bei anderer Gelegenheit bezeichnete unser Herr auch Seinen entschlafenen Freund Lazarus als schlafend und belehrte Seine Jünger dann darüber, dass Er von dessen Tod geredet habe (Joh.11:11-14).

  Der Tod ist die Umkehrung des Schöpfungsprozesses, von dem wir in 1.Mose 2:7 lesen: »Dann formte Jewe Elohim den Menschen aus Erdreich vom Boden und hauchte Lebensodem in seine Nase; und der Mensch wurde eine lebende Seele.« Wenn Gott Seinen Odem, Seinen Geist, den Lebensgeist (1.Mose 7:15,22), zurückzieht, kehrt der Körper wieder zum Erdreich zurück, und die Seele - sie ist das Bewusstsein - ist nicht mehr (Pred.12:7; Ps.104:29; Hiob 34:15).

  Nachdem der Herr das Mädchen bei der Hand gefasst und »Talitha kumi«, das heißt »Mädchen, Ich sage dir, erwache!« zu ihr gesagt hatte, kehrte, wie Lukas in Kapitel 8:55 berichtet, ihr Geist zurück, und sie stand auf und wandelte.

  »Der Geist ist es, der lebendig macht« (Joh.6:63). Wenn der Lebensgeist von Gott in den Körper zurückgegeben wird, dann ist da wieder eine lebende Seele, dann lebt der Mensch und hat Bewusstsein.

 

Die Öffnung der Augen zweier Blinder

 

  »Als Jesus von dort weiterzog, folgten Ihm zwei Blinde, die schrien und sagten: »Erbarme Dich unser, Sohn Davids!« Als Er dann in das Haus ging, traten die Blinden zu Ihm, und Jesus fragte sie: »Glaubt ihr, dass Ich dies tun kann?« Sie antworteten Ihm: »Ja, Herr!« Dann rührte Er ihre Augen an und sagte: »Euch geschehe nach eurem Glauben!« Da wurden ihre Augen aufgetan; Jesus aber drohte ihnen und sagte: »Sehet zu, lasst niemand davon erfahren.« Doch als sie herauskamen, machten sie Ihn in jenem ganzen Land wohlbekannt« (Verse 27-31).

  Die zwei waren körperlich blind, aber nicht geistlich, denn sie blickten im Glauben auf den Retter, den sie als den verheißenen Sohn Davids erkannten und damit als den König Israels (2.Sam.7:12-16; Mat.1:7; Luk.1:32).

  Als der Herr ihnen die Augen auftat, erfüllte sich Jesaia 35:2,5 im Vorgriff auf das Königreich: »Mein Volk soll sehen die Herrlichkeit Jewes und unseres Elohims Ehre. ... Dann werden der Blinden Augen aufgetan und der Tauben Ohren geöffnet.« Von nun an konnte Psalm 146 in neuen Tönen gesungen werden: »Lobet Je, lobe Jewe, meine Seele. ... Jewe, Er erlöst die Gebundenen, Jewe, der die Augen der Blinden auftut, Jewe, der die Gebeugten aufrichtet ...« (Verse 1,7,8).

  Die Drohung Jesu, dass die Geheilten nichts davon weitersagen sollten, wäre wörtlich mit »eindonnern« zu übersetzen und ist im Sinne von »Er schärfte ihnen ein« oder »Er wies sie streng an« zu verstehen. Der Herr wollte sicherlich nicht, dass die Massen wegen der Heilungen zu Ihm strömten, sondern nur Zeichen Seiner Messianität und des nahen Königreichs setzen, so den Glauben allen darbietend.

  Während diese zwei Männer Glauben hatten, der für ihre Rettung unbedingt erforderlich war, ist es im nächsten Fall der Befreiung eines Besessenen anders. Von einem Besessenen kann kein Glaube erwartet werden.

 

Die Austreibung eines Dämons der Stummheit

 

  »Während sie hinausgingen, siehe, da brachte man einen stummen dämonisch Besessenen zu Ihm. Und als der Dämon ausgetrieben war, sprach der Stumme. Darüber staunten die Scharen und sagten: Noch nie ist in Israel so etwas erschienen! Die Pharisäer aber sagten: Durch den obersten der Dämonen treibt Er die Dämonen aus« (Verse 32-34).

  Im Königreich Israels der kommenden Äonen werden der Satan und alle bösen Geister ihr Werk nicht mehr tun können, weil sie im Abgrund und im Feuersee sein werden (Mat.25:41; Luk.8:31; Off.20:3,10). Zum Zeichen dafür, dass Jesus Christus die Macht über die Finsternis hat und das Königreich des Friedens und der Gerechtigkeit, des Lichts und des äonischen Lebens aufrichten wird, trieb Er sie in Einzelfällen jetzt schon aus. Welch herrliche Zeiten stehen der Menschheit bevor, wenn die Geister der Bosheit sie nicht mehr verführen und mit Krankheiten plagen kann!

  Die Pharisäer und Schriftgelehrten sahen dies alles aber anders. Ihrer Ansicht nach muss Jesus - woher mag Er solch eine Kraft haben? - die Dämonen durch den obersten der Dämonen, Beezeboul ist sein Name (Mat.12:24), austreiben. Die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen den Führern des Volkes und dem Herrn Jesus zeichnete sich ab. Auf deren bösartige Unterstellung soll nicht an dieser Stelle, sondern bei der Betrachtung des Abschnitts 12:22-30 näher eingegangen werden.

 

Jesus lehrte, heroldete und heilte

 

  Die Kapitel acht und neun zusammenfassend schreibt Matthäus in Vers 35: »So zog Jesus in allen Städten und Dörfern umher, lehrte in ihren Synagogen, heroldete das Evangelium vom Königreich und heilte jede Krankheit und jede Gebrechlichkeit.«

  Lehren, herolden (das heißt wie der Herold eines Regenten eine wichtige Botschaft ausrufen) und heilen - diese drei Schwerpunkte des Wirkens unseres Herrn waren schon einmal in Kapitel 4:23 herausgestellt worden. Jesus war der Herold, von dem Jewe Elohim zu Mose gesagt hatte: »Einen Propheten wie dich will Ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen; Ich lege Meine Worte in Seinen Mund, und Er wird zu ihnen alles reden, was Ich Ihm gebieten werde« (5.Mose 18:18).

 

Die Scharen jammerten Ihn

 

  Jesus zog in allen Städten und Dörfern umher, und »als Er die Scharen gewahrte, jammerten sie Ihn; denn sie waren geschunden und umhergestoßen wie Schafe, die keinen Hirten haben« (Vers 36).

  Sie jammerten Ihn - mit innerster Regung fühlte Er mit ihnen. Seine innigste Barmherzigkeit galt Seinem Volk, das vom Gott wohlgefälligen Weg abgedrängt worden war und umherirrte wie Schafe ohne Hirten.

  Der Prophet Micha hatte um 870 v. Chr. zu den Königen Joschafat von Juda und Ahab von Israel gesagt: »Ich sehe ganz Israel auf den Bergen zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben« (1.Kön.22:17; 2.Chron.18:16). So wurden sie mancherlei Wölfen zur Beute (vgl. Hes.34:5). Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten sich als falsche Hirten erwiesen. Jetzt aber war die Bitte des Mose im Begriff, in Erfüllung zu gehen: »Jewe, der Elohim des Lebensgeistes allen Fleisches, setze einen Mann über die Gemeinde ein, der vor ihnen her auszieht und einzieht und sie herausführt und hereinführt, damit die Gemeinde Jewes nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben (4.Mose 27:16,17). Ob Israel wohl Jesus als seinen wahren und edlen Hirten erkennen wird, der Seine Seele für Seine Schafe dahingibt, damit sie leben und Er sie führe (Joh.10:1-18)? Ja, viele haben Jesus als den Herrn und Christus, Retter und Hirten erkannt, wie Petrus später mit Freuden feststellt: »Verirrte wart ihr, wie Schafe, nun aber habt ihr euch zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen umgewandt« (1.Pet.2:25).

  Im Übrigen schulte unser Herr Seine Jünger in den dreieinhalb Jahren ihrer Gemeinschaft auf der Erde, damit sie »in der Wiederwerdung, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzt« und sie »auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten« (Mat.19:28), ihren Hirtendienst wohl ausrichten können.

 

Arbeiter in die Ernte

 

  »Dann sagte Er zu Seinen Jüngern: Die Ernte ist zwar groß, aber Arbeiter sind es wenige. Flehet daher zum Herrn der Ernte, damit Er Arbeiter in Seine Ernte hinaustreibe« (Verse 37+38).

  Den Scharen war Jesus nun über längere Zeit und in vielfacher Weise bekannt geworden. Er hatte Gottes Wort unter Zeichen und Wundern unter ihnen ausgesät. Von nun an war die Zeit gekommen, dass man Frucht erwarten durfte, und zwar Menschen, die dem Vater und dem Sohn glaubten und im Hinblick auf das Königreich umsinnten. Angesichts der Größe der zu erwartenden Ernte waren aber zu wenige Arbeiter vorhanden.

  Darum sollten die Jünger Gott anflehen, dass Er Arbeiter in Seine Ernte aussende. Und diese sind in erster Linie die zwölf Jünger selbst, die Jesus ja auch kurz darauf aussandte (Mat.10:5). Ihr flehen um Arbeiter wird ihr Vertrauen in Gott stärken und ihnen zur weiteren Zubereitung für ihren Dienst dienen.

  Im folgenden Kapitel des Berichts des Matthäus werden wir die näheren Anordnungen des Herrn für ihr Wirken als Arbeiter in der Ernte Gottes vorfinden.

 

Die Aussendung der zwölf Jünger

(Matthäus 10:1-27)

 

  Der Herr Jesus Christus hatte Seinen Jüngern gerade gesagt, dass die Ernte groß ist, es aber wenige Arbeiter sind und sie deshalb zum Herrn der Ernte flehen sollen, damit Er Arbeiter in Seine Ernte hinaustreibe (Mat.9:37,38). Mit den Arbeitern hatte Er in erster Linie Seine zwölf Jünger gemeint, die Er nun auch sogleich in die Ernte aussendet und denen Er in Kapitel zehn mancherlei Anordnungen mit auf den Weg gibt.

 

Er gab ihnen Vollmacht

 

  »Dann rief Er Seine zwölf Jünger zu Sich und gab ihnen Vollmacht, unreine Geister auszutreiben und jede Krankheit und jede Gebrechlichkeit zu heilen« (Vers 1).

  Ohne bevollmächtigt zu sein, hat niemand das Recht aufzutreten. Darum gab ihnen der Herr Vollmacht, und zwar für einen Dienst, der ebenso umfassend wie der Seine war.

 

Die Namen der zwölf Apostel

 

  »Dies waren die Namen der zwölf Apostel: Zuerst Simon, auch Petrus genannt, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon, der Kananäer, und Judas Iskariot, der Ihn dann verriet« (Verse 2-4).

  Simon Petrus war der Erste unter Gleichen (Mat.16:18). Bartholomäus wird gewöhnlich mit Nathanael identifiziert (Joh.1:45). Thomas wird auch Didymus (Zwilling) genannt (Joh.21:2). Thaddäus heißt auch Judas; er war der Sohn eines Jakobus (Luk.6:16). Simon, der Kananäer, heißt auch »Eiferer« (Zelot; Luk.6:15); kananaios ist die griechische Form des hebräischen Wortes für »Eiferer«. Iskariot bedeutet entweder »Mann der Landstädte« oder »Mann aus Kerijot«, einer Stadt in Judäa.

  Zum ersten Mal werden die Jünger als Apostel bezeichnet, das heißt Beauftragte. Denn nun beauftragte der Herr sie, die Botschaft vom Königreich zu verkündigen und durch begleitende Zeichen zu bekräftigen.

 

Nur Israel

 

  »Diese Zwölf schickte Jesus aus und wies sie an: Geht nicht auf den Weg zu den Nationen hin und geht nicht in eine Stadt der Samariter hinein! Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!« (Verse 5+6).

  Die Samariter waren ein Mischvolk aus Israeliten und nach der Verschleppung der Nordstämme in die assyrische Gefangenschaft (722 v. Chr.) in Samaria angesiedelten Nichtisraeliten (2.Kön.17:24).

  Warum sollten die Apostel nicht zu den Nationen und noch nicht einmal zu den Samaritern gehen? Weil das Königreich nur dem Volk Israel verheißen ist (2.Mose 19:6). Zuerst muss Israel eine heilige Nation werden (1.Pet.2:9), und dann erst wird es zum Segen für die anderen Nationen sein (1.Mose 12:3; Jes.60:3; Mat.28:19).

  Die Propheten haben die Israeliten mehrmals als verlorene oder umherirrende Schafe bezeichnet (Jes.53:6; Jer.50:6), und unser Herr hatte sie gerade geschundene und umhergestoßene Schafe genannt, die keinen Hirten haben (Mat.9:36). Zu jenen aber war Er, der Sohn Gottes, ihr Retter, gekommen, und zu ihnen sendet Er jetzt Seine Jünger aus. Jesus Selbst sagte: »Ich wurde lediglich zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel gesandt!« (Mat.15:24). Dementsprechend war auch der Auftrag der Apostel begrenzt.

  Auch nachdem die Apostel nach der Auferstehung des Herrn die Anordnung erhalten hatten, alle Nationen zu Jüngern zu machen (Mat.28:19), gingen sie fürs Erste nur zu den Juden und verkündigten allein ihnen Jesus als Evangelium (Ap.11:19), und zwar ebenfalls aus dem bereits dargelegten Grunde. Erst später, auf der ersten Missionsreise in den Jahren 47 und 48, erklärten Paulus und Barnabas: »Es war notwendig, dass zuerst euch [Juden] das Wort Gottes gesagt wurde. Weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des äonischen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns an die Nationen« (Ap.13:46).

 

Heroldet und heilt!

 

  Nun der Auftrag: »Wo ihr geht, da heroldet: Das Königreich der Himmel hat sich genaht! - Heilt Kranke und Schwache, erweckt Tote, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr es erhalten, umsonst gebt es weiter!« (Verse 7+8).

  Ebenso wie Johannes der Täufer und ihr Herr es schon getan hatten (Mat.3:2; 4:17), sollten auch die Apostel das nahe herbeigekommene Königreich Israels herolden, das Königreich des Gottes der Himmel (vgl. Dan.2:44). Ohne Bezahlung haben die Apostel die Vollmacht der Verkündigung in Wort und Tat erhalten - in der Tat, da sie über Krankheiten und böse Geister verfügen konnten -; dementsprechend sollten sie für ihr Wirken kein Geld nehmen. Andernfalls würden sich schnell unlautere Motive einschleichen und das Evangelium befleckt werden.

  Ihr auskömmliches Brot aber durften sie täglich von den Menschen annehmen, wie wir aus den Versen 9 und 10 erfahren: »Erwerbet kein Gold, noch Silber, noch Kupfer in eure Gürtel! Nehmt keinen Bettelsack mit auf den Weg, weder zwei Untergewänder noch Sandalen, noch einen Stab; denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.«

  Es ist klar, dass die Arbeit der Apostel kein Mittel zum Vermögenserwerb sein darf. Was uns auffällt, ist, dass die Jünger ohne besondere Ausrüstung ausziehen sollten, nämlich ohne Bettelsack, außerdem ohne Geld und ohne Brot (wie in Mark.6:8 und Luk.9:3 verzeichnet), und auch keine Reserven mit sich führen sollten, wie ein Ersatzgewand und Ersatzsandalen. Sie sollten auch keinen Stab erwerben; nach Markus 6:8 konnten sie aber einen Stab mitnehmen, falls schon vorhanden.

  Allein im Vertrauen auf ihren himmlischen Vater hatten sie sich in  die Ernte zu begeben, der treue Menschen bewegen wird, ihnen das zum Lebensunterhalt Notwendige zu geben, denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

  Wie in Lukas 22:35 zu lesen, hatten sie keinen Mangel gelitten.

  Gleicherweise sagt auch der Apostel Paulus: »Der Arbeiter ist seines Lohnes wert« und zitiert 5.Mose 25:4 mit den Worten: »Du sollst einem dreschenden Rind keinen Maulkorb anlegen« (1.Tim.5:18). Er selbst hat ebenfalls die Vollmacht zu essen und zu trinken (1.Kor.9:4) und schreibt in 1.Korinther 9:14: »So verordnet der Herr auch denen, die das Evangelium verkündigen, vom Evangelium zu leben.« Er persönlich macht jedoch von dieser Vollmacht keinen Gebrauch, um dem Evangelium des Christus kein Hindernis zu geben (1.Kor.9:12). Er erwirbt seinen Bedarf durch eigener Hände Arbeit (1.Kor.4:12; 2.Kor.11:7-9; 2.Thess.3:8).

 

Friede den würdigen Häusern

 

  Der Herr fuhr fort zu sprechen: »In welche Stadt oder welches Dorf ihr auch kommt, ergründet, wer darin würdig ist, und bleibet dort, bis ihr wieder hinauszieht. Wenn ihr in dem Haus einkehrt, so grüßet es; und wenn das Haus würdig ist, soll euer Friede auf dasselbe kommen; wenn es aber nicht würdig ist, soll sich euer Frieden wieder zu euch wenden. Wenn jemand euch nicht aufnimmt, noch auf eure Worte hört, so geht aus jenem Haus oder jener Stadt oder jenem Dorf hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen ab! Wahrlich, Ich sage euch: Am Tage des Gerichts wird es dem Land Sodom und Gomorra erträglicher ergehen als jener Stadt« (Verse 11-15).

  Der Herr sandte Seine Apostel sicherlich paarweise aus, so wie Matthäus die Namen der Zwölf in Zweiergruppen aufführte (Verse 2-4).

  Welches Haus ist würdig, sie aufzunehmen? Wer gern Gastfreundschaft gewährt und bereit ist, das Wort zu hören. Der Friedensgruß der Apostel »Schalom« wird sich segensreich auf die gesamte gastgebende Familie auswirken; im Falle der Ablehnung natürlich nicht.

  Mit dem Abschütteln des Staubes von den Füßen drücken die Jünger aus, dass sie sich mit Abscheu von jenem Haus oder Ort abwenden und nichts mehr damit zu tun haben wollen, ja jene dem Gericht Gottes preisgeben.

  Auch Paulus und Barnabas schüttelten einst den Staub von ihren Füßen ab, und zwar über Antiochien in Pisidien, als sie aufgrund einer von den Juden angezettelten Verfolgung von dort vertrieben wurden und nach Ikonium weitergingen (Ap.13:51).

  Gottes Gerichte sind gerecht und bringen zurecht. das Gericht vor dem großen, weißen Thron ist für alle Nichtauserwählten und mithin Ungläubigen unausweichlich.

  Die Sünde der Städte Sodom und Gomorra war sehr groß (1.Mose 18:20), Jewe stellte aber fest: »Die Schuld der Tochter Meines Volkes war größer als die Sünde Sodoms« (Klagelieder Jeremias 4:6). Dies liegt daran, dass Sodom eine geringere Gotteserkenntnis hatte. Der Herr sagte: »Bei jedem, dem viel gegeben wurde, wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man weit mehr fordern« (Luk.12:48). Auf den Heroldsruf des Jona sinnten die Niniviter um; Israel tat dies angesichts Jesu aber nicht, und Jesus ist mehr als Jona! (Mat.12:41).

 

Wie Schafe mitten unter die Wölfe

 

  Dann warnte der Herr Jesus Christus Seine Apostel: »Siehe, Ich schicke euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Daher werdet klug wie die Schlangen und ohne Arglist wie die Tauben! Nehmt euch nun vor den Menschen in Acht; denn sie werden euch an die Synedrien überantworten und euch in ihren Synagogen geißeln. Vor Regierende wie auch vor Könige wird man euch um Meinetwillen führen, zum Zeugnis für sie und die Nationen« (Verse 16-18).

  Das Bild ist eindeutig: Die Gläubigen sind wie Schafe unter Wölfen. Die Welt hat einen anderen Geist als wir. Der Satan wirkt in den Söhnen der Widerspenstigkeit (Eph.2:2), sodass ihre Feindschaft unausbleiblich ist. Jesus sagte: »Wenn sie Mich verfolgen, werden sie auch euch verfolgen« (Joh.15:20).

  Daher ist es nötig, klug wie die Schlangen zu sein. Wir wissen, dass die Schlangen klug sind. Von ihrer Listigkeit ist nicht die Rede. Hier stehen sie für die Klugheit. Die Jünger sind also gehalten, gründlich darüber nachzudenken, wie sie Gefährdungen vermeiden und ihren Dienst am besten ausrichten können. Wir haben ja den Geist der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft bekommen (2.Tim.1:7).

  Die Taube ist arglos, ohne Scheu und ohne Falsch. Ebenso sollen die Apostel keinesfalls arglistig handeln und auch nicht überall sogleich Böses argwöhnen; dies würde sie nur lähmen.

  Und wenn man - wie es oft genug geschah - die Apostel vor Synedrien, Regenten oder Gerichtshöfe führen sollte, so sollen sie wissen, dass dies dazu dient, dass sie Zeugnis über Jesus, den Christus und Sohn Gottes, abzulegen Gelegenheit bekommen. Sogar die Nationen, die zukünftig durch Israel gesegnet werden, sollen Seinen Namen und Sein Rettungswerk schon vernehmen. Das Zeugnis kann durchaus eines gegen Israel sein oder im Gericht gegen Israel verwendet werden, wie Mose in Bezug auf den Gesetzesbund sagte: »Nehmt dieses Buch des Gesetzes und legt es neben die Lade des Bundes Jewes, eures Elohim, dass es dort zum Zeugnis gegen dich wird. Denn ich kenne deine Widerspenstigkeit und deine Hartherzigkeit« (5.Mose 31:26).

 

Gott wird durch euch sprechen

 

  Weiter sagte der Herr: »Wenn man euch aber überantwortet, so sorgt euch nicht, wie oder was ihr sagen sollt; denn in jener Stunde wird euch gegeben werden, was ihr sagen sollte; denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Geist eures Vaters ist es, der durch euch spricht« (Verse 19+20).

  Diese Worte Jesu sind ein großer Zuspruch: Sorgt euch nicht; Gott Selbst, ja euer Vater, der euch liebt, wird durch Seinen Geist in euch und durch euch sprechen. Frieden und Zuversicht darf euch mithin erfüllen. Vom Geist des Vaters getragen, werden heilige Menschen sprechen (vgl. 2.Pet.1:21).

  In der damaligen heilsgeschichtlichen Haushaltung der Wirksamkeit der Kräfte des zukünftigen Äons (Heb.6:5) bekamen die Gläubigen die Worte in intensiver Weise eingegeben; wir heute bekommen sie aus dem Grundstock der Worte Gottes eingegeben, den wir uns angeeignet haben und in und aus dem wir leben.

 

Der Hass der Welt

 

  Die Feindschaft der Welt gegenüber den Heiligen ist unermesslich. Die Apostel sollen es wissen: »Es wird aber der Bruder den Bruder zum Tode überantworten und der Vater das Kind, und Kinder werden gegen die Eltern aufstehen und sie zu Tode bringen. Ja, ihr werdet um Meines Namens willen von allen gehasst werden. Wer aber bis zur Vollendung ausharrt, der wird gerettet werden« (Verse 21+22).

  »Wenn die Welt euch hasst«, sagte Jesus ein andermal, »so erkennt, dass sie Mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt euch wie ihr Eigenes liebhaben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern Ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt« (Joh.15:18-20). Haben die Menschen Jesus gehasst, und zwar wie im Gesetz geschrieben ist: »Sie hassen Mich ohne Grund« (Ps.35:19; 69:5; Joh.15:25), dann hassen sie auch uns.

  Für die Gläubigen, die das Königreich Israels erwarten, galt es und wird es nach dem Evangelium der Beschneidung, mit dem Petrus betraut ist (Gal.2:7), wieder gelten, dass sie - falls sie nicht vorher zu Tode gebracht werden - bis zur Vollendung (bis zum vollen Ende) des letzten Jahrsiebeners, also bis zur Wiederkunft Jesu Christi zu seinem Volk, ausharren müssen, um für das äonische Leben im Königreich gerettet zu werden.

  Unsere Rettung, die der Glieder der Gemeinde, die Christi Körper ist (Eph.1:23), ist bereits erfolgt, geschah bereits allein durch Glauben und allein in der Gnade. »In der Gnade seid ihr Gerettete, durch Glauben, und dies ist nicht aus euch, sondern Gottes Nahegabe, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme« (Eph.2:8,9). »Die Er aber vorherbestimmt (dem Bilde Seines Sohnes gleichgestaltet zu werden), diese beruft Er auch; und die Er beruft, diese rechtfertigt Er auch; die Er aber rechtfertigt, diese verherrlicht Er auch« (Röm.8:29,30). Vom Ausharren und Bewähren ist nicht die Rede - zum Lobpreis der Herrlichkeit der Gnade!

 

Ihr werdet nicht fertig werden!

 

  Wir wenden uns Vers 23 zu: »Wenn man euch in dieser Stadt verfolgt, so flieht in die andere; denn wahrlich, Ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels keinesfalls fertig werden, bis der Sohn des Menschen kommt.«

  Diese Worte spannen den Bogen bis in die siebenjährige Endzeit hinein und bis zur diese beendenden Wiederkunft des Herrn Jesus Christus. Der Dienst der Apostel endete während des Berichtszeitraums der Apostelgeschichte mit der Verstockung und Verwerfung Israels (Ap.28:25-28; Röm.11:15,25). Und ihre Nachfolger in der Endzeit werden - so lange sie noch wirken können (Joh.9:4), nämlich bis zu ihrer Flucht in der Mitte des letzten Jahrsiebeners (Mat.24:15-22) - mit den Städten Israels ebenfalls nicht fertig werden, bevor der Herr kommt.

 

Die Stellung eines Jüngers

 

  Jesus erklärte nun den Jüngern ihre Stellung im Verhältnis zu Ihm, die auch unter dem Aspekt des Hasses der Welt keine andere ist: »Ein Jünger steht nicht über seinem Lehrer, noch ein Sklave über seinem Herrn. Dem Jünger genügt es, dass er wie sein Lehrer werde, und dem Sklaven - wie sein Herr zu sein. Wenn sie dem Hausherrn den Beinamen Beezeboul geben, wie viel mehr seinen Hausgenossen?« (Verse 24+25).

  Ein Jünger, das ist von der Bedeutung des griechischen Wortes her ein Lernender, will wie sein Herr werden. Dies wird ihm auch im Negativen geschehen. Wenn die Menschen nämlich den Hausherrn - damit meint Jesus Sich Selbst - Beezeboul schimpfen, wird es Seinen Jüngern, Seinen Hausgenossen, ganz gewiss genauso ergehen.

  Beezeboul ist der oberste der Dämonen (Mat.9:34; 12:24). Dämonen sind keine Boten (Engel) Satans, sondern gehören der niederen Klasse der bösen Geister an. Beezeboul untersteht dem Satan. Beezeboul heißt so viel wie Baal oder Eigner oder Herr der Wohnorte oder der Fliegen. Der Name geht auf Baal zebub zurück, das heißt Herr der Fliegen, den Götzen der Stadt Ekron der Philister (2.Kön.1:2).

 

Nichts bleibt verborgen

 

  Dann sprach der Herr Seinen Jüngern zu: »Daher fürchtet euch nicht vor ihnen; denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt werden wird; und nichts ist verborgen, was nicht bekannt werden wird. Was Ich euch im Finstern sage, das verkündet im Licht, und was ihr ins Ohr geflüstert hört, das heroldet auf den Flachdächern« (Verse 26+27).

  Die Machenschaften der Feinde des Herrn werden nicht verborgen bleiben, denn Gott wird alles enthüllen. Dabei wird Er die Ehre der Seinen wiederherstellen; daher sollen sich die Jünger vor der üblen Nachrede der Menschen nicht fürchten.

  Ja, mehr noch: Sie sollen alles in aller Öffentlichkeit sagen, ohne mit einer biblischen Wahrheit zurückzuhalten. Selbst wenn Jesus ihnen etwas im vertrauten Kreis gesagt hat, sollen sie es in der am besten geeigneten Weise, damals auf den Flachdächern, von wo aus die Stimme weit reichte, verkündigen, ja herolden, also ebenso wie ein Herold eines Regenten eine wichtige Botschaft mit lautem Ruf kundtut, das Evangelium, die wichtigste Botschaft, ausrufen. Und das Wort Gottes wird nicht leer zu Ihm zurückkehren, sondern tun, was Ihm gefällt, und gelingen lassen, wozu Er es sandte (Jes.55:11).

»Fürchtet euch nicht!«

(Mat.10:28-11:1)

 

  Unser Herr Jesus Christus hatte in Kapitel 10, Vers 5 (gewissermaßen bereits ab Kapitel 9, Vers 37) damit begonnen, Seinen zwölf Jüngern, die Er jetzt als Seine Apostel aussandte, Anweisungen für ihren Dienst zu geben. Wir betrachten die letzten Abschnitte ihrer Zurüstung ab Vers 28.

 

Wen die Apostel fürchten sollen

 

  Der Herr sagte: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Körper töten, die Seele dagegen nicht töten können. Fürchtet aber vielmehr den, der die Seele wie auch den Körper in der Gehenna umbringen kann« (Vers 28).

  Die Apostel sollen keine Todesfurcht haben, denn - um auf Vers 39 vorzugreifen - »wer seine Seele Meinetwegen verliert, wird sie finden.« Wer um Jesu willen getötet wird - dabei verliert man seine Seele -, wird das äonische Leben haben, dessen Seele wird das Leben in den zukünftigen Äonen voller Freude genießen. Die Apostel sollen sich im Hinblick darauf nicht vor dem Tod fürchten, ebenso wenig vor denen, die sie töten könnten. Eine wichtige Voraussetzungen für ihren Dienst ist es also, völlig von sich selbst abzusehen.

  Wie kann es sein, dass die Feinde der Gläubigen zwar den Körper, nicht aber die Seele töten können? Zunächst muss man wissen, dass der Tod sich niemals nur auf einen Teil des Menschen erstreckt, sondern stets auf den ganzen Menschen - außer in bildlicher Sprache. Sodann darf man daraus, dass die Feinde die Seele nicht töten können, nicht folgern, dass man sie überhaupt nicht töten könne, zumal wir gerade auch hörten, dass der zu fürchten ist, der die Seele in der Gehenna umbringen kann. Im Übrigen muss man wissen, dass der Tod die Umkehrung des Schöpfungsprozesses ist, von dem wir in 1.Mose 2:7 lesen: »Dann formte Jewe Elohim den Menschen aus Erdreich vom Boden und hauchte Lebensodem in seine Nase; und der Mensch wurde eine lebende Seele.« Zieht Gott Seinen Lebensgeist zurück (Pred.12:7; Ps.104:29; Hiob 34:15), kehrt der Körper wieder zum Erdreich zurück, und die Seele - sie ist das Bewusstsein - ist nicht mehr, ja der Mensch ist nicht mehr. Kehrt der Geist in den Körper zurück, dann lebt der Mensch wieder (Luk.8:55) und nimmt seine Umwelt mit seiner Seele wahr.

  Satz eins unseres Verses 28 besagt mithin, dass die, welche die Apostel töten können, keinesfalls das verhindern können, worauf es ankommt, nämlich das äonische Leben in Herrlichkeit im Königreich Israels. Die Apostel brauchen sich also wirklich nicht vor den Feinden zu fürchten. Jesaia 51:12 darf ihnen dabei ein Zuspruch sein: »Wer bist du, dass du einen sterbenden Sterblichen fürchtest, einen Sohn Adams, der wie Gras vertrocknet?« Mögen sie auch der Ermahnung von Sprüche 29:25 eingedenk sein: »Menschenfurcht bringt eine Schlinge mit sich, wer sich aber in Jewe sichert, wird gefestigt.«

  Wen aber sollen die Apostel fürchten? Den, der Körper und Seele in der Gehenna umbringen kann, und dieser ist Gott allein, der gerechte Richter. Die Gehenna ist der Ort äonischen Feuers, wie Matthäus 18:8,9 zeigt: »Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dich straucheln lässt, so haue sie ab und wirf sie von dir. Besser ist es für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben einzugehen, anstatt zwei Hände oder zwei Füße zu haben und ins äonische Feuer geworfen zu werden. Wenn dein Auge dich straucheln lässt, so reiß es heraus und wirf es von dir. Besser ist es für dich, einäugig in das Leben einzugehen, anstatt zwei Augen zu haben und in die Gehenna des Feuers geworfen zu werden.«

  Wer wird nach dem Gericht vor dem großen, weißen Thron in den See des Feuers (Off.20:14), der der Gehenna zuzuordnen ist, und eventuell bereits während des tausendjährigen Königreichs der Himmel in die Gehenna, das ständig brennende Feuer in der Schlucht Hinnoms unterhalb Jerusalems (Jes.66:24), hineingeworfen? Zum Beispiel diejenigen, die der Spreu vergleichbar sind, wie Johannes der Täufer sagte: »Er hat die Worfschaufel in Seiner Hand und wird Seine Tenne säubern und Sein Getreide in Seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird Er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen« (Mat.3:12). Die, welche der Versuchung durch ihre Hände, Füße oder Augen nicht widerstehen (wie bereits erwähnt; vergleiche auch Matthäus 5:29,30). Die, die keine Frucht bringen; solche, die nicht in Christus bleiben (Joh.15:2,6). Diejenigen, die willig sündigen, freiwillig, aus sich heraus, mit Wissen und Wollen (Heb.10:26). Denen wird gesagt, dass für ihre Sünden kein Opfer mehr übrig bleibt, »sondern ein furchtbares Abwarten des Gerichts und der Eifer des Feuers, das sich anschickt, die Gegner zu fressen« (Heb.10:27).

  So verhält es sich nach dem Evangelium der Beschneidung. Heute, in der dem Apostel Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Verwaltung der überströmenden Gnade (Röm.5:20; Eph.3:2; Kol.1:25), werden alle Auserwählten, Berufenen und mit dem Glauben Beschenkten auch gerettet - allein in der Gnade (Röm.3:28; 8:30; Eph.2:8; Phil.1:29), zum Lobpreis der Herrlichkeit der Gnade!

  Israel aber galt und wird nach unserer Entrückung wieder gelten, was Jakobus schreibt: »Einer allein ist der Gesetzgeber und der Richter, Er, der retten und umbringen kann« (Jak.4:12). Die das Gute getan haben, werden an der Auferstehung des Lebens teilhaben, die aber das Schlechte verübt haben, tausend Jahre später an der Auferstehung des Gerichts (Joh.5:29). »Glückselig und heilig ist, wer an der ersten Auferstehung Anteil hat!« (Off.20:6).

  Unsere Auferstehung findet früher statt, ja ist das nächste heilsgeschichtliche Ereignis.

 

Ihr überragt die Spätzlein

 

  Mit Seinen Worten in den Versen 29 bis 31 verdeutlicht Jesus Seinen Jüngern sehr eindrücklich, dass sie keine Furcht zu haben brauchen: »Verkauft man nicht zwei Spätzlein für einen Groschen? Doch nicht eines von ihnen wird auf die Erde fallen, ohne dass euer Vater es will. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt! Daher fürchtet euch nicht! Ihr überragt die vielen Spätzlein.«

  Die Apostel, ja alle Gläubigen aller Zeiten, haben es stets mit dem allgewaltigen, allein weisen und uns liebenden Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus zu tun, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt (Eph.1:11). Nichts ist zu gering für den, der das All umfasst, nicht einmal ein Spätzlein. Keines von denen fällt auf die Erde ohne Zutun, ohne Geheiß des Einen! Sehr wichtig sind wir für Ihn; sogar jedes einzelne Haar findet Seine Fürsorge. Kein Sandkorn wird uns ins Auge fliegen, wenn unser Vater es nicht will. Daher fürchtet euch nicht!

 

Die Folgen des Bekennens und Verleugnens

 

  Der Herr fuhr fort zu sprechen: »Jeder nun, der sich vor den Menschen zu Mir bekennen wird, zu dem werde auch Ich Mich vor Meinem Vater in den Himmeln bekennen. Wer Mich aber vor den Menschen verleugnen wird, den werde auch Ich vor Meinem Vater in den Himmeln verleugnen« (Verse 32+33).

  Nach dem Evangelium der Beschneidung ist das offene Bekenntnis zu Jesus eine Bedingung für die Rettung, für den Eintritt in das Königreich Israels. Wir dagegen, die Glieder der herausgerufenen Gemeinde, die Christi Körper ist (Eph.1:23), sind allein in der Gnade Gerettete (Eph.2:8). Der Apostel Johannes schreibt: »Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht. Wer aber den Sohn bekennt, hat auch den Vater« (1.Joh.2:23); und: »Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er in Gott« (1.Joh.4:15). Und die sich zu Jesus als dem Christus Bekennenden dürfen wissen: »Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern umhüllt werden, und keinesfalls werde Ich seinen Namen aus der Rolle des Lebens auslöschen, und Ich werde seinen Namen vor Meinem Vater und vor den Augen Seiner Boten bekennen« (Off.3:5).

  Wer sich nun nicht vor den Menschen fürchtet, sondern Gott fürchtet, der wird sich auch zu Jesus als dem Sohn Gottes bekennen und das Leben in den zukünftigen Äonen erlangen.

 

Nicht den Frieden, sondern das Schwert

 

  Das Bekenntnis zu Jesus kann gefährlich sein. Darauf wies der Herr in den Versen 34 bis 36 hin: »Meinet nur nicht, dass Ich kam, um Frieden für die Erde zu bringen! Ich kam nicht, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert; denn Ich kam, um den Menschen mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter zu entzweien; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.«

  Der Glaube ist nicht allen eigen, im Gegenteil, es sind nur wenige in Israel, die Gott glauben. Die anderen erweisen sich als Feinde Christi und Gottes. Besonders im letzten Jahrsiebener (Dan.9:24,27), in der Endzeit, wird offenbar, wer glaubt und wer nicht. Und wenn die Zwietracht, die sich an der Ablehnung Jesu entzündet, die eigene Familie und vielleicht sogar die Ehe spaltet, ist keiner mehr seines Lebens sicher.

  Der Prophet Micha hatte Ähnliches zu seiner Zeit erlebt und berichtet davon in Kapitel 7, Verse 5 bis 7: »Glaubt nicht dem Gefährten; verlasst euch nicht auf den Vertrauten! Vor der, die an deinem Busen liegt, hüte die Pforten deines Mundes! Denn der Sohn macht den Vater verrucht, die Tochter erhebt sich gegen ihre Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter, und die Feinde des Mannes sind seine Hausgenossen. Ich aber, ich will nach Jewe ausschauen, ich will warten auf den Elohim meiner Errettung; mein Elohim hört mich.«

  Den Seinen ruft der Herr Jesus zu: »Werde getreu bis an den Tod, und Ich werde dir den Kranz des Lebens geben« (Off.2:10).

 

Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich!

 

  Angesichts der Entzweiung in der Familie sowie überhaupt des Hasses der Welt müssen die Jünger Jesu eine entschiedene Haltung einnehmen. Deutlicher als in den Versen 37 bis 39 niedergeschrieben, kann man es nicht sagen: »Wer Vater oder Mutter lieber hat als Mich, ist Meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter lieber hat als Mich, ist Meiner nicht wert; und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und Mir nachfolgt, ist Meiner nicht wert. Wer seine Seele findet, wird sie verlieren, und wer seine Seele Meinetwegen verliert, wird sie finden.«

  Schmerzliche Entscheidungen sind zu treffen. Sollte man seinen Glauben um des lieben Friedens mit den Familienangehörigen willen verleugnen? Dann wird der Herr Jesus Christus einen solchen Gläubigen, der sich nicht zu Ihm bekannt hat, vor Seinem Vater in den Himmeln gleichfalls verleugnen, sodass er nicht am äonischen Leben im Königreich teilhat, sondern an der zweiten Auferstehung, der zum Gericht, und in den Feuersee geworfen wird.

  Möge jeder sein persönliches Kreuz auf sich nehmen! Dieses Bild rührt daher, dass ein Verurteilter seinen eigenen Pfahl auf seinem Rücken zum Hinrichtungsplatz schleppen musste. Täglich haben wir unser Kreuz auf uns zu nehmen, sagt der Herr in Lukas 9:23. Möge keiner dem ihm von Gott zugemessenen Leiden um Christi willen ausweichen!

  In Lukas 14:26 gebraucht der Herr sogar das Wort »hassen«: »Wenn jemand zu Mir kommt und nicht seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und seine Kinder, seine Brüder und seine Schwestern, dazu auch noch seine eigene Seele hasst, der kann nicht Mein Jünger sein!« Das Wort »hassen« ist im Hebräischen mit dem Wort »Zweiter« verwandt und bedeutet in der Bibel nach der Herkunft sowohl des hebräischen als auch des griechischen Wortes »an die zweite (auch hinterste) Stelle setzen«; »hassen« heißt »zurücksetzen«. Dies hat eine große Verheißung: »Wer seine Seele liebhat, verliert sie; wer aber seine Seele in dieser Welt hasst, wird sie [im Ergebnis] zum äonischen Leben bewahren« (Joh.12:25).

  Die Ermahnung Jesu ist in der Zeit der Drangsal Jakobs besonders dringlich, von der Mitte des letzten Jahrsiebeners an, wenn der Antichristus, der Mensch der Gesetzlosigkeit, Anbetung fordert und alle getötet werden, die das Bild des wilden Tieres nicht anbeten (Mat.24:15-22; Off.13:15). Die Gläubigen werden entweder leiden und zum großen Teil auch sterben und sich dann der Herrlichkeit des Königreichs erfreuen oder aber ihre Seelen für eine sehr kurze Zeit von einigen Jahren oder Monaten retten und dann von dem, der allein zu fürchten ist, dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, in die Gehenna geworfen werden.

  Versetzt in des Herrn Tag (Off.1:10), hörte Johannes auf Patmos für die Zeit der großen Drangsal eine Stimme aus dem Himmel rufen: »Schreibe: Glückselig sind die Toten, die von jetzt an in dem Herrn sterben! Ja, so sagt der Geist: Ruhen sollen sie von ihren Mühen; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« (Off.14:13).

  Einst fragte Petrus den Herrn: »Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir gefolgt: was wird wohl unser Teil sein? Da entgegnete Jesus ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Die ihr Mir gefolgt seid, in der Wiederwerdung, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzt, werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der Meines Namens wegen Häuser, Brüder oder Schwestern, Vater oder Mutter, Frau oder Kinder oder Felder verlassen hat, wird dies hundertfältig wiedererhalten, und äonisches Leben wird ihm zugelost werden« (Mat.19:27-29).

 

Alles wird entlohnt werden

 

  Zum Abschluss Seiner Aussendungsrede an die Apostel sagte Jesus: »Wer euch aufnimmt, nimmt Mich auf, und wer Mich aufnimmt, nimmt den auf, der Mich ausgesandt hat. Wer einen Propheten in eines Propheten Namen aufnimmt, wird den Lohn eines Propheten erhalten, und wer einen Gerechten in eines Gerechten Namen aufnimmt, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Wer einem dieser Kleinen in eines Jüngers Namen nur einen Becher kühlen Wassers zu trinken gibt, wahrlich, Ich sage euch: Keinesfalls wird er seinen Lohn verlieren« (Verse 40-42).

  Die Kleinen - diese sind die Apostel; wer ihnen aber begegnet, hat es mit dem Höchsten zu tun. Wer einem Propheten Gastfreundschaft erweist, weil er ein Prophet ist, wie einst die Witwe von Zarpat dem Elia (1.Kön.17:10) und die Schunemiterin dem Elisa (2.Kön.4:8), wird den entsprechenden Lohn erhalten. Der über das Haus des Königs Ahab von Israel gesetzte Obadja hatte hundert Propheten Jewes versteckt und versorgt (1.Kön.18:4), und andere haben unbewusst himmlische Boten bewirtet (Heb.13:2). Wer einen Gerechten um dessen Gerechtigkeit willen aufnimmt, wird den dafür vorgesehenen Lohn bekommen. Und wer einen von diesen kleinen zwölf Jüngern aufnimmt oder ihm auch nur etwas zu trinken reicht, der nimmt den Sohn und den Vater auf und tut Gutes vor Ihren Augen und wird den göttlichen Lohn dafür empfangen, da die Apostel im Auftrag des Herrn kommen. In Hebräer 6:10 ist hierzu zu lesen: »Denn Gott ist nicht ungerecht, dass Er eurer Arbeit und der Liebe vergesse, die ihr für Seinen Namen dadurch erzeigt habt, dass ihr den Heiligen dientet und noch dient.«

 

Ende der Anordnungen

 

  Wir schließen die Betrachtung unseres Schriftabschnitts mit Matthäus 11:1: »Als Jesus die Anordnungen an Seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging Er von dort weiter, um in ihren Städten zu lehren und zu herolden.«

  Und dann machten sich auch die Zwölf - wohl im Jahre 31 n. Chr. - eingedenk dieser Anordnungen ihres Herrn und Meisters auf den Weg. Lukas berichtet: »So zogen sie aus und gingen von Dorf zu Dorf, verkündeten das Evangelium und heilten überall« (Luk.9:6). Markus schreibt: »So zogen sie aus und heroldeten, dass man umsinne; auch trieben sie viele Dämonen aus und rieben viele Sieche mit Öl ein und heilten sie« (Mark.6:12,13). Später dann, beim Passahmahl vor Jesu Tod, fragte Er sie: »Als Ich euch ohne Beutel, Bettelsack und Sandalen aussandte, habt ihr da etwa Mangel an irgend etwas gelitten?« Da antworteten sie: »An nichts!« (Luk.22:35).

  Zurückblickend und zusammenfassend stellen wir fest, dass das Königreich der Himmel dem Volk Israel auf vielerlei Weise verkündigt wurde, und zwar durch Johannes den Täufer (Mat.3), durch die Belehrung auf dem Berg aus Jesu Mund (Mat.5 bis 7), durch die Krankenheilungen und Wunder Jesu (Mat. 8 und 9) und nun durch die zwölf Apostel (Mat.10). - Wird Israel nun glauben und umsinnen und des Königreichs würdige Werke vollbringen?

 

Über Johannes den Täufer

(Matthäus 11:2-30)

 

  Der Apostel Matthäus berichtet in Kapitel 11:2 bis 6: »Als Johannes im Gefängnis von Jesu Wirken hörte, sandte er seine Jünger; durch sie ließ er Ihn fragen: Bist Du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen hoffen? Darauf gab Jesus ihnen zur Antwort: Geht hin und berichtet Johannes, was ihr hört und erblickt: Blinde werden sehend, Lahme wandeln, Aussätzige werden gereinigt, Taube hören, Tote erwachen, und Armen wird das Evangelium verkündigt. Glückselig ist, wer keinen Anstoß an Mir nimmt.«

  Johannes der Täufer war im Jahre 30 n. Chr. von König Herodes gefangengesetzt worden, weil er gesagt hatte, dass jener Herodias, die Frau seines Bruders, nicht haben dürfe (Mat.4:12; 14:3,4). Im Jahr darauf muss Johannes sich die Frage gestellt haben, warum er denn immer noch im Gefängnis ist, wenn er doch der Wegbereiter des Königs und Jesus der König ist?

  So ließ er Jesus fragen, ob Er der Messias und Retter sei, dessen Kommen in der Schrift mehrfach verheißen ist, die da sagt: Er kommt, dem das Zepter gehört (1.Mose 49:10), »Siehe, ich komme« (Ps.40:8) und »Gesegnet im Namen Jewes ist, der da kommt« (Ps.118:26). (Siehe auch Daniel 9:25.)

  Der Herr antwortete nicht einfach mit Ja, sondern wies auf die Zeichen hin, die Er tat, sodass Johannes sich im Glauben selbst Gewissheit verschaffen konnte. Bezüglich des bei Johannes angeklungenen Wartens nannte Jesus keinen Zeitpunkt des Antritts Seiner Königsherrschaft, weil die Zeit dafür noch nicht gegeben war. Er hatte ja gerade Seine zwölf Apostel ausgesandt, um das Königreich zu verkündigen (Mat.10:5), und die Reaktion Israels blieb abzuwarten; es war noch nicht offenkundig, ob sie Jesus annehmen würden; noch hatte sich die Ablehnung Jesus durch Israel nicht hinreichend herausgebildet.

  So ließ der Herr dem Johannes lediglich mitteilen, was jedermann sah, dass nämlich Kranke geheilt und Tote erweckt wurden. An diesen Zeichen konnte Johannes allerdings erkennen, dass Jesus wirklich der Christus ist, denn die Schrift nannte diese Wunder, die der Kommende tun würde, zum Beispiel in Jesaia 26:19; 29:18,19; 35:5 und 61:1.

  Jesus schloss Seine Antwort an Johannes mit den bedeutungsvollen Worten: »Glückselig ist, wer keinen Anstoß an Mir nimmt« (Vers 6) und gab ihm damit unter Hinweis auf Jesaia 8:14 zu verstehen, dass man Anstoß an Ihm nehmen wird, was aber noch in der Zukunft liegt. Damit war dem Johannes klar, dass der Fortgang der Sache Jesu Christi jetzt noch nicht bekannt gemacht werden konnte. In Jesaia 8:14 steht geschrieben: »Wenn ihr Ihm traut, wird Er euch zum Heiligtum und nicht zum Stein des Anstoßes, noch zum Felsen des Strauchelns. Aber den zwei Häusern Jakobs wird Er zur Schlinge - und zum Fallstrick den Bewohnern Jerusalems.« Israel wird also Anstoß an dem nehmen, der der Sohn des lebendigen Gottes ist, Sich in ihren Augen lästerlicherweise aber Selbst dazu gemacht hat.

  Auch der Apostel Paulus geht auf diese Thematik ein und schreibt in Römer 9:32+33, Jesaia 28:16 zitierend: »Da es nicht aus Glauben, sondern aus Gesetzeswerken geschieht, stoßen sie sich an dem Stein des Anstoßes, so wie geschrieben steht: Siehe, Ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Felsen des Strauchelns; und wer an Ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«

 

Jesus sprach über Johannes

 

  »Als diese [die Jünger des Johannes] dann gegangen waren, begann Jesus, zu den Scharen über Johannes zu reden: Wozu zogt ihr damals in die Wildnis hinaus? Um ein vom Wind gerütteltes Rohr anzuschauen? Nein! Wozu zogt ihr hinaus? Um einen Menschen, angetan mit weichen Kleidern, zu gewahren? Siehe, die die weichen Kleider tragen, sind in den Königshäusern. Sondern - wozu zogt ihr hinaus? Um einen Propheten zu gewahren? Ja, Ich sage euch: Er war weit mehr als ein Prophet! Dieser ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, Ich schicke Meinen Boten vor Deinem Angesicht her, der Deinen Weg vor Dir herrichten wird« (Verse 7-10).

  Die Scharen waren seinerzeit nicht deshalb zu Johannes, der am Jordan taufte, hinausgeströmt, weil sie ein schwankendes Schilfrohr sehen wollten, einen vom Zeitgeist hin- und hergeworfenen Menschen, sondern den konsequenten Warner vor dem Zorn Gottes, den zur entschiedenen Umsinnung Taufenden (Mat.3). Feine Kleider hatte sie auch nicht interessiert, sondern seine Botschaft, die von seiner Kleidung aus Kamelhaar und seiner Nahrung aus Heuschrecken und wildem Honig nur unterstrichen wurde. Johannes suchte nicht das bequeme Leben, sondern den Willen Gottes für Israel zu seiner Zeit, und dieser war die Umsinnung des Volkes zur Erlassung der Sünden, damit sie für den König bereit seien (Luk.3:3).

  Sie waren hinausgezogen, um einen Propheten zu sehen und den nach ihm kommenden König nicht zu verpassen. Sie hielten ihn für einen Propheten (Mat.14:5; 21:26). Aber Johannes war weit mehr als ein Prophet und mithin größer als Mose und Elia, denn er war der Vorläufer Jesu Christi. So wie in Maleachi 3:1 geschrieben steht: »Siehe, Ich sende Meinen Boten, damit er den Weg zu Meinem Angesicht hinwende.« Dieses Wort hat Johannes erfüllt, war er doch auch der, »über den durch den Propheten Jesaia angesagt war: Stimme eines Rufers: In der Wildnis bereitet den Weg des Herrn! Machet Seine Straßen gerade!« (Jes.40:3; Mat.3:3).

 

Es ist kein Größerer

 

  Weiter sagte Jesus: »Wahrlich, Ich sage euch: Unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer als Johannes der Täufer erweckt worden. Wer aber kleiner ist - im Königreich der Himmel ist er größer als er« (Vers 11).

  Aufgrund seiner Aufgabe ist Johannes der Täufer der größte der Propheten; außerdem ragt er deshalb heraus, weil er noch in seiner Mutter Leib mit heiligem Geist erfüllt wurde (Luk.11:15).

  Seine hohe Stellung ist aber im Vergleich zu der Stellung der Heiligen im Königreich Israels geringer. Anders gesagt: Im Königreich sind alle überaus reich gesegnet, mehr als Johannes zu seiner Zeit war.

 

Gewalttätige reißen es an sich

 

  Seit der Verkündigung des Königreichs durch Johannes ist etwas festzustellen, das der Herr nun in Vers 12 erwähnt: »Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt wird dem Königreich der Himmel Gewalt angetan, und Gewalttätige reißen es an sich.«

  Seit Johannes das Königreich verkündigte, wollen die Pharisäer es nach ihren eigenen Vorstellungen aufbauen und die Königsherrschaft an sich reißen (vgl. Luk.16:16).

  Dies begründet Jesus mit Vers 13: »Denn alle Propheten und das Gesetz prophezeien bis auf Johannes.« Das heißt Johannes ist der letzte Prophet vor Beginn des Königreichs, mit anderen Worten: nach ihm, dem Vorläufer des Königs, muss der König kommen und das Königreich aufrichten. In dem Königreich aber wollen die Pharisäer und Schriftgelehrten das Sagen haben. Damit tun sie dem Königreich Gewalt an, denn dieses wird ja doch nach unseres Herrn Worten in Matthäus 5:3-10 denen gegeben, die arm sind, die traurig sind, die sanftmütig sind, die nach der Gerechtigkeit dürsten, den sich Erbarmenden, den im Herzen Reinen, den Friedensstiftern und denen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden - und eben nicht den Machtpolitikern.

 

Ist Johannes Elias?

 

  Und jetzt hören wir das gewichtigste Wort Jesu über Johannes: »Wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elias, der sich anschickt zu kommen. Wer Ohren hat zu hören, der höre!« (Verse 14+15).

  Zu Beginn seines Wirkens fragten einige Priester und Leviten Johannes den Täufer, wer er sei. »Und er bekannte: Ich bin nicht der Christus! Sie fragen ihn nochmals: Was nun? Bist du Elia? Er entgegnete: Ich bin es nicht« (Joh.1:20,21).

  Die Worte Jesu und die des Täufers sind keineswegs ein Widerspruch, denn das Zeitwort »ist« in der Aussage unseres Herrn, dass Johannes Elias ist, ist spracheigentümlich zu verstehen, und zwar im Sinne von »bedeutet« oder »entspricht«. Johannes ist also nicht Elias, sondern entspricht ihm und hat eine Bedeutung wie Elias. Außerdem kann ein Mensch niemals ein anderer Mensch sein. Johannes ist Johannes, und Elias ist Elias.

  Der Prophet Elia war durch Maleachi 3:23 wie folgt angekündigt worden: »Siehe, Ich sende euch den Propheten Elia, bevor der Tag Jewes kommt, der große und furchtbare.« Der Tag Jewes liegt noch in der Zukunft; er ist der Tag des Zorns und gerechten Gerichts Gottes; und dieser Tag beschließt als letzter Jahrsiebener unseren bösen Äon (Jes.13:13; Jer.51:6; Dan.9:27; Zeph.1:14-18; 2:1-3; Sach.14:9,20; Mat.24;Off.4-19).

  Nach Matthäus 17:10-13 fragten die Jünger den Herrn: »Wieso sagen nun die Schriftgelehrten, dass Elia zuerst kommen müsse? Er antwortete ihnen: Elia kommt zwar zuerst und wird alles wiederherstellen. Aber Ich sage euch, dass Elia schon kam; doch sie erkannten ihn nicht, sondern taten ihm an, was immer sie wollten. So wird auch der Sohn des Menschen demnächst von ihnen leiden müssen. Dann verstanden die Jünger, dass Er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach.« Dies besagt, dass Johannes in dem Geist und in der Kraft Elias da war, wie Lukas 1:16,17 bestätigt, wonach der Bote Gottes zu Zacharias, dem Vater des Johannes, sagte: »Viele der Söhne Israels wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, zurückführen; und er wird vor Seinen Augen in dem Geist und der Kraft des Elia vorausgehen, um die Herzen der Väter umzuwenden zu den Kindern und die Widerspenstigen zur Besonnenheit der Gerechten, um dem Herrn ein Volk zuzurichten und bereit zu machen.«

  Mithin dürfen wir sagen: So wie Elia einst wiederkommen und alles wiederherstellen wird, so kam auch Johannes, um der Wegbereiter Jesu Christi zu seiner Zeit zu sein.

  »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« (Vers 15). Dieses Wort erinnert an Hesekiel 3:27: »So spricht Jewe, der Herr: Wer hören will, der höre, und wer es lässt, der lasse es [oder: Der Hörende höre und der Verstockte lasse es], denn ein widerspenstiges Haus sind sie.« Bei alledem wissen wir, dass Gott es ist, der da verstockt (Jes.6:10; Mat.13:13) und der da die Ohren öffnet (Jes.50:4,5). Unsere Herr betonte mithin: Wer Ohren hat, höre auf Johannes und sinne um, um dem König Jesus, den Christus Israels, empfangen zu können.

 

Die Rechtfertigung der Weisheit

 

  Und wie verhielt sich Israel gegenüber der Botschaft des Johannes und der Jesu? Der Herr skizzierte die Reaktion der Juden in den Versen 16 bis 19: »Mit wem soll Ich diese Generation vergleichen? Sie ist gleich kleinen Kindern, die am Markt sitzen und den anderen zurufen: Wir flöten euch, doch ihr tanzt nicht! Wir singen Totenlieder, doch ihr wehklagt nicht! - Denn als Johannes kam und weder aß noch trank, da sagten sie: Er hat einen Dämon! - Nun ist der Sohn des Menschen gekommen; Er isst und trinkt, da sagen sie: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! - Und doch ist die Weisheit durch ihre Werke gerechtfertigt worden.«

  Nichts überzeugte die Juden. Aufgrund des Rufs des Johannes hätten sie über ihre Sünden wehklagen sollen, taten es aber nicht. Aufgrund des von Jesus verkündigten mit Krankenheilungen verbundenen Evangeliums hätten sie Ihn mit Freuden annehmen sollen, taten es aber nicht. Und damit ist ihre Halsstarrigkeit offenkundig.

  Und doch ist die Weisheit Gottes, Seine Handlungsweise sowohl durch Johannes als auch durch Jesus, gerechtfertigt worden; sie ist längst als richtig erwiesen, und zwar durch das von ihr Gewirkte, nämlich den Glauben mancher, durch diese Frucht des Täufers wie auch des Menschensohns zur Verherrlichung Gottes.

  Übrigens: Jesu Selbstbezeichnung als Sohn des Menschen gründet auf Daniel 7:13,14, wonach mit den Wolken des Himmels Einer wie eines Menschen Sohn kam, dem das Königreich über alle Völker gewährt wurde.

 

Jesu Weherufe über nicht umsinnende Städte

 

  Matthäus berichtet in den Versen 20 bis 24 weiter: »Dann begann Er, den Städten, in denen Seine meisten Machttaten geschehen waren, Vorwürfe zu machen, weil sie nicht umsinnten: Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind, so hätten sie längst in Sacktuch und Asche umgesinnt. Indessen sage Ich euch: Tyrus und Sidon wird es am Tage des Gerichts erträglicher ergehen als euch. Und du, Kapernaum! Du wirst nicht bis zum Himmel erhöht werden! Nein, bis ins Ungewahrte wirst du hinabgestoßen werden. Denn wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die bei dir geschehen, so wäre es bis heute geblieben. Indessen sage Ich euch: Dem Land Sodom wird es am Tage des Gerichts erträglicher ergehen als dir.«

  Chorazin, Bethsaida und Kapernaum lagen alle im Raum nordwestlich des Sees Genezareth. In Bethsaida hatte Jesus einen Blinden und viele andere geheilt (Mark.8:22; Luk.9:10,11). In Kapernaum hatte Jesus gewohnt, gelehrt und geheilt (Mat.8:5; Mark.1:21; 2:1; Luk.4:31; 7:1; Joh.4:46; 6:17,59).

  Tyrus (Jes.23; Hes.26-28:19) und Sidon (Hes.28:20-26) waren alte phönizische Städte am Mittelmeer und standen für Hochmut und Habgier. Sodom war der Inbegriff sittlicher Verdorbenheit (1.Mose 19).

  Jetzt ist natürlich die Frage zu stellen, warum Gott denn keine Wunder in Tyrus, Sidon und Sodom tat, sodass jene Menschen dort aufgrund ihrer Umsinnung gerettet worden wären? Die Antwort ist: Unser souveräner, allein weiser, liebender und alles bewirkender Gott und Vater geht mit jedem und allem den zum Besten führenden Weg. Im Gericht vor dem großen, weißen Thron wird Er einen jeden nach den Werken gerecht richten (Off.20:12) wie auch nach dem Maß der Erkenntnis, denn »bei jedem, dem viel gegeben wurde, wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man weit mehr fordern« (Luk.12:48). Das Gericht wird dem Betreffenden seine Rettungsbedürftigkeit und den Retter offenbaren, Jesus Christus, der für alle starb, das heißt zugunsten aller, Ihn, der das Leben ist und auch den Nichtauserwählten, und zwar nach den Äonen, bei der Vollendung, das Leben gibt (1.Kor.15:20-28; Kol.1:20; 1.Tim.4:10; 2.Tim.1:10).

  Sodom war übrigens zur Zeit Jesu bereits im Ungewahrten (nicht in der Hölle, wie manche falsch übersetzen und die es nach der Bibel gar nicht gibt), es war nicht mehr sichtbar. Und von Kapernaum ist heute der größte Teil nicht mehr zu sehen.

 

Jesus betet den Vater an

 

  Im Folgenden wird bestätigt, was wir schon andeuteten, nämlich warum Chorazin, Bethsaida und Kapernaum nicht umsinnten: »Zu jenem Zeitpunkt nahm Jesus das Wort und sagte: Ich huldige Dir, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du dieses vor Weisen und Verständigen verbirgst, es aber Unmündigen enthüllst. Ja, Vater, denn so war es Dein Wohlgefallen vor Dir« (Verse 25+26).

  Dies erinnert uns an Jesaia 29:14: »Umkommen soll die Weisheit der Weisen [dieses Volkes], und der Verstand seiner Verständigen soll sich verbergen.« Siehe auch Jesaia 6:10, Matthäus 13:15 und Römer 9:14-24.

  Mögen wir doch Gott als Gott erkennen, als Allesbewirkenden! Es geschieht alles nach Seinem in Christus gefassten Vorsatz für den Ablauf der Äonen (Eph.3:11). Er allein ist es, der »dieses«, nämlich das Verständnis der Lehre und der Taten Jesu, ja die Erkenntnis Jesu als Sohn Gottes, verbirgt und enthüllt. Gott lässt Sich stets einen Überrest nach Seiner Gnadenauswahl übrig (Röm.11:5). Die anderen hingegen verstockt Er (Röm.11:7).

  Auch heute ist es so, dass nur wenige von der Welt anerkannte Weise und Verständige glauben, wie denn Paulus in 1.Korinther 1:26-29 schreibt: »Seht doch nur eure Berufung an, Brüder: Da sind nicht viele Weise dem Fleische nach, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme; sondern das Törichte der Welt erwählt Gott, damit Er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt erwählt Gott, damit Er das Starke zuschanden mache. Das Niedriggeborene der Welt und das von ihr Verschmähte erwählt Gott, ja das, was bei ihr nichts gilt, um das abzutun, was bei ihr etwas gilt, damit sich überhaupt kein Fleisch vor den Augen Gottes rühmen könne.«

 

Wie uns Erkenntnis zuteil wird

 

  Vers 27 bekräftigt diese Ausführungen: »Alles ist Mir von meinem Vater übergeben worden; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem der Sohn es zu enthüllen beschließt.«

  Nur Jesus erkennt den Vater, nur Er ist »mit Ihm vertraut«, wie Jesus sagte, »weil Ich von Ihm bin und Er Mich ausgesandt hat« (Joh.7:29).

  Kein Mensch aber kann den Vater erkennen, es sei denn, dass der Sohn es ihm zu enthüllen beschließt. - Da ist nichts hinzuzufügen; wir können uns nur niederbeugen und dem Vater und dem Sohn huldigen. Und nur danken können wir, dass wir in der Gnade auserwählt und berufen, mit dem Glauben beschenkt und gerechtfertigt, ausgesöhnt und versiegelt sind. In der Gnade sind wir Gerettete (Eph.2:8)!

 

Jesu Joch ist mild

 

  Und nun ruft der Herr auf: »Kommt alle her zu Mir, die ihr euch müht und beladen seid; Ich werde euch Ruhe geben. Nehmt Mein Joch auf euch und lernt von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn Mein Joch ist mild, und Meine Last ist leicht« (Verse 28-30).

  Die Juden mühten sich in mehrfacher Hinsicht und waren auf vielerlei Weise beladen, und zwar

-         durch das Gesetz des Mose, sofern man damit seine eigene Gerechtigkeit durch Werke aufzustellen suchte (Röm.10:3; Phil.3:9),

-         durch die Erkenntnis des Gesetzes der Sünde und des Todes, sofern man das Treffliche wirklich tun wollte, es aber wegen der innewohnenden Sünde nicht vermochte (Röm.7:18,23)

-         sowie durch die über das Gesetz des Mose hinausgehenden Vorschriften der Pharisäer und Schriftgelehrten, die »schwere und unerträgliche Lasten« zusammenbanden und den Juden auf die Schultern legten (Mat.23:4).

  Das Joch Jesu dagegen ist mild und Seine Last ist leicht, weil Er sanftmütig und demütig ist und daher niemanden überfordert. Er ist der Sich Erbarmende und vergibt den Menschen ihre Sünden, sofern sie wirklich nach dem Königreich Gottes und seiner Gerechtigkeit trachten. Er ist der Retter und der Helfer. Wer Ihn sieht, sieht den Vater, und diese rechte Erkenntnis des Vaters und des Sohnes im Glauben und in der Bereitschaft der Treue und des Gehorsams vermittelt Herzensfrieden und Ruhe für die Seele.

  Dem wahren Herrn und Christus zu dienen, ist Freude, auch wenn es Mühe kostet. Und selbst dann, wenn die Gläubigen um Jesu willen gehasst werden und Drangsale erleiden, wird der Friede Gottes ihre Herzen in Erwartung der Auferstehung und des äonischen Lebens im Königreich Israels bewahren.

 

Jesus ist Herr über den Sabbat

(Mat.12:1-32)

 

  »Zu jenem Zeitpunkt ging Jesus an den Sabbaten durch die Saaten. Seine Jünger aber waren hungrig und begannen Ähren abzurupfen und zu essen. Als die Pharisäer dies gewahrten, sagten sie zu Ihm: Siehe, Deine Jünger tun, was am Sabbat nicht zu tun erlaubt ist« (Verse 1+2).

  Schlägt man im Gesetz des Mose nach, dann findet man, dass der siebente Tag (der Samstag) ein Sabbat für Jewe und daher heilig zu halten ist und keine Arbeit an diesem Tag verrichtet werden darf. Was allerdings gegessen wird, darf auch zubereitet werden (2.Mose 12:6; 20:10; 31:15; 5.Mose 5:14). Die Jünger hatten also nicht gegen das Gesetz verstoßen, denn Ährenrupfen ist keine Arbeit, und sie verzehrten sie ja auch sofort. Sie hatten nur die über das Gesetz hinausgehenden Vorschriften der Pharisäer übertreten. Und das Ährenabrupfen als solches ist nach 5.Mose 23:26 ohnehin erlaubt; da heißt es: »Wenn du in das Getreidefeld deines Nächsten kommst, dann darfst du Ähren mit deiner Hand abpflücken, aber die Sichel sollst du nicht über das Getreide deines Nächsten schwingen.«

 

Zwei Beispiele

 

  Zunächst hält Jesus den Pharisäern zwei Beispiele aus der Schrift vor: »Er aber erwiderte ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als er hungrig war, er selbst und die bei ihm waren, wie er in das Haus Gottes einging und sie die Schaubrote aßen, die ihm nicht zu essen erlaubt waren (noch denen mit ihm) außer den Priestern allein? Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, dass die Priester an den Sabbaten in der Weihestätte den Sabbat entheiligen und doch schuldlos sind?« (Verse 3-5).

  Auf der Flucht vor dem König Saul waren David und seine Männer nach Nob zum Priester Ahimelech gekommen, der ihnen fünf heilige Brote gab (1.Sam.21:2-7), die nach Gottes äonischem Gesetz von Aaron und seinen Söhnen als ein hochheiliges von den Feueropfern Jewes an heiliger Stätte gegessen werden (2.Mose 25:30; 29:33; 3.Mose 24:9). Die zwölf Schaubrote stehen für die zwölf Stämme Israels. Dieses Beispiel macht deutlich, dass der Hunger Davids und seiner Männer Gott wichtiger war als die zeremonielle Ordnung.

  Und was die Priester auch und gerade am Sabbat taten, nämlich Opfer darbringen (4.Mose 28;9,10), zeigt, dass der Gottesdienst dem Sabbatgebot vorging.

 

Barmherzigkeit will Ich und nicht Opfer

 

  Jetzt folgen die entscheidenden Begründungen Jesu: »Ich aber sage euch: Hier ist einer, der größer als die Weihestätte ist! Wenn ihr nur erkannt hättet, was das ist: Barmherzigkeit will Ich und nicht Opfer -, so würdet ihr die Schuldlosen nicht schuldig sprechen; denn der Sohn des Menschen ist Herr über den Sabbat« (Verse 6-8).

  Jesus ist größer und erhabener als alles, sei es der Ihn vorschattende König David, sei es die Weihestätte oder das Gesetz des Mose, die auf Ihn hinweisen. Er, der Sohn des lebendigen Gottes, ist der angekündigte »Sohn des Menschen«, der das äonische Königreich einnehmen wird (Dan.7:13,14) und als König selbstverständlich auch darüber verfügt, was am Sabbat geschehen darf, auf jeden Fall Nöte der Menschen lindernde Taten und Werke der Barmherzigkeit.

  Haben sie denn nicht in Hosea 6:6 gelesen: »Huld [-erweisung] gefällt Mir und nicht Opfer und Erkenntnis Elohims mehr als Aufsteignahungen«? Die Pharisäer bestehen hartherzig auf dem Gesetz und ihren eigenen Zusatzvorschriften ohne zu erkennen, dass Barmherzigkeit zum Wichtigsten im Gesetz zählt (Mat.23:23). Durch Sacharja sprach Jewe der Heere: »Übt gerechte Rechtsprechung und erweist einander Gnade und Barmherzigkeit« (Sach.7:9). Steht nicht wiederholt geschrieben, dass Jewe an Huld Gefallen hat und Sich Seines Volkes erbarmt (Micha 7:18), dass Er mitleidsvoll und gnädig ist, langsam zum Zorn und groß an Huld und Treue (2.Mose 34:6,7)? Sollten die Herzen der Schriftgelehrten nicht vom Charakter Gottes geprägt sein? Huld, aus Seiner Liebe quellend, gehört zum innersten Wesen Gottes, denn huldvoll ist Er in all Seinen Werken (Ps.145:17). »Jewe ist gut gegen alle, und Sein Erbarmen geht über all Seine Werke« (Ps.145:9). Seine Huld ist Ausdruck Seines Erbarmens, denn mit äonischer Huld erbarmt Er Sich Israels (Jes.54:8).

Die Heilung der verdorrten Hand

 

  Matthäus berichtet weiter: »Als Er von dort weiterging, kam Er in ihre Synagoge, und siehe, dort war ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte. Da fragten sie Ihn (um Ihn anklagen zu können): Ist es erlaubt, an den Sabbaten zu heilen? Er aber antwortete ihnen: Ist ein Mensch unter euch, der nur ein Schaf hat, und dieses fiele ihm an den Sabbaten in eine Grube, der es nicht ergreifen und heraufziehen würde? Um wie viel mehr überragt der Mensch so ein Schaf? Daher ist es auch erlaubt, an den Sabbaten edel zu handeln. - Dann sagte Er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Da streckte er sie aus, und sie war wiederhergestellt, gesund wie die andere« (Verse 9-13).

  Wie verstockt muss man eigentlich sein, um Jesus Antworten zu entlocken, aufgrund derer man Ihn anklagen könne? - Jesu Entgegnung ist so einfach und einleuchtend, dass jedes Kind sie verstehen kann - wenn man einem Tier am Sabbat Barmherzigkeit erweist, dann einem Menschen noch viel mehr -, und von solch einer Herzenswärme, dass ein jeder Ihm zustimmen kann. Wenn man Ihn aber umbringen will, ist man blind dafür. Die Pharisäer konnten nichts erwidern - diese ihre Niederlage machte sie nur noch verbissener. Das Heilungswunder hätte ihren Glauben an den vor ihnen stehenden Messias hervorrufen sollen.

  Es fällt übrigens auf, dass der Herr einen großen Teil Seiner Wunder an einem Sabbat tat. Wie anders konnte Er Israel die herrliche Wahrheit anzeigen, dass es, wenn es von all seinen Sünden geheilt ist, in die große Sabbatruhe des Königreichs und in das Feiern Gottes eingehen wird (Heb.4:9,10)?

 

»Siehe, Mein Knecht!«

 

  Die Führer des Volkes aber hassen Jesus ohne Grund, wie in Psalm 35:19 und 69:5 geschrieben steht (Joh.15:25). So lesen wir in den Versen 14 bis 21: »Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten eine Beratung über Ihn ab, wie sie Ihn umbrächten. Jesus erfuhr dies und zog Sich von dort zurück. Viele folgten Ihm nach, und Er heilte sie alle. Doch Er warnte sie sehr, Ihn nicht öffentlich bekannt zu machen, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaia angesagt war: Siehe, Mein Knecht, den Ich erwählte, Mein Geliebter, an dem Meine Seele ihr Wohlgefallen hat! Ich werde Meinen Geist auf Ihn legen, und Er wird den Nationen Gericht verkünden. Er wird nicht hadern noch schreien, noch wird jemand auf den Plätzen Seine Stimme hören. Ein geknicktes Rohr wird Er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Flachsdocht wird Er nicht auslöschen, bis Er das Gericht zum Sieg durchgeführt hat. Und auf Seinen Namen werden sich die Nationen verlassen.«

  Matthäus zitierte nach Jesaia 42:1-4 (vgl. Jes.11:10).

  Bis jetzt hatte Jesus bekannt und als der Messias erkannt werden wollen, nun aber tritt Er in einen neuen Abschnitt Seines Dienstes ein, und dies in Übereinstimmung mit der Tatsache, dass Gott den Pharisäern und Schriftgelehrten die Augen nicht aufgetan hatte, denen, die Seine Verkündigung im ganzen Land zum umfassenden Erfolg hätten bringen können.

  Bis jetzt hatte man Jesu Stimme auf den Plätzen gehört, sodass man Jesaias Prophezeiung bislang nicht mit Ihm in Verbindung bringen konnte. Nun jedoch bestätigt der Vater den Sohn dadurch, dass Er das Jesaia-Wort an Ihm erfüllt; und Jesus weiß dies und handelt dementsprechend, indem Er die Menschen eindringlich anweist, Ihn nicht öffentlich als den Messias bekannt zu machen.

  Nur ein geknicktes Schilfrohr hier und ein glimmender Docht dort waren das Ergebnis der Bemühungen Jesu. Nach unseren Vorstellungen hätte Sein Evangelium vom nahen Königreich zu einer nationalen Erhebung führen und alle Juden zu glühenden Jüngern machen sollen. Aber nur etliche zerknirschte Herzen und manch ein schwaches Flackern des Glaubens waren alles, was der Herr aufzeigen konnte.

 

Die Heilung eines dämonisch Besessenen

 

  »Dann wurde ein dämonisch Besessener zu Ihm gebracht, der blind und stumm war, und Er heilte ihn, sodass der Stumme sprechen und sehen konnte. Da war die gesamte Volksmenge vor Verwunderung außer sich, und man sagte: Dies ist doch nicht etwa der Sohn Davids?« (Verse 22+23).

  Der Satan hatte die Sünde, das Zum-Sterben-sterbend-Sein (1.Mose 2:17) und mithin auch alle Krankheiten der Menschheit durch Adam in sie hineingebracht. Jesus Christus aber, der Herr über alle Geschöpfe und das Haupt auch jeder geistlichen Fürstlichkeit und Obrigkeit (Kol.2:10), ist imstande, die Menschen von allen Krankheiten, ja dem Tod zu befreien und aus der Obrigkeit der Finsternis zu bergen (Kol.1:13).

  Als die Menge das Heilungswunder wahrnahm, war sie außer sich, kam aber über die Frage, ob Jesus etwa der verheißene Sohn Davids sei, dem Jewe das Königreich bereiten wird (2.Sam.7:12-14), nicht hinaus. Dank sei Gott, dass Er es uns geschenkt hat zu glauben, dass Jesus derjenige ist, der das Königreich Davids wiederherstellt (Amos 9:11; Ap.15:16).

 

Die Reaktion der Pharisäer

 

  Die Reaktion der Pharisäer ist äußerst durchtrieben: »Als die Pharisäer es hörten, sagten sie: Dieser treibt keine Dämonen aus außer durch Beezeboul, den obersten der Dämonen« (Vers 24).

  Beezeboul ist der Name des obersten der Dämonen (vgl. Mat.9:34). Dämonen gehören der niederen Klasse der bösen und unreinen Geister an und sind nicht mit den Boten (Engeln) Satans zu verwechseln. Beezeboul untersteht dem Satan. Satans Königreich schließt auch die Dämonen ein. Beezeboul heißt so viel wie Baal (Eigner oder Herr) der Wohnorte oder der Fliegen. Der Name geht auf Baal zebub zurück, das heißt »Herr der Fliegen«, den Götzen der Stadt Ekron der Philister (2.Kön.1:2).

  Der Herr widerlegt die heimtückische Behauptung der Pharisäer durch drei schlichte und überzeugende Argumente, die wir in den Versen 25 bis 29 vernehmen: »Da Er aber ihre Überlegungen gewahrte, sagte Er zu ihnen: Jedes Königreich, das mit sich selbst uneins ist, wird veröden, und keinerlei Stadt oder Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird bestehen. Wenn der Satan den Satan austreibt, so ist er mit sich selbst uneins. Wie soll nun sein Königreich bestehen können?

  Wenn Ich die Dämonen durch Beezeboul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Deshalb werden sie eure Richter sein.

  Wenn Ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so kommt demnach das Königreich Gottes schon im Voraus auf euch. Wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und dessen Hausrat plündern, wenn er nicht zuerst den Starken bindet? Erst dann wird er dessen Haus plündern.«

  Ja, wie könnte ein Königreich bestehen, wenn es mit sich selbst uneins ist? Solch ein Unsinn, dass Beezeboul seine eigenen Mitstreiter austreibe, ist nicht denkbar.

  Es ist des Weiteren undenkbar, dass die Söhne der Pharisäer Dämonen durch Beezeboul austreiben. Wer wollte denn die Söhne des Paktes mit Beezeboul bezichtigen? Die Pharisäer hatten dies aber in ihrem blinden Hass getan; ihre Söhne werden sie darin verurteilen.

  Und das Dritte ist ebenfalls klar: Wer eines Starken Hausrat plündern will, muss ihn zuerst binden. Wer einen Menschen geheilt aus dem Haus der Dämonen hinausführen will, muss zuerst die Dämonen austreiben. Die Heilung des dämonisch Besessenen zeigt, dass Jesus in der Kraft des Geistes Gottes die Dämonen ausgetrieben hat und Er der Stärkste ist, der folglich auch in der Lage ist, das Königreich für Israel aufzurichten.

  Johannes schreibt in diesem Zusammenhang: »Dazu wurde der Sohn Gottes offenbart, damit Er die Werke des Widerwirkers niederreiße« (1.Joh.3:8).

  Es folgt der Aufruf von Vers 30 zur Einnahme einer eindeutigen Position: »Wer nicht mit Mir ist, der ist gegen Mich, und wer nicht mit Mir sammelt, der zerstreut.«

  Mit diesem Wort machte Jesus den Pharisäern wie auch allen anderen angesichts Seines Heilungswunders und der erkennbaren Wirksamkeit des auf Ihm ruhenden Geistes Gottes (Jes.11:2; 42:1; Mat.12:20) deutlich, dass es Ihm gegenüber keine Neutralität geben kann und auch Unentschiedenheit oder eine weitere Bedenkzeit nicht mehr akzeptiert werden können, sondern man nur mit Ihm oder gegen Ihn sein kann. Und wer mit Ihm ist, der erweise dies, indem er nämlich die Auserwählten aus dem Volk Israel mit Ihm sammle; andernfalls wird man nur der Zerstreuung und dem Verfall Vorschub leisten und sich somit als Gegner Jesu erzeigen.

 

Die Sünde gegen den heiligen Geist

 

  Mit den Versen 31 und 32 folgt eines der ernstesten Worte für die Juden, das über Leben und Tod für die Äonen entscheidet: »Deshalb sage Ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen erlassen werden, die Lästerung des Geistes aber wird nicht erlassen werden. Wer etwa ein Wort gegen den Sohn des Menschen sagt, dem wird es erlassen werden; wer aber gegen den heiligen Geist redet, dem wird es nicht erlassen werden, weder in diesem Äon noch in dem zukünftigen.«

  Welch eine Gnade Israel doch zuteil wurde: Jede Sünde und Lästerung, ja sogar Worte gegen Jesus Selbst, werden den Juden vergeben, wenn sie glauben und umsinnen. Am äonischen Königreich Israels werden sie dann teilhaben. Der Herr hatte Verständnis dafür, dass Er, im Körper der Niedrigkeit unter ihnen weilend, verkannt werden konnte. Für diese Sünde war Vergebung möglich. Dies liegt auf der Linie des Evangeliums der Beschneidung, wonach man für unwissentliche und versehentliche Verfehlungen Vergebung erlangen konnte. Für Sünden »mit erhobener Hand«, also vorsätzliche und vollmächtigliche (4.Mose 15:30), und für Sünden mit Wissen und Wollen, die nach der Erkenntnis der Wahrheit begangen wurden (Heb.10:26), gab es keine Vergebung (Ap.5:3; 13:39).

  Insofern die Juden Jesus unwissentlich an das Kreuz gebracht haben, bat Er für sie: »Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun« (Luk.23:34).

  Die Lästerung des Geistes Gottes wird den Juden aber nicht erlassen werden. Sie besteht in der Unterstellung, dass Jesus Seine Werke im Bund mit bösen Geistern tue. Dass es aber Gottes Kraft war, in der Jesus wirkte, konnte eigentlich nicht verkannt werden. Wer nun gegen dieses Zeugnis des heiligen Geistes redet - und dies gerade angesichts einer Dämonenaustreibung, die nur durch den Geist Gottes geschehen sein konnte -, dem ist nicht mehr zu helfen, dem kann keine Vergebung gewährt werden, weder im gegenwärtigen, bösen Äon (Gal.1:4) noch in dem darauf folgenden Äon des tausendjährigen Königreichs Israels.

  So geschah es dann auch im Berichtszeitraum der Apostelgeschichte. Die Wunder, die Petrus, Johannes und Paulus im Namen des Auferstandenen und in der Kraft des heiligen Geistes taten, beglaubigten ihre Botschaft über den Herrn Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Wer das Zeugnis des Geistes nun aber immer noch bösen Geistern zuschreibt, der »hat für den Äon keine Erlassung, sondern ist der äonischen Folge der Sünden verfallen« (Mark.3:29), der wird kein äonisches Leben (Leben in den kommenden Äonen) haben, der wird nicht in das Königreich eintreten.

  Wir dagegen, die Glieder der Körpergemeinde Christi (Eph.1:23), die wir in der dem Apostel Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes leben (Eph.3:2; Kol.1:25; Röm.5:20), die wir gerechtfertigt und mit Gott versöhnt sind, können die Sünde wider den heiligen Geist gar nicht begehen, da sie nur von Ungläubigen angesichts des Wunder wirkenden Geistes Gottes begangen werden konnte.

  Mit unseren Sünden handeln wir zwar ebenfalls gegen den Geist Gottes, indem wir ihn nämlich betrüben (Eph.4:30), wir sind und bleiben aber in der Gnade Gerettete (Eph.2:8), und nichts ist uns zur Verurteilung, die wir in Christus Jesus sind (Röm.8:1).

 

Das Zeichen des Propheten Jona

(Matthäus 12:33-50)

 

  Im Zusammenhang mit der bösartigen Behauptung der Pharisäer, Jesus treibe Dämonen durch Beezeboul, den obersten der Dämonen, aus, stellt der Herr nun fest, dass man an den Worten der Menschen deren Herzenseinstellung erkennen kann, bildlich gesprochen, dass man an der Frucht die Qualität des Baumes erkennt.

 

An der Frucht erkennt man den Baum

 

  Jesus sagte: »Entweder macht den Baum edel, dann ist auch seine Frucht edel; oder macht den Baum faul, dann ist auch seine Frucht faul; denn an der Frucht erkennt man den Baum« (Vers 33).

  Im Falle der Bäume haben wir Menschen keine Schwierigkeiten, sie richtig zu beurteilen. Und man scheut sich auch nicht, einen Baum, der keine edlen Früchte trägt, umzuhauen (Mat.7:19). Nun sagt der Herr aber, dass man auch die Menschen an ihren Früchten sicher erkennen wird, worunter wir gewiss auch ihre Taten verstehen dürfen, wenn der Herr auch nur von der Frucht ihrer Lippen spricht.

 

Otternbrut!

 

  Der Herr fuhr fort: »Otternbrut! Wie könnt ihr, da ihr doch böse seid, Gutes reden? Denn aus der Überfülle des Herzens spricht der Mund. Der gute Mensch holt aus seinem guten Schatz Gutes hervor, während der böse Mensch aus seinem bösen Schatz Böses hervorholt« (Verse 34+35).

  Die bösen Worte der Pharisäer über Jesus sind der Ausdruck ihrer bösen Herzenshaltung. Durch ihre Worte geben sich die Bösen zu erkennen. Otternbrut sind sie! Es ist so, wie es geschrieben steht: »Der Verruchte spricht verruchte Worte« (Jes.32:6). »Wie eine geöffnete Gruft ist ihre Kehle; mit ihren Zungen betrügen sie; Natterngift ist unter ihren Lippen, deren Mund voller Verwünschung und Bitterkeit ist« (Röm.3:13,14; Ps.5:10; 140:4). Jakobus schreibt dazu: »So ist auch die Zunge nur ein kleines Glied, sie kann sich aber mit Großem brüsten. Siehe, welch ein kleines Ausmaß an Feuer vermag welch großes Ausmaß an Material zu entzünden. Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt der Ungerechtigkeit. Die Zunge ist unter unseren Gliedern als diejenige eingesetzt, die den ganzen Körper beflecken kann und das Rad des uns Angestammten [d. h. den Lauf des uns Gewordenen] entflammt wie auch von der Gehenna entflammt [d. h. im Feuergericht umkommen] wird« (Jak.3:5,6).

 

»Über jeden müßigen Ausspruch ...«

 

  »Ich sage euch aber: Über jeden müßigen Ausspruch, den die Menschen reden werden - am Tage des Gerichts werden sie diesbezüglich Rechenschaft zu erstatten haben; denn nach deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und nach deinen Worten wirst du schuldig gesprochen werden« (Verse 36+37).

  Dies sind ernste Worte! Und wenn wir auch nicht davon betroffen sind, denn wir sind in der Gnade Gerechtfertigte, völlig unabhängig von unserem Tun und Lassen, und kommen nicht in das Gericht vor dem großen, weißen Thron, so werden wir doch vor der Preisrichterbühne des Christus Rechenschaft zu erstatten haben und Lob und Lohn für unsere edlen Werke erhalten, für unnütze Worte natürlich nicht (Röm.14:12; 1.Kor.3:10-15; 2.Kor.5:10).

  Judas bekräftigt: Der Herr wird an allen Gericht üben und alle Ruchlosen entlarven wegen aller harten Worte, die sie gegen Jesus Christus sprechen (Jud.15). Jakobus warnt die zwölf Stämme Israels wie folgt vor überflüssigen Worten: »Euer Ja sei Ja und euer Nein sei Nein, damit ihr nicht unter das Gericht fallt« (Jak.5:12).

  Beim Gericht wird es absolut gerecht zugehen; die Nichtauserwählten werden nach ihren Werken verurteilt (Off.20:12). Dabei wird auch ihre eigene Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht berücksichtigt, die sie im Laufe ihres Lebens in meist über andere urteilenden Worten haben deutlich werden lassen. Ein Beispiel dafür haben wir in dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden, worin der Herr dem mit dem Geld nicht wirtschaftenden Sklaven sagt: »Nach der Aussage deines eigenen Mundes werde ich dich richten, böser Sklave! Du wusstest, dass ich ein strenger Mensch bin und nehme, was ich nicht angelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe. Weshalb gabst du mein Geld nicht auf eine Bank? Dann hätte ich es, als ich kam, mit Zinsen einfordern können« (Luk.19:22,23).

 

Das Zeichen des Jona

 

  »Dann antworteten Ihm einige der Schriftgelehrten und Pharisäer: Lehrer, wir wollen von Dir ein Zeichen gewahren! - Darauf gab Er ihnen zur Antwort: Diese böse und ehebrecherische Generation trachtet nach einem Zeichen; doch man wird ihr kein Zeichen geben außer dem Zeichen des Propheten Jona; denn ebenso wie Jona drei Tage und drei Nächte im Leib des Seeungeheuers war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein« (Verse 38-40).

  Ein Zeichen wollen sie sehen - und dann selbstherrlich entscheiden, ob sie es anerkennen wollen oder nicht. Würden sie glauben, so hätten sie gar kein Verlangen nach einem Zeichen.

  Als einen Lehrer sprechen sie Ihn an - bestimmt nicht von Herzen, denn dann würden sie Ihm glauben und gehorchen, sondern nur Seiner offenkundigen Tätigkeit nach.

  Ein Zeichen wollen sie wahrnehmen - hat Jesus denn nicht schon genügend Zeichen und Wunder getan, die Ihn als den Messias ausweisen (Mat.11:5)? Alle diese ignorieren sie aber!

  Der Herr nannte nicht nur die Zeichenfordernden, sondern Seine gesamte Generation böse und ehebrecherisch. Ihre Bosheit ist an ihrem niederträchtigen Denken zu erkennen, Jesu Krankenheilungen dem Beezeboul zuzuschreiben, und ihr Ehebruch daran, dass sie den am Sinai geschlossenen Bund nicht halten, der doch von Christus spricht, und den Worten der Propheten nicht treu sind, die den Sohn des Menschen angekündigt haben (Dan.7:13). Sie haben den Vater nicht erkannt, sondern trachten ehebrecherischerweise nach allerlei anderem, und kennen daher auch den Sohn nicht.

  Jesus weigerte Sich mithin, ihnen ein weiteres Zeichen zu geben, denn »wenn sie nicht auf Mose und Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand aus den Toten aufersteht« (Luk.16:31).

  Die mit der »Taufe der Umsinnung zur Erlassung der Sünden« (Luk.3:3) unter Johannes dem Täufer begonnene Bewegung im Volk Israel war in die Ablehnung Jesu umgeschlagen; der wahre Charakter der Menschen trat zutage.

  Ein Zeichen aber soll ihnen gegeben werden: das des Propheten Jona.

  Die entscheidende Einzelheit der Geschichte Jonas ist uns bekannt: Als die Seeleute den ungehorsamen Propheten ins Meer geworfen hatten, bestellte Jewe einen großen Fisch, damit dieser Jona verschlinge, der daraufhin drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, bis jener ihn auf Befehl Jewes auf das trockene Land ausspie. Im Bauch des Fisches war Jona im Scheol, im Ungewahrten - er war nicht zu sehen -, und schrie um Rettung (Jona 2:3).

  Der Scheol (nach dem Griechischen: der Hades) ist die Antwort auf die Frage, wo die Toten seien; sie sind im Ungewahrbaren, sie sind nicht mehr wahrnehmbar, weil sie nicht mehr sind.

  Der Ausdruck »drei Tage und drei Nächte« ist eine hebräische Redewendung, die genau besehen nur zwei Nächte einschließt. Außerdem muss man wissen, dass ein Tag um 18 Uhr beginnt und die Juden jeden angefangenen Tag auch von nur wenigen Minuten als einen Tag zählen. Der Leichnam unseres Herrn Jesus Christus lag vom Ende des Donnerstags noch vor  18 Uhr bis zur Mitte des Sabbats (des Samstags) gegen 6 Uhr im Grab. Es sind also drei zu zählende Tage berührt. Dementsprechend heißt es, wie viele Male in der Schrift zu lesen ist, dass Er am dritten Tag auferweckt wurde.

  Das Zeichen, das Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten gab, waren Sein Tod, Sein Grab und Seine Auferstehung, vergleichbar dem Erleben des Jona. Mit diesem Zeichen bindet der Herr die Zeichenfordernden als die Mörder des Messias in das Geschehen ein.

  Wie sich hernach in der Zeit der Apostelgeschichte zeigt, ist gerade dieses Zeichen nach Gottes Weisheit die Grundlage des Glaubens und der Umsinnung vieler Menschen.

 

»Siehe, hier ist mehr als Jona!«

 

  Welch ein erschütternder Kontrast zur Haltung Israels wird an den folgenden Versen 41 und 42 deutlich: »Männer, Niniviter, werden mit dieser Generation zum Gericht auferstehen und sie verurteilen, denn auf den Heroldsruf des Jona hin sinnten sie um, und siehe, hier ist mehr als Jona! Die Königin des Südens wird mit dieser Generation zum Gericht auferweckt werden und wird sie verurteilen; denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören, und siehe, hier ist mehr als Salomo!«

  Wer vermag dies zu fassen? Die Niniviter glaubten Jona ohne dass er ein Wunder getan hatte und sinnten um (wenn ihre Umsinnung auch nicht von Dauer war, denn sie kommen ja ins Gericht vor dem großen, weißen Thron). Die Juden aber verhärteten sich gegenüber Jesus, der viel erhabener als Jona ist. Die Königin von Saba unternahm die weite Reise von der Südküste Arabiens, wo das Land endete, bis nach Jerusalem, um die Weisheit Salomos zu hören, und sie erkannte diese Weisheit ohne ein Zeichen zu fordern als von Jewe, dem Elohim Israels, stammend (1.Kön.10:1-13; 2.Chron.9:1-12). Israel aber verschmäht den, der die Weisheit in Person ist. »Der aus dem Himmel kommt, ist über allen«, sagt Johannes der Täufer (Joh.3:31).

  Wie groß doch der Unglaube Israels im Vergleich zu dem Glauben jener Ausländer ist! Allein ihr Auftreten im Gericht - sie brauchen noch nicht einmal etwas zu sagen - muss die Juden schon zutiefst beschämen. Und so wird sich erfüllen, was Paulus in Römer 2:27 schrieb: »Der von Natur Unbeschnittene, der das Gesetz vollbringt, wird dich richten, der du nach Buchstaben und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist.«

 

Dem nicht umsinnenden Israel geht es zuletzt ärger als zuvor

 

  Es war nicht allzu lange her, dass Jesus einen Dämonen aus einem Besessenen ausgetrieben hatte (Vers 22). Israel aber ließ sich durch diese Tat nicht zum Glauben und zur Umsinnung führen. Im Bilde eines Hauses gesprochen, ist es nach der Austreibung eines unreinen Geistes leer. So kann es aber nicht bleiben. Man sollte meinen, dass nach einer solchen Erweisung der Kraft des heiligen Geistes Jesus Christus durch den Glauben in jenes Haus, in das Haus Israel, einzöge. Israel aber glaubt nicht, sondern pflegt nur eine Form der Heiligung in Gestalt des mosaischen Rituals. Folglich geschieht, was der Herr in den Versen 43 bis 45 sagt und dann vielen einzelnen Juden geschehen ist wie auch dem gesamten Volk geschah und bis heute noch geschieht (sind sie doch erbitterte Feinde Jesu): »Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, durchzieht er wasserlose Stätten, sucht dort Ruhe und findet sie nicht. Dann sagt er: Ich werde in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausfuhr. Und wenn er kommt, findet er es unbesetzt, gefegt und geputzt. Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, ärger als er selbst; sie ziehen ein und hausen dort, sodass es jenem Menschen zuletzt ärger ergehen wird als zuvor. Ebenso wird es auch mit dieser bösen Generation sein.«

  Wer ein Wunder erfuhr, zum Erstaunen über den Fingerzeig Gottes kam und daraufhin den Entschluss zur Besserung seiner Gesinnung fasste, aber nicht an Jesus als den Messias glaubte, stand - menschlich gesehen - zwar viel besser da, hatte aber nicht die Kraft, bösen geistlichen Mächten zu widerstehen. Und dann ging es ihm zuletzt ärger als zuvor. Dieselben Worte gebraucht auch der Apostel Petrus, wenn auch in einem Parallelfall, nämlich eines zum Glauben an Jesus Gekommenen; und zwar schreibt er in seinem 2. Brief 2:20-22: »Wenn sie [die zum Glauben Gekommenen] durch die Erkenntnis unseres Herrn und Retters Jesus Christus dem Unflat der Welt entflohen sind, dann aber wieder in diese Dinge verflochten werden und unterliegen, so ergeht es ihnen zuletzt ärger als zuvor. Denn es wäre besser für sie, den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt zu haben, als ihn zu erkennen, um danach zu dem hinter ihnen Liegenden zurückzukehren, weg von dem heiligen Gebot, das ihnen übergeben wurde. Ihnen aber ist der Sinn des wahren Sprichworts widerfahren: Ein Köter wendet sich zum eigenen Gespei um; und: Eine gebadete Sau zum Wälzen im Schlamm.«

  Je mehr Erkenntnis Gottes ohne Hinwendung zu Ihm, desto ärger wird es mit dem Menschen und umso strenger das Gericht.

  Eine Frage am Rande: Wieso durchziehen ausgefahrene Dämonen wasserlose Stätten? Sie meiden Wasser, weil es für sie zum Abgrund zählt, zumal alles, was unter der Erd- und Wasseroberfläche liegt, nach der Bibel dem Abgrund zuzuordnen ist. - Sie suchen einen Körper als Behausung, und wenn es auch nur der eines Schweines ist; und die Bitte der Dämonen zu Gergesa an den Herrn, in die Schweine geschickt zu werden, besagt zugleich, nicht in den Abgrund verbannt zu werden (Mat.8:31).

  Der bösen Generation Jesu wie auch dem Volk Israel während der Zeit seiner Verwerfung ergeht es bis heute ärger als zuvor; der böse Geist und noch sieben andere noch bösere dazu haben von Israel Besitz ergriffen.

 

Jesu Mutter und Geschwister

 

  »Während Er noch zu den Scharen sprach, siehe, da standen Seine Mutter und Seine Geschwister draußen und suchten Ihn zu sprechen. Da sagte einer Seiner Jünger: Siehe, Deine Mutter und Deine Geschwister stehen draußen und suchen Dich zu sprechen. Er aber antwortete dem, der es Ihm meldete: Wer ist Meine Mutter, und wer sind Meine Geschwister? Und Seine Hand über Seine Jünger ausstreckend, sagte Er: Siehe, Meine Mutter und Meine Geschwister! Denn wer den Willen Meines Vaters in den Himmeln tut, der ist Mein Bruder und Meine Schwester und Meine Mutter« (Verse 46-50).

  Joseph, der Vater Jesu nach dem Gesetz (Luk.3:23), war nicht anwesend; daraus kann nicht geschlossen werden, dass er bereits verstorben war, es ist aber dennoch sehr wahrscheinlich. Jesus hatte mehrere Geschwister, und zwar vier Halbbrüder und mindestens zwei Halbschwestern (Mat.13:55,56).

  Sicherlich hat der Herr nach Seinem Ausspruch Seiner Familie die angemessene Achtung erzeigt, aber darum geht es dem berichtenden Matthäus nicht, sondern darum, deutlich zu machen, dass in Jesu neuem Dienstabschnitt nicht mehr die mit dem gesamten Volk bestehende leibliche Verwandtschaft im Vordergrund steht, sondern der einzelne Treue, der den Willen Seines Vaters in den Himmeln tut, mithin der, der geistlich mit Ihm verwandt ist.

  Damit sind nicht mehr alle Juden Jesu Brüder und Schwestern; jetzt ist die Bruderschaft auf die Gläubigen begrenzt.

  Vernehmen wir hierzu das schöne Wort aus Hebräer 2:11-13: »Sowohl der Heiligende [der Sohn] wie auch die geheiligt werden [die Gläubigen], stammen alle aus dem Einen [dem Vater], um welcher Ursache Er [der Herr Jesus Christus] Sich nicht schämt, sie Brüder [Geschwister] zu nennen, indem Er sagt: Ich werde Deinen Namen Meinen Brüdern verkünden, inmitten der herausgerufenen Gemeinde werde Ich Dir lobsingen. Anderswo wieder: Ich werde zu Ihm Vertrauen haben. Und wieder: Siehe, Ich und die Kindlein, die Gott Mir gibt.«

  Mögen wir, die Glieder der Körpergemeinde (Eph.1:23), die wir in der dem Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes leben (Eph.3:2; Kol.1:25), nie vergessen, dass wir stets die Brüder und Schwestern des Herrn Jesus Christus sind und bleiben (Eph.1:13; Röm.8:30), auch wenn wir nicht den Willen unseres Vaters in den Himmeln tun, indem wir etwa fleischgemäß wandeln und nicht geistgemäß (Röm.8:4,13,14; Gal.5:16) und indem wir nicht auf das achten, was unser Herr uns durch unseren Apostel sagt, Paulus, den Herold, Apostel und Lehrer der Nationen (1.Tim.2:7; Tit.1:3). Eine solche Gnade möge unsere Herzen gewinnen und ändern (Tit.2:12)!

  Israel aber gilt - dem dem Apostel Petrus gegebenen Evangelium der Beschneidung nach (Gal.2:7) -: »Wer den Willen Gottes tut, bleibt für den Äon« (1.Joh.2:17); und: »Nicht jeder, der zu Mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern nur, wer den Willen Meines Vaters in den Himmeln tut« (Mat.7:21). Glaube und edle Werke sind untrennbar (2.Pet.1:10; Jak.2:24).

 

Das erste Königreichsgleichnis

(Matthäus 13:1-23)

 

  Mit der Ablehnung Jesu und Seines Aufrufs zur Umsinnung angesichts des nahen Königreichs Israels trat der Herr in den zweiten Abschnitt Seines Dienstes unter Seinem Volk ein: Er verkündigte das Evangelium nicht mehr frei heraus, sondern in Gleichnissen verschlüsselt, damit sie Ihn nicht mehr verstehen sollten.

  Bis auf wenige (Mat.11:25-30) hatten die Juden nicht umgesinnt (Mat.11:16-24). Die Pharisäer und Schriftgelehrten unterstellten Jesus, Er treibe die Dämonen im Bund mit Beezeboul, dem obersten der Dämonen, aus (Mat.12:24-32). Und ein Zeichen wollten sie von Ihm sehen, obwohl Er Sich als ihr Messias bereits durch viele Zeichen und Wunder erwiesen hatte (Mat.12:38-40). Israel glaubte Ihm nicht; mithin zog Jesus nicht durch den Glauben in ihre Herzen ein, sodass die bösen Geister von dem Volk Besitz ergriffen (Mat.12:43-45).

  Einer solchen Otternbrut, einer solchen bösen und ehebrecherischen Generation (Mat.12:34,39) konnte das verheißene Königreich auf keinen Fall gegeben werden. Somit musste es in die Ferne rücken.

  In Form von Gleichnissen macht der Herr nun die sieben Geheimnisse des Königreichs für die Zeit der gerade eingetretenen Verblendung Israels bis zum Abschluss des Äons und zur Aufrichtung des Königreichs bekannt. Diese Informationen über königreichsbezogene Ereignisse während der Verwerfung Jesu durch Sein Volk waren bisher noch verborgen gewesen.

  Hinsichtlich dieses zeitlichen Rahmens ist zu beachten, dass die dem Apostel Paulus gegebene heilsgeschichtliche Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes (oikonomia: Eph.3:2; Kol.1:25; Röm.5:20) und wir, die wir als Glieder der Gemeinde, die Christi Körper ist (Eph.1:23), darin leben, von diesen Gleichnissen in keiner Weise berührt sind. Sie treffen für uns überhaupt nicht zu, sondern auf die Zeit vor und nach uns.

  Ein Gleichnis (eine Parabel) ist eine grundlegende, lehrhafte Darstellung, die eine Wahrheit an einem Beispiel im übertragenen Sinn veranschaulicht.

  Die Gleichnisse sind paarweise geordnet. Zum ersten Paar zählen das vom Sämann und das vom Taumellolch. Das zweite Paar wird von dem vom  Senfkorn und dem vom Sauerteig gebildet. Diese ersten vier Gleichnisse beschreiben äußere Vorgänge. Zum dritten Paar gehören das Gleichnis vom Schatz im Feld und das von der edlen Perle. Das siebente Gleichnis, das vom Schleppnetz, steht separat. Diese letzten drei Gleichnisse beschreiben Inneres, dem Königreich Wesenseigenes.

 

Das Gleichnis vom Sämann

 

  Matthäus berichtet in Kapitel 13:1-9: »An jenem Tag ging Jesus aus dem Haus und setzte Sich an den See; doch eine große Volksmenge versammelte sich um Ihn, sodass Er in ein Schiff stieg und Sich darin setzte, während die gesamte Schar am Strand stand. - Er sprach viel in Gleichnissen zu ihnen und sagte: Siehe, der Sämann ging aus, um zu säen. Und beim Säen fiel etwas an den Weg, und Flügler kamen und fraßen es. Anderes fiel auf das Felsige, wo es nicht viel Erde hatte; und es schoss sofort auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als die Sonne aufging, wurde es versengt; da es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Wieder anderes fiel in die Dornen, und die Dornen kamen hoch und erstickten es. Anderes fiel auf ausgezeichnetes Land und gab Frucht, das eine hundertfältig, das andere sechzig- und noch anderes dreißigfältig. Wer Ohren hat zu hören, der höre!«

  In Israel hatte der Ackerboden oftmals felsigen Untergrund, manche Dornenhecke war so dicht, dass man sie nicht roden wollte, und Pfade säumten die Felder und führten manchmal auch quer durch sie hindurch, sodass es beim Auswerfen des Samens mit einem Schwung der Hand schon vorkam, dass etwas nicht auf das gute Land fiel. Der Samen wurde sodann untergepflügt.

  Wie das Land, so die Menschen. Ihre Herzen waren so hart wie die festgetretenen Pfade. Ihr Glaube war so mager wie felsiger Boden. Ihr Blick auf den für sie sorgenden himmlischen Vater war so beschränkt wie unter einer Dornenhecke. Nur wenige hörten in Treue auf das Wort Jesu und brachten gute Frucht, so wie guter Erdboden die Saat gedeihen lässt.

  »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« Dieses an Hesekiel 3:27 erinnernde Wort läuft eine Scheidung hinaus: »So spricht Jewe, mein Herr: Wer hört, der höre, und der [vom Wort] nicht Berührte [weil verstockt] lasse es, denn ein Haus der Widerspenstigkeit sind sie.« Hierbei vergessen wir auch Jesaia 50:4 nicht, wonach nur der hören kann, dem Jewe das Ohr weckt.

 

Warum Jesus in Gleichnissen spricht

 

  Den Jüngern war die neue Form der Verkündigung ihres Herrn aufgefallen. »Da traten die Jünger herzu und fragten Ihn: Warum sprichst Du in Gleichnissen zu ihnen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Königreichs der Himmel zu erkennen, jenen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von ihm wird auch das, was er hat, genommen werden. Deshalb spreche Ich in Gleichnissen zu ihnen, damit sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen. So wird an ihnen das Prophetenwort des Jesaia erfüllt, das besagt: Mit dem Gehör werdet ihr hören und keinesfalls verstehen. Sehend werdet ihr sehen und keinesfalls wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist verdickt, mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen schließen sie, damit sie mit den Augen nicht wahrnehmen, noch mit den Ohren hören, noch mit dem Herzen verstehen und sich umwenden und Ich sie heilen könnte« (Verse 10-15).

  Welch eine Wendung die Verkündigung Jesu nehmen musste! Jetzt soll das nicht umsinnende Volk nicht mehr verstehen und zum Glauben kommen können! Ihre Umsinnung nach dem Aufruf Johannes des Täufers, aufgrund der vollmächtigen Worte Jesu sowie angesichts Seiner Heilungswunder war nicht tiefgreifend gewesen; damit war auch nicht mehr zu rechnen. Folglich war es besser, sie der Verstockung dahinzugeben als ihnen weitere Erkenntnis zu vermitteln, deren Zurückweisung ihnen ein noch ärgeres Gericht einbringen würde.

  Die Antwort des Herrn an Seine Jünger entlarvt die landläufige Meinung, dass Gleichnisse dem besseren Verständnis dienten, als Irrtum. Wohl ist ein Gleichnis als solches schlicht und einfach, zumal allseits bekannte Handlungen vor Augen geführt werden, aber das, was es geistlicherweise aussagt, bleibt den meisten verschlossen.

  Den Jüngern war es gegeben, die Geheimnisse des Königreichs der Himmel zu erkennen. Das Königreich selbst war kein Geheimnis, denn die Propheten hatten auf vielerlei Weise vom Kommen des Messias und der Aufrichtung des Königreichs gesprochen. Was aber würde geschehen, wenn der Messias von Seinem Volk verworfen wird? Dieses bislang noch Geheime verkündigt Jesus nun durch die sieben Parabeln unseres Kapitels 13.

  Allerdings - wer erkennt, wer versteht die Geheimnisse? Den Jüngern war es gegeben; gegeben - sie hatten also nicht von sich aus das Verständnis, zumal sich kein Mensch etwas nehmen kann, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben wird (Joh.3:27). Ohne Auslegung konnte niemand die Gleichnisse begreifen. Seinen Jüngern erklärte der Herr sie.

  »Denn wer hat, dem wird gegeben werden.« Die Jünger hatten. Sie hatten vom Herrn bereits manche geistliche Einsicht erhalten, sodass sie dafür zubereitet waren, mehr zu empfangen.

  Von denen aber, die nicht haben, wird auch das genommen werden, was sie haben. Das widerspenstige Volk hatte durchaus etwas, nämlich das ausgestreute und durch Wunder beglaubigte Wort Jesu. Da sie aber nicht glaubten, sollte diese Saat bei ihnen nicht aufgehen; sie sollten nichts davon haben. Sie dachten nicht daran, nach den Worten Jesu zu handeln. Darum wurde ihnen das ihnen bereits Übermittelte genommen.

  Die ganze Nation fiel durch ihren Unglauben von dem lebendigen Gott ab und verlor ihre Privilegien als das Volk Gottes. Während der Zeit ihrer Verwerfung haben sie gar nichts.

  Nun nimmt der Herr auf Jesaia 6:9,10 Bezug und sagt, dass Er deshalb in Gleichnissen zu ihnen spreche, damit sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören sollten und das Wort des Propheten Jesaia somit an ihnen erfüllt werde.

  Jesaia sechs beginnt mit den Worten: »Im Todesjahr des Königs Usia sehe ich Jewe auf einem Thron sitzen.« »Der Bericht über den König Usia bildet den düsteren Hintergrund für das Erlebnis des Propheten. Usia und mit ihm ganz Israel hatten keinen Begriff mehr von Gottes Heiligkeit, er war sich selbst zu groß geworden. Usia war nicht zum Dienst im Heiligtum berufen, dennoch wagte er es, auch ohne diese Berufung an den Altar heranzutreten. Jesaia wird gezeigt, wie heilig Jewe ist. Selbst die Seraphim, die über Seinem Thron sind, wagen es nicht, Seine Herrlichkeit anzusehen, sie bedeckten ihre Angesichter mit ihren Flügeln. Doch der Mensch wagt es, frech vor Ihn zu treten, ohne gerufen zu sein« (Willy Dick, »Unausforschlicher Reichtum«, 1986, Seite 106). Die Verworfenheit des Volkes war so groß, dass Jesaia daraufhin von Jewe den Auftrag bekommt, Israel mit den vom Herrn zitierten Worten zu verstocken.

  Dieses Wort Jesaias kennzeichnet stets das Ende der Königreichsverkündigung, hier die des Herrn und am Schluss der Apostelgeschichte die des Apostels Paulus (Ap.28:23-28). Das Königreich Israels wird erst den nach dem Ende der gegenwärtigen Verwaltung der Gnade Gottes (Eph.3:2; Kol.1:25) auf der Erde lebenden Menschen wieder verkündigt werden.

  Johannes 12:37 bis 41 wirft weiteres Licht auf unsere Thematik: »Obgleich Er so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an Ihn, damit das Wort des Propheten Jesaia erfüllt werde, in welchem er angekündigte: Herr, wer glaubt unserer Kunde? Und wem wurde der Arm des Herrn enthüllt? - Sie konnten deshalb nicht glauben, weil Jesaia wiederum gesagt hatte. Er hat ihre Augen geblendet und ihr Herz verstockt, damit sie mit den Augen nicht wahrnehmen, noch mit dem Herzen begreifen und sich umwenden und Ich sie heilen könnte. - Dies sage Jesaia, als er Seine [Jesu] Herrlichkeit gewahrt hatte und von Ihm [Jesus] sprach.« - Wir wissen, dass dies der Weisheit Gottes und Seinem in Christus gefassten Vorsatz für den Ablauf der Äonen entspricht (Eph.3:11) und der Niedergang Israels der Reichtum der Nationen und Israels jetzige Verwerfung der Welt Versöhnung ist (Röm.11:12,15).

 

Die Bevorzugung der Jünger

 

  Weiterhin sagte der Herr Jesus zu Seinen Jüngern: »Glückselig aber sind eure Augen, weil sie erblicken, und eure Ohren, weil sie hören. Denn wahrlich, Ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, das zu gewahren, was ihr erblickt, und haben es nicht gewahrt, und das zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört« (Verse 16+17).

  Die Jünger sind sehr bevorzugt. Desgleichen schreibt Petrus im Zusammenhang mit der Vollendung des Glaubens, die in der Rettung der Seelen besteht (1.Pet.1:9): »Nach dieser Rettung haben schon die Propheten ernstlich gesucht und geforscht, die von der erwiesenen Gnade prophetisch geredet haben, indem sie forschten, was für eine oder welche Frist es sei, die der Geist Christi in ihnen offenkundig machte, wenn er vorher bezeugte die für Christus bestimmten Leiden und Seine Verherrlichung danach. Ihnen wurde enthüllt, dass sie dies nicht sich selbst, sondern euch durch ihren Dienst vermittelten« (1.Pet.1:10-12).

 

Die Deutung des Gleichnisses vom Sämann

 

  Des Weiteren wandte Sich der Herr an die Jünger und deutete ihnen das erste der sieben Geheimnisse des Königreichs: »Ihr nun, hört das Gleichnis vom Sämann! Zu jedem, der das Wort vom Königreich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und raubt ihm das ins Herz Gesäte; dieser ist es, bei dem an den Weg gesät wird. Wo aber auf das Felsige gesät wird, dieser ist es, der das Wort hört und es sogleich mit Freuden annimmt. Doch hat er in sich keine Wurzel, sondern ist wetterwendisch. Wenn sich Drangsal oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, strauchelt er sogleich. Wo aber in die Dornen gesät wird, dieser ist es, der das Wort hört; doch die Sorge dieses Äons und die Verführung des Reichtums ersticken das Wort, sodass es unfruchtbar wird. Wo aber auf das ausgezeichnete Land gesät wird, dieser ist es, der das Wort hört und versteht, welcher auf jeden Fall Frucht bringt, und der eine trägt hundertfältig, der andere sechzig-, der andere dreißigfältig« (Verse 18-23).

  Jesus ist der Sämann, der das Wort Gottes bekannt macht.

  Mit diesem Gleichnis werden die verborgenen Ursachen der Verwerfung des Königreichs offenbart.

  Da ist der Widerstand des Satans zu nennen, der das ins Herz Gesäte raubt, wie die Vögel das auf den Weg Gesäte wegfressen.

  Da ist die Schwachheit des Fleisches anzuführen, das zunächst begeistert ist, bei Anfeindungen aber zurückweicht, so wie das auf das Felsige Gesäte schnell aufschießt, dann aber verdorrt. Einst sagte Jesaia, dass die Israeliten zwar Tag für Tag nach Jewe forschen und an der Erkenntnis Seiner Wege Gefallen haben, sie dabei aber doch nur ihren eigenen Genuss suchen (Jes.58:2,3). Vielleicht passt den Juden etwas nicht, wie das Wort Jesu, dass niemand zu Ihm kommen kann, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. Als Er dies sagte, liefen viele Seiner Jünger (aus dem weiteren Jüngerkreis) davon (Joh.6:65,66). Und wenn sie Verfolgung befürchten müssen, dann fürchten sie die Menschen mehr als Gott. Menschenfurcht ist ein schlechter Ratgeber. Und dann geschieht, was in Johannes 12:42,43 geschildert: »Doch glaubten auch viele der Oberen gleichfalls an Ihn, bekannten es aber um der Pharisäer willen nicht, damit sie nicht aus der Synagoge ausgestoßen würden; denn sie liebten eben die Verherrlichung von Menschen weit mehr als die Verherrlichung Gottes.« Solche verloren ihre Rettung nach dem damals verkündigten Evangelium der Beschneidung wieder, wie Jesus es den Juden gesagt hatte: »Jeder nun, der sich vor den Menschen zu Mir bekennen wird, zu dem werde auch Ich Mich vor Meinem Vater im Himmel bekennen. Wer Mich aber vor den Menschen verleugnen wird, den werde auch Ich vor Meinem Vater in den Himmeln verleugnen« (Mat.10:32,33). - Wir aber, die Glieder der Gemeinde, die Christi Körper ist (Eph.1:23), stehen nach dem Evangelium der Unbeschnittenheit (Gal.2:7) allezeit in der Gnade (Röm.5:2; Eph.2:8).

  Als dritte Ursache der Verwerfung des Wortes Jesu ist die Welt mit ihren Sorgen wie auch ihrem Reichtum zu nennen, die vom Wort Gottes ablenken, ja es ersticken wie eine Dornenhecke die aufgehende Saat. Nicht nur die Jagd nach dem Reichtum, sondern auch das ausschweifende Leben aufgrund des Reichtum lenken ab, und manch einen wird allein die Freude an seinem Besitz davon abhalten, dem Wort beständige Aufmerksamkeit zu widmen. Wir mögen auch an den reichen Jüngling denken, der betrübt davonging, weil er seinen Reichtum an über sein Losteil hinausgehenden, erworbenen Gütern nicht aufgeben wollte (Mat.19:16-26). Und manche Gläubigen meinen, die Frömmigkeit sei ein Kapital, ein Mittel, um reich zu werden (1.Tim.6.:5). »Die aber beabsichtigen, reich zu werden, fallen in Versuchung und eine Falle und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen in Ruin und Untergang versumpfen. Denn eine Wurzel aller Übel ist die Geldgier, nach der etliche streben, dadurch vom Glauben abgeirrt sind und sich unter vielen Schmerzen von allen Seiten versuchen lassen« (1.Tim.6:9,10).

  Alle jene Menschen haben das Wort zwar gehört, aber nicht verstanden, weil es nur durch Glauben und damit geistlicherweise verstanden, gedanklich richtig eingeordnet werden kann. Mangel an geistlichem Verständnis aber öffnet das Herz den bösen Geistern oder von ihnen hervorgerufenen Gedanken (vgl. Mat.12:43-45). Die es aber verstanden haben, sind wie guter Ackerboden, der viel Frucht bringt.

  Was uns Gläubige heute anbelangt, ist zum Lobpreis der Gnade Gottes zu sagen, dass nichts vom Menschen abhängt und auch nichts von den Lebensumständen, seien es mancherlei Dürftigkeit, Drangsal und Verfolgung oder die Sorgen und Verführungen des gegenwärtigen bösen Äons (Gal.1:4). Wen Gott auserwählt hat, den beruft Er auch, und der ist und bleibt ein in der Gnade Geretteter (Röm.8:30; Eph.1:13). Der einmal in Gnaden gewährte Glaube (Eph.2:8; Phil.1:29) bleibt bestehen, mögen die Dornen noch so wuchern, die Widerstände sich mehren oder eine Krankheit den Menschen zerrütten. - Und ob wir Frucht bringen oder nicht - »welcher Art eines jeden Werk ist, das wird das Feuer [vor der Preisrichterbühne Christi; Röm.14:10-12; 2.Kor.5:10; 2.Tim.4:8)] prüfen. Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf [auf den von Paulus gelegten Grund, und der ist Jesus Christus; 1.Kor.3:10,11] gebaut hat, so wird er Lohn erhalten. Wenn jemandes Werk verbrennen sollte, so wird er ihn [den Lohn] verwirken; er selbst aber wird gerettet werden, jedoch nur so wie durch Feuer hindurch« (1.Kor.3:13-15). Selbst der Hurer, der die Frau seines Vaters genommen hatte und deshalb von Paulus und der herausgerufenen Gemeinde zu Korinth dem Satan zum Ruin des Fleisches übergeben wurde, wird am Tage des Herrn Jesus gerettet werden (1.Kor.5:1-5).

 

Das zweite bis siebente Königreichsgleichnis

(Matthäus 13:24-58)

 

Das Gleichnis vom Taumellolch

 

  Wir hören nun das Gleichnis vom Taumellolch. Der 25 bis 70 cm hohe Taumellolch war ein gefürchtetes Getreideunkraut. Seine Früchte sind von einem Pilz befallen, der ein giftiges Alkaloid abscheidet, was zu Mehlvergiftungen und Schwindel, also zum Taumeln, führt. Daher der Name. Die Lolche gehören zur Gattung der Süßgräser.

  Matthäus berichtet in den Versen 24 bis 30: »Ein anderes Gleichnis legte Er ihnen dar: Das Königreich der Himmel gleicht einem Menschen, der edlen Samen auf sein Feld säte. Aber während die Menschen schlummerten, kam sein Feind und säte Taumellolch darüber, mitten unter das Getreide, und ging davon. Als aber der Halm keimte und Frucht trug, erschien dann auch der Taumellolch. Da traten die Sklaven des Hausherrn herzu und fragten ihn: Herr, hast du nicht edlen Samen auf dein Feld gesät? Woher hat es nun den Taumellolch? Er entgegnete ihnen: Ein Feind, ein Mensch, hat dies getan. Weiter fragten ihn die Sklaven: Willst du nun, dass wir hingehen und es jäten? Da entgegnete er: Nein, damit ihr nicht beim Jäten des Taumellolchs zugleich mit ihm das Getreide entwurzelt. Lasst beides zusammen bis zur Ernte wachsen, und zum Zeitpunkt der Ernte werde ich den Schnittern gebieten: Jätet zuerst den Taumellolch und bindet ihn in Bündel, um ihn zu verbrennen; das Getreide aber sammelt in meine Scheune.«

  Nicht nur die Volksmenge, sondern auch die Jünger verstanden dieses Gleichnis nicht. Letzteren gibt der Herr sodann mit den Versen 36 bis 43 die Deutung und das Verständnis, da sie bereits »haben«, wie es in Vers 12 heißt, und zwar manche Gotteserkenntnis und eben Glauben, und ihnen deshalb »gegeben werden wird« (Vers 12).

  Der Taumellolch sieht dem Getreide bis zur Zeit der Reife sehr ähnlich, sodass es praktisch unmöglich ist, ihn ohne Gefahr für das Getreide auszuraufen. Der Taumellolch steht für die vielen Heuchler, die sich mitten unter den treuen Jüngern in den herausgerufenen Gemeinden Israels befanden und zukünftig befinden werden. Unter den zwölf Jüngern war nur ein solcher. Schon in der Zeit der pfingstlichen Verwaltung (siehe Apostelgeschichte) waren es viel mehr. Und wie wird es erst in der Endzeit sein, in den sieben Jahren des Zorns und gerechten Gerichts Gottes? Die darin lebenden Heuchler werden dann umkommen; die Treuen aber werden insbesondere in der zweiten Hälfte des letzten Jahrsiebeners für das tausendjährige Königreich der Himmel geerntet werden (Off.14:13-15).

  Weitere Einzelheiten der Auslegung dieses Gleichnisses betrachten wir im Zusammenhang mit den Versen 36 bis 43.

 

Das Gleichnis vom Senfkorn

 

  »Ein anderes Gleichnis legte Er ihnen dar: Das Königreich der Himmel ist einem Senfkorn gleich, das ein Mensch nahm und auf sein Feld säte. Es ist zwar kleiner als alle anderen Samen; wenn es aber wächst, ist es größer als die Gemüse und wird wie ein Baum, sodass die Flügler des Himmels kommen und in seinen Zweigen Unterschlupf finden« (Verse 31+32).

  Das Gleichnis vom Senfkorn gehört zusammen mit dem vom Sauerteig zum zweiten Paar der ersten vier Gleichnisse, die allesamt »die Geheimnisse«, wie der Herr in Vers 11 sagte, beschreiben, wie sich denn der äußere Verlauf des Königreichs während der nun zutagetretenden Verwerfung Jesu durch Sein Volk gestalten wird. Beide Gleichnisse, das vom Senfkorn und das vom Sauerteig, zeigen die satanische Kopie des Königreichs in der Endzeit.

  Senfpflanzen auf dem Acker sind eine üble Sache.

  Das fast unnatürlich anmutende rasche Wachstum des Senfkorns steht im krassen Gegensatz zu der Art, wie das Weizenkorn wächst. Das schnelle Aufschließen des Senfkorns drückt das rasante Überhandnehmen der Gesetzlosigkeit zur Endzeit hin aus ebenso wie das plötzliche Aufkommen des antichristlichen Weltreichs in der Endzeit, in welchem Israel, und zwar das abtrünnige, dargestellt durch die Hure Babylon, eine führende Rolle spielen wird und in welchem die Vögel - sie sind uns bereits aus dem ersten Gleichnis als Bild für den Satan und die bösen Geister bekannt - zuhause sein und ihre Macht ausüben werden. Israel wird mit einem Male Großmacht sein und alle Fäden der Wirtschafts- und Finanzpolitik in Händen halten. Es wird zu einer Behausung der Dämonen und unreinen Geister werden (Mat.12:45; Off.18:2).

  Der das Senfkorn Säende ist der Satan. Auch Satan sät. Das tat er übrigens auch schon im zweiten Gleichnis (Vers 28). Gott säte ein einziges Korn, ein Weizenkorn, das in die Erde fiel und starb, auferweckte wurde und über alle Maßen herrliche Frucht bringt: Jesus (Joh.12:24). Satan macht das nach. Auch er sät nur ein einziges Korn und setzt alles auf eine Karte. Er sät ein Senfkorn, das zum Weltreich wird. Israel wird dem furchtbaren Betrug des Satans zum Opfer fallen und den Antichristus, den Menschen der Gesetzlosigkeit (2.Thess.2:3), im Buch der Enthüllung Jesu Christi »wildes Tier« genannt, für den wahren Christus halten und dessen Reich für die Erfüllung der Verheißungen. Der Herr hatte sie davor gewarnt, als Er sagte: »Ich bin im Namen Meines Vaters gekommen, doch ihr nehmt Mich nicht auf. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, werdet ihr denselben aufnehmen« (Joh.5:43). Der andere ist der Mensch der Gesetzlosigkeit, der falsche Messias. (Nach Willy Dick, »Unausforschlicher Reichtum« 1986, Seite 181 ff.)

  Das Gleichnis vom Senfkorn besagt nicht, wie landläufig zu hören ist, dass die sogenannte Christenheit die ganze Welt zu Gläubigen machen wird, sind wir doch nur eine Gnadenauswahl und werden wir doch von der Erde weg entrückt (Röm.8:30; Eph.1:4; 2:8; 1.Thess.4:17). Es bedeutet auch nicht, dass das Königreich Israels einmal die ganze Welt umfassen und zum Segen für alle Nationen sein wird, denn dies war ja kein Geheimnis - alle Propheten haben es geweissagt -; geheim aber war, wie das Reich bis dahin aussehen wird, für die Dauer des Unglaubens der Juden.

 

Das Gleichnis vom Sauerteig

 

  »Noch ein anderes Gleichnis sprach Er zu ihnen: Das Königreich der Himmel ist dem Sauerteig gleich, den eine Frau nahm und in drei Maß Mehl verbarg, bis es ganz durchsäuert war« (Vers 33).

  Sauerteig ist in der Heiligen Schrift stets das Symbol für Übles und Zersetzung, für die Durchdringung mit falschen Lehren. Zum siebentägigen Fest der ungesäuerten Brote (Mat.26:17) hatten die Israeliten allen Sauerteig aus ihren Häusern zu entfernen (2.Mose 12:15). Alle Vorbilder auf Christus sollten ohne Sauerteig sein; so sollte das Blut des Opfers nicht zusammen mit Gesäuertem geopfert werden (2.Mose 23:18; 34:25), und kein Nahungsgeschenk (Speisopfer), das sie Jewe darbrachten, sollte mit Sauerteig zubereitet werden; weder Sauerteig noch Honig sollten sie Jewe als Feueropfer räuchern (3.Mose.2:11). Eindringlich warnte Jesus Christus Seine Jünger: »Seht zu und nehmt euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer in Acht! ... Dann verstanden sie, dass Er nicht gesagt hatte, sich vor dem Sauerteig der Brote in Acht zu nehmen, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer« (Mat.16:6,12). Und der Apostel Paulus ermahnt, sich gründlich von dem alten Sauerteig des Üblen und der Bosheit zu reinigen, weil schon ein klein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert (1.Kor.5:6-8; Gal.5:9).

  Das Gleichnis bedeutet mithin, dass ein von der Bosheit und Gottlosigkeit völlig durchdrungenes und zersetztes Königreich bestehen wird, und zwar im letzten der siebzig Jahrsiebener (Dan.9:27). Die Frau, die den Teig durch die Beifügung von Sauerteig für die Menschen gut genießbar macht, ist die Hure Babylon, die den Menschen das falsche Königreich schmackhaft macht (Off.17+18). »Babel« heißt übrigens Vermengung, Verwirrung, Zersetzung (1.Mose 11:9).

 

»Ich werde Meinen Mund in Gleichnissen auftun«

 

  »Dies alles redete Jesus in Gleichnissen zu den Scharen, und ohne Gleichnis redete Er nichts zu ihnen, damit erfüllt werde, was durch den Propheten angesagt war: Ich werde Meinen Mund in Gleichnissen auftun; Ich werde ausstoßen, was vom Niederwurf an verborgen war« (Verse 34+35).

  Asaph, der Sohn Berechjas, ein Levit aus dem Geschlecht Gersons, Musiker und Sänger zur Zeit Davids (1.Chron.25:2; 2.Chron.6:24), hatte dieses prophetische Wort in Psalm 78:2 niedergeschrieben: »Ich will meinen Mund mit Vergleiche ziehender Rede auftun, ich will Rätsel aus der Vorzeit aussprechen.« Jetzt erfüllte sich dieses Wort. Und was der Herr Jesus im Einzelnen sagte, war vom Niederwurf der Welt an verborgen gewesen.

 

Die Deutung des Gleichnisses vom Taumellolch

 

  »Dann entließ Er die Scharen und ging in das Haus zurück. Da kamen Seine Jünger zu Ihm und baten: Kläre uns über das Gleichnis vom Taumellolch des Feldes auf! Er antwortete: Der den edlen Samen sät, ist der Sohn des Menschen. Das Feld ist die Welt; der edle Same aber, das sind die Söhne des Königreichs; der Taumellolch dagegen, das sind die Söhne des Bösen. Der Feind aber, der ihn sät, ist der Widerwirker; die Ernte ist der Abschluss des Äons, und die Schnitter sind die Boten. - Ebenso wie nun der Taumellolch gejätet und mit Feuer verbrannt wird, so wird es auch beim Abschluss des Äons sein. Der Sohn des Menschen wird Seine Boten beauftragen, und sie werden aus Seinem Königreich alle Fallstricke jäten und die, welche Gesetzlosigkeit verüben, und werden sie in den Hochofen des Feuers werfen; dort wird Jammern und Zähneknirschen sein. Dann werden die Gerechten im Königreich ihres Vaters wie die Sonne aufleuchten. Wer Ohren hat zu hören, der höre!« (Verse 36-43).

  Die Deutung des Gleichnisses durch unseren Herrn bedarf keiner weiteren Auslegung. Einige Anmerkungen aber seien erlaubt.

  Der Abschluss des Äons ist die siebenjährige Endzeit des Zorns und gerechten Gerichts Gottes, die zum Beispiel vom Propheten Daniel, in Matthäus 24 und im Buch der Enthüllung Jesu Christi ausführlich beschrieben wird.

  Die Heuchler und alle anderen Bösen Israels kommen in den Hochofen des Feuers, das heißt in die Plagen und Qualen der Posaunen- und Schalengerichte (Off.8,9,16).

  Von den Boten als den die Erde aberntenden Schnittern ist auch in Offenbarung 14:17-20 die Rede.

  Die Gläubigen, Gerechten und Treuen aber, die Söhne des Königreichs, werden - selbst wenn sie in den Verfolgungen der letzten dreieinhalb Jahre umkommen (Joh.11:25; Off.14:13) - das äonische Leben erlangen und im tausendjährigen Königreich wie die Sonne leuchten, wie auch in Richter 5:31 geschrieben steht: »Die Ihn [Jewe] Liebenden sind wie die Sonne, die aufsteigt in ihrer Kraft.«

 

Das Gleichnis vom Schatz im Feld

 

  Es folgen das Gleichnispaar vom Schatz im Feld und von der edlen Perle sowie das siebente Gleichnis, das vom Schleppnetz. Diese drei Parabeln zeigen Inneres, dem Königreich Wesenseigenes auf.

  Wir hören das fünfte Gleichnis: »Das Königreich der Himmel ist einem im Feld verborgenen Schatz gleich, den ein Mensch findet, aber wieder verbirgt; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenes Feld« (Vers 44).

  Das Feld ist die Welt; dies wissen wir bereits aus der Deutung des vorhergehenden Geheimnisses (Vers 38).

  Wer oder was ist der Schatz? Gibt es in der Welt etwas besonders Wertvolles? Ja, mögen unsere Augen um den Globus schweifen und Israel wahrnehmen, von dem allein geschrieben steht: »Ihr sollt Mir [Jewe Elohim] unter allen Völkern zum besonderen Eigentum sein; denn Mein ist die gesamte Erde« (2.Mose 19:5). Dem Herrn gehört das ganze Feld, die Erde, und das Sondergut, der Schatz, ist Israel. Allein von Israel ist zu lesen: »Je erwählte Jakob für Sich, [Er erwählte] Israel zu seinem besonderen Eigentum« (Ps.135:4).

  Der Mensch, der den Schatz fand, ist Jesus Christus, der in Seiner Freude hinging und alles verkaufte, was Er hatte, nämlich Seine göttliche Herrlichkeit (Joh.17:5) und die Gestalt Gottes, den Menschen gleichgestaltet wurde und gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod (Phil.2:6-8).

  Er kaufte das ganze Feld, die gesamte Welt, indem Er für alle starb, zugunsten aller (2.Kor.5:14), wie auch der Apostel Johannes schreibt: »Er ist die Sühne für unsere [Israels] Sünden; nicht allein aber für die unsrigen, sondern auch für die der ganzen Welt« (1.Joh.2:2).

  Oft hört man, der Schatz sei unsere Erlösung und man müsse alles darangeben, um sie zu erkaufen. Aber erstens erhielten wir unsere Rettung völlig umsonst und allein in der Gnade (Eph.2:8) und zweitens wird doch das Feld, also die Welt, erkauft und keinesfalls unsere Rettung.

  In Israel verbarg man Geld und Wertsachen, indem man sie auf dem eigenen Grundstück vergrub. Starb der Eigentümer oder wurde es verkauft, konnte das Vergrabene vergessen gehen. Fand irgendjemand es zufällig, konnte er es nicht an sich nehmen, weil es dem Eigentümer der Liegenschaft gehörte. Man musste also zuerst den Grund und Boden erwerben, um den Schatz heben zu können.

  Der Herr Jesus Christus hat mit Seinem Blut für die ganze Welt bezahlt. Der Schatz ist Seine geliebte Königreichsgemeinde (Joh.13:1).

 

Das Gleichnis von der edlen Perle

 

  Der Herr fuhr fort zu sprechen: »Wieder ist das Königreich der Himmel einem Menschen gleich, einem Händler, der edle Perlen sucht. Als er aber eine wertvolle Perle findet, geht er hin, veräußert alles, was er hatte, und kauft sie« (Verse 45+46).

  Der Gedankengang ist im Grunde derselbe wie bei dem vorhergehenden Gleichnis mit dem Unterschied, dass der Mensch gezielt auf die Suche geht. Das sechste Geheimnis des Königreichs ist, dass der Herr das wertvolle Israel sucht, mithin das gläubige - und es auch findet. Eine edle Perle ist rein von allen fremden Einschlüssen; so ist das wahre Israel - das nach der Gnadenauswahl (Röm.11:5,7) - rein von den Untreuen, den Heuchlern und allen anderen Bösen Israels, denn »nicht der ist Jude, der es sichtbar ist; noch ist das Beschneidung, was sichtbar am Fleisch geschieht; sondern der ist Jude, der es innerlich, im Verborgenen, ist; und Beschneidung des Herzens ist im Geist, nicht im Buchstaben; dem wird Lobpreis zuteil, zwar nicht von Menschen, sondern von Gott« (Röm.2:28,29). »Nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind sie nicht alle Kinder, weil sie Abrahams Same sind; sondern es heißt: In Isaak wird dir Same berufen werden. Dies bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches, nicht diese sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung rechnet Er als Samen« (Röm.9:6-8).

  Ein weiterer Aspekt ist: So wie Perlen sich im Meer befinden, so befindet sich auch Israel mitten im Völkermeer.

  Die Meinung, dass Jesus die edle Perle sei und der Sünder sie suchen müsse, ist falsch. Wohl ist Jesus edel, aber darum geht es an dieser Stelle nicht. Sünder sind keine Suchenden, denn »es gibt keinen, der Gott ernstlich sucht; alle meiden sie Ihn« (Röm.3:11,12; Ps.14:1-3). Jesus ist es, der die Verlorenen sucht und findet.

 

Das Gleichnis vom Schleppnetz

 

  Das siebente und letzte Königreichsgleichnis lautet: »Wieder ist das Königreich der Himmel einem Schleppnetz gleich, das ins Meer geworfen wird, um Fische aller Art einzusammeln. Wenn es voll ist, zieht man es auf den Strand hinauf, setzt sich und liest die edlen Fische in Behälter, die faulen aber wirft man hinaus. So wird es auch beim Abschluss des Äons sein: Die Boten werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten absondern und sie in den Hochofen des Feuers werfen; dort wird Jammern und Zähneknirschen sein« (Verse 47-50).

  Die Scheidung der Gerechten und der Bösen in der Endzeit war schon Thema des zweiten Gleichnisses gewesen, des vom Taumellolch. Im siebenten Gleichnis kommt noch die Sammlung hinzu.

  Es ist die letzte Stunde in unserem bösen Äon. Das unter alle Nationen zerstreute Israel wird aus dem Völkermeer eingesammelt. Wie Matthäus 24:31 zu entnehmen ist, sind himmlische Boten damit beauftragt, Christi »Auserwählte von den vier Winden her zu versammeln.« Von den Juden werden nur die Gerechten in das Königreich der Himmel einziehen. »Keine Sünder werden sich in der Gemeinde der Gerechten erheben« (Ps.1:5). Die Bösen werden ins Feuer geworfen, also den Qualen der Gerichte der Endzeit preisgegeben.

 

Neues und Altes

 

  Abschließend fragte der Herr Jesus Seine Jünger: »Versteht ihr dies alles? Sie antworteten Ihm: Ja. Darauf sagte Er: Deshalb ist jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Königreichs der Himmel geworden ist, gleich einem Menschen, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt« (Verse 51+52).

  Die Jünger hatten alles verstanden. Dies muss zum damaligen Zeitpunkt nicht einschließen, dass sie bei den Gleichnissen vom Schatz im Feld und der edlen Perle bereits erkannt hatten, dass der Verkauf alles dessen, was der Herr hatte, Seine Selbstdahingabe bis zum Tode am Kreuz bedeutete. Auf jeden Fall war es ihnen nach Vers 11 gegeben, die Geheimnisse des Königreichs zu verstehen, eben wie sich das Königreich nach der Zurückweisung Jesu durch Sein Volk darstellt.

  In Seiner weiteren Bemerkung verknüpft Jesus die Begriffe »Schriftgelehrter« und »Jünger«. Ein wahrer Schriftgelehrter ist jemand, der ein Jünger Jesu ist, der Schrift und den Worten Jesu glaubt und nunmehr als treuer Hausvater, als ein rechter Lehrer Israels - denn solche sollen die Jünger werden - aus dem Schatz der Schrift Altes hervorholt, es mit dem Schatz des Neuen, nämlich der Lehre Jesu, in rechter Weise verbindet und sodann dem Volk Israel die Fülle des Wortes verkündigt.

 

In Nazareth

 

  »Als Jesus diese Gleichnisse vollendet hatte, brach Er von dort auf und kam in Seine Vaterstadt, wo Er sie in ihrer Synagoge lehrte, sodass sie sich verwunderten und sagten: Woher hat der diese Weisheit und die Kräfte? Ist dieser nicht der Sohn des Handwerkers? Heißt Seine Mutter nicht Mirjam, und sind Seine Brüder nicht Jakobus und Joseph, Simon und Judas? Sind nicht alle Seine Schwestern hier bei uns? Woher hat der nun dies alles? - So nahmen sie Anstoß an Seiner Herkunft. Jesus aber sagte zu ihnen: Ein Prophet ist nicht ungeehrt, außer in seiner eigenen Vaterstadt und in seinem Hause. - Und wegen ihres Unglaubens tat Er dort nicht viele Machttaten« (Verse 53-58).

  Die betonte Aussage, dass Jesus die Gleichnisse »vollendet« hatte, bringt zugleich zum Ausdruck, dass Er am Wendepunkt Seines Dienstes unter Israel eine wichtige Aufgabe vollends erfüllt hatte: Nun wussten die Jünger, dass vor dem Anbruch des Königreichs noch mancherlei Krisen kommen würden.

  Dann besuchte Jesus erneut Seine Vaterstadt Nazareth. Beim ersten Mal hatten die Einwohner Ihn am Abhang ihrer Stadt zu Tode stürzen wollen (Luk.4:16-30). Nun, etwa ein Jahr später, im Jahre 31, begegnete Ihm keine offene Feindschaft. Wieder durfte Er in ihrer Synagoge lehren - jedem mündigen Juden konnte angetragen werden, etwas zu sagen -, und wieder waren sie zunächst beeindruckt, konnten aber dennoch nicht glauben, denn wie konnte einer - so dachten sie -, den sie von Seiner Jugendzeit her als ganz normalen Menschen kannten, der Messias sein? Auch Seine Halbbrüder und sicherlich auch die -schwestern glaubten nicht an Ihn (Joh.7:5).

  So wie es Ihm geschah, erging es den Propheten und ergeht es allen Männern Gottes: In ihrer Vaterstadt und ihrer Familie glaubt man ihnen am allerwenigsten. Angesichts ihres Unglaubens konnte Jesus dort keine Machttaten vollbringen, außer dass Er wenigen Siechen die Hände auflegte und sie heilte, wie Markus in Kapitel 6:5 etwas detaillierter berichtet. »Und Er staunte über ihren Unglauben (Mark.6:6). Damit waren sie von vornherein gegen Jesus eingestellt, sodass auch Machttaten sie nicht überzeugt hätten. Seine Herkunft hinderte sie am Glauben. An Seiner Herkunft nahmen sie Anstoß (Vers 57). Dass man an dem Messias Anstoß nehmen würde, hatte Jesaia bereits vorausgesagt (Jes.8:14). Und der Apostel Petrus darf dazu ausführen: »Deswegen ist in der Schrift enthalten: Siehe, Ich lege in Zion einen auserwählten und wertgeachteten Schlussstein der Ecke; und wer an ihn glaubt, wird keinesfalls zuschanden werden. Euch nun, die ihr glaubt, wird die Ehre zuteil, den Ungläubigen aber gilt: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der wurde zum Hauptstein der Ecke und damit ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Strauchelns denen, die sich auch an dem Wort stoßen, weil sie widerspenstig sind, wozu sie auch gesetzt wurden« (1.Pet.2:6-8).

 

Fünf Brote und zwei Fische

(Matthäus 14)

 

  In Kapitel 14 berichtet der Apostel Matthäus vom Tode Johannes des Täufers und dem daraufhin erfolgten Rückzug Jesu, von der Speisung der Fünftausend und von Jesu Wandel auf dem See.

 

Das Zeugnis Johannes des Täufers

 

  »Zu jenem Zeitpunkt hörte der Vierfürst Herodes die Kunde von Jesus und sagte zu seinen Knechten: Dieser ist Johannes der Täufer. Er wurde von den Toten auferweckt, und deshalb wirken die Kräfte in ihm! - Denn Herodes hatte sich damals des Johannes bemächtigt und ihn wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, gebunden ins Gefängnis gelegt. Johannes hatte ihm nämlich gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zu haben. - Da wollte er ihn töten lassen, fürchtete aber die Volksmenge, weil man ihn für einen Propheten hielt« (Verse 1-5).

  Im Jahre 31 hörte Herodes Antipas, der von 1 v. Chr. bis 39 n. Chr. Tetrarch, also Herrscher über den vierten Teil des Reiches des Herodes d. Gr. war, und zwar über Galiläa und Peräa im Ostjordanland, von Jesus und Seinen Machttaten. Er meinte, Jesus sei der auferstandene Johannes der Täufer, den er hatte töten lassen, was er nach dessen Anschuldigung, dass er die Frau seines Bruders nicht haben dürfe, anfangs vorgehabt hatte, dann aber wegen der Volksmenge nicht tat. Herodes fürchtete allerdings nicht nur das Volk, sondern auch Johannes selbst, wie in Markus 6:20 zu lesen: »Herodes fürchtete Johannes, weil er wusste, dass er ein gerechter und heiliger Mann war. Daher hielt er ihn in Gewahrsam, und oft, wenn er ihn gehört hatte, war er in großer Verlegenheit, doch hörte er ihn gern.«

 

Der Tod Johannes des Täufers

 

  Wie Johannes zu Tode kam, erfahren wir durch die Verse 6 bis 12: »Als nun der Geburtstag des Herodes gefeiert wurde, tanzte die Tochter der Herodias in aller Mitte, und sie gefiel dem Herodes. Deswegen bekannte er unter Eid, ihr geben zu wollen, was immer sie auch erbitten würde. Vorgeschoben aber von ihrer Mutter, entgegnete sie: Gib mir hier auf einer Platte das Haupt Johannes des Täufers! - Da wurde der König betrübt; aber um der Eide und der mit ihm zu Tische Liegenden willen befahl er, es ihr zu geben. So sandte er hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Dann wurde sein Haupt auf einer Platte gebracht und dem Mädchen gegeben; und sie brachte es ihrer Mutter. Seine Jünger, die herzukamen, nahmen seinen Leichnam und begruben ihn; danach gingen sie und berichteten es Jesus.«

  So schnell kommt ein Regent (der Begriff »König« hat in Vers 9 nur diesen allgemeinen Sinn) aufgrund eines Versprechens aus Überheblichkeit zu einer üblen Entscheidung. Und so sah die Rache seiner durch des Johannes Vorwurf gekränkten Frau aus. Ihre Tochter hieß Salome.

 

Jesu Rückzug

 

  Die Jünger des Johannes hatten Jesus berichtet. »Als Jesus dies hörte, zog Er Sich von dort in einem Schiff an eine einsame Stätte zurück, um für Sich allein zu sein; doch als die Scharen davon hörten, folgten sie Ihm zu Fuß aus den Städten nach. Beim Aussteigen gewahrte Er eine große Volksmenge, und sie jammerte Ihn, sodass Er die Siechen unter ihnen heilte« (Verse 13+14).

  Jesus zog Sich zurück, weil Er damit rechnen musste, dass Er ebenso wie Johannes gefangen genommen werden könnte, zumal Herodes Ihn als den auferstandenen Täufer ansah (Vers 2). Seine Zeit aber war noch nicht gekommen; also vermied Er weiteres Bekanntwerden in der Öffentlichkeit.

  Viele aber folgten Ihm, am Ufer des Sees Genezareth entlang gehend, sogar bis in die Ödnis. Und der Herr erbarmte Sich ihrer, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten hatten, und Er lehrte sie vieles (Mark.6:34).

 

Die Speisung der Fünftausend

 

  »Als es Abend wurde, traten die Jünger zu Ihm und sagten: Die Städte ist öde und die Stunde schon vergangen; daher entlass die Scharen, damit sie in die Dörfer hingehen und sich Speisen kaufen! - Jesus aber antwortete ihnen: Sie brauchen nicht wegzugehen; gebt ihr ihnen zu essen! Sie berichteten Ihm: Wir haben hier nichts außer fünf Broten und zwei Fischen! Darauf sagte Er: Bringt sie Mir her! Und Er befahl den Scharen, sich auf dem Gras zu lagern, nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete und brach die Brote und gab sie den Jüngern, die Jünger aber teilten sie den Scharen aus. Da aßen sie alle und wurden satt; die übrig gebliebenen Brocken aber hoben sie auf: zwölf Tragkörbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die gegessen hatten, ohne die Frauen und kleinen Kinder« (Verse 15-21).

  Dieses Ereignis lässt wiederum in aller Klarheit aufleuchten, dass Jesus der von Gott gesandte König ist, der nicht nur die Kraft hat, dieses Wunder zu tun, sondern auch das Königreich für Israel aufzurichten, in welchem es keinen Mangel an Brot und keine Not geben wird!

  Auch die Brotvermehrung durch den Propheten Elisa zur Zeit einer Hungersnot um das Jahr 865 v. Chr., als er zwanzig Gerstenbrote unter etwa hundert Mann verteilte, sie aßen und übrig ließen (2.Kön.4:42-44), war ein Zeichen für die Herrlichkeit des zukünftigen Königreichs. Und ebenso wie Gott das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten mit Manna, dem Brot aus dem Himmel, in der Wildnis ernährte, so verpflegte Jesus nun die Ihn umringende Menge. Stets ist Jesus der Mittler des Segens, zumal Er Selbst das wahre Brot ist, das aus dem Himmel herabsteigt. Er ist das lebendige Brot, das Brot des Lebens (Joh.6:30-33, 48-51).

  Es ist bemerkenswert, dass die Speisung der Fünftausend in der Ödnis geschah und die Jünger die Brote und Fische austeilten. Dies deutet darauf hin, dass die Jünger in der Ödnis der Abwesenheit Jesu zwischen Seiner Himmelfahrt und Wiederkunft das Volk Israel mit dem geistlichen Brot der Worte Jesu speisen sollen. Die zwölf Tragkörbe übrig gebliebenen Brocken mögen den für alle zwölf Stämme bereitstehenden Überfluss andeuten.

  Johannes berichtet außerdem, dass die Volksmenge anschließend sagte, dass Jesus der von Mose verheißene Prophet sei (5.Mose 18:15), und sie Ihn entführen wollten, um Ihn zum König zu machen (Joh.6:14,15). Jesus aber zog Sich zurück, denn das Volk in seiner Gesamtheit war noch nicht reif für das Königreich, da sie es an der nötigen Umsinnung vermissen ließen und die Führer Ihn verworfen hatten.

 

Ganz allein auf dem Berg

 

  Und nun erfahren wir durch die Verse 22 und 23: »Sofort nötigte Er Seine Jünger, in das Schiff einzusteigen und Ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren, während Er die Scharen entlassen wollte. Nachdem Er die Scharen entlassen hatte, stieg Er für Sich allein auf den Berg, um zu beten; als es dann Abend wurde, war Er dort ganz allein.«

  Vielleicht übte der Herr deshalb Druck auf die Jünger aus, Ihm über den See vorauszufahren, damit sie nicht von der Idee der Menge, Jesus jetzt zum König zu machen, ergriffen würden. Und dann sind die Jünger im Schiff auf dem See Genezareth, und Jesus ist ganz allein auf dem Berg. Oft suchte Er die Einsamkeit, um ungestört beten zu können. Der Berg darf Jesu Erhöhung und Niedergesetztsein im Himmel ausdrücken, während die Gläubigen ohne ihren Herrn mitten im Völkermeer sind.

 

Jesus wandelt auf dem See

 

  Und dann geschah Folgendes: »Das Schiff aber war schon viele Stadien weit vom Land entfernt und war in der Mitte des Sees, von den Wogen bedrängt, denn der Wind war ihnen entgegen. Um die vierte Nachtwache

aber kam Er zu ihnen, auf dem See wandelnd. Als die Jünger Ihn auf dem See wandeln sahen, wurden sie sehr erregt und riefen: Es ist ein Gespenst! - und schrien vor Furcht. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen: Fasst Mut! Ich bin es; fürchtet euch nicht!« (Verse 24-27).

  Da sie nach Johannes 6:19 etwa 25 bis 30 Stadien gerudert waren und eine Stadie ca. 185 m misst, waren sie zwischen 4,6 und 5,5 km vom Ufer entfernt. Die vierte Nachtwache dauerte von drei bis sechs Uhr morgens.

  Ebenso wie die Jünger von den Wogen bedrängt wurden, werden die Gläubigen Israels unter den Nationen bedrängt werden, ganz besonders in der Endzeit, nach unserer Entrückung, im letzten Jahrsiebener, worauf die vierte und mithin letzte Nachtwache hindeutet.

  Und dann kam Jesus und sprach ihnen zu: Ich, Ich bin’s! Fasset Mut! Fürchtet euch nicht!

  Hiob, der wusste, dass El zur Sonne sprechen kann, dass sie nicht aufgehe, dass El also Herr über die Natur ist, sah bereits voraus - wenn ihm auch die konkrete Situation nicht bekannt war -, dass El auch auf den Wogen des Meeres schreitet (Hiob 9:7,8).

 

Des Petrus Kleinglaube

 

  »Da antwortete Ihm Petrus: Herr, wenn Du es bist, so befiehl mir, auf dem Wasser zu Dir zu kommen! Er aber sagte: Komm! Und von dem Schiff herabsteigend, wandelte Petrus auf dem Wasser und ging auf Jesus zu. Doch als er den starken Wind sah, fürchtete er sich und begann zu versinken. Da schrie er: Herr, rette mich! Sofort streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Kleingläubiger, warum zauderst du? - Als sie in das Schiff stiegen, flaute der Wind ab. Die im Schiff aber fielen vor Ihm nieder und sagten: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!« (Verse 28-33).

  Ursache und Wirkung treten hier zweimal klar zutage. Petrus fürchtete sich nicht, sondern stieg vom Schiff auf das Wasser herab und ging Jesus entgegen. Diese Blickrichtung auf den Herrn hin und seine Furchtlosigkeit zeigen, dass dem Glaubendem nichts unmöglich ist (Mat.17:20). Solcherlei Wunder geschahen aufgrund der Kräfte des zukünftigen Äons (Heb.6:5), die im Hinblick auf das Königreich Israels wirksam waren und nach unserer Entrückung wieder auftreten werden. Soviel zu der Kraft des Glaubens.

  Das Gegenbeispiel ist: Als Petrus sich zu fürchten begann, versank er. Kleingläubige versinken auch heutzutage, in der heilsgeschichtlichen Verwaltung der überströmenden Gnade Gottes (Eph.3:2), in mancher Betrübnis angesichts der Bosheit unseres Äons (Gal.1:4), wenn sie nicht glauben, dass ihr sie liebender Gott und Vater alles nach Seinem weisen Liebesratschluss bewirkt (Eph.1:11; Ap.4:28) und den nach Seinem Vorsatz Berufenen alles zum Guten zusammenwirkt (Röm.8:28).

  Nachdem der Herr den Petrus heil ins Boot gebracht hatte, leuchtete den zwölf Jüngern die herrliche Erkenntnis auf: »Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!« Diese Erkenntnis war die alle Ereignisse übertrumpfende Glaubensstärkung für sie.

  Der Apostel Petrus symbolisiert hier zum einen die Festigkeit der Gläubigen Israels im turbulenten Völkermeer der Endzeit. Doch wenn sie sich vor der Gewalt des Satans und des Antichristus, hier durch den Wind dargestellt, fürchten, dann werden sie schreien: Herr Jesus, rette uns! Und jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden (Röm.10:13; 11:26). Und sogleich wird der Wind abflauen, wenn nämlich der Satan in den Abgrund geworfen und gebunden wird (Off.20:2). Und dann wird die gesamte auserwählte Nation Jesus, den wahrhaftigen Sohn Gottes, anbeten und Ihm dienen.

 

In Genezareth

 

  »Nachdem sie hinübergefahren waren, kamen sie bei Genezareth ans Land. Als Ihn die Männer jenes Ortes erkannten, schickten sie Boten in jene ganze Umgebung, und man brachte alle, die mit Krankheit übel daran waren, zu Ihm. Sie sprachen Ihm zu, dass sie nur die Quaste Seines Obergewandes anrühren dürften, und so viele sie anrührten, wurden gerettet« (Verse 34-36).

  Genezareth ist die Gegend an der Nordwestküste des Sees gleichen Namens, der auch See Tiberias und Meer Galiläas heißt. Die Leute dort wussten bestimmt von der blutflüssigen Frau, die die Quaste des Obergewands Jesu berührt hatte und geheilt worden war (Mat.9:20). Wohl deshalb taten sie desgleichen und wurden von ihren Krankheiten gerettet, und zwar nicht ohne Glauben, wie denn der Herr auch zu der Frau gesagt hatte: »Dein Glaube hat dich gerettet« (Mat.9:22).

  Bei Jesu Anwesenheit haben Krankheiten keinen Raum mehr. So war es in Genezareth, und so wird es im Königreich sein. Uns Gläubigen heute aber wird gesagt: »Dir genügt Meine Gnade; denn meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht« (2.Kor.12:9). Jesu Kraft kommt in unserer Schwachheit zu voller Auswirkung. So sind wir getröstet und gekräftigt (2.Kor.12:10).

  Nach 4.Mose 15:37-41 und 5.Mose 22:12 hatten die Juden vier Quasten an den Zipfeln ihrer Obergewänder anzubringen, die sie immer daran erinnern sollten, an die Gebote Jewes zu denken und sie zu tun. Die schopfähnlichen Quasten waren an einer Schnur aus blauem (violetten) Purpur anzubringen. Das hebräische Wort für »blau« ist mit dem für »vollenden« verwandt. Dem entspricht, dass die Quasten das Obergewand vervollständigten. Die Menschen in Genezareth rührten also die Vollendung oder Vervollständigung der Kleidung Jesu an. Dies ist nicht ohne Bedeutung. Die Vervollständigung des Werkes Jesu geschah auf Golgatha. Ihre Gesundung beruhte mithin auf dem am Kreuz vollendeten Gehorsam Jesu Christi.

  Die Gemeinschaft Seines Blutes ist die Grundlage allen Segens.

  Und dafür sei dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus Lobpreis und Verherrlichung!

 

Um der Überlieferung willen

(Matthäus 15:1-16:12)

 

  Der Apostel Matthäus berichtet in Kapitel 15:1,2: »Dann kamen Pharisäer und Schriftgelehrte von Jerusalem zu Jesus und sagten: Warum übertreten Deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen.«

  Das Wirken Jesu in Galiläa hatte auch in der Hauptstadt Aufsehen erregt. Nun kamen einige Pharisäer und Schriftgelehrten von dort und sprachen Ihn an. Ihre Frage dürfte kaum von sachlichem Interesse getragen gewesen sein, sondern wird der Sammlung von Anklagematerial gegen Jesus gedient haben.

  Die mündliche Überlieferung der Ältesten gab vor, das Gesetz wie einen Zaun zu umgeben, sodass man gar keine Gelegenheit bekomme, es zu übertreten, weil man schon  weit davor von der Überlieferung davon abgehalten werde.

  Die Überlieferung nahm zunächst den gleichen Rang wie das Gesetz des Mose ein, wurde dann aber über das Wort Gottes gestellt und verdrängte es schließlich. Sie wurde im Laufe der Zeit zunehmend schriftlich festgehalten und seit dem zweiten Jahrhundert n. Chr. in die Mischna aufgenommen, die gegen 220 n. Chr. abgeschlossen war und die wiederum Teil des Talmuds (der Sammlung der Überlieferungen) ist, der um 500 n. Chr. fertiggestellt wurde.

  Das Waschen der Hände war nur den Priestern für ihren Dienst im Tempel geboten; sie sollten an heiliger Stätte mit reinen Händen wirken (2.Mose 30:17-21).

  Die Jünger taten nichts Übles, wenn sie mit ungewaschenen Händen Brot aßen. Da sie aber gerade damit die Vorschriften der Pharisäer und Schriftgelehrten missachteten, verletzten sie deren Stolz aufs tiefste.

 

Jesu Entgegnung

 

  Der Herr Jesus lässt Sich auf die harmlose Sache des Händewaschens gar nicht ein, sondern entgegnete in grundlegender Weise: »Er antwortete ihnen: Warum übertretet auch ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen? Denn Gott sprach: Ehre Vater und Mutter, und wer von Vater oder Mutter Übles redet, soll im Tod verscheiden. Ihr aber sagt: Wer zu Vater oder Mutter sagen würde: Was auch immer dir von mir zugute gekommen wäre, soll eine Nahegabe sein - der braucht seinen Vater überhaupt nicht zu ehren. Damit macht ihr das Wort Gottes um eurer Überlieferung willen ungültig! Ihr Heuchler! Trefflich hat Jesaia von euch prophezeit (Jes.29:13): Dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist weit entfernt von Mir; in eitler Weise verehren sie Mich und lehren die Vorschriften der Menschen als Lehren« (Verse 3-9).

  In der Liebe zum Wort Seines Gottes und Vaters und damit zur Wahrheit und Gerechtigkeit hält Jesus Seinen Gegnern - sie scharf rügend - vor, dass sie es sind, die da übertreten, und zwar das Gebot Gottes, welches allein zu tun ist. Der Herr führt folgendes Beispiel an, nach Markus 7:11 zitiert: »Ihr aber sagt: Wenn ein Mensch zu Vater oder Mutter sagen würde: Korban (das heißt eine Nahegabe) soll das sein, was auch immer dir von mir zugute gekommen wäre - so lasst ihr ihn nichts mehr für seinen Vater oder seine Mutter tun.« Wie perfide! Die Ältesten lehren also, wenn man das, was man seinen Eltern zu geben hat, zu einer Nahegabe (hebr. Korban, das heißt Geschenk, Darbringung; 3.Mose 1:2; 4.Mose 5:15; 7:13) für Gott erkläre, dann brauche man den Eltern dies nicht zukommen zu lassen. Die Erklärung eines Gutes zu einer Nahegabe - zu einer Gabe, mit der man sich Gott huldigend naht - genügte; eine Übergabe an den Tempel musste nicht unbedingt erfolgen. Welch eine Heuchelei! Mit einer fromm aussehenden Handlung konnte man sich seiner Verpflichtung gegenüber seinen Eltern entziehen, die zu ehren Gott aber doch ausdrücklich geboten hat.

  Sollte Gott Wohlgefallen an einer solchen Nahegabe haben? Haben sie nicht gelesen, was Samuel zu König Saul sagte? »Hat Jewe so viel Gefallen an Darbringungen und Opfern wie am Hören auf die Stimme Jewes? Siehe, gehorchen ist besser als Opfer und aufmerken besser als das Fett der Widder« (1.Sam.15:22). Und ebenso wie Samuel zu Saul sagte: »Weil du das Wort Jewes verwarfst, so verwarf Er dich auch« (1.Sam.15:23), so wird auch dieses Volk, das Jesaia treffend als Gott nur mit dem Munde und in eitler, selbstgerechter Weise verehrend charakterisierte, verworfen werden.

  Möge nun aber auch keiner von uns die Vorschriften der Menschen lehren und keinesfalls das Wort Gottes um unserer abendländischen Überlieferungen willen ungültig machen. Mögen wir nur das Wort Gottes verkündigen und nichts wissen außer Jesus Christus, und diesen als gekreuzigt (1.Kor.23:2). Er allein ist uns von Gott zur Weisheit gemacht worden wie auch zur Gerechtigkeit, Heiligung und Freilösung (1.Kor.1:30).

 

Was den Menschen gemein macht

 

  »Nachdem Er die Volksmenge wieder herzugerufen hatte, sagte Er zu ihnen: Hört und versteht! Nicht was in den Mund hineingeht, macht den Menschen gemein, sondern was aus dem Mund herausgeht, das macht den Menschen gemein. - Dann traten die Jünger herzu und fragten Ihn: Weißt Du, dass die Pharisäer, die das Wort hörten, daran Anstoß genommen haben? Er antwortete ihnen: Jede Pflanze, die Mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird entwurzelt werden. Lasst sie nur: sie sind blinde Leiter der Blinden! Denn wenn ein Blinder einen anderen Blinden leitet, werden beide in die Grube fallen« (Verse 10-14).

  Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die in ihre Überlieferung verstrickt sind, mussten unweigerlich Anstoß an Jesu Rede nehmen. Sie sind die Pflanzen, die nicht Gott, sondern der Satan gepflanzt hat. Sie werden entwurzelt werden. Sie, die sich zutrauen, »Leiter der Blinden zu sein und Licht derer in der Finsternis« (Röm.2:19), sind die für die geistlichen Wahrheiten wirklich Blinden.

  Die Jünger meinen übrigens, Jesu Wort von dem, was in den Mund hineingeht und daraus herausgeht, sei nicht buchstäblich zu verstehen, sondern sei ein Gleichnis. Deshalb wendet sich Petrus an den Herrn, wie in den Versen 15 bis 20 berichtet: »Darauf antwortete Petrus Ihm: Erkläre uns das Gleichnis! Da sagte Er: Seid auch ihr immer noch unverständig? Begreift ihr noch nicht, dass alles, was in den Mund hineingeht, im Leib Raum gewinnt und in den Abort ausgeworfen wird? Was aber aus dem Mund herausgeht, kommt aus dem Herzen heraus, und dasselbe macht den Menschen gemein. Denn aus dem Herzen kommen böse Erwägungen: Mord, Ehebruch, Hurerei, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das ist es, was den Menschen gemein macht; aber das Essen mit ungewaschenen Händen macht den Menschen nicht gemein.«

  Den Begriff »gemein« darf man frei mit »unrein« umschreiben. Es ist das Gegenteil von »geheiligt.«

  Ja, »das Streben des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an« (1.Mose 8:21). Dies ist die Not des Menschen. Deshalb kam der Erlöser, Jesus, der Gesalbte.

 

Die kananäische Frau

 

  »Als Jesus von dort aufbrach, zog Er Sich in die Gebiete von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kananäische Frau kam aus jenen Grenzgebieten her und rief laut: Erbarme Dich meiner, Herr, Du Sohn Davids! Meine Tochter ist übel dämonisch besessen! - Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten Seine Jünger zu Ihm, ersuchten Ihn und sagten: Entlass sie doch, denn sie schreit hinter uns her! Da antwortete Er: Ich wurde lediglich zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel gesandt« (Verse 21-24).

  Jesus verließ Israel und betrat Grenzgebiete der Nationen im Bereich der 50 und 90 km nördlich von Galiläa am Mittelmehr gelegenen ehemals phönizischen Städte Tyrus und Sidon. Dort rief eine Kananäerin laut nach Ihm, eine Frau, die von der vor der Landnahme Israels in Kanaan ansässigen Bevölkerung abstammte (4.Mose 13:29). Die Phönizier nannten sich selbst Kanaanäer.

  Jesus antwortete der Frau aber nicht, denn sie hatte einen Fehler gemacht, da sie Ihn nämlich »Sohn Davids« nannte. David ist jedoch der König Israels. Wohl werden die Nationen im tausendjährigen Königreich Israels durch dieses königliche und priesterliche Volk gesegnet, das Königreich Davids und seines großen Sohnes Jesus Christus aber ist nur Israel verheißen. Nur Israel empfängt diesen Segen. Und erst dann, wenn Israel gesegnet ist, kann sein Königreich ein Segen für die Nationen sein.

  Die Jünger rieten dem Herrn, der Frau ihren Wunsch zu erfüllen, damit sie aufhöre, hinter ihnen her zu schreien. Aber Er sagte, und zwar in erster Linie zu Seinen Jüngern: »Ich wurde lediglich zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel gesandt!« Eigentlich hätten die Jünger dies wissen müssen, denn einige Zeit vorher, als Jesus sie aussandte, das Königreich der Himmel zu herolden und Kranke zu heilen, hatte Er sie ausdrücklich angewiesen, auf keinen Fall zu den Nationen und auch nicht in eine Stadt der Samariter, eines Mischvolks aus den Juden und anderen Völkern (2.Kön.17:24-41), zu gehen (Mat.10:5). Jene haben nämlich keinen Anteil am Königreich Israels.

  Wir lesen die Verse 25 bis 28: »Doch sie kam, fiel vor Ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er antwortete: Es ist nicht schön, den Kindern das Brot zu nehmen und den Hündlein hinzuwerfen. Doch sie sagte: Ja, Herr! Denn auch die Hündlein essen vom Abfall, der vom Tisch ihrer Herren fällt. Da antwortete ihr Jesus: O Frau, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du willst! - Und von jener Stunde an war ihre Tochter geheilt.«

  Möge niemand meinen, Jesu Herz sei von der Not der Frau nicht berührt gewesen. Als sie sich Ihm genaht und wieder um Hilfe gebeten hatte, erklärte Er ihr, warum Er ihr nicht helfe. Das Lebensbrot, das Er zur Zeit austeile, sei nur für die Kinder Israels und nicht für die Ausländer, die übrigens von den Juden gemeinhin »Hunde« genannt wurden, vom Herrn aber mit der Verniedlichungsform, die an ein Haushündchen denken lässt, bezeichnet werden. Der Herr hatte in Seinem irdischen Dienst keinen Auftrag vom Vater für die Nationen. Und die Frau hatte keinen Anspruch auf Jesu Hilfe.

  Doch die Frau antwortete Jesus. Ihre Antwort ist erstaunlich. Sie ordnet sich wie ein Hündlein Israel unter und ist zufrieden mit dem, was vom Tisch Israels herabfällt. Welch eine Erkenntnis! Welch eine Demut! Welch ein Glaube! Sie nahm den Platz ein, den die Nationen im Tausendjahrreich Israels innehaben werden.

  Der Apostel Paulus bestätigt uns: »Ich sage, Christus ist der Diener der Beschneidung geworden für die Wahrhaftigkeit Gottes, um die Verheißungen der Väter zu bestätigen. Die Nationen [im Tausendjahrreich] aber werden Gott für Sein Erbarmen verherrlichen« (Rröm.15:8,9). Dementsprechend erbarmte Sich der Herr der Frau und heilte ihre Tochter.

  Erst später, in der pfingstlichen Heilsverwaltung, konnten auch Nichtjuden, wie zum Beispiel der römische Hauptmann Kornelius, gesegnet werden (Ap.10). Jener wurde im Namen Jesu Christi gesegnet, aber nicht als des Sohnes Davids, sondern als des »Herrn über alle« (Ap.10:36), was Er allzumal ist.

  Auf der ersten Missionsreise (47-48 n. Chr.) stellten Paulus und Barnabas im pisidischen Antiochien gegenüber den Juden fest: »Es war notwendig, dass zuerst euch das Wort Gottes gesagt wurde. Weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des äonischen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns an die Nationen« (Ap.13:46).

  Wie verhält es sich nun aber mit Jesu Worten - so müssen wir aus den Nationen fragen -, die Er nur zu Israel gesprochen hatte? Sie sind uns Gläubigen heute, die wir in der dem Apostel Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Haushaltung der überströmenden Gnade Gottes leben (Eph.3:2; Kol.1:25), sehr wertvoll, doch unmittelbar zu uns spricht der erhöhte Herr, und zwar durch die Paulusbriefe. Aus diesen erfahren wir, was uns betrifft.

 

Wieder heilt Jesus viele

 

  »Von dort ging Jesus weiter und kam an den See Galiläas. Als Er auf den Berg gestiegen war, setzte Er Sich dort nieder. Da kamen viele Scharen zu Ihm, die Lahme, Blinde, Stumme, Verstümmelte und viele andere Kranke bei sich hatten. Sie legten sie Ihm zu Füßen, und Er heilte sie, sodass die Volksmenge erstaunte, als sie sah, dass Stumme sprachen, Verstümmelte gesundeten, Lahme wandelten und Blinde sehend wurden; da verherrlichten sie den Gott Israels« (Verse 29-31).

  Auf einen Berg setzte Jesus Sich nieder, einem Symbol der Macht und Herrschaft, wie Er, der König Israels, sie ausüben wird und hier mit den Krankenheilungen zeichenhaft vorwegnimmt. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist das Leben und gibt allen Leben, so wie es jeweils angemessen ist.

 

Die Speisung der Viertausend

 

  »Dann rief Jesus Seine Jünger herzu und sagte: Mich jammert die Volksmenge; denn sie verharren schon drei Tage bei Mir und haben nichts zu essen. Jedoch will Ich sie nicht so fastend entlassen, damit sie auf dem Wege nicht ermatten. Die Jünger sagten zu Ihm: Woher sollen wir hier in der Wildnis so viele Brote nehmen, um eine so große Schar zu sättigen? Da fragte Jesus sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sagten: Sieben und wenige Fischlein. - Als Er die Volksmenge angewiesen hatte, sich auf der Erde niederzulassen, nahm Er die sieben Brote und die Fische, dankte, brach sie in Stücke und gab sie den Jüngern, und die Jünger teilten sie den Scharen aus. Da aßen alle und wurden satt; die übrig gebliebenen Brocken aber hoben sie auf: sieben Körbe voll. Es waren etwa viertausend Männer, die gegessen hatten, ohne die Frauen und kleinen Kinder. Als Er die Scharen entlassen hatte, stieg Er in das Schiff und kam in die Grenzgebiete von Magadan« (Verse 32-39).

  Magadan dürfte ein anderer Name für Magdala sein, das am Westufer des Sees Genezareth gelegen ist.

  In Kapitel 14:15-21 hatten wir von der Speisung der Fünftausend gelesen. Auf die Ausführungen dazu darf hinsichtlich der allgemeinen Aussagen verwiesen werden.

  Das zweite Speisungswunder bekräftigt erneut, dass Jesus der Sohn Gottes und König Israels ist und es in Seinem Königreich niemanden an Brot mangeln wird.

  Welch eine eindrückliche Glaubensschule für die Jünger (oder wörtlich: Lernenden): ihren austeilenden Händen ging das Brot nicht aus, ebenso wie es ihren Nachfolgern zwischen unserer Entrückung und Jesu Wiederkunft zu Israel ergehen wird, wenn sie das wahre Lebensbrot, nämlich das Evangelium über Jesus Christus und damit Christus Selbst, dem Volke Israel weitergeben.

  Die erste Speisung geschah am Abend, also zwischen 15 und 18 Uhr, nur eines Tages des Verweilens bei Jesus zwar an öder Stätte, aber in der Nähe von Dörfern, wo man Speisen kaufen konnte (Mat.14:15). Die zweite Speisung erfolgte am dritten Tage des Verharrens beim Herrn, und zwar in der Wildnis, die Scharen fasteten praktisch und würden auf dem Rückweg völlig ermatten. Dies mag wiederum auf die siebenjährige Endzeit und besonders deren zweite Hälfte der großen Drangsal für die Gläubigen hinweisen, wo die Gefahr zu ermatten besonders groß ist.

  Sieben Körbe voll Brocken blieben übrig. Die Zahl sieben ist ein Symbol des Geistes und der Vollendung.

 

Erneute Zeichenforderung

 

  »Da traten die Pharisäer und die Sadduzäer herzu; um Ihn zu versuchen, forderten sie Ihn auf, ihnen ein Zeichen aus dem Himmel zu zeigen. Darauf antwortete Er ihnen: Diese böse und ehebrecherische Generation trachtet nach einem Zeichen; doch man wird ihr kein Zeichen geben außer dem Zeichen des Jona. - Damit verließ Er sie und ging davon« (Mat.16:1-4; die Verse 2 b und 3 finden sich nicht in den ältesten Handschriften).

  Wie schon einmal geschehen - Matthäus hatte in Kapitel 12:38-40 davon berichtet - fordern Führer des Volkes ein Zeichen, obwohl der Herr bereits so viele Zeichen und Wunder getan hatte, sodass sie längst glauben sollten. Aber sie hatten sich schon gegen Jesus entschieden und wollten Ihn nur versuchen, damit sie Ihn in eine Falle lockten und einen Anklagepunkt gegen Ihn fänden. Dieses Mal waren auch Sadduzäer dabei, die eher politisch dachten und auch politisch einflussreich waren, zumal sie die Hohenpriester stellten.

  Jesu Antwort lässt an Klarheit nicht zu wünschen übrig: Er nennt Seine Gegner böse und ehebrecherisch. Sie hatten den am Berg Sinai geschlossenen Bund Jewes mit Israel gebrochen, und ihr Sinn stand nur auf Böses. Solchen Menschen wird kein Zeichen gegeben - außer dem des Propheten Jona, und dieses ist Jesu Tod, Grab und Auferstehung entsprechend dem Erleben des Jona, der drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war (Jona 2:1).

  Siehe im Übrigen die Ausführungen zu Kapitel 12:38-40.

 

Der Sauerteig der Pharisäer

 

  »Als die Jünger an das jenseitige Ufer kamen, hatten sie vergessen, Brote mitzunehmen. Da sagte Jesus zu ihnen: Seht zu und nehmt euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer in Acht! - Sie aber folgerten daraus und sagten zueinander: Er meint, dass wir keine Brote mitgenommen haben. Als Jesus das erkannte, sagte Er: Ihr Kleingläubigen, was folgert ihr da unter euch, weil ihr keine Brote habt? Begreift ihr immer noch nicht? Erinnert ihr euch auch nicht an die fünf Brote für die Fünftausend und wie viele Tragkörbe voll ihr aufnahmt? Auch nicht an die sieben Brote für die Viertausend und wie viele Körbe voll ihr aufnahmt? Wie könnt ihr nicht begreifen, dass Ich nicht von Broten zu euch redete? Nehmt euch aber vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer in Acht! - Dann verstanden sie, dass Er nicht gesagt hatte, sich vor dem Sauerteig der Brote in Acht zu nehmen, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer« (Verse 5-12).

  Jesus muss Seine Jünger wegen ihres Kleinglaubens rügen. Um fehlende Brote müssen sie sich doch wirklich keine Gedanken machen, haben sie doch die Herrlichkeit ihres Herrn gerade auch bei den zwei Speisungswundern erlebt.

  Vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer sollen sie sich hüten! Sauerteig ist in der Heiligen Schrift stets ein Symbol für Zersetzendes und Gefährliches, denn dieser durchsäuerte und gärende Teig durchdringt die gesamte Teigmasse. Hier ist die Lehre der Pharisäer und Sadduzäer, wozu auch die Überlieferung der Ältesten zählt, das Gefährliche (Mat.15:2). Der Herr hatte ihnen schon in Kapitel 15:3,9 vorgeworfen, dass sie um ihrer Überlieferung willen das Gebot Gottes übertreten und die Vorschriften der Menschen lehren.

  Der Apostel Paulus schreibt an die fleischlich gesinnten Korinther: »Euer Ruhm ist nicht schön. Wisst ihr nicht, dass ein klein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Daher reinigt euch gründlich von dem alten Sauerteig, damit ihr ein frischer Teig seid, wie ihr ja als Heilige ungesäuert seid; denn als unser Passah wurde Christus für uns geopfert. Lasst uns daher das Fest nicht in altem Sauerteig begehen, noch im Sauerteig des Üblen und der Bosheit, sondern im ungesäuerten Teig der Aufrichtigkeit und Wahrheit« (1.Kor.5:6-8; vgl. Gal.5:9).

  Der verderbliche Charakter des Sauerteigs in seiner symbolischen Bedeutung ist besonders an dem in Matthäus 13:33 verzeichneten Königreichsgleichnis vom Sauerteig erkennbar; siehe darum die Ausführungen zu diesem Gleichnis.

 

»Du bist der Christus!«

(Matthäus 16:13-27)

 

  »Als Jesus dann in die Gebiete von Cäsaräa Philippi kam, fragte Er Seine Jünger: Was sagen die Menschen, wer der Sohn des Menschen sei? Sie antworteten: Die einen meinen, Johannes der Täufer, andere Elia, wieder andere Jeremia oder einer der Propheten. - Weiter fragte Er sie: Ihr aber, was sagt ihr, wer Ich sei? Simon Petrus antwortete: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Mat.16:13-16).

  Jesus nennt Sich Selbst den Sohn des Menschen. Dieser nur auf den Messias und damit Ihn bezogene Begriff rührt von Daniel 7:13 her, wo es heißt, dass mit den Wolken der Himmel einer wie eines Sterblichen Sohn, also eines Menschen Sohn, kam, dem äonische Vollmacht, Würde und ein unbegrenztes Königreich gewährt wurde.

  Die Meinung der Leute war dem Herrn bekannt, Seine Frage aber sollte Seine Jünger in der Erkenntnis festigen, wer Er wirklich ist. Die Jünger hatten im Laufe ihrer Gemeinschaft mit dem Herrn, dessen Heilungs- und Speisungswunder sie miterlebt hatten und dessen Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit sie schauten und als die Herrlichkeit des vom Vater Gezeugten erkannten (Joh.1:14), diese Erkenntnis gewonnen, die Petrus hier voller Gewissheit ausspricht: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!«

  Welch ein herrliches Wort der Erkenntnis! Überaus kostbar ist es uns. Gesegnet ist, wer erkennt, wer Jesus ist!

  Der Jünger Nathanael (vielleicht mit dem Beinamen Bartholomäus) hatte zwar schon bei seiner Berufung gesagt: »Rabbi, Du bist der Sohn Gottes! Du bist der König Israels!« (Joh.1:49), Petrus hatte Ihn bereits einmal »den Heiligen Gottes« genannt (Joh.6:69), und nach des Herrn und des Petrus Wandel auf dem See Genezareth waren die Jünger im Schiff mit dem Ausspruch: »Du bist wahrhaftig Gottes Sohn« vor Ihm niedergefallen (Mat.14:33), hier aber haben wir die erste umfassende Bezeichnung Jesu.

  Jesu ist der Christus, der Messias, der mit dem Geist Gottes Gesalbte, der mithin befähigt ist, das Königreich aufzurichten und dem Volk Israel alle Verheißungen zu erfüllen, wie der Prophet Micha von Ihm sagt: »Er wird auftreten und [Seine Herde] in der Stärke Jewes hirten, in der Erhabenheit des Namens Jewes, Seines Elohim; und sie werden [in Sicherheit] wohnen, denn nun wird Er groß bis an die Enden der Erde« (Micha 5:3).

  Jesus ist der Sohn des lebendigen Gottes, vor den Äonen von Gott, dem Vater, gezeugt (Kol.1:15-17), und als vom heiligen Geist in Maria Gezeugter ins Fleisch gekommen (Mat.1:20). Der Sohn ist mit dem Geist Seines Vaters ohne Maß ausgestattet (Joh.3:34), sodass Er die Ausstrahlung der Herrlichkeit und die Abprägung des Wesens dessen ist (Heb.1:3). Wer Ihn sieht, sieht den Vater (Joh.14:9). Jesus ist wahrhaftig der Sohn, weil Er den Vater in allem verherrlicht.

  Der lebendige Gott hat keine Ähnlichkeit mit den toten Götzen. Er ist das Leben und gibt allen Leben.

  Jetzt erst, nachdem Petrus erkannt hat, wer Jesus ist, und alle Jünger sich diese Erkenntnis nicht mehr rauben lassen werden, kann Jesus sie mit Seiner in Kürze folgenden ersten Leidensankündigung auf das Kreuz vorbereiten (Vers 21).

 

Vom Vater enthüllt

 

  »Jesus antwortete ihm: Glückselig bist du, Simon Bar Jona; denn nicht Fleisch und Blut haben es dir enthüllt, sondern Mein Vater in den Himmeln« (Vers 17).

  Jede geistliche Erkenntnis ist allein von Gott, denn »kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben wird« (Joh.3:27). »Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem der Sohn es zu enthüllen beschließt« (Mat.11:27). Genau so erging es Paulus. Als es Gott wohlerschien, enthüllte Er Seinen Sohn in Saulus, damit jener den Sohn als Evangelium unter den Nationen verkündige (Gal.1:16).

  Ohne den Geist von oben können wir nicht wissen, was uns von Gott aus Gnaden gewährt ist (1.Kor.2:12). Deshalb beten wir ja auch ständig um geistliche Weisheit und geistliches Verständnis (Kol.1:9). Nichts ist aus uns, alles kommt von dem Geber aller Gaben.

  Jesus redete Petrus mit Simon Bar Jona an, das heißt Simon, Sohn (aram.) der Taube (hebr.). Simon bedeutet »Erhörung« oder »hören«  und lässt folgendes Wort Jesu in uns anklingen: »Jeder nun, der vom Vater hört und die Wahrheit lernt, kommt zu Mir« (Joh.6:45). Petrus hat gehört. Und Petrus ist sicherlich auch eine Erhörung für Jesus.

  Warum nennt der Herr Petrus »Sohn des Jona«? Unseres Herrn Dienst begann mit dem Herabstieg des heiligen Geistes in Gestalt einer Taube (Mat.3:16; Luk.3:22). Dementsprechend erwähnt Jesus die Taube als Symbol des Geistes Gottes bei der Einführung des Petrus in ein neues Amt, das nur in der Kraft des Geistes ausgeübt werden kann.

 

Auf diesem Felsen

 

  Der Herr sprach weiter: »Nun sage auch Ich dir: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will Ich Meine herausgerufene Gemeinde bauen, und die Pforten des Ungewahrten werden nicht die Oberhand über sie behalten« (Vers 18).

  Der Vater hatte durch die Enthüllung zu Petrus gesprochen, und nun sagt auch Jesus ihm etwas Neues. Ja, mit dem Zuspruch: »Du bist!« ist Petrus jemand Neues geworden.

  Der griechische Name Petros bedeutet Felsen oder Felsiger und ist die Übersetzung des hebräischen Wortes Kephas.

  Auf diesem Felsenmann wird der Herr Jesus Christus Seine Herausgerufene, nämlich das wiedergezeugte, gläubige und heilige Israel, bauen. Zwar ist Petrus der führende Apostel der Beschneidung, doch werden alle Apostel daran mitwirken, wie der Herr gesagt hat: »Die ihr Mir gefolgt seid, in der Wiederwerdung, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzt, werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten« (Mat.19:28).

  Diese Herausgerufene Israels wird auch in Matthäus 18:17 und viele Male in der Apostelgeschichte erwähnt. Schon damals baute der Herr sie auf dem Petrus auf, der den Gläubigen aufgrund seiner Evangeliumsverkündigung schreiben kann: »Auch ihr werdet als lebendige Steine zu einem geistlichen Haus, zu einem heiligen Priestertum auferbaut« (1.Pet.2:5).

  Die Herausgerufene Israels, diese zukünftige Gemeinde, die damals schon ihren Anfang nahm, wird bildlich als »Braut« bezeichnet (Off.19:7; 21:2,9). Von der gegenwärtigen Herausgerufenen, die bildlich »Körper« des Christus genannt wird (Eph.1:23), ist hier keine Rede. Wir sind nicht auf Petrus gebaut. Keine seiner Lehren sind für uns. Wir sind mit Paulus verbunden. Er ist heute unser Lehrer (1.Tim.2:7). Wir betreten das Königreich Israels nicht, sondern werden in Christi überhimmlisches Königreich versetzt (Eph.2:6; 2.Tim.4:18).

  Das Ungewahrte oder Ungewahrbare (griech. Hades, hebr. Scheol), der abstrakte Aufenthaltsort der Toten, wird (wie man auch übersetzen kann) nicht stark über die Herausgerufene sein oder nicht über sie erstarken. Denn Jesus hat den Satan, der die Gewalt oder Haltekraft des Todes hat, abgetan (Heb.2:14), sodass die hinter dem Ungewahrten stehenden Finsternismächte nichts mehr ausrichten können, zumal der Satan und seine Boten während des tausendjährigen Königreichs im Abgrund gebunden sein werden (Off.20:3). Auf Jesu Ruf hin werden die Toten auferstehen, die der Satan bislang festhalten konnte.

 

Die Schlüssel

 

  Des Weiteren sagte Jesus zu Petrus: »Ich werde dir die Schlüssel des Königreichs der Himmel geben; was auch immer du auf Erden bindest, wird das sein, was auch in den Himmeln gebunden ist, und was auch immer du auf Erden löst, wird das sein, was auch in den Himmeln gelöst ist!« (Vers 19).

  Jesus verkündigte seit dieser Zeit das Königreich nicht mehr, sondern legte den Schwerpunkt Seiner Tätigkeit auf die Belehrung und Zurüstung Seiner Jünger.

  Das Königreich ist dem ungläubigen und widerspenstigen Volk verschlossen. Jesus wird die Schlüssel zum Königreich aber Petrus geben, der sie dann am Pfingstfest des Jahres 32 n. Chr. gebrauchte und mit seiner großen Pfingstrede die Tür zum Königreich wieder aufschloss (Ap.2:14-42).

  Die Vollmacht zu binden und zu lösen bekamen auch die anderen Jünger, wie in Matthäus 18:18 zu lesen: »Wahrlich, Ich sage euch: Was auch immer ihr auf Erden bindet, wird das sein, was auch im Himmel gebunden ist, und was auch immer ihr auf Erden löst, wird das sein, was auch im Himmel gelöst ist.« Das Lösen besteht in dem Zuspruch der Vergebung der Sünden und damit des Eingangs in das Königreich, das Binden darin, dass die Verfehlungen bei mangelnder Umsinnung auf einem Sünder belassen werden, der mithin nicht in das Königreich gelangt, wie aus Johannes 20:22,23 hervorgeht: »Er hauchte sie an und sagte zu ihnen: Nehmt heiligen Geist! Wenn ihr jemandem die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen, und wenn ihr sie jemandem behaltet, dem sind sie behalten.« Vom Geist Gottes geleitet, werden die Jünger in jedem Einzelfall den göttlichen Willen ausführen. Der Ausspruch der Jünger gilt dann auch vor den Augen Gottes im Himmel, von welchem er stammt.

  Welch eine Kraft Petrus mit seiner Schlüssel- und mithin Binde- und Lösegewalt hatte, zeigt sich am Beispiel von Ananias und Sapphira, die absichtlich gelogen hatten und deshalb vor Petrus tot umfielen und ihren Platz im Königreich verloren (Ap.5:1-11).

 

Sie sollen es niemandem sagen

 

  Diese von uns betrachteten Höhepunkte im Dienst unseres Herrn, nämlich von Seinen Jüngern als der Christus erkannt worden zu sein, und im Leben des Petrus, nämlich das Fundament für die herausgerufene Gemeinde der Gläubigen Israels bilden zu sollen, hatten mit Jesu Frage: »Was sagen die Menschen, wer der Sohn des Menschen sei?« ihren Anfang genommen. Dementsprechend endet der Bericht des Matthäus über diese Begebenheit auch mit einem Wort in Bezug auf die Menschen, die Jesus nicht als den Christus erkannt haben.

  Matthäus schreibt in Vers 20: »Dann warnte Er die Jünger, damit sie niemandem sagten, dass Er der Christus sei.«

  Die Juden hatten Jesus bislang nicht erkannt - und von nun an sollten sie Ihn nicht mehr erkennen können, weshalb der Herr ja schließlich auch seit einiger Zeit nur in Gleichnissen zu ihnen gesprochen hatte (siehe unbedingt Mat.13:13-15).

  Jemandem sagen, dass Jesus der Christus ist, ist gleichbedeutend mit der Verkündigung des nahe herbeigekommenen Königreichs, das der Christus ja heraufführt, und der Notwendigkeit, sich der Taufe der Umsinnung zur Erlassung der Sünden zu unterziehen (Luk.3:3). Die Menschen würden Zugang zum Königreich Israels finden, wenn sie glauben und erkennen, dass Jesus der Christus ist. Die Jünger sollten aber nicht mehr missionieren. Damit ist Israel verworfen, wenn auch nur bis Pfingsten, wenn Petrus das Volk wieder von Neuem ansprechen darf.

 

Die erste Leidensankündigung

 

  Matthäus berichtet weiter: »Von da an begann Jesus Seinen Jüngern zu zeigen, Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, Hohenpriestern und Schriftgelehrten viel leiden, und Er müsse getötet und am dritten Tag auferweckt werden« (Vers 21).

  Dies ist Jesu erste Leidensankündigung. (Die weiteren stehen in Matthäus 17:22 und 20:18.) Für die Jünger muss sie schockierend gewesen sein. Zwar hatte der Herr bereits Andeutungen gemacht, zum Beispiel die, dass der Bräutigam von ihnen genommen werden wird (Mat.9:15), und war die Feindschaft der Führer des Volkes offenkundig geworden (Mat.9:3; 12:14; 15:12; 16:1), aber dieses vom Herrn jetzt mit Freimut (Mark.8:32) ausgesprochene Wort musste sie wegen seiner Bestimmtheit erschüttern. Bisher hatten sie der Aufrichtung des Königreichs Israels entgegengeschaut. Jetzt mussten sie alle Hoffnungen darauf zurückstellen.

  Nun richtet Jesus, der Christus, Sein Angesicht fest darauf, nach Jerusalem zu gehen und den Leidensweg zu beschreiten. Da gilt es nun für uns, das göttliche Muss des Leidens und Sterbens Jesu Christi zu begreifen. Jesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf Sich nimmt (Joh.1:29). Es gibt keinen anderen Weg.

  Jetzt, nachdem die Jünger erkannt haben, dass Er der Christus ist und die Pforten des Ungewahrten nicht über das Königreich der Himmel erstarken werden, konnte Er ihnen Sein Leiden ankündigen und kann Er sie in die Leidensschule mit hineinnehmen (Vers 24).

  Jesu erste Leidensankündigung ist ein weiterer Wendepunkt in Seinem Dienst auf Erden. Sein erster Dienstabschnitt begann mit der Verkündigung des Königreichs in aller Offenheit (Mat.4:17); der zweite Dienstabschnitt begann angesichts des Unglaubens des Volkes mit dem Reden in Gleichnissen, damit sie nicht verstehen sollten (Mat.13:13), und der dritte ist vom Blick auf das bevorstehende Kreuz gekennzeichnet.

 

Petrus mit dem Sinn des Satans

 

  Engagiert reagiert Petrus auf die Leidensankündigung Jesu: »Da nahm Petrus Ihn beiseite, begann Ihn zu verwarnen und sagte: Gott ist Dir versühnt, Herr! Keinesfalls wird Dir dies zugedacht sein! - Er aber wandte Sich um und sagte zu Petrus: Geh hinter Mich, Satan! Du bist Mir ein Fallstrick! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern das, was menschlich ist« (Verse 22+23).

  Gerade war Petrus aus dem Kreis der Jünger hervorgehoben worden - dies mag ihn motiviert haben zu tun, was er jetzt als seine besondere Pflicht ansah, nämlich den Herrn vor einem Irrtum zu warnen und Ihm Besonnenheit nahezulegen. Wir können seine Gedanken gut verstehen, weil sie menschlich sind. Da zwischen Gott und Jesus keinerlei Sühne nötig und mithin alles in Ordnung ist, könne Ihm der Tod nicht zugedacht sein. Wohl war Petrus zum Felsen erklärt worden, aber seine mangelnde geistliche Reife ließ ihn die Notwendigkeit des Leidens seines Herrn nicht verstehen.

  Ist uns Gläubigen heute klar, warum Jesus getötet werden musste? Wissen wir, dass Gott Seinen Sohn um der Sünde willen sandte und die Sünde im Fleisch Seines Sohnes verurteilt werden musste (Röm.8:3)? - Denken wir stets daran, dass Jesus für alle starb und demnach alle starben (2.Kor.5:14). Die gesamte alte Menschheit musste in Seinen Tod mit hineingenommen, das Fleisch also schmachvoll abgetan werden, damit wir nicht mehr auf eigene Leistungen oder Vorzüge bauen, sondern allein aus der Gnade leben. Nichts können wir zu unserer Rettung beitragen, nicht aus eigener Kraft Gott wohlgefällig wandeln. Gott allein gebührt die Verherrlichung im Namen Jesu Christi!

  Petrus handelte im Sinne Satans, mit dem Sinn des Satans, der Jesus bei der Versuchung in der Wildnis alle Königreiche der Welt unter Umgehung des Leidens angeboten hatte (Mat.4:9). Der Herr aber löste Sich aus dieser Versuchung und Verstrickung durch Petrus, indem Er die geistlichen Realitäten ins Auge fasste: einerseits den Willen Gottes und andererseits den Willen des Satans im Namen der Menschlichkeit aus dem Munde eines Jüngers. Gerade unter dem Deckmantel der Menschlichkeit kann der Satan die Menschen mühelos betrügen und verführen. Der Herr aber war nur auf den Willen Seines Vaters ausgerichtet und wurde Ihm nicht ungehorsam.

 

Eine Bedingung der Nachfolge

 

  »Dann sagte Jesus Seinen Jüngern: Wenn jemand Mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge Mir« (Vers 24).

  Ganz und gar nicht menschlich scheint diese Bedingung der Nachfolge zu sein: sich selbst zu verleugnen, also nicht mehr sich selbst zu leben, sondern dem, der für uns starb und auferweckt wurde (2.Kor.5:15). Andere Interessen haben wir nicht mehr. Wir suchen das, was Christi ist (Phil.2:21). Und gerade in dieser Herzenshaltung finden wir die Erfüllung unseres Lebens.

  Das Kreuz sollen wir aufnehmen, jeder sein eigenes, so wie ein zur Anpfahlung Verurteilter einst seinen Pfahl auf seinem Rücken zur Hinrichtungsstätte tragen musste. Das Kreuz aufnehmen bedeutet, den Lasten und Drangsalen, die uns um des Glaubens willen begegnen werden, willig entgegenzusehen und sie zu erdulden.

  Bereits in Matthäus 10:37,38 hatte der Herr gesagt: »Wer Vater oder Mutter lieber hat als Mich, ist Meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter lieber hat als Mich, ist Meiner nicht wert; und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und Mir nachfolgt, ist Meiner nicht wert.« Nach der Ankündigung Seines Todes bekommt dieses Wort Jesu eine größere Tiefe. Nachfolge Jesu bedeutet nun den Eintritt in die Gemeinschaft Seines Todes. Familienangehörigen den zweiten Rang einzuräumen ist nicht alles. Im Übrigen wäre auch die Nachahmung Seines Charakters zu wenig.

 

Die Rettung der Seele

 

  Mit Vers 25 verkündigt der Herr die Notwendigkeit der konsequenten Nachfolge: »Denn wer seine Seele retten will, wird sie verlieren; wer aber seine Seele Meinetwegen verliert, wird sie finden.«

  Die Seele ist das Bewusstsein oder steht bildlich für ein mit Bewusstsein ausgestattetes Geschöpf. Die Seele entsteht durch die Vereinigung eines Körpers mit Gottes Lebensgeist, wie in 1.Mose 2:7 zu lesen: »Dann formte Jewe den Menschen aus Erdreich vom Boden und hauchte Lebensodem in seine Nase; und der Mensch wurde eine lebende Seele.«

  Der Tod ist die Umkehrung des Schöpfungsprozesses: Zieht Gott Seinen Geist zurück, so wird der Körper wieder zu Erdreich, und die Seele ist nicht mehr (Pred.12:7; Ps.104:29; Hiob 34:15). Im Tode gibt es kein Bewusstsein (Pred.9:5,10; Ps.115:17; 146:4; Jes.63:16). Lebendig wird man wieder, wenn der Lebensgeist in den Körper zurückkehrt; ein Lebendiger hat Bewusstsein (Luk.8:55). Näheres siehe Artikel »Zwischen Tod und Auferstehung« in »Unausforschlicher Reichtum« 2007, Nr. 2+3, Konkordanter Verlag Pforzheim; www.konkordanterverlag.de; und auf der Homepage www.people.freenet.de/biblische_lehre.

  Das Evangelium, das der Herr hier nun verkündigte, ist ein Evangelium des Leidens. Diejenigen, die ihr Wohlergehen lieben, mögen ihre Seele durchaus von einem Tag in den anderen hinüberretten, werden sie aber für die Zeit des Königreichs verlieren. Wer seelischen Genüssen nachgeht und den Drangsalen der Nachfolge ausweicht, mag sein Leben für die Gegenwart retten, wird aber im Königreich nicht leben. Die aber ihr Leben und damit ihre Seele - so Gott will - zum Beispiel als Märtyrer um Christi willen verlieren, werden das äonische Leben auf der Erde erlangen und mit Christus als Könige herrschen (Off.20:4).

  Dies ist nicht das Evangelium für uns heute, welches Paulus verkündigt. Wir sind allein in der Gnade Gerettete (Eph.2:8). Mitherrschen werden allerdings diejenigen unter uns, die erduldeten (2.Tim.2:12; Röm.8:17).

  Der Apostel Petrus schreibt: Ihr werdet jetzt kurz, wenn es sein muss, durch mancherlei Proben betrübt, damit die Prüfung eures Glaubens bei der Enthüllung Jesu Christi zum Lobpreis, zur Verherrlichung und zur Ehre erfunden werde. Ihr liebt Jesus Christus, die Vollendung eures Glaubens davontragend, nämlich die Rettung eurer Seelen (1.Pet.1:6-9). Ohne Bewährung keine Rettung; so ist es nach dem Evangelium der Beschneidung, mit welchem Petrus betraut ist (Gal.2:7).

  Mit dem folgenden Vers 26 macht Jesus den Wert der Seele deutlich: »Doch was wird es dem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnen, aber dabei seine Seele verwirken würde? Oder was wird der Mensch als Eintausch für seine Seele geben?« Die Seele, mit anderen Worten: das äonische Leben, das Leben in den kommenden Äonen, ist mehr wert als alles in dieser Welt.

  Kann der Mensch irgendetwas als Eintausch für seine verwirkte Seele geben? Psalm 49:8-10 sagte schon, dass kein Mann sich loskaufen noch Elohim den Preis für seine Beschirmung geben kann, » - zu kostbar ist der Loskauf seiner Seele, so muss er davon ablassen für den Äon - dass er weiterhin lebe, für dauernd, und nicht das Verderben sehe.«

 

Er kommt und vergilt

 

  Eindringlich weist der Herr auf das bevorstehende Urteil hin: »Denn der Sohn des Menschen ist im Begriff, in der Herrlichkeit Seines Vaters mit Seinen Boten zu kommen, und dann wird Er jedem nach Seinem Handeln vergelten« (Vers 27).

  Jesus Christus wird wieder zu Israel kommen, Seine Regentschaft aufrichten und einem jeden gemäß seinen Werken vergelten: der eine wird den Verlust seiner Seele beklagen müssen, der andere die Rettung seiner Seele erfahren. Ja, »Er vergilt dem Menschen nach seinem Tun« (Spr.24:12; vgl. Ps.62:13; Off.2:23).

  So lasst uns zum Abschluss die Ermahnung des führenden Apostels der Beschneidung hören: »Wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person nach eines jeden Werk richtet, so geht für die Zeit eures hiesigen Verweilens in Furcht einher« (1.Pet.1:17). »Stellt euch als Kinder des Gehorsams nicht auf die früheren Begierden ein, als ihr in eurer Unkenntnis wart, sondern werdet, dem Heiligen gemäß, der euch berufen hat, selbst Heilige in allem Verhalten, weil geschrieben steht: Heilige sollt ihr sein; denn Ich bin heilig« (1.Pet.1:14-16).

 

Die Verklärung Jesu

(Matthäus 16:28-17:27)

 

  Der Herr Jesus Christus sagte zu Seinen Jüngern: »Wahrlich, Ich sage euch: Unter denen, die hier stehen, sind einige, die keinesfalls den Tod schmecken werden, bis sie den Sohn des Menschen gleichsam

(griech. an) gewahren, wenn Er in Seinem Königreich kommt« (Mat.16:28).

  Es wäre ein Missverständnis zu meinen, dass einige Jünger bis zur Wiederkunft Jesu Christi und Aufrichtung des Königreichs am Leben bleiben würden. Das Geschehen auf dem Berg der Verklärung Jesu ist eine Vision (Mat.17:9) auf das Kommen des Menschensohns in der Herrlichkeit des Vaters (Mat.16:27). Jesus hatte von Seinem Leiden und Sterben gesprochen (Mat.16:21) und dass ein jeder, der Ihm nachfolgen will, sein eigenes Kreuz aufnehmen müsse, um seine Seele zu retten (Mat.16:24,25). Um den Leidensweg mit Jesus in Zuversicht gehen zu können, wird einigen Jüngern sechs Tage nach der Ankündigung die Vision gewährt, Jesus gleichsam als den in Seinem Königreich Kommenden zu gewahren; und damit wird ihnen der kräftigende Zuspruch eines Blickes in die zukünftige Herrlichkeit zuteil.

 

Jesu Umgestaltung

 

  »Und nach sechs Tagen nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes, seinen Bruder, beiseite und brachte sie auf einen hohen Berg hinauf, wo sie für sich allein waren. Da wurde Er vor ihnen umgestaltet: Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und Seine Kleidung wurde weiß wie das Licht« (Mat.17:1,2).

  Die Zahl sechs, die Zahl des Menschen und der Arbeitswoche wie auch des (zweiten) Abschlusses, mag darauf hindeuten, dass es den Jüngern erging, wie es Menschen ergeht, die viele Gedankten zu verarbeiten haben, und ihnen nun die aufrichtende, ihre Kümmernis abschließende Offenbarung zuteil wurde. Lukas schreibt: »Etwa acht Tage nach diesen Worten ...« (Luk.9:28). Die Acht steht für Beschneidung und Neuanfang. Die Jünger lernten, von sich und dem Fleisch abzusehen, sie begannen, am Herzen beschnitten zu werden und nahmen den Neuanfang eines Lebens in der Erwartung.

  Die Jünger hatten sich fragen müssen, wie die Verheißung des Königreichs mit der Ankündigung des Leidens und Sterbens des Königs zusammenpasst. Konnten sie sich vorstellen, dass es nur durch den Tod zum Leben geht? Und wer von den Jüngern wird Jesus in Seiner Königreichsherrlichkeit gewahren? Petrus bestimmt nicht, der konnte alle Hoffnung darauf fahren lassen, denn der Herr hatte ihn gerade »Satan« genannt (Mat.16:23).

  Petrus, Jakobus und Johannes waren die dem Herrn vertrautesten Jünger. (Der Jünger Jakobus dürfte übrigens der Verfasser des Jakobusbriefs sein.)

  Der Herr nahm sie mit auf einen hohen Berg, um zu beten (Luk.9:28), sicherlich auch für die verstörten Jünger. Der hohe Berg war gewiss der Hermon, zumal der Herr und die Seinen gerade in Cäsarea Philippi waren (Mat.16:13). Ein Berg steht in der Bibel symbolisch für Herrschaft, Königreich und Regierungsmacht.

  Auf dem Berg waren sie für sich allein. Die folgende Vision ist nicht für jedermann, noch nicht einmal für alle Jünger, sondern nur für die, die besonders zugerüstet werden sollen, wie denn Gott ja stets einem jeden das Maß des Glaubens zuteilt (Röm.12:3).

  Jesus wurde vor Petrus, Jakobus und Johannes umgestaltet. Man nennt diesen Vorgang »Verklärung«, was so viel wie »Verherrlichung« bedeutet. Schließlich sahen Seine Jünger Jesus in himmlischer Herrlichkeit (Luk.9:32). Dies beschreibt auch Johannes: »Das Wort wurde Fleisch und zeltete unter uns, und wir schauten Seine Herrlichkeit - wie die Herrlichkeit des Einziggezeugten vom Vater - voller Gnade und Wahrheit« (Joh.1:14).

  Angesichts der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus können wir jetzt Seine Erniedrigung bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestod, viel eindrücklicher empfinden.

 

Mose und Elia

 

  »Und siehe, es erschien ihnen Mose mit Elia, und sie besprachen sich mit Ihm« (Mat.17:3).

  Dies besagt nicht, dass Tote leben würden (dies ist ohnehin niemals der Fall) oder Mose auferstanden sei, denn bei einer Vision ist dies nicht relevant.

  Mit Mose und Elia, den Repräsentanten des Gesetzes und der Propheten, wird den Jüngern bedeutet, dass das Gesetz und die Propheten zu Jesus hinführten und in Ihm ihre Vollendung und Erfüllung finden.

  Mose und Elia sprachen mit Jesus über den Ausgang Seines Lebens, wie es sich demnächst in Jerusalem erfüllen sollte (Luk.9:31). Petrus, Jakobus und Johannes hörten demnach vom Leiden und Sterben Jesu im Lichte Seiner Verklärung. Schließlich kann man äonisches Leben in der Herrlichkeit des Königreichs Israels nur dann haben, wenn der Herr Jesus Christus Sünde und Tod durch Seine Dahingabe besiegt hat.

 

Drei Zelte

 

  »Da nahm Petrus das Wort und sagte zu Jesus: Herr, schön ist es für uns, hier zu sein! Wenn Du willst, werde ich hier drei Zelte errichten, Dir eins, Mose eins und Elia eins« (Vers 4).

  Mose und Elia haben mit ihrem mühevollen Dienst der Wegbereitung des Königreichs einen Bezug zum Leiden Jesu. Diese heilsgeschichtliche Einordnung des Geschehens auf dem Berg hatte Petrus noch nicht vollzogen. Er sah die herrliche Situation, und es schien ihm geradewegs in das Königreich hineinzugehen. Diese Königreichsherrlichkeit wollte er dauerhaft machen, indem er vorschlug, sich hier niederzulassen. Damit hätte er aber das Kreuz umgangen. Immerhin war er nach der Erfahrung, die er vor einer Woche machen musste (Mat.16:13), so demütig, dass er hinzufügte: »Wenn Du willst.«

 

»Dies ist Mein geliebter Sohn!«

 

  »Während er noch sprach, siehe, da beschattete sie eine lichte Wolke, und siehe, eine Stimme ertönte aus der Wolke: Dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe; hört auf Ihn!« (Vers 5).

  Wieder beglaubige der Vater Seinen Sohn. Nach Jesu Taufe im Jordan war die Stimme des Vaters schon einmal erschollen (Mat.3:17). Die Worte sind in Jesaia 42:1 vorgeschattet; »Siehe! Mein Knecht! Aufrecht halte Ich Ihn! Mein Erwählter, den Meine Seele [mit Wohlgefallen] angenommen hat!« Und schon Mose sagte: »Auf Ihn sollt ihr hören!« (5.Mose 18:15). Mit dem nachdrücklichen Zusatz »Hört auf Ihn!« gibt der Vater Seinen Sohn gleichsam aufs neue aus der Herrlichkeit in die raue Welt des Ringkampfes darum dahin, dass man auf Ihn höre.

  Das Ereignis hinterließ einen gewaltigen Eindruck auf die drei Jünger. Viele Jahre später bezeugt Petrus: »Wir sind nicht weise ersonnenen Sagen gefolgt, als wir euch die Kraft und die Anwesenheit unseres Herrn Jesus Christus bekannt machten, sondern wir sind Augenzeugen der Erhabenheit desselben geworden. Denn Er erhielt von Gott dem Vater die Ehre und die Herrlichkeit durch die Stimme, die Ihm (in was für einer Weise) von der erhabenen Herrlichkeit dargebracht wurde: Dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe! Diese Stimme haben wir gehört, als sie aus dem Himmel dargebracht wurde und wir mit Ihm auf dem heiligen Berg waren. Um so stetiger halten wir uns an das prophetische Wort, und ihr tut trefflich, darauf Acht zu geben« (2.Pet.1:16-19).

 

Jesus allein

 

  »Als die Jünger dies hörten, fielen sie auf ihre Angesichter und fürchteten sich überaus. Da trat Jesus herzu, rührte sie an und sagte: Erhebt euch und fürchtet euch nicht! Wie sie aber ihre Augen aufhoben, gewahrten sie niemand mehr außer nur Jesus Selbst« (Verse 6-8).

  Sie sahen nur noch Jesus, und zwar in der Gestalt Seiner Erniedrigung - Jesus allein. Das Gesetz und die Propheten hatten ihren Dienst getan; jetzt ist auf Jesus zu hören; Er ist der Verheißene, der Christus, der Mittler, der Retter.

  Hebräer 12:1,2 richte unseren Blick auf Jesus allein: »Daher mögen also auch wir, weil wir von einer solch großen Wolke von Zeugen umgeben sind, alle Hemmungen samt der bestrickenden Sünde ablegen, den vor uns liegenden Wettlauf mit Ausdauer rennen und - von alledem wegsehend - auf den Urheber und Vollender des Glaubens blicken, auf Jesus, der anstatt der vor Ihm liegenden Freude das Kreuz erduldete und die Schande verachtete und Sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat.«

 

Das Schweigegebot

 

  »Als sie vom Berg herabstiegen, gebot Jesus ihnen: Sprecht zu niemandem von dem Gesicht, bis der Sohn des Menschen aus den Toten auferweckt ist« (Vers 9).

  Warum gebot der Herr ihnen zu schweigen? Weil die Menschen Jesus aufgrund dieser Vision ganz bestimmt gewaltsam zum König gemacht hätten, wie sie es schon nach der Speisung der Fünftausend tun wollten (Joh.6:15). Und weil die Herrlichkeit des Königreichs nicht proklamiert werden soll, während Israel seinen König verworfen hat. Nachdem Petrus zu Pfingsten des Jahres 32 n. Chr. den Zugang zum Königreich mit der ihm gegebenen Schlüsselgewalt wieder aufschloss (Mat.16:19; Ap.2:38,39), verwarf das Volk Jesus erneut, wie in der Apostelgeschichte berichtet (Ap.8:2; 13:46; 28:25-28).

  Markus berichtet an dieser Stelle außerdem davon, dass die drei Jünger das Wort festhielten, »sich untereinander befragend, was das Auferstehen aus den Toten wohl sei« (Mark.9:10). Dabei wird es ihnen nicht um das Ob und Wie der Auferstehung gegangen sein - werden sie doch dieses Wort Jewes an Israel gekannt haben: »Leben werden deine Toten, ihre Leichen werden aufstehen« (Jes.26:19) -, sondern um das Wann, wie ihre folgende Frage zu Elia zeigt.

 

Elia kommt vorher

 

  »Dann fragten Ihn Seine Jünger: Wieso sagen nun die Schriftgelehrten, dass Elia zuerst kommen müsse? Er antwortete ihnen: Elia kommt zwar zuerst und wird alles wiederherstellen. Aber Ich sage euch, dass Elia schon kam; doch sie erkannten ihn nicht, sondern taten ihm an, was immer sie wollten. So wird auch der Sohn des Menschen demnächst von ihnen leiden müssen. - Dann verstanden die Jünger, dass Er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach« (Verse 10-13).

  Die Jünger bewegte die Frage, warum Elia noch nicht gekommen ist, wenn das Königreich doch so nahe ist, und warum Johannes der Täufer mit der gleichen Aufgabe, dem Messias den Weg zu bereiten, gescheitert war.

  Beim Propheten Maleachi steht geschrieben: »Siehe, Ich sende euch den Propheten Elia vor dem Kommen des Tages Jewes, des großen und gefürchteten« (Mal.3:23; vgl. 3:1). Vor dem letzten Jahrsiebener (Dan.9:24,27), vor der Zeit des Zorns und gerechten Gerichts Gottes, wird Elia wieder auftreten und das Volk zum Glauben an Jesus Christus und zur Umsinnung aufrufen.

  Johannes der Täufer war nicht Elia (Joh.1:21), sondern ein anderer Mensch; er war aber in dem Sinne Elia, als er wie Elia handelte, viele der Söhne Israels zum Herrn zurückführte und er vor den Augen des Herrn im Geist und in der Kraft Elias vorausging (Luk.1:16,17). Johannes tat allerdings keine gewaltigen Machttaten wie einst Elia, der zum Beispiel den Himmel verschloss, damit es nicht regnete, und Feuer auf Feinde herabrief (1.Kön.17:1; 2.Kön.1:9-15), sondern trat in Schwachheit auf - entsprechend dem Dienst des Herrn in Niedrigkeit.

 

Die Heilung eines fallsüchtigen Knaben

 

  Der Herr Jesus Christus und Petrus, Jakobus und Johannes waren vom Berg herabgestiegen. »Als sie zu der Volksmenge kamen, trat ein Mensch zu Ihm, fiel vor Ihm auf die Knie und sagte: Herr, erbarme Dich meines Sohnes; denn er ist fallsüchtig und übel daran, weil er oftmals ins Feuer fällt und oftmals ins Wasser. Ich habe ihn zu Deinen Jüngern gebracht, doch konnten sie ihn nicht heilen. - Da antwortete Jesus ihnen: O du ungläubige und verdrehte Generation! Wie lange soll Ich noch bei euch sein, wie lange soll Ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu Mir! - Und Jesus schalt den Dämon, da fuhr er aus von ihm, und von jener Stunde an war der Knabe geheilt« (Verse 14-18).

  Wie es in der Welt doch zugeht! Die erfolglosen Jünger waren blamiert, die Schriftgelehrten führten (nach Mark.9:14) Streitgespräche mit ihnen, und die Sendung Jesu konnte von der Volksmenge in Zweifel gezogen werden.

  Jesus nannte nicht nur die neun Jünger, die nicht mit auf dem Berg waren, ungläubig, sondern zugleich auch Seine ganze Generation (wie Mose dies übrigens ebenfalls tun musste; 4.Mose 14:11; 5.Mose 32:5,20). Sein Ausruf: »Wie lange soll Ich euch noch ertragen?« will nicht verurteilen, sondern ermahnen und ist Ausdruck Seines großen Schmerzes angesichts ihres Unglaubens.

  Jesus schalt (oder: verwarnte) den Dämon. Schelten heißt werturteilend zurechtweisen.

  Das Ereignis am Fuße des Berges darf uns zeigen, dass das an Unglauben krankende Israel während Jesu Abwesenheit nicht geheilt werden kann, sondern erst bei Seiner Wiederkehr.

 

Wegen eures Kleinglaubens!

 

  »Dann traten die Jünger zu Jesus, als sie für sich allein waren, und fragten: Weshalb konnten wir ihn nicht austreiben? Er antwortete ihnen: Wegen eures Kleinglaubens! Denn, wahrlich, Ich sage euch: Wenn ihr Glauben wie ein Senfkorn habt, werdet ihr diesem Berg gebieten: Geh von hier dorthin weiter!, und er wird weitergehen, und nichts wird euch unmöglich sein« (Verse 19+20).

  Vers 21 steht nicht in den Kodizes S (Sinaiticus) und B (Vaticanus), sondern nur beim ersten Korrektor des Kodex S, dann aber nicht mehr. Nach Markus 9:29 hatte Jesus gesagt: »Diese Art kann man durch nichts ausfahren lassen außer durch Gebet.« Der Zusatz »und Fasten« findet sich hier nicht. Der Herr hatte (dem Kodex S zufolge) nach Lukas 9:42 gebetet, um den Dämon auszutreiben. Die Kodizes A (Alexandrinus) und B haben statt »Aber noch während Er betete«: »Aber noch während er herzukam«.

  »Wegen eures Kleinglaubens!« - Der Herr Jesus Christus hatte Seinen Jüngern die Vollmacht gegeben, unreine Geister auszutreiben und jede Krankheit und Gebrechlichkeit zu heilen (Mat.10:1), doch nach der ersten Leidensankündigung (Mat.16:21) war ihr Glaube an Ihn erschüttert. In ihrer Verzagtheit hatten sie nicht genügend Vertrauen zu Gott, um den Dämon austreiben zu können.

  Sie hätten Glauben wie ein Senfkorn haben sollen. Ein Senfkorn ist sehr klein und unscheinbar, wird aber zu einer großen Pflanze. Dementsprechend hätte ihr unscheinbarer, aber fester Glaube im Herzen sich groß ausgewirkt.

  Ein solcher Glaube kann sogar Berge versetzen, also Machtbereiche gleich welcher Art, Königreiche, Regierungen, Mächte der Finsternis. Beachten wir dabei, dass der Herr nicht sagte: »Dem Glauben ist nichts unmöglich«, sondern: »Euch [den Glaubenden] wird nichts unmöglich sein.« Es kann somit nicht darum gehen, eine gedanklich hochkonzentrierte Glaubensanstrengung zu produzieren, sondern schlicht und einfach unserem großen Gott und treuen Vater zu vertrauen, bei dem alle Dinge möglich sind (Mat.19:26). Ein Glaubender rechnet mit dem Wirken Gottes und wendet sich mit seinem Anliegen an Ihn. Man vergesse dabei nicht, was der Apostel Johannes gemäß dem Evangelium der Beschneidung schrieb: »Wenn wir etwas erbitten, so erhalten wir es von Ihm, weil wir Seine Gebote halten und das vor Seinen Augen Wohlgefällige tun« (1.Joh.3:22); »Dies ist der Freimut, den wir zu Ihm haben, dass, wenn wir etwas nach Seinem Willen bitten, Er uns hört« (1.Joh.5:14). Und unser Herr sagte: »Wenn ihr Mich in meinem Namen um etwas bittet, werde Ich dies tun« (Joh.14:14).

  Das Wort des Herrn Jesus Christus vom Glauben nach der Art eines Senfkorns steht an markanter Stelle zwischen der ersten und der zweiten Leidensankündigung (Mat.16:21; 17:22,23). Möge der Glaube der Jünger mithin aufgrund des zur Besiegung der Sünde und des Todes notwendigen Leidens und Sterbens Jesu wachsen und zum Vollwuchs, zur Reife, gelangen! Er ist die Sühne für Israels Sünden, nicht allein für die Israels, sondern auch für die der ganzen Welt (1.Joh.2:2). Johannes der Täufer hatte schon gesagt: »Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf Sich nimmt!« (Joh.1:29). Erst dann, wenn Jesus die Sünden in Seinem Körper an das Holz hinaufgetragen hat (1.Pet.2:24), kann das Königreich in seiner Herrlichkeit kommen.

 

Die zweite Leidensankündigung

 

  Es folgt die zweite Leidensankündigung: »Während sie in Galiläa zusammen waren, sagte Jesus zu ihnen: Demnächst wird der Sohn des Menschen in der Menschen Hände überantwortet werden, und sie werden Ihn töten; aber am dritten Tag wird Er auferweckt werden. - Da wurden sie überaus betrübt« (Verse 22+23).

  Der Sohn des Menschen, der einzige, der diesen Namen zu Recht führt und von dem gesagt ist, dass Ihm eine äonische Vollmacht, Würde und ein unbegrenztes Königreich gewährt werden wird und alle Völker Ihm dienen sollen (Dan.7:13,14), soll - ist dies denkbar? - den Menschen ausgeliefert werden! Das ist eine sehr üble Sache; als König David nach der Zählung der wehrfähigen Männer und der damit verbundenen Versündigung, auf die eigene Stärke zu vertrauen, seine Strafe zu wählen hatte, zog er es vor, in die Hand Jewes zu fallen, »denn Seiner Erbarmungen sind viele, aber in die Hand der Menschen lass mich nicht fallen« (2.Sam.24:14).

  Der düstere Schatten des Kreuzes liegt auf der letzten Phase des Dienstes unseres Herrn unter Israel. Und darüber hinaus müssen wir von den Jüngern in Lukas 9:45 lesen: »Doch sie begriffen diesen Ausspruch nicht; denn er war vor ihnen verhüllt, damit sie sich dessen nicht innewürden; sie fürchteten sich aber, Ihn wegen dieses Ausspruchs zu fragen« (vgl. Mark.9:32). Wer nicht fragt, verschließt sich der Möglichkeit des Verstehens. Sie werden aber durch die weiteren Ereignisse lernen, dass Jesus ihr Sühnopfer und Hoherpriester werden muss, der Sein eigenes Blut gibt (Heb.9:12,14).

 

Die Tempelsteuer

 

  »Als sie wieder nach Kapernaum kamen, traten die Einnehmer der Doppeldrachme zu Petrus und sagten: Entrichtet euer Lehrer die Doppeldrachme nicht? Er antwortete: Ja! Als er dann ins Haus trat, kam Jesus ihm zuvor und sagte: Was meinst du, Simon? Von wem nehmen die Könige der Erde Zölle oder Kopfsteuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden? - Als er sagte: Von den Fremden, entgegnete ihm Jesus: Demnach sind doch die Söhne frei. Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh an den See, wirf die Angel aus, nimm den zuerst heraufkommenden Fisch und öffne sein Maul; da wirst du einen Stater finden, nimm denselben und gib ihnen diesen für Mich und dich« (Verse 24-27).

  Eine Drachme hatte den Wert eines Tagelohns. Ein Stater war eine Silbermünze im Wert von zwei Doppeldrachmen.

  Die Doppeldrachme war eine jährliche freiwillige Abgabe für den Unterhalt des Tempels (Neh.10:33), aber Ehrensache für einen jeden Juden von 20 Jahren an (2.Mose 30:11-16); deshalb auch die höfliche Frage an den Hausherrn Petrus. Die Frage war gleichwohl sehr raffiniert, denn Jesus würde bestimmt nicht zahlen und ein Ihm feindliches System unterstützen, sodass man einen Anklagepunkt gegen Ihn hätte.

  Petrus wollte seinen Herrn davor schützen und sagte, dass der Herr die Abgabe entrichte.

  Wieder muss Jesus Petrus korrigieren. Die Könige der Erde nehmen keine Steuern von ihren Söhnen und anderen Familienangehörigen. Die Söhne sind frei. Jesus ist der König und der Tempel Seines Vaters Haus. Er und Seine Jünger sind daher frei von der Abgabe. Um jedoch keinen Anstoß zu geben (vgl. Röm.14:13; 1.Kor.8:13), bezahlte der Herr; Er war ja bereit, noch mehr für Seine Feinde zu geben, nämlich Sein Leben.

  Das Wunder des Staters im Maul des Fisches bekräftige Seine königliche Herrlichkeit und Vollmacht.

  Übrigens werden im tausendjährigen Königreich Israels die Söhne des Königreichs - diese sind das ganze Israel - frei sein und wird der Unterhalt für den Tempel von den Nationen erbracht werden (Jes.60:5-13: 61:6; Sach.14:16-18); ebenso wie in dem darauf folgenden Königreich auf der neuen Erde die Nationen ihre Herrlichkeit in das neue Jerusalem hineinbringen werden (Off.21:24).

 

»Wer ist der Größte im Königreich der Himmel?«

(Matthäus 18)

 

  »In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist wohl der Größte im Königreich der Himmel? - Da rief Er ein kleines Kind zu Sich, stellte es in ihre Mitte und sagte: Wahrlich, Ich sage euch: Wenn ihr euch nicht umwendet und wie die kleinen Kinder werdet, könnt ihr keinesfalls in das Königreich der Himmel eingehen. Wer sich nun erniedrigen wird wie dieses kleine Kind, der ist der Größte im Königreich der Himmel« (Verse 1-4).

  Welch eine unreife Geisteshaltung spricht doch aus der Frage, wer überhaupt - und nach Lukas 9:46, wer von den Jüngern - wohl der Größte im Königreich Israels sein werde. Und dies ausgerechnet zu der Zeit, in der der Herr Seine Jünger durch Seine Leidensankündigungen (Mat.16:21; 17:22,23) mit Seiner Erniedrigung vertraut machen will. Sie hatten noch nicht begriffen (Luk.9:45), dass der einzige Weg zu wahrer Größe durch das Leiden und Sterben Jesu und die Teilhabe daran durch das völlige Absehen von sich selbst eröffnet wird.

  Dabei ist aber Umsinnung nötig. Ohne Umsinnung und - auf die Alltagspraxis bezogen - ohne Umwendung gelangt niemand in das Königreich der Himmel (Mat.3:2; 4:17; Ap.2:38). »Der Herrlichkeit geht Demut voran«, ist in den Sprüchen 15:33 zu lesen. »Demütigt euch nun vor den Augen des Herrn, und Er wird euch erhöhen«, schreibt Jakobus (Jak.4:10).

  Die Gesinnung eines Kindes, das weiß, dass es ganz und gar auf die Eltern angewiesen ist, und ihnen völlig vertraut, steht im deutlichen Gegensatz zu der der Welt, die sich gar nicht hoch genug erhöhen kann.

  Nur wer sich erniedrigt, sich also unter die anderen stellt und sie höher achtet als sich selbst, kann den anderen wirklich dienen. Und nur der recht Dienende wird im Königreich groß sein, wie Jesus sagt: »Wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein, ebenso wie der Sohn des Menschen nicht kam, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und Seine Seele als Lösegeld für viele zu geben« (Mat.20:26-28).

 

»... der nimmt Mich auf«

 

  Jesus fährt fort zu sprechen: »... und wer solch ein kleines Kind in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf. Wer aber einem dieser Kleinen, die an Mich glauben, Anstoß gibt, für den wäre es förderlicher, dass ihm ein Eselsmühlstein um seinen Hals gehängt und er im offenen Meer versenkt würde« (Verse 5+6).

  Es geht nicht nur um kleine Kinder, sondern um jeden Menschen, die ja allesamt in Christus erschaffen sind (Kol.1:16) und für die alle Er starb, woran wir Seine Liebe erkennen. Wer mithin um Christi willen einen von Christus geliebten Menschen aufnimmt, der nimmt Jesus Selbst auf und wird in seinem Glaubensleben in der Gemeinschaft mit Ihm wachsen.

  Das Gegenteil eines solchen Handelns ist, einem kleinen, schwachen, kranken, geringen Gläubigen einen Anstoß zu geben, ein Ärgernis zu bereiten, ihn in seine vermeintliche Minderwertigkeit zu verstricken und ihn zu Fall zu bringen. Wer das Leben eines dieser Kleinen auf diese Weise zerstört, ja wer in Selbstsucht und Größenwahn einen Gläubigen zum Abfall vom Glauben bringt, sodass jener das äonische leben verliert, dem wäre es förderlicher, dass er umkomme und vor dem großen, weißen Thron zur Erkenntnis seiner Missetat gebracht wird, als dass er weiterlebe und noch mehr Sünden auf sich lade.

  Nach dem Wort Gottes für uns heute (Tit.1:3), die wir in der dem Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Verwaltung der überströmenden Gnade Gottes leben (Eph.3:2; Kol.1:25), zu der Gemeinde gehören, die Christi Körper ist (Eph.1:22,23), und der Lehre übergeben sind, die dem Paulus enthüllt wurde, dem Evangelium der Unbeschnittenheit (Röm.6:17; Gal.1:12; 2:7), können wir nicht mehr verloren gehen, denn wir sind mit heiligem Geist versiegelt (Eph.1:13; Röm.8:30).

  Die wahren Säulen der Gemeinde sind die, die sich der Schwachen annehmen. Der Apostel Paulus wird später schreiben: »Wir aber, die Kraftvollen, sind verpflichtet, die Schwächen der Kraftlosen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen. Ein jeder von uns suche, dem Nächsten zu gefallen, ihm zum Guten, zu seiner Auferbauung. Denn auch der Christus hat nicht Sich Selbst zu Gefallen gelebt« (Röm.15:1-3). Und im Zusammenhang mit dem Essen von Götzenopferfleisch vermerkt er: »So wird denn das Gewissen der Schwachen durch deine Erkenntnis zunichte gemacht, des Bruders, um dessentwillen Christus starb. Wenn ihr so an den Brüdern sündigt und ihr Gewissen, das an sich schwach ist, erschlagt, sündigt ihr an Christus! Deswegen mag ich, wenn eine Speise meinem Bruder zum Fallstrick wird, lieber für den Äon überhaupt kein Fleisch mehr essen, damit ich meinem Bruder keinen Anstoß gebe« (1.Kor.8:11-13).

 

Fallstricke

 

  Die Verse 7 bis 10 stehen im Zusammenhang mit den vorhergehenden: »Wehe der Welt wegen ihrer Fallstricke! Denn es ist zwar notwendig, dass Fallstricke kommen; indessen: wehe jenem Menschen, durch den der Fallstrick kommt! Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dich straucheln lässt, so haue sie ab und wirf sie von dir. Besser ist es für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben einzugehen, anstatt zwei Hände oder zwei Füße zu haben und ins äonische Feuer geworfen zu werden. Wenn dein Auge dich straucheln lässt, so reiß es heraus und wirf es von dir. Besser ist es für dich, einäugig in das Leben einzugehen, anstatt zwei Augen zu haben und in die Gehenna des Feuers geworfen zu werden. Seht zu, dass ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet; denn Ich sage euch: Ihre Boten in den Himmeln erblicken allezeit das Angesicht Meines Vaters in den Himmeln.«  (Vers 11 findet sich nicht in den ältesten Handschriften.)

  Es geht weiterhin um das Eingehen in das Königreich der Himmel beziehungsweise um Hinderungsgründe. Die Welt will die Gläubigen verstricken, sodass sie Übles tun und nicht in das Königreich gelangen, und Gläubige, insbesondere die Selbstsüchtigen, die die Größten sein wollen, können andere zu Fall bringen, besonders die Kleinen. Fallstricke müssen zwar sein, damit die Gläubigen sich bewähren können und die Vollendung ihres Glaubens davontragen: die Rettung ihrer Seelen (1.Pet.1:6-9; vgl. Röm.5:3-5; 1.Kor.11:19), wehe aber denen, die die Fallstricke legen!

  Darum, falls du so ein Großer bist, der seine Hand zum Schaden für sich und andere ausstreckt, dessen Fuß sich und andere auf Abwege führt oder dessen Auge begehrlich blickt und sich und andere damit in das äonische Feuer bringt, dann haue deine Hand und deinen Fuß ab und reiße dein Auge aus. Da man auch mit nur einer Hand, nur einem Fuß und einem Auge sündigen kann, heißt dies mit ganzem Ernst, das Herz entschieden zu beschneiden und umzusinnen.

  Der Herr gebrauchte in Matthäus 5:29,30 fast dieselben Worte; dort war aber der Einzelne für sich angesprochen, hier in Kapitel 18 geht es darum, die Schwachen nicht in das Übel mit hineinzuziehen.

  In die Gehenna des Feuers, die brennende Abfallhalde im Tal Hinnom unterhalb Jerusalems, werden im tausendjährigen Königreich Israels die Leichen der Übertreter des Gesetzes hineingeworfen werden (Jes.66:24; Ps.101:8). Später dann werden alle, die das Schlechte verübt haben und folglich an der zweiten Auferstehung teilhaben (Joh.5:29), der zum Gericht, nach dem Gericht vor dem großen, weißen Thron in den Feuersee des letzten Äons geworfen werden (Off.20:15).

  Möge also kein Israelit aber auch nur einen seiner kleinsten Glaubensbrüder verachten oder geringschätzig behandeln! - sonst ist ihm das äonische Feuer sicher. Die Kleinen sind bei Gott hochgeschätzt, was auch daran erkennbar ist, dass ihre Boten, die Engel, die zum Dienst um derer willen ausgeschickt sind, denen künftig die Rettung zugelost werden soll (Heb.1:14), allezeit das Angesicht des himmlischen Vaters erblicken.

  Vom Dienst der Boten liest man in der Heiligen Schrift übrigens nur in Bezug auf Israel (vgl. Ps.91:11; Ap.12:15). Wir dagegen sind allein mit Christus verbunden, dem Haupt aller Boten und Fürstlichkeiten (Kol.2:10).

 

Das verirrte Schaf

 

  Nochmals kommt Jesus auf die Kleinen zu sprechen, die nach Gottes Willen keinesfalls umkommen sollen: »Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe besitzt und eines von ihnen sich verirrt, wird er nicht die neunundneunzig Schafe auf den Bergen lassen und hingehen, um das verirrte zu suchen? Wenn es ihm gelingt, es zu finden, wahrlich, Ich sage euch: Er freut sich mehr über dasselbe als über die neunundneunzig nicht verirrten. So ist es auch nicht der Wille vor eurem Vater in den Himmeln, dass eines dieser Kleinen umkomme« (Verse 12-14).

  Wenn auch welche von den geringen Gläubigen sich in mancherlei Dingen irren und sie verstört sind, sodass sie nicht mehr ein noch aus wissen, so wird Sich ihr himmlischer Vater doch gerade um sie kümmern, damit sie nicht im Feuer umkommen, sondern das äonische Leben im Königreich Israels erlangen.

  In der Parallelstelle Lukas 15:3-7 geht es um die Gegenüberstellung von selbstgerechten Sündern und sich als verloren erkennenden Sündern; hier in Matthäus 18 haben wir einerseits eine Ermahnung an die Gläubigen, die Große sein wollen und sich darin irren und denen nicht gesagt wird, dass sie nicht umkommen, und andererseits die Verheißung für die schwachen, sich ihrer Irrungen bewussten, nach der Gerechtigkeit des Königreichs trachtenden, umsinnenden Gläubigen, dass sie gerettet werden.

  Diese sind Jesu Freude, die da sagen: »Wir alle - wie Kleinvieh gingen wir irre« (Jes.53:6) und: »Ich bin irregegangen wie ein verlorenes Lamm; suche Deinen Diener; denn ich habe Deine Gebote nicht vergessen« (Ps.119:176). - Die herausgerufene Gemeinde Israels wird übrigens nur aus ehemals Verirrten bestehen, wie Petrus schreibt: »Verirrte wart ihr, wie Schafe, nun aber habt ihr euch zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen umgewandt« (1.Pet.1:25).

 

»Wenn dein Bruder sündigt ...«

 

  Der Herr Jesus Christus belehrt Seine Jünger im weiteren Verlauf des Kapitels 18 darüber, wie man innerhalb der Gemeinden Israels mit Sündern umgehen soll (Verse 15-20) sowie mit den den Gläubigen angetanen Sünden (Verse 21-35).

  Wir lesen zunächst die Verse 15 bis 17: »Wenn nun dein Bruder sündigt, so gehe hin und überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht auf dich hört, nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jeder Rechtsfall durch zweier oder dreier Zeugen Mund festgestellt werde. Wenn er aber nicht auf sie hört, sage es der herausgerufenen Gemeinde; wenn er auch der herausgerufenen Gemeinde nicht gehorcht, so gelte er dir wie einer aus den Nationen oder ein Zöllner.«

  Diesem Wort des Herrn liegt 3.Mose 19:17 zugrunde: »Du sollst deinen Nächsten ermahnen, ja ermahnen, damit du nicht mit ihm Sünden tragen wirst.«

  Das Ziel dieses seelsorgerlichen Handelns ist die Gewinnung des Bruders durch die liebevolle Ermahnung. Ist der Ermahnende jedoch überheblich, wird sich der Sünder verschließen. Hört er nicht, aus welchen Gründen auch immer, dann werden gemeinsame Bemühungen Zweier oder Dreier die Ermahnung verstärken. Dies entspricht der Zeugenanhörung im Gerichtsverfahren (5.Mose 19:15), aber darum geht es hier nicht, sondern um einen die Ermahnenden selbst beugenden Dienst in der Trauer über die Sünde. Sinnt der Sünder um - welch eine Freude!, welch eine Rettung! Jakobus schreibt von ihr: »Wer einen Sünder vom Irrtum seines Weges zurückführt, wird seine Seele aus dem Tode retten und eine Menge Sünden bedecken« (Jak.5:20). Hört er aber wieder nicht, ist die Not der Gemeinde ans Herz zu legen. Gehorcht er auch ihr nicht, ist er aus der Gemeinde ausgeschlossen und verliert er seine Rettung und seinen Platz im Königreich Israels. Er ist zu achten wie ein Nichtjude.

  Wie wir heute vorzugehen haben, ersehen wir aus dem Wort Gottes, das Er durch die Heroldsbotschaft des Apostels Paulus für die gegenwärtige Frist offenbart hat (Tit.1:3), zum Beispiel in Galater 6:1; 1.Kor.5; 2.Thess.3:6,15; 2.Tim.2:20,21; Tit.1:13). Und dass wir unsere Rettung nicht wieder verlieren können, weil wir mit heiligem Geist versiegelt sind, ist uns ebenfalls bekannt (Eph.1:13; Röm.8:30).

 

Binden und lösen

 

  Es schließt sich des Herrn Wort in Vers 18 an: »Wahrlich, Ich sage euch: Was auch immer ihr auf Erden bindet, wird das sein, was auch im Himmel gebunden ist, und was auch immer ihr auf Erden löst, wird das sein, was auch im Himmel gelöst ist.«

  Nicht nur Petrus hat die Gewalt, von der Schuld zu lösen und die Sünden zu vergeben oder jemanden in seinen Sünden gebunden zu lassen und die Vergebung nicht auszusprechen (Mat.16:19), sondern grundsätzlich die gesamte Gemeinde, gewiss aber die Gereiften, nicht die Kindlein, sondern die Väter, die in der Lage sind zu erkennen, ob die Umsinnung des Sünders echt ist. Und was sie im Namen Jesu Christi tun, gilt auch vor dem himmlischen Vater.

  Hat jemand also den sündigenden Bruder durch seine Ermahnungen gewonnen, so darf er ihm die Erlassung der Sünden zusprechen.

 

Wenn zwei übereinstimmen

 

  Die Verse 19 und 20 sind im Zusammenhang mit dem Übereinstimmung erfordernden ermahnenden Dienst Zweier oder Dreier an einem irrenden Bruder zu sehen, haben aber selbstverständlich auch allgemeine Bedeutung für Israel.

  »Wahrlich, wieder sage Ich euch: Wenn zwei von euch hier auf Erden darin übereinstimmen, irgendeine Sache zu erbitten, so wird es ihnen von Meinem Vater in den Himmeln gegeben werden; denn wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, dort bin Ich in ihrer Mitte« (Verse 19+20).

  Wenn welche einen sündigenden Bruder auf den rechten Weg zurückbringen wollen, müssen sie im geistlichen Willen übereinstimmen und wird eine Gebetsgemeinschaft vorausgehen. Die Übereinstimmung in der Bitte wird nur dann zu erzielen sein, wenn sie im Namen Jesu, mithin in Seinem Auftrag, in Seinem Geist, in Seiner Gesinnung, versammelt sind. Dann wird ihnen die Sache gewährt werden, denen, die, wie der Apostel Johannes ausdrücklich betont, die Gebote halten und nach Jesu Willen bitten (1.Joh.3:22; 5:14).

  Wir haben solche Vollmacht im Falle der Übereinstimmung nicht und wissen auch vielfach nicht, was der Wille Gottes im Einzelfall ist. Uns heute gilt Römer 8:26: »Der Geist hilft unserer Schwachheit auf; denn das, was wir bitten sollten (in Übereinstimmung mit dem, was sein muss), wissen wir nicht; sondern der Geist selbst verwendet sich für uns mit unausgesprochenem Ächzen.«

  

Bis zu siebenundsiebzigmal

 

  Im Folgenden handelt es sich, wie schon gesagt, um die Frage, wie man sich zu verhalten hat, wenn an einem selbst gesündigt wurde.

  »Dann trat Petrus herzu und fragte Ihn: Herr, wie oft soll mein Bruder an mir sündigen, und ich muss es ihm vergeben? Bis zu siebenmal? - Jesus antwortete ihm: Ich sage dir: Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebenundsiebzigmal!« (Verse 21+22).

  Die Pharisäer lehrten, bis zu dreimal zu vergeben. Petrus meinte, mit bis zu siebenmal sehr großzügig zu sein. Grenzenlose Vergebung aber ist dem an ihm schuldig Gewordenen zu gewähren, dem, der ihn verletzt hat, dem, dessen Verfehlung er erleiden musste.

  Auch wir gewähren grenzenlose Gnade, so wie unser Gott und Vater es an uns tat (Röm.3:24; 4:16; 5:1,2; Eph.2:8; 4:32; Kol.3:13).

 

Das Gleichnis vom bösen Sklaven

 

  Dass man unbeschränkt vergeben muss, dies veranschaulicht der Herr nun am Gleichnis vom bösen Sklaven, dem eine unvorstellbar hohe Schuldsumme erlassen wird, und zeigt andererseits daran auf, wie es denen ergehen wird, die nicht vergeben.

  Diese Verse 23 bis 35 lauten: »Deshalb gleicht das Königreich der Himmel einem Menschen, einem König, der mit seinen Sklaven abrechnen wollte. Als er aber anfing abzurechnen, wurde ein Schuldner über zehntausend Talente zu ihm gebracht. Da er aber nichts hatte, um die Schuld zu bezahlen, befahl der Herr, ihn selbst und alles, was er hatte, zu veräußern, auch die Frau und die Kinder, um damit alles zu bezahlen. Nun warf sich jener Sklave vor ihm hin und bat kniefällig: Herr, habe Geduld mit mir, ich werde dir alles bezahlen. Da jammerte den Herrn jener Sklave, und er ließ ihn frei und erließ ihm auch das Darlehen. - Als aber jener Sklave hinausging, fand er einen seiner Mitsklaven, der ihm hundert Denare schuldete; und er bemächtigte sich seiner, würgte ihn und sagte: Bezahle, wenn du etwas schuldest! Nun fiel sein Mitsklave vor ihm nieder, sprach ihm zu und bat: Habe Geduld mit mir, ich werde dir alles bezahlen. Der aber wollte nicht darauf eingehen, sondern ging hin und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt hätte. - Als seine Mitsklaven nun das Geschehene gewahrten, waren sie überaus betrübt; sie gingen hin und klärten ihren Herrn über alles Geschehene auf. - Da ließ sein Herr ihn zu sich rufen und sagte zu ihm: Du böser Sklave! Jene gesamte Schuld habe ich dir erlassen, weil du mir zusprachst; musstest nicht auch du dich deines Mitsklaven erbarmen, wie auch ich mich deiner erbarmte? - Und erzürnt übergab sein Herr ihn den Folterknechten, bis er die gesamte Schuld bezahlt hätte. - So wird auch Mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht - ein jeder seinem Bruder - von Herzen vergebt.«

  Das Gleichnis zeigt, dass Gott voller Erbarmen ist. Jesaia sagt: »Er ist reich an Vergebung deiner Sünden, [Israel]« (Jes.55:7). Erbarmen war der einzige Grund, dem Schuldner die zehntausend Talente zu erlassen. Diese entsprechen etwa 60 Millionen Denaren (ein Denar ist ein Tageslohn); diese utopisch hohe Summe kann nur das Gewicht der menschlichen Schuld vor Gott deutlich machen.

  Der böse Sklave aber erbarmt sich seines Mitsklaven nicht, sondern fordert sein Recht ein. Wer aber nicht vergibt, dem vergibt Gott (nach dem Evangelium der Beschneidung, nicht nach dem uns angehenden, dem Apostel Paulus enthüllten) auch nicht, wie Jesus bereits in Matthäus 6:14,15 sagte und hier auf drastische Weise wider in Erinnerung bringt: »Wenn ihr den Menschen ihre Kränkungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben! Wenn ihr aber den Menschen ihre Kränkungen nicht vergebt, wird euer himmlischer Vater euch eure Kränkungen auch nicht vergeben.«

  Außerdem lernen wir aus diesem Gleichnis, dass Vergebung wieder rückgängig gemacht werden kann. Man lese hierzu Apostelgeschichte 5:1-11; 2.Pet.2:21; Heb.6:4-6; 10:26-31. Vergebung wird stets in der Erwartung dauerhafter Umsinnung und zukünftigen Wohlverhaltens ausgesprochen; andernfalls wäre Vergebung nicht sinnvoll. Ein König spricht eine Amnestie aus und erwartet daraufhin Wohlverhalten. Das ist der Grundgedanke der Vergebung, die der König Jesus Seinem Volk gewährt.

  Ein Richter aber kann keine Vergebung aussprechen. Er kann uns aber, wenn er keine Schuld an uns findet, rechtfertigen, das heißt für gerecht erklären, unsere Gerechtigkeit feststellen. An uns Gläubigen heute, den Gliedern des Körpers Christi (Eph.1:22,23), ist nach dem dem Apostel Paulus enthüllten Evangelium keine Schuld zu finden, denn wir glauben, dass unsere alte Menschheit zusammen mit Christus gekreuzigt und zu Tode gebracht wurde, der Gerechtigkeit also Genüge getan ist. Wir sind gerichtet. Diesen Glauben - dass Jesus Christus für uns starb und auferweckt wurde und wir mit Ihm -      rechnet Gott uns zur Gerechtigkeit an. Man lese Römer 3:21-28; 4:5,16; 5:20-6:14; 8:3. Welch eine Gnade, allein durch Glauben vor Gottes Angesicht in Christus Jesus gerecht zu sein!

  Heute herrscht die Gnade auf der Grundlage des gerechten Gerichts über die Sünde auf Golgatha (Röm.5:21). Die uns zuteil gewordene Gnade ist überströmend (Röm.5:20). Mithin gewähren auch wir unseren Schuldnern eine solche Gnade. Der Zuspruch des Apostels Paulus wird bei uns auf fruchtbaren Boden fallen: »Erweist euch gegenseitig Gnade, wenn jemand gegen jemand anders einen Tadel hat. Wie der Herr euch Gnade erweist, so tut auch ihr es« (Kol.3:13); »Erweist euch gegenseitig Gnade, wie auch Gott euch in Christus Jesus Gnade erweist!« (Eph.4:32).

Auf dem Weg nach Jerusalem

(Matthäus 19 und 20)

 

  Vor dem Laubhüttenfest im Herbst des Jahres 31 n. Chr. begaben sich Jesus und Seine Jünger auf den Weg nach Jerusalem, allerdings nicht öffentlich, sondern im Verborgenen (Joh.7:10), nicht auf dem kürzesten Wege, sondern auf dem Umweg über das Ostjordanland, Peräa, das Herodes Antipas unterstand.

  Matthäus 19 beginnt wie folgt: »Als Jesus diese Worte vollendet hatte, brach Er von Galiläa auf und kam in die Grenzgebiete Judäas jenseits des Jordans. Es folgten Ihm viele Scharen, und Er heilte sie dort« (Verse 1+2).

  Die Worte, die Jesus vollendet hatte, waren die der Belehrung der Jünger in den Kapiteln 16:13 bis 18:35.

 

Zur Frage der Ehescheidung

 

  »Da traten die Pharisäer zu Ihm, um Ihn zu versuchen, und fragten, ob es erlaubt sei, seine Frau wegen jeder beliebigen Beschuldigung zu entlassen. Er aber antwortete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie von Anfang an männlich und weiblich schuf und sagte: Deswegen wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich seiner Frau anschließen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Daher sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengejocht hat, soll der Mensch nicht scheiden. - Da fragten sie Ihn: Warum gebietet nun Mose, ihr eine Scheidungsurkunde zu geben und sie damit zu entlassen? - Jesus antwortete ihnen: Mose gestattet euch wegen eurer Hartherzigkeit, eure Frauen zu entlassen; aber von Anfang an ist es nicht so gewesen. Daher sage Ich euch: Wer seine Frau entlässt - nicht etwa wegen Hurerei - und eine andere heiratet, bricht die Ehe; und wer eine Entlassene heiratet, bricht auch die Ehe« (Verse 3-9).

  Hurerei ist nach der Bibel Geschlechtsverkehr zweier nicht miteinander Verheirateten. Der Begriff schließt auch den Ehebruch ein.

  Die klare Antwort Jesu ist: Eine Scheidung kann nur im Falle der Hurerei, hier: des Ehebruchs, in Frage kommen. Solange dieser Grund nicht vorliegt, besteht die Ehe, auch wenn der Mann eine Scheidungsurkunde ausgestellt hat. Eine darauf folgende Heirat bedeutet dann den Bruch der eigentlich noch bestehenden Ehe.

  Jesus geht mit Seiner Antwort hinter das Gesetz des Mose zurück, das eine Notlösung wegen der Hartherzigkeit des unerlösten Menschen vorsah (5.Mose 24:1-4). Eine Scheidung ist gegen den Willen des Schöpfers und gegen die Natur (1.Mose 2:24). Die Einheit des Fleisches der Eheleute gibt sich übrigens in besonderer Weise in dem gemeinsamen Kind kund.

  Heute, in der dem Paulus gegebenen heilsgeschichtlichen Verwaltung der Gnade (Eph.3:2; Kol.1:25), löst nur der Tod die Ehe auf (1.Kor.7:39), denn die Gnade Gottes strömt über (Röm.5:20) und bewegt die Gläubigen, einander in ebensolcher Weise Gnade zu erweisen (Eph.4:32; Kol.3:13). Ansonsten gibt es nur die eine Ausnahme für den Fall, dass der ungläubige Ehepartner nicht mehr mit dem gläubigen zusammenleben will (1.Kor.7:12-16).

 

Vom Heiraten

 

  »Da sagten die Jünger zu Ihm: Wenn es so mit der Sache zwischen Mann und Frau steht, dann ist es nicht vorteilhaft zu heiraten. - Er antwortete ihnen: Nicht alle geben diesem Wort Raum, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn da sind Verschnittene, die vom Mutterleib an so geboren wurden; auch sind da Verschnittene, die von Menschen verschnitten wurden; ferner sind da Verschnittene, die sich um des Königreichs der Himmel willen selbst verschneiden. Wer dem Wort Raum geben kann, gebe ihm Raum!« (Verse 10-12).

  Die Jünger meinen: Wenn es mit der zur Scheidung nötigen Schuldursache so steht, dann täte man wohl besser, nicht zu heiraten. Der Herr aber weist diesen Gedanken zurück, denn Gott will, dass der Mensch nicht allein sei (1.Mose 2:18) und jeder Mann seine eigene Frau und jede Frau ihren eigenen Mann habe (1.Kor.7:2). Jesu Wort über die eheliche Treue können nur diejenigen fassen, denen es gegeben ist und die mithin auch die Gnadengabe der Ehe haben. Ehelosigkeit ist nur zu akzeptieren bei zur Ehe Unfähigen und um des uneingeschränkten Einsatzes für das Königreich Israels willen (vgl. 1.Kor.7:32-35). Paulus bezeichnet die Ehe wie auch die Ehelosigkeit als eine Gnadengabe (1.Kor.7:7).

Der Kinder ist das Königreich

 

  »Dann brachte man kleine Kinder zu Ihm, damit Er ihnen die Hände auflege und für sie bete; die Jünger aber schalten sie. Doch Jesus sagte: Lasst die kleinen Kinder zu Mir kommen und verwehrt es ihnen nicht; denn für solche ist das Königreich der Himmel da. - Dann legte Er ihnen die Hände auf und zog von dort weiter« (Verse 13-15).

  In das Königreich der Himmel kommen nur solche Menschen, die wie kleine Kinder dem Gott und Vater schlicht und einfältig vertrauen, Ihm alles glauben und treu tun, was Er sagt.

  Die Jünger wiesen die ihre Kinder herzubringenden Mütter zurecht; der Meister hatte ihrer Meinung nach Wichtigeres zu tun, als Sich um Unmündige zu kümmern. Sie hatten wohl die Lektion von Matthäus 18:1-6+10 noch nicht verinnerlicht und sich noch nicht zu solchen erniedrigt, die wie kleine Kinder sind.

 

Der reiche Jüngling

 

  »Und siehe, einer trat zu Ihm und sagte: Lehrer, was soll ich Gutes tun, damit ich äonisches Leben habe? Er antwortete ihm: Was fragst du Mich über das Gute? Einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eingehen willst, so halte die Gebote. Er sagte zu Ihm: Welche? Jesus antwortete: Diese: Du sollst nicht morden, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch zeugen, ehre Vater und Mutter, und: lieben sollst du deinen Nächsten wie dich selbst. - Da sagte der Jüngling zu Ihm: Dies alles habe ich bewahrt; was mangelt mir noch? Jesus entgegnete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deinen erworbenen Besitz, gib den Erlös den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; dann komm herzu und folge Mir! - Als der Jüngling dieses Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele erworbene Güter« (Verse 16-22).

  Der reiche Jüngling fragte den Herrn im Sinne von 3.Mose 18:5: »Ihr sollt Meine Satzungen und Rechtsprechungen halten; denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben: Ich bin Jewe.« Er meinte, das Gute tun zu können und zeigte damit, dass er keine Selbsterkenntnis hatte. Der Herr korrigierte ihn: Gutes tun heißt handeln wie Gott, der allein gut ist. »Jewe ist gut«, sagt Psalm 100:5. Gewiss ist auch Jesus gut, der aber Seinen Vater ehren wollte.

  Der Jüngling meinte, alle Gebote gehalten zu haben - welch eine Einbildung! Jesus will ihn aber in Liebe gewinnen (Mark.10:21) und sagte ihm deshalb, er möge seinen erworbenen Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben. Er sollte nicht sein eigenes, ihm wie jedem Juden von Jewe für seinen Lebensunterhalt zugelostes Land hergeben. Dieses konnte nicht veräußert, sondern nur verpfändet werden und fiel im 50. Jahr, im Jobeljahr, wieder an den ursprünglichen Besitzer zurück (3.Mose 25:8-16, 23-55; 27:16-24). Der junge Mann sollte nur die von ihm erworbenen, von verarmten Volksgenossen verpfändeten Losteile verkaufen. Die Gläubigen nach Pfingsten taten dies (Ap.4:32-37). Der Reiche hatte aber seine Schätze auf der Erde lieber als einen Schatz in den Himmeln, verstieß damit gegen das erste Gebot, das ihm untersagt, andere Götter neben Jewe Elohim zu haben (2.Mose 20:3), und - da er nichts für die Armen tun wollte - gegen das Gebot der Nächstenliebe: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19:18). Außerdem galt es von nun an, Jesus nachzufolgen, doch der reiche Jüngling hatte Psalm 62:11 vergessen: »Wenn Vermögen Zuwachs erzeugt, so richtet eure Herzen nicht darauf.«

 

Bei Gott sind alle Dinge möglich

 

  »Dann sagte Jesus zu Seinen Jüngern: Wahrlich, Ich sage euch: Einer, der reich ist - wie angewidert wird er in das Königreich der Himmel eingehen. Und wieder sage Ich euch: Es ist leichter für ein Kamel, durch das Öhr einer Nadel zu gehen, als für einen Reichen, in das Königreich Gottes einzugehen. - Als die Jünger das hörten, verwunderten sie sich sehr und sagten: Wer kann demnach gerettet werden? - Da blickte Jesus sie an und sagte zu ihnen: Bei den Menschen ist dies unmöglich, doch bei Gott sind alle Dinge möglich« (Verse 23-26).

  Ein Reicher wird angewidert, griechisch dyskolõs (von dys, widrig, und kol, Gegessenes), also ohne Neigung oder missgeneigt in das Königreich eingehen, das heißt praktisch, dass solche, die ihren Reichtum lieben, gar nicht in das Königreich der Himmel gelangen - eher geht ein Kamel durch das Öhr einer Nadel (deutlicher kann man es nicht sagen).

  Anmerkung: Es lässt sich nicht begründen, statt Kamel Tau zu sagen und beim Nadelöhr an eine kleine Tür in einem großen Stadttor zu denken, da es »Öhr einer Nadel« heißt und in Lukas 18:25 »Öhr einer Ahle«.

  Die Jünger waren sehr verwundert, aufgewühlt, bestürzt, zumal zum einen Reichtum als ein Segen Gottes angesehen wurde und zum andern nicht nur die Reichen, sondern auch viele Arme nach Reichtum trachten. Ja, wer kann dann gerettet werden?, war ihre berechtigte Frage. Sie hatten erkannt, dass mithin so gut wie niemand gerettet werden kann. Später schreibt Petrus in dieser Erkenntnis, dass sogar »der Gerechte kaum gerettet wird« (1.Pet.4:18).

  Der Herr Jesus bestätigte den Jüngern, dass die Rettung bei den Menschen unmöglich ist. Die Rettung steht allein bei Gott, dem alles möglich ist. Gott ist es, der da auserwählt (Röm.9:11; 11:5,7), Er zeugt einen Menschen von neuem, von oben her (Joh.3:1-8), Er schenkt den Glauben, denn »kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben wird« (Joh.3:27; Eph.2:8; Phil.1:29).

 

Die Jünger werden auf zwölf Thronen sitzen

 

  »Dann nahm Petrus das Wort und sagte zu Ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir gefolgt: was wird wohl unser Teil sein? - Da entgegnete Jesus ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: die ihr Mir gefolgt seid, in der Wiederwerdung, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzt, werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der Meines Namens wegen Häuser, Brüder oder Schwestern, Vater oder Mutter, Frau oder Kinder oder Felder verlassen hat, wird dies hundertfältig wiedererhalten, und äonisches Leben wird ihm zugelosten werden. Viele Erste aber werden Letzte sein, und Letzte werden Erste sein« (Verse 27-30).

  Am Reichtum Hängende werden ebenso wenig in das Königreich eingehen wie ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen kann. Die Jünger aber hatten alles verlassen und folgten Jesus nach. So drängt sich die Frage des Petrus geradezu auf: Was wird unser Teil sein?

  Jesu Christi Teil, der in Seiner Erniedrigung bis zum Tode der Allerletzte wurde, ist es, der Allererste zu sein. Voller Freude hören wir von Seinem Thron und Königreich (Dan.7:14; Mat.25:31; Off.11:15; 20:4,6).

  Alle, die dem Herrn im gegenwärtigen Äon unter mancherlei Verzicht nachfolgen, werden in den kommenden Äonen einen Ausgleich überfließenden Ausmaßes erfahren. Und die Jünger, die alles verließen und im Dienst des Herrn viel erduldeten, werden die große Gabe und Aufgabe empfangen, die wiedergewordene (oder: wiedergezeugte), heilige Nation Israel zu richten. Das Richten schließt auch das Regieren ein.

  Somit gilt es, den untersten Weg zu gehen, nämlich wie die kleinen Kinder zu werden, alle erworbenen, also über das eigene Losteil hinausgehenden Güter zu veräußern sowie dem Herrn unter Anfeindungen nachzufolgen und damit im derzeitigen Äon zu den Letzten zu zählen. Diese werden in den beiden zukünftigen Äonen Erste sein. Diejenigen aber, die die Größten sein wollen, ihren Reichtum festhalten, die Ersten also, werden das äonische Leben nicht erlangen, sondern erst nach den Äonen, bei der Vollendung, das Leben erhalten, mithin die Letzten sein (1.Kor.15:24; 1.Tim.4:10).

 

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

 

  Zur Thematik der Ersten und Letzten führte Jesus Christus weiter aus (Mat.20:1-16): »Denn das Königreich der Himmel ist einem Menschen gleich, einem Hausherrn, der gleich am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu verpflichten. Nachdem er mit den Arbeitern einen Denar für den Tag vereinbart hatte, schickte er sie in seinen Weinberg. - Als er um die dritte Stunde ausging, gewahrte er andere müßig auf dem Marktplatz stehen und sagte zu denselben: Geht auch ihr in meinen Weinberg und ich werde euch geben, was gerecht ist. Da gingen sie hin. Dann ging er um die sechste und neunte Stunde wieder aus und verfuhr in derselben Weise. Als er um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen und fragte sie: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie antworteten ihm: Niemand hat uns verpflichtet. Da sagte er ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg!

  Als es Abend wurde, sagte der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und bezahle ihnen den Lohn, beginne bei den letzten, bis hin zu den ersten!

  Da kamen die um die elfte Stunde Verpflichteten und erhielten je einen Denar. Als dann die ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr bekommen würden; doch auch sie erhielten je einen Denar. Sie nahmen ihn, murrten aber gegen den Hausherrn und sagten: Diese letzten haben eine Stunde gearbeitet, und du behandelst sie ebenso wie uns, die wir die Bürde des Tages und den Glutwind ertragen haben! - Er aber antwortete einem von ihnen: Kamerad, ich tue dir nicht Unrecht; hast du nicht mit mir einen Denar vereinbart? Nimm das Deine und geh! Diesem letzten aber will ich dasselbe geben wie auch dir. Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu machen, was ich will? Oder ist dein Auge neidisch, weil ich gut zu ihnen bin? So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein.«

  Ein Denar war der übliche Tageslohn. Der Hausherr steht in diesem Gleichnis für Gott, der Weinberg ist Israel (Jes.5:1-7; Jer.2:21), und die Arbeiter sind die Juden.

  Das Gleichnis ist unter dem Blickpunkt des Maßes des Vertrauens in den Hausherrn, mithin des Gott entgegengebrachten Glaubens zu betrachten.

  Die den ganzen Tag arbeiteten, mithin auf ihre Werke pochen konnten, brauchten kein Vertrauen, denn sie würden von Rechts wegen erhalten, was vereinbart war. Die neun, sechs und drei Stunden lang gearbeitet hatten, ohne dass ein bestimmter Lohn vereinbart war, vertrauen auf die Zusage des Hausherrn, dass er ihnen geben werde, was gerecht ist. Sie wissen aus Psalm 145:17: »Gerecht ist Jewe in all Seinen Werken und huldvoll in all Seinen Wegen.«

  Denen, die nur eine Stunde im Weinberg waren, war überhaupt nichts zugesagt. Sie arbeiteten völlig auf Vertrauen. Sie hatten einen großen Glauben, und auch bei denen, die mehrere Stunden gearbeitet hatten, waren die Werke mit Glauben vermengt, wie es nach Hebräer 4:2 zur Rettung nötig ist.

  Die zwölf Stunden lang Arbeit getan hatten, meinten, das Recht zu haben, zu murren und missgünstig zu sein, was wiederum zeigt, dass sie ohne Glauben waren. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen; denn wer zu Gott kommt, muss glauben, dass Er ist und denen, die Ihn ernstlich suchen, ein Belohner sein wird« (Heb.11:6).

  Das ungläubige Israel aber gelangt nicht in das Königreich. »Weshalb? Da es nicht aus Glauben, sondern aus Gesetzeswerken geschieht, stoßen sie sich an dem Stein des Anstoßes, so wie geschrieben steht: Siehe, Ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Felsen des Strauchelns; und wer an Ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden« (Röm.9:32,33).

  So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein.

  Wir übrigens, die wir der Lehre des Apostels Paulus und damit dem Evangelium der überströmenden Gnade übergeben sind (Röm.5:20; 6:17), haben noch nicht einmal eine Stunde gearbeitet; wir haben nichts vorzuweisen; wir glauben nur. Bei uns ist alles Gnade (Eph.2:8). Und wir bekommen mehr als die Ersten Israels, denn wir sind heute schon mit jedem geistlichen Segen gesegnet (Eph.1:3) und werden im überhimmlischen Königreich Christi leben (2.Tim.4:18).

 

Die dritte Leidensankündigung

 

  Es folgt Jesu dritte Leidensankündigung: »Als Jesus Sich anschickte, nach Jerusalem hinaufzuziehen, nahm Er die zwölf Jünger zu Sich beiseite und sagte ihnen auf dem Wege: Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem; dort wird der Sohn des Menschen den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden Ihn zum Tode verurteilen und Ihn den Nationen zum Verhöhnen, Geißeln und Kreuzigen übergeben; und am dritten Tag wird Er auferweckt werden« (Verse 17-19).

  Nach den beiden vorangegangen Ankündigungen (Mat.16:21; 17:22; siehe auch 12:40) gibt Jesus erst auf dem Weg nach Jerusalem und damit zum Kreuz zum ersten Mal bekannt, dass Er den Nationen zum Kreuzigen übergeben werde und Ihn somit mehr erwartet, als das Gesetz und die Propheten vorschatten. Auslieferung an die Heiden und Anpfahlung - die übelste und tiefste Erniedrigung! - Wer vermag die Erschütterung der Jünger zu beschreiben?

  Obwohl die Jünger mit dem blutigen mosaischen Opferdienst von Jugend an vertraut waren, verstanden sie nicht, dass der Messias das große Gegenbild aller Opfer werden musste.

Durch Leiden zum Herrschen

 

  »Dann trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu Ihm und fiel nieder, um etwas von Ihm zu erbitten. Er fragte sie: Was willst du? Sie antwortete Ihm: Sage, dass diese meine zwei Söhne in Deinem Königreich einer Dir zur Rechten und einer zur Linken sitzen mögen. - Jesus antwortete ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr euch erbittet. Könnt ihr den Becher trinken, den Ich zu trinken im Begriff bin? Sie sagten zu Ihm: Das können wir! Er entgegnete ihnen: Meinen Becher werdet ihr zwar trinken, aber Mir zur Rechten und zur Linken zu sitzen - das ist nicht an Mir zu vergeben, sondern wird jenen zuteil, für die es von Meinem Vater bereitet ist« (Verse 20-23).

  Wir können die Mutter des Jakobus und Johannes (Mark.10:35) - sie hieß Salome und war die Schwester Mirjams, der Mutter Jesu; ihre beiden Söhne waren somit Cousins von Jesus (Mat.27:56; Mark.15:40; Joh.19:25) - wie auch diese beiden Jünger selbst (Mark.10:35) durchaus verstehen, denn jetzt ging es hinauf nach Jerusalem, und das Königreich, in das sie auf dem Berg der Verklärung Jesu hatten blicken dürfen (Mat.16:28-17:9), würde aufgerichtet werden, wie auch immer die große Unbekannte des Kreuzes und der Auferstehung Jesu einzuordnen sein mag. Und schließlich hatte der Herr ja auch gesagt, dass Er auf dem Thron Seiner Herrlichkeit und die Jünger auf weiteren zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten und regieren werden (Mat.19:28).

  Jesus nannte Jakobus und Johannes Donnersöhne (Mark.3:17); sie waren sicherlich stürmischen und heftigen Charakters - und wohl auch sehr von sich selbst überzeugt. Jesus ging Seiner Erniedrigung entgegen, sie aber strebten nach oben.

  Auf Jesu Rückfrage äußern sie sich voll glühenden Eifers für das Königreich allerdings auch dahingehend, dass sie bereit sind zu leiden, ja sie sagen sogar, dass sie den Leidensbecher zu trinken vermögen (Vers 22).

  Jahrzehnte später darf Johannes die folgenden Worte Jesu mit Verständnis niederschreiben: »Wer überwindet, dem werde Ich geben, sich mit Mir auf Meinen Thron zu setzen« (Off.3:21). Ob die Jünger aber damals schon wussten, dass es nach Gottes Heilsvorsatz, der das Kreuz zum Mittelpunkt hat, so sein muss, dass es nur durch Leiden zum Herrschen geht? Nur wer den Becher mit Jesus trinkt, kann auch an Seinen Würden teilhaben.

  Und der Herr bewilligte den beiden Jüngern, für Ihn zu leiden (Vers 23). Jakobus war der erste, der Jesus in den Tod folgte, als Herodes Agrippa ihn im Jahre 44 n. Chr. durch das Schwert hinrichten ließ (Ap.12:2).

 

Das Lösegeld für viele

 

  Matthäus berichtet weiter (Verse 24-28): »Als die Zehn das hörten, waren sie über die zwei Brüder entrüstet. Jesus aber rief sie zu Sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Fürsten unter den Nationen gelten, sie beherrschen und dass ihre Großen sie vergewaltigen. Doch bei euch sollte es nicht so sein; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein, ebenso wie der Sohn des Menschen nicht kam, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und Seine Seele als Lösegeld für viele zu geben.«

  Die Entrüstung der zehn Jünger war gewiss nicht frei von dem Begehren, selber hohe Plätze einzunehmen. Mögen sie sich aber an ihrem Herrn und Christus ein Beispiel nehmen! Jesu künftige Herrlichkeit gründet sich auf Seinen Dienst in Niedrigkeit. Vor einiger Zeit schon hatte Jesus es ihnen schon einmal erklärt: »Wer sich nun erniedrigen wird wie dieses kleine Kind, der ist der Größte im Königreich der Himmel« (Mat.18:4). Und nochmals wird Er es ihnen sagen: »Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer sich jedoch selbst erhöhen wird, soll erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigen wird, soll erhöht werden« (Mat.23:11,12).

  Jesus gibt darüber hinaus Seine Seele als Lösegeld für viele. Die Seele geben heißt in den Tod geben. Jesu Tod ist das Lösegeld für viele, und zwar für die Vielen, die während der Äonen erlöst werden. Dies entspricht der Regelung des Gesetzes, wonach ein Israelit seinen Bruder, der sich aus Not selbst verkauft hatte (oder seinen Besitz), lösen (oder: loskaufen) konnte. Fand sich kein Löser, so blieb er Knecht bis zum Jobeljahr, dem 50. Jahr nach Ablauf von sieben Sabbatjahren, also 49 Jahren (3.Mose 25:8-55; 27:16-24; 4.Mose 36:4). Im Jobeljahr ging der Knecht frei aus beziehungsweise fiel der Besitz wieder an den ursprünglichen Besitzer zurück.

  Nun ist Jesus der Löser aus Sünde und Tod, der Erlöser. Wer an Ihn glaubt, ist schon frei. Die anderen müssen bis zum Abschluss der Äonen, bis zur Vollendung warten. Wie wir wissen, ist Er aber auch ihr Retter, denn Er gab Sich Selbst für alle anstatt eines Lösegeldes (1.Tim.2:6). In Bezug auf die Äonen heißt es in Hebräer 9:12, dass Christus durch Sein eigenes Blut ein für allemal in die heiligen Stätten einging und so eine äonische Erlösung vollbrachte. Nur die Gläubigen bezeichnet Petrus als mit dem kostbaren Blut Christi als eines makellosen und fehlerlosen Lammes Losgekaufte (1.Pet.1:18,19). Jesaia 53:11,12 hat ebenfalls die äonische Erlösung im Blick, wenn dort von der Rechtfertigung der Vielen und von den Sünden der Vielen die Rede ist, die Er trug.

  Wie die Jünger sich von nun an verhalten sollen, fasst der Apostel Johannes wie folgt zusammen: »Darin haben wir die Liebe erkannt, dass jener Seine Seele für uns dahingegeben hat. So sollen auch wir unsere Seelen für die Brüder dahingeben« (1.Joh.3:16). - Und diese Dahingabe beginnt mit einem hingebungsvollen Dienst für unseren Herrn und Retter.

 

Die Heilung zweier Blinder

 

  »Als sie aus Jericho hinausgingen, folgte Ihm eine große Schar. Und siehe, da saßen zwei Blinde am Wege; als sie hörten, dass Jesus vorübergehe, riefen sie laut: Herr, erbarme Dich unser, Sohn Davids! Die Volksmenge aber schalt sie, dass sie stillschweigen sollten; sie aber schrien nur noch lauter: Herr, erbarme Dich unser, Sohn Davids! - Jesus blieb stehen, rief sie und sagte: Was wollt ihr, dass Ich euch tun soll? Sie antworteten Ihm: Herr, dass unsere Augen aufgetan werden! - Da sie Jesus jammerten, rührte Er ihre Augen an, und sofort wurden sie sehend und folgten Ihm« (Verse 29-34).

  Es gab übrigens zwei Städte mit dem Namen Jericho, die alte Stadt und  2 km südlich von ihr Jericho-Neustadt, erbaut von Herodes dem Großen, sodass das Hinausgehen aus der einen praktisch ein Hineingehen in die andere sein konnte.

  Die Heilung der zwei Blinden war eine wunderbare Bekräftigung, dass Jesus der verheißene Davidssohn und Messias ist. Der lange Schriftabschnitt von Kapitel 16:13 bis Kapitel 20:34, der die Lehrreden Jesu zur Zurüstung Seiner Jünger enthält, endet mit einem weiteren Beweis Seiner Herrlichkeit.

  Die Blinden huldigten Ihm als König, da sie Ihn Sohn Davids nannten. Und jetzt ließ Jesus Sich dies gefallen, während Er lange Zeit nicht wollte, dass Er als der König bekannt gemacht würde (Mat.9:27,30). Doch nun kommt der König zur Tochter Zion (Mat.21:5,15). Er beginnt Seinen Zug nach Jerusalem in Jericho, so wie Josua die Eroberung des Landes Kanaan von Jericho aus begann.

  Die Heilung der Blinden ist eine Verheißung. Alsbald werden die Jünger sehend werden - nach Jesu Kreuzigung und Auferstehung. Und zu dem von Gott festgesetzten Zeitpunkt wird ganz Israel von diesem seinem König von der Blindheit geheilt werden. Der Lobpreis und die Verherrlichung sei dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus dafür!

 

Jesu Einzug in Jerusalem

(Matthäus 21)

 

  Wir schreiben den 8. Nisan des Jahres 32 n. Chr. - Jesus und Seine Jünger näherten sich sechs Tage vor dem Passahfest (Joh.12:1), das am 14. Nisan stattfand, von Jericho kommend dem Ölberg.

  Matthäus berichtet in den Versen 1 bis 6: »Als sie sich nun Jerusalem näherten und nach Bethphage an den Ölberg kamen, schickte Jesus dann zwei Jünger aus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf euch gegenüber. Sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr. Bindet sie los und führt sie zu Mir! Wenn jemand etwas zu euch sagt, sollt ihr ihm erwidern: Der Herr braucht sie und wird sie sogleich wieder herschicken. (Dies ist geschehen, damit erfüllt werde, was durch den Propheten angesagt war: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Füllen, dem Jungen des Jochtiers.) Da gingen die Jünger hin und taten, wie Jesus es ihnen angeordnet hatte.«

  Die Jünger holten die Eselin und ihr Füllen, sodass am Tage darauf (Joh.12:12) erfüllt werden konnte, was der Prophet Sacharja vorausgesagt hatte: »Juble überaus, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und siegreich ist Er, ein Demütiger und auf einem Esel reitend, ja auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselinnen« (Sach.9:9; vgl. Jes.62:11).

  Jesus, der König, ritt nicht hoch zu Ross wie ein Eroberer in Jerusalem ein, das auch Zion genannt wird, sondern auf einem Esel und damit für jeden erkennbar im Frieden.

  Am Abend nahmen der Herr und Seine Jünger das Mahl im Hause des auferweckten Lazarus, der Maria und der Martha in Bethanien ein, wo sie auch übernachteten (Joh.12:1,2,12).

 

»Hosianna dem Sohn Davids!«

 

  Am nächsten Tag »führten sie [die Jünger] die Eselin und das Füllen herbei, legten ihre Kleider auf sie, und Er [Jesus] setzte Sich darauf. Die sehr zahlreiche Volksmenge breitete sodann ihre Kleider auf den Weg, andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Scharen, die Ihm vorangingen und folgten, riefen laut: Hosianna dem Sohn Davids! Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna inmitten der Höchsten!« (Verse 7-9).

  Die Menge erkannte Jesus als den verheißenen Davidssohn (2.Sam.7:12-16) und damit als ihren König und Christus. Sie huldigten Ihm mit der Ausbreitung von Kleidungsstücken auf dem Weg und den ausgestreuten Zweigen. »Hosianna« riefen sie. Dies war ursprünglich der Bittruf: »Rette uns!«, wie er in Psalm 118:25 lautet: »Ach Jewe, rette uns doch nun!«, wurde aber zu einem Ausruf der Huldigung und hier der Begrüßung des Retters. Weiter heißt es in Psalm 118:25,26: »Ach Jewe, lass uns doch nun gedeihen! - Gesegnet im Namen Jewes ist, der da kommt; wir segnen euch vom Haus Jewes.«

  Inmitten der Höchsten brachten sie Ihm das Hosianna dar, sahen Ihn mithin als wie von himmlischen Heerscharen umgeben an. Die Menge meinte wohl auch, jetzt breche das Königreich der Himmel an, hatte aber sicherlich nicht bedacht, dass es in Psalm 118 einige Verse davor heißt: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der wurde zum Hauptstein der Ecke« (Vers 22). Es ging doch zum Passah hinauf, zum  Opferfest, an welchem der Stein - Jesus - verworfen werden sollte, um hinfort der Eckstein zu sein, der Israel die ersehnte Rettung bringt.

  An diesem Tag, dem 9. Nisan 32, erfüllte sich, was der Prophet Daniel geweissagt hatte: »Vom Ausgang des Wortes, zurückzukehren und Jerusalem aufzubauen, bis zum Kommen des Messias, des Beherrschers, sind es sieben Siebener und zweiundsechzig Siebener« (Dan.9:25). Nun waren die neunundsechzig Jahrsiebener um, nach denen  der Messias ohne Rechtspruch »abgeschnitten« werden wird (Dan.9:26); es steht nur noch der letzte Jahrsiebener aus. - Der Erlass des Artaxerxes zum Wiederaufbau Jerusalems dürfte am 1. Nisan 445 v. Chr. ergangen sein. Am letzten Tag der 69 Jahrsiebener (483 Jahre zu 360 Tagen) kam Jesus in die Königsstadt.

 

Jerusalem in Aufregung

 

  »Als Er dann in Jerusalem einzog, geriet die gesamte Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist dieser? Da antworteten die Scharen: Dies ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa« (Verse 10+11).

  Jesus war nicht unbekannt. Die Menge in Jerusalem billigte Ihm allerdings nur den Status eines Propheten zu, wenn auch welche an den von Mose angesagten Propheten gedacht haben mögen, der der Christus ist (5.Mose 18:15).

  Markus berichtet: »So zog Jesus in Jerusalem ein und ging in die Weihestätte. Nachdem Er Sich nach allem umgeblickt hatte und es schon die Abendstunde war, ging Er mit den Zwölf nach Bethanien hinaus« (Mark.11:11).

 

Die Reinigung der Weihestätte

 

  Am nächsten Tag, dem 10. Nisan, sodann »ging Jesus in die Weihestätte, trieb dort alle hinaus, die in der Weihestätte verkauften und kauften, stürzte die Tische der Makler und die Stühle der Taubenverkäufer um und sagte zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus wird ein Haus des Gebets heißen! Ihr aber macht es zu einer Höhle für Wegelagerer« (Verse 12+13).

  Jesu erste königliche Tat war die Reinigung der Weihestätte, sodass aus dem Kaufhaus wieder ein Bethaus wurde, wenn auch nur für wenige Tage. Die Weihestätte umfasste den Tempel, bestehend aus dem Heiligen und dem Allerheiligsten, die Vorhöfe der Juden und den Vorhof der Heiden. Auch Heiden durften anbeten (2.Chr.6:32).

  Im Vorhof der Ausländer ging es böse zu. Fremde Münzen wurden zu Wucherpreisen in die Währung der Tempelsteuer (die Doppeldrachme; Mat.17:24) gewechselt. An die Armen, die ein Opfer darbringen wollten (3.Mose 5:7), wurden Tauben zu überhöhten Preisen verkauft. Mit diesen betrügerischen Praktiken räumte Jesus auf. Die Händler widersetzten sich dem Herrn angesichts Seines Ernstes und Seiner biblischen Begründung nicht. Er zitierte die Propheten: »Mein Haus wird »Haus des Gebets« genannt für alle Völker« (Jes.56:7); und: »Ist denn dieses Haus, über dem Mein Name ausgerufen ist, eine Räuberhöhle in euren Augen geworden?« (Jer.7:11).

  Sollte Israel sich jetzt angesichts seines Königs nicht reinigen, so wird es verworfen werden (Mat.21:43). Die Reinigung der Weihestätte war zugleich eine prophetische gerichtliche Handlung, denn der Messias wird Sein Volk vor Seinem Kommen in der Endzeit im Gericht reinigen. Die Ruchlosen werden umkommen.

 

Lob aus dem Mund der Unmündigen

 

  Wir lesen weiter (Verse 14-17): »Es kamen auch Blinde und Lahme in der Weihestätte zu Ihm, und Er heilte sie. Als die Hohenpriester und Schriftgelehrten das Staunenswerte, das Er tat, gewahrten, auch wie die Knaben in der Weihestätte laut riefen: Hosianna dem Sohn Davids!, waren sie entrüstet und fragten Ihn: Hörst Du, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr noch nie gelesen: Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast Du Dir Lob bereitet? - Dann verließ Er sie, ging aus der Stadt hinaus nach Bethanien und nächtigte dort.«

  Mit der Heilung von Blinden und Lahmen erwies Sich Jesus wieder als der Messiaskönig, von dem eben dies angesagt ist (Jes.29:18,19; 35:5,6). Die Obersten waren empört, dass Jesus die Huldigung auf den Sohn Davids widerspruchslos entgegennahm. Doch der Herr bestätigte ihnen mit Psalm 8:3, dass Er es ist, dem das Lob gebührt.

 

Die Verfluchung des Feigenbaums

 

  Was Matthäus in den Versen 18 und 19 berichtet, gehört zeitlich vor den Vers 12 und geschah am Morgen des 10. Nisan. Das in den Versen 20 bis 22 Geschilderte ereignete sich am 11. Nisan. Dies geht aus der genauen chronologischen Darstellung in Markus 11:12-23 hervor. Matthäus aber hat die Begebenheiten um die Verfluchung des unfruchtbaren Feigenbaums aus redaktionellen Gründen in den Versen 18 bis 22 zusammengefasst. Diese lauten:

  »Als Er Sich am Morgen in die Stadt zurückbegab, war Er hungrig; und als Er am Weg einen Feigenbaum gewahrte, ging Er auf ihn zu und fand nichts an ihm als nur Blätter. Da sagte Er zu ihm: Nie mehr komme Frucht von dir für den Äon! - Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle. - Als die Jünger das gewahrten, fragten sie erstaunt: Wie kommt es, dass der Feigenbaum auf der Stelle verdorrt ist? Da antwortete Jesus ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, werdet ihr nicht nur das mit dem Feigenbaum tun, sondern auch wenn ihr zu diesem Berg sagen solltet: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer - so wird es geschehen. Und alles, was ihr auch im Gebet erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt.«

  Der Feigenbaum ist ein Symbol für Israel und die Feigen für Israels Fruchtbarkeit und Süße (Rich.9:11; Jer.24:2-10; Hos.9:10; Mark.13:28).

  Ein Feigenbaum bringt zuerst die im Winter herangewachsenen Frühfeigen hervor und dann die Blätter; im Sommer reift sodann die volle Feigenernte. Da der Baum am Weg Jesu jetzt kurz nach Frühlingsanfang Blätter hatte, musste er auch Frühfeigen tragen. Jesus wusste natürlich, dass der Baum keine Früchte trug und gebrauchte ihn deshalb, um ein Strafwunder im Hinblick auf Israel zu tun.

  Er war hungrig und erfüllte jetzt das Wort in Hosea 7:1,wonach Seine Seele die Frühfeigen begehrte. Als er keine Frucht am Baum, an Israel fand, sondern nur das schöne Blattwerk, nur den den Unglauben Israels verhüllenden und mithin heuchlerischen, prächtigen Gottesdienst, verfluchte Er den Baum, verfluchte Er Israel für den gegenwärtigen Äon.

  Und der Baum verdorrte. Diese Generation, die damals lebte, wird nimmermehr Frucht für Gott tragen. Heute noch ist Israel vertrocknet und verworfen (Ap.13:46; 28:27; Röm.11:15).

  Am nächsten Morgen nahmen die Jünger wahr, dass der Baum verdorrt war (Mark.11:20), und fragten, wie dies kam. Eine mögliche Antwort wäre nach Jesaia 5:24 gewesen, dass Israels Wurzel wie Moder und seine Knospe wie Staub wurde, weil sie die Rede des Heiligen Israels verschmähten.

  Der Herr aber wies Seine Jünger auf die Vollmacht des Bittens aus Glauben hin. Unter dem Glauben ist ein Feststehen im Willen Gottes, in der Treue und im Glaubensgehorsam zu verstehen. Wer die Gebote hält und dem Willen Gottes gemäß bittet, der erhält, was er erbittet (1.Joh.3:22; 5:14). Selbst Berge, also Macht- und Herrschaftsbereiche, werden sie versetzen können, gewiss auch natürliche Berge. Im Falle unseres Verses 21 könnte Jesus an den Tempelberg gedacht haben, der ins Völkermeer geworfen wird, wie es dann auch geschah; noch heute wird Jerusalem von den Nationen zertreten (Luk.21:24).

  Wer aber zweifelt, wird nichts erhalten (Jak.1:6-8). Das griechische Wort für »zweifeln«, diakrinõ (durch-richten), kann man nach der Stichwortkonkordanz zum Konkordanten Neuen Testament auch mit »beurteilen« übersetzen. Wer also meint, die Glaubwürdigkeit von Gottesworten nach eigenem Gutdünken beurteilen zu dürfen, wird nichts empfangen.

 

Die Frage nach Jesu Vollmacht

 

  »Nachdem Er in die Weihestätte gekommen war, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu Ihm, während Er lehrte, und fragten Ihn: Mit welcher Vollmacht tust Du dies, und wer gibt Dir diese Vollmacht? - Jesus antwortete ihnen: Auch Ich werde euch ein Wort fragen; wenn ihr Mir das beantwortet, werde auch Ich euch sagen, mit welcher Vollmacht Ich dies tue: Die Taufe des Johannes, woher war sie? Vom Himmel oder von Menschen? - Sie folgerten nun bei sich: Wenn wir sagen: vom Himmel, wird Er uns erwidern: Warum nun glaubtet ihr ihm nicht? Wenn wir aber sagen: von Menschen, so haben wir die Volksmenge zu fürchten; denn alle halten Johannes für einen Propheten. So antworteten sie Jesus: Wir wissen es nicht. - Da entgegnete Er ihnen: Dann sage auch Ich euch nicht, mit welcher Vollmacht Ich dies tue!« (Verse 23-27).

  Jesus handelte und lehrte in der Vollmacht Seines Gottes und Vaters.

  Aus der Sicht der Hohenpriester und Ältesten, die sich Ihm nahten, hatte das Synedrium, dem sie angehörten, Vollmachten zu erteilen. Ihre Frage war also nicht ungefährlich. Das Wirken des Geistes Gottes passt eben nicht in das Denken religiöser Amtsinhaber, die das Sagen zu haben meinen.

  Mit Seiner Gegenfrage stellte Jesus das Synedrium bloß. Denn wer Gott nicht glaubt, muss Nützlichkeitserwägungen anstellen und mancherlei Rücksicht nehmen, in diesem Fall auf das Volk, das Johannes wie auch Jesus für Propheten hielt (Vers 46). Da Jesus auf einer Linie wie Johannes stand, fanden die Führer des Volkes nicht aus ihrer Zwickmühle heraus.

  Und im Übrigen gebührt unaufrichtigen Fragestellern ohnehin keine Antwort.

  Mit Seiner Bemerkung: »Dann sage auch Ich euch nicht ...« sprach Jesus dem Synedrium jegliche geistliche Kompetenz ab.

  Und dann hielt der Herr den Ältesten mit den drei folgenden Gleichnissen von den zwei Söhnen (Verse 28-32), von den üblen Winzern (Verse 33-41) und von der königlichen Hochzeit (Mat.22:1-14) den Spiegel vor.

 

Das Gleichnis von den zwei Söhnen

 

  Jesus sprach weiter: »Was meint ihr aber? Ein Mann hatte zwei Kinder. Er trat zu dem ersten Sohn und sagte: Kind, geh heute hin und arbeite in meinem Weinberg. Doch der antwortete: Ich will nicht! Hernach aber bereute er es und ging hin. Dann trat er zu dem zweiten Sohn und wandte sich in derselben Weise an diesen. Der antwortete nun: Ich gehe, Herr - ging aber nicht hin. Wer von den zweien hat den Willen des Vaters getan? - Sie antworteten: Der erste. - Da sagte Jesus zu ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Die Zöllner und die Huren gehen euch in das Königreich Gottes voran; denn Johannes kam auf dem Wege der Gerechtigkeit zu euch, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner und die Huren aber glaubten ihm. Obwohl ihr das gewahrtet, habt ihr auch hernach euer Verhalten nicht bereut, um ihm dann zu glauben« (Verse 28-32).

  Die beiden Kinder stehen für die Israeliten, der Weinberg für Israel (Jes.5:1-7). Mit diesem Gleichnis zeigt der Herr Jesus Christus den Hohenpriestern und Ältesten auf, dass ihr »Wir wissen es nicht« in Wirklichkeit ein »Wir wollen nicht« ist und das nicht ihr heuchlerisches Reden und ihr scheinheiliger Gottesdienst über den Eingang in das Königreich entscheiden, sondern ihr Tun. Was dieses anbelangt, so wollten die Zöllner und Huren ursprünglich auch nicht, bereuten dann aber aufgrund des Aufrufs Johannes des Täufers und sinnten um, die Pharisäer und Schriftgelehrten jedoch taten dies nicht. - Jene erkannten sehr wohl, dass Jesus von ihnen sprach (Vers 45), zumal Er sie ja auch direkt anredete (Verse 31+32).

 

Das Gleichnis von den üblen Winzern

 

  Der Herr ließ nicht locker: »Hört ein anderes Gleichnis: Da war ein Mann, ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg, legte um ihn einen Steinwall an, grub eine Kelter in ihm, baute einen Turm, verpachtete ihn an Winzer und verreiste. Als aber die rechte Zeit für die Früchte nahte, schickte er seine Sklaven zu den Winzern, um seine Früchte zu erhalten. Die Winzer jedoch nahmen seine Sklaven, den einen prügelten sie, den anderen töteten sie, den dritten aber steinigten sie. Dann schickte er wieder andere Sklaven, mehr als die ersten; doch sie verfuhren mit ihnen in derselben Weise. - Zuletzt schickte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Vor meinem Sohn werden sie sich scheuen! Als die Winzer den Sohn gewahrten, sprachen sie unter sich: Dieser ist der Losteilinhaber; herzu, wir wollen ihn töten und werden dann sein Losland haben. So nahmen sie ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. - Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er mit jenen Winzern tun? - Sie antworteten Ihm: Die Üblen! Er wird sie übel umbringen und den Weinberg anderen Winzern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit abliefern werden« (Verse 33-41).

  Die Winzer sind die Ältesten des Volkes, die eigentlich die geistlichen Führer sein und als gehorsame Verwalter Frucht für Gott erwirken sollten. Das Losland ist das einem jeden Juden von Jewe gesetzmäßig zugeloste Land, sodass ein jeder Inhaber eines Teils des Landes war. Die Sklaven, die der Hausherr, Gott, immer wieder sandte, waren die Propheten, und der Sohn des Hausherrn ist Jesus Selbst.

  Die Führer Israels betrachteten sich aber praktisch als die Herren, erkannten die Autorität Gottes nicht an und wirtschafteten zu ihrer eigenen Ehre. Wenngleich sie die Propheten getötet hatten (Jer.7:25), weil sie sich in ihrer Selbstgerechtigkeit von ihnen gestört fanden, rühmten sie sich ihrer, hörten aber dennoch nicht auf sie.

  Der Herr Jesus deckte die Verblendung der Ältesten auf, indem Er sie selbst ihr eigenes, gerechtes Urteil sprechen ließ: »Der Hausherr wird den Weinberg anderen Weingärtnern geben!« Im Hinblick auf andere, hier auf jene Winzer, von denen Jesus sprach, waren sie in der Lage, objektiv zu urteilen. Doch wenn nicht im selben Moment, so erkannten sie auf jeden Fall bei den nächsten Worten des Herrn, dass sie sich selbst verurteilt hatten, wollten sie doch handgreiflich werden und sich Jesu bemächtigen (Vers 46).

  Der Weinberg Israel wird anderen Winzern, anderen derselben Art (griech. allois), gegeben werden, also anderen Israeliten, nicht diesen zur Zeit Jesu Lebenden. Wenn die zwölf Apostel unter dem König Jesus Christus die zwölf Stämme regieren werden, dann wird Israel Frucht für Gott bringen.

  Dass die Priesterschaft Jesus tötete, obwohl dies, wie sie nun wussten, ihre Verwerfung bewirken würde, zeigt ihre abgrundtiefe Verdorbenheit auf.

 

Der von den Bauleuten verworfene Stein

 

  »Weiter sagte Jesus zu ihnen: Habt ihr noch nie in den Schriften gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der wurde zum Hauptstein der Ecke. Durch den Herrn ist er das geworden, und er ist erstaunlich vor unseren Augen. - Deshalb sage Ich euch: Das Königreich Gottes wird von euch genommen und einer [anderen] Nation gegeben werden, die dessen Früchte trägt. Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen er aber fallen sollte, den wird er wie Spreu zerstäuben. - Als die Hohenpriester und Pharisäer Seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass Er von ihnen redete. Da suchten sie sich Seiner zu bemächtigen; sie fürchteten sich jedoch vor der Volksmenge, weil sie Ihn für einen Propheten hielt« (Verse 42-46).

  Der Herr Jesus zitierte Psalm 118:22,23 und setzte Sich als den verworfenen Sohn des Herrn des Weinbergs mit dem von den Bauleuten verworfenen Stein gleich. Die Ältesten erkannten sich als die üblen Bauleute. Doch sie sinnten nicht um, sondern stießen sich an dem Stein des Anstoßes, weil sie auf ihre Gesetzeswerke bauten und die Gerechtigkeit aus Glauben ignorierten. Aber nur, wer an Jesus glaubt, den auserwählten Grund- und Eckstein, wird nicht zuschanden werden (Jes.8:14; 26:18; Röm.9:32,33). Nur von Ihm kann doch die Rettung kommen!

  Wütend müssen die Ältesten zur Kenntnis genommen haben, dass dieser Stein sie zerschmettern wird und sie auf keinen Fall in das Königreich Israels kommen werden. Das Königreich wird einer anderen Nation, »anderen Winzern« (Vers 41), gegeben werden, der wiedergezeugten und folglich gläubigen, heiligen Nation Israel, dem königlichen Priestertum - Generationen nach ihnen (2.Mose 19:6; 1.Pet.2:9).

  Durch Jewe wird dies geschehen; es ist wunderbar in unseren Augen (Ps.118:23)!

 

Weitere Reden Jesu in der Weihestätte

(Matthäus 22:1-23:12)

 

  Unser Herr Jesus Christus war am 9. Nisan des Jahres 32 n. Chr. in Jerusalem eingeritten, hatte die Weihestätte Tags darauf von den Händlern, Maklern und Taubenverkäufern gereinigt und lehrte nun dort am 11. Nisan, drei Tage vor Seinem Tod am Passahfest des 14. Nisan.

  Mit den drei Gleichnissen von den zwei Söhnen (Mat.21:28-32), von den üblen Winzern (Mat.21:33-41) und von der königlichen Hochzeit (Mat.22:1-14) deckte Er den Hohenpriestern und Ältesten ihre wahre Gesinnung auf.

 

Das Gleichnis von der königlichen Hochzeit

 

  Matthäus berichtet in Kapitel 22, Verse 1 bis 14: »Dann nahm Jesus wieder das Wort, um in Gleichnissen zu ihnen zu sprechen: Das Königreich der Himmel gleicht einem Menschen, einem König, der seinem Sohn die Hochzeitsfeier ausrichtete. So schickte er seine Sklaven aus, um die Geladenen zur Hochzeitsfeier zu rufen; doch wollten sie nicht kommen. Da schickte er wieder andere Sklaven aus und gebot ihnen: Sagt den Geladenen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Stiere und das Mastvieh sind geschächtet, und alles ist bereit: Kommt her zur Hochzeitsfeier! Sie aber kümmerten sich nicht darum und gingen hin, der eine auf das eigene Feld, der andere zu seiner Handelsware; die übrigen bemächtigten sich seiner Sklaven, misshandelten und töteten sie. Da wurde der König zornig, sandte seine Heere aus und ließ jene Mörder umbringen und ihre Stadt in Brand stecken. Dann sagte er zu seinen Sklaven: Die Hochzeit ist bereit, aber die Geladenen waren es nicht wert. Geht nun an die Ausgänge der Wege und ladet zur Hochzeitsfeier, wen immer ihr auch findet! So gingen jene Sklaven hinaus auf die Wege und sammelten alle, die sie fanden, Böse wie auch Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit denen, die zu Tisch lagen.

  Als der König hineinging, um sich die zu Tisch Liegenden anzuschauen, gewahrte er dort einen Menschen, der keine Hochzeitskleidung angezogen hatte. Da sagte er zu ihm: Kamerad, wie bist du hier hereingekommen, ohne Hochzeitskleidung anzuhaben? Der aber verstummte. Dann gebot der König den Dienern: Bindet ihm Füße und Hände und werft ihn hinaus in die Finsternis, die draußen ist! Dort wird Jammern und Zähneknirschen sein. Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt.«

  In diesem Gleichnis erscheinen weder der Bräutigam noch die Braut, wie denn diese auch beim Frühmahl der Hochzeitsfeier im Gegensatz zum Hauptessen nach jüdischem Brauch noch nicht anwesend waren. Denn es geht hier um die Einladung und das Eintreffen der Hochzeitsgäste. Und es soll deutlich werden, dass viele, das heißt praktisch alle Israeliten eingeladen sind, an dem mit der Hochzeitsfeier des Bräutigams Jesus und Seiner Braut Israel (Off.19:7; 21:2,9) beginnenden tausendjährigen Königreich teilzunehmen, aber nur wenige dazu auserwählt sind.

  Die auserwählten Gäste sind mit der Braut identisch. Da es in diesem Gleichnis aber um eine Scheidung zwischen den Gästen geht und die Braut als solche nicht teilbar ist, wird Israel unter dem Bild der Gäste dargestellt, ja wird klar, dass nur die auserwählten Gäste das wahre Israel sind.

  Das Gleichnis schildert die Situation des Königreichs von der Zeit Jesu an bis zur Endzeit. Die Sklaven, die ausgingen, waren Johannes der Täufer, die zwölf Jünger (Mat.10; Luk.9:1-6) und die siebzig Jünger (Luk.10:1-16). Israel aber kam nicht und tötete sogar die Sklaven Gottes, später zum Beispiel Stephanus und den Apostel Jakobus, den Bruder des Johannes (Ap.12:2). Und Paulus und Barnabas müssen dann leider sagen, dass die Juden das Wort Gottes von sich stoßen und sich des äonischen Lebens nicht für würdig erachten (Ap.13:46).

  In der Endzeit, im letzten Jahrsiebener (Dan.9:24,27), schickt Gott Seine Sklaven an die Ausgänge der Wege, bis zum letzen Winkel der Erde, und lädt alle Juden ein, ob sie gut oder böse sind oder zum verachteten Pöbel gehören. Durch Sein Gericht, das Er über die ganze Erde bringt, nötigt Er sie gewissermaßen, hereinzukommen. Jeder darf kommen, so wie er ist, darf aber nicht so bleiben, sondern muss Hochzeitskleidung anlegen (die übrigens den Gästen vom Hausherrn geschenkt wurde), das heißt man muss edle Werke vorweisen können. »Der Braut wurde gegeben, sich mit glänzendem, reinem Batist zu umhüllen; denn der Batist, das sind die gerechten Taten der Heiligen« (Off.19:8; vgl. Off.3:5; Jes.61:10). Edle Werke schließen die Umsinnung von bösen Werken ein.

  Wer kein Hochzeitsgewand anhat, den werden die Diener des Königs, diese sind hier die Engel (Mat.13:49), hinauswerfen in die Finsternis unter den Nationen und dem Feuerofen der Plagen und Qualen der Posaunen- und Schalengerichte preisgeben (Off.8,9,16). Dann werden sie jammern und mit den Zähnen knirschen.

  Ganz Israel ist berufen, eingeladen (2.Mose 19:4-6), aber nur die nach der Gnadenauswahl werden in das Königreich hineinkommen (Röm.11:5,7), nur die Kinder der Verheißung (Röm.9:6-8), nur die am Herzen Beschnittenen (Röm.2:29). Diese Auserwählten werden dann das auserwählte Volk Israel in seiner Gesamtheit bilden (Jes.43:20,21).

  Und die Hohenpriester und Pharisäer erkannten, dass Jesus sie mit den Gästen verglichen hatte, die nicht auf die Einladung eingegangen waren (Mat.21:43).

 

Die Steuerfrage

 

  »Dann gingen die Pharisäer hin und hielten eine Beratung darüber ab, wie sie Ihn in Seinen Worten fangen könnten. So schickten sie ihre Jünger mit den Herodianern zu Ihm; die sagten: Lehrer, wir wissen, dass Du wahr im Wort bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst. Auch kümmert Dich die Meinung anderer nicht; denn Du blickst nicht auf das Äußere der Menschen. So sage uns nun, was Du meinst: Ist es erlaubt, dem Kaiser Kopfsteuer zu geben oder nicht? - Da Jesus ihre Bosheit erkannte, sagte Er: Was versucht ihr Mich, ihr Heuchler? Zeigt Mir die Kopfsteuermünze! - Als sie Ihm einen Denar reichten, fragte Er sie: Wessen Bild und Aufschrift ist dies? Sie antworteten: Des Kaisers. Dann sagte Er zu ihnen: Folglich bezahlt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. - Als sie das hörten, waren sie erstaunt; sie ließen von Ihm ab und gingen davon« (Verse 15-22).

  Kaum zu glauben, aber wahr: Die im Geheimen romfeindlichen, gesetzeseifernden Pharisäer verbündeten sich mit den von ihnen verachteten, politisch denkenden Anhängern König Herodes Agrippa I., damit es nur irgendwie gelingen möge, Jesus zu beseitigen.

  Sie näherten sich Ihm mit einer heuchlerischen Schmeichelei, um Ihn zu einer unbedachten Äußerung zu verleiten. Sie charakterisierten Jesus zutreffend - umso größer ist die Schuld ihres Hasses.

  Die Steuerfrage war eine höchst gefährliche, weil sie eine politische war. Und sie war so angelegt, dass Jesus - wie auch immer Er antwortete - in die Falle gehen musste. Sollte Er nämlich sagen, dass die Steuer nicht zu zahlen sei, würden sie Ihn vor Pilatus des Aufruhrs gegen Rom anklagen. Antwortete Er aber, dass dem Kaiser die Steuer zu geben sei, dann war Er kein Patriot Israels und hatte es mit dem Volk verdorben.

  Jesus bat darum, Ihm eine Steuermünze, einen Silberdenar, zu zeigen. Damit war öffentlich festgestellt, dass Israel unter römischer Oberhoheit stand. Und die Juden wussten auch, dass dies nach Gottes Willen so war, der Israel wegen seiner Untreue seit Nebukadnezars Zeiten seiner politischen Selbständigkeit enthoben und die Fristen der Nationen eingeführt hatte (Luk.21:24; Dan.2:37,38). Sie waren einer fremden Obrigkeit unterworfen und hatten ihr zu gehorchen. Dem Kaiser die Steuer zu zahlen, war mithin nach Gottes Willen und Gottesdienst im weitesten Sinne. Und selbstverständlich ist auch Gott zu geben, was Ihm gebührt.

  Petrus schreibt dementsprechend: »Ordnet euch jeder menschlichen Ordnung unter um des Herrn willen« und: »Ehret den König« (1.Pet.2:13,17). Und Paulus schreibt: »Ehre, wem Ehre gebührt« (Röm.13:7), ganz gewiss Gott.

 

Die Auferstehungsfrage

 

  »An jenem Tag traten Sadduzäer zu Ihm, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten Ihn: Lehrer, Mose sagte: Wenn jemand stirbt und hat keine Kinder, dann soll sein Bruder als Schwager seine Frau heiraten und seinem Bruder Samen erwecken. Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste, der heiratete, verschied; da er keinen Samen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder. Gleicherweise auch der zweite und der dritte bis zum siebenten. Als letzte von allen starb auch die Frau. In der Auferstehung nun, wem von den sieben wird sie als Frau angehören? Denn alle haben sie zur Frau gehabt. - Jesus aber antwortete ihnen: Ihr irrt, weil ihr weder mit den Schriften vertraut seid, noch die Kraft Gottes kennt. Denn weder heiraten sie in der Auferstehung, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie die Boten Gottes im Himmel. Was die Auferstehung der Toten betrifft: habt ihr nicht gelesen, was euch von Gott angesagt war: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs -? Er ist kein Gott der Toten, sondern der Gott der Lebendigen. - Als die Scharen das hörten, verwunderten sie sich über Seine Lehre« (Verse 23-33).

  Die nächsten Gegner nahten sich dem Herrn. Die Sadduzäer waren liberale Theologen und meinten, es gäbe keine Geister und Boten und auch keine Auferstehung. Sie erkannten auch nur die fünf Bücher Mose als Heilige Schrift an. Da Mose die Auferstehung nicht direkt lehrt, wollten sie Jesus mit der Auferstehungsfrage in den Gegensatz zu Mose bringen und den Herrn auf diese Weise unglaubwürdig machen.

  Die Schwagerehe (Leviratsehe) war in 5.Mose 25:5 angeordnet, damit die Linie eines ohne Sohn Verstorbenen nicht aussterbe. Der Meinung der Sadduzäer nach musste die unlösbare Frage, welchen ihrer sieben Männer die Frau haben werde, die Unsinnigkeit einer Auferstehung beweisen.

  Die Sadduzäer irrten sehr, weil sie die Schrift nur mangelhaft kannten, gerade auch deshalb, weil sie Gott keine Kraft beimaßen, anders gesagt: weil sie nicht glaubten.

  Wir lesen die Antwort Jesu nochmals, aber in der ausführlichen Fassung, wie Lukas sie festgehalten hat: »Die Söhne dieses Äons heiraten und werden verheiratet. Die aber für würdig geachtet werden, jenes Äons und der Auferstehung aus den Toten teilhaftig zu werden, heiraten dann weder noch werden sie verheiratet. Sie können doch auch nicht mehr sterben; denn sie sind wie die Boten und sind Söhne Gottes, weil sie Söhne der Auferstehung sind« (Luk.20:34-36). Die im tausendjährigen Königreich Israels lebenden Auferstandenen sterben nicht mehr und heiraten daher nicht.

  Nun zur Frage der Auferstehung: Jesus zeigte anhand eines Schriftwortes, das bei dem von den Sadduzäern allein geschätzten Mose steht, die Notwendigkeit der Auferstehung auf. In 2.Mose 3:6 steht geschrieben: »Ich bin der Elohim Abrahams, der Elohim Isaaks und der Elohim Jakobs.« Damit Gott der Gott dieser Väter Israels sein kann, ist es einfach logisch, dass sie auferstehen müssen. Gott wäre ein Gott der Toten, wenn sie nicht auferstehen würden. Er ist aber der Gott der Lebendigen. Folglich macht Er sie lebendig.

  Dass es bei dieser Auseinandersetzung nur um die Frage der Auferstehung geht und nicht um den Zustand der Toten bis zur Auferstehung, geht deutlich aus dem Bericht des Lukas hervor. Nach Lukas 20:37 sagte der Herr: »Dass aber die Toten erwachen, hat schon Mose im Bericht über den Dornbusch eröffnet, als er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.« Es ist völlig absurd zu meinen, dass Abraham, Isaak und Jakob lebendig oder sonst wie wach seien bis sie erwachen. »Denn im Tode gedenkt man Deiner nicht; wer huldigt Dir im Ungewahrten?«, sagte König David in Psalm 6:5. »Die Toten wissen gar nichts« (Pred.9:5). »Die Toten können Je nicht rühmen« (Ps.115:17). Ja, wenn es keine Auferstehung gäbe, würden sogar die in Christus Entschlafenen für immer umgekommen bleiben (1.Kor.15:18). (Näheres zum Todeszustand siehe: A. E. Knoch: »Das Geheimnis der Auferstehung«, Konkordanter Verlag; und den Aufsatz »Zwischen Tod und Auferstehung«.

  

Das große und erste Gebot

 

  »Nachdem die Pharisäer gehört hatten, dass Er die Sadduzäer zum Verstummen gebracht hatte, versammelten sie sich an derselben Stelle; und einer von ihnen, ein Gesetzeskundiger, fragte, um Ihn zu versuchen: Lehrer, welches ist das große Gebot im Gesetz? - Er aber entgegnete ihm: Lieben sollst du den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Denkart. Dieses ist das große und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: Lieben sollst du deinen Nächsten wie dich selbst! An diesen zwei Geboten hängt das Gesetz und die Propheten« (Verse 34-40).

  Mit ihrer politischen Frage nach der Kopfsteuer für den Kaiser waren sie gescheitert; jetzt versuchten die Pharisäer, Jesus mit einer schlauen theologischen Fragestellung die Gottessohnschaft abzusprechen. Sie schickten darum nicht einen Schriftgelehrten, sondern einen Gesetzeslehrer. Auf dessen Frage nach dem größten Gebot wird Jesus gewiss richtig mit 2.Mose 20:2,3 antworten: »Ich bin Jewe, dein Elohim ... Du sollst keine anderen elohim haben, Mir ins Angesicht« und mit 5.Mose 6:4: »Höre, Israel, Jewe, unser Elohim, Jewe ist einzig.«

  Diese Verse sollten der Todessstoß für Jesu Anspruch werden, Gottes Sohn zu sein. Wenn Jesus Gottes Sohn wäre - Er hatte Sich als solchen bezeichnet (Mat.11:27 entsprechend Mat.3:17) -, dann wäre das Einzigsein Gottes in Frage gestellt, ja dann ist - dies stand bei den Pharisäern schon fest - Jesu Behauptung eine Gotteslästerung, die den Tod verdient, wie der Hohepriester denn auch das Todesurteil begründete (Mat.26:63,65).

  Jesus antwortete mit 5.Mose 6:5 und 3.Mose 19:18. Indem Jesus damit die Liebe als das größte Gebot herausstellte, und zwar nicht einfach eine kultische Gottesliebe, sondern eine Liebe zu Gott, die mit der Nächstenliebe eins ist, tat Er die Tür für die Liebe auch zum Gottessohn auf. Die Liebe zu Gott schließt die Liebe zu Seinem Sohn nicht aus - im Gegenteil! Schließlich kann niemand Gott lieben, wenn er nicht den Bruder liebt (1.Joh.4:20,21).

  Da es Gottes Wille ist, auch den Nächsten zu lieben, wodurch man zugleich Gott verehrt, bleibt die Verehrung des einzigen Gottes erhalten. - Der Angriff der Pharisäer war abgeschlagen.

  Im Zusammenhang mit dieser Thematik spricht Jesus in den folgenden Versen 41 bis 45 sogleich die Frage an, wie Er Gottes Sohn und Mensch in einem sein könne.

 

Wessen Sohn ist der Christus?

 

  Jetzt ging Jesus mit der entscheidenden Kernfrage in die Offensive. »Als die Pharisäer versammelt waren, fragte Jesus sie: Was meint ihr von Christus? Wessen Sohn ist Er? Sie antworteten Ihm: Davids. Weiter fragte Er sie: Wie konnte nun David Ihn im Geist seinen Herrn nennen, wenn er sagte: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde unter Deine Füße lege. - Wenn nun David Ihn seinen Herrn nennt, wieso kann Er dann sein Sohn sein? - Darauf konnte Ihm niemand ein Wort antworten; auch wagte von jenem Tag an keiner mehr, Ihn noch länger zu fragen« (Verse 41-46).

  Unser Herr Jesus Christus, Davids Sohn der Abstammung nach (Jer.23:5; Mat.1:1; Röm.1:3), zitierte, was König David, vom Geist Gottes geleitet, in Psalm 110:1 gesagt hatte: »Die Erklärung Jewes [Gottes, des Lebendigen] an meinen Herrn [hebr. adonai]: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße lege.«

  Die Pharisäer aber waren blind dafür, denn sie sahen in ihrem Christus nur einen Sohn Davids, der die politische Herrschaft Israels über die ganze Erde ausbreiten würde. Sie hatten auch deshalb kein Verständnis für den Christus, weil ihr Gottesbild es nicht zuließ, dass Gott, der wahrhaft Einzige, eins mit Seinem Sohn sein könne (ebenso wie mit allen Geschöpfen, in denen Sein Geist wohnt). Sie hatten nicht erkannt, dass Gott nicht eine starre, unnahbare Gottheit ist, sondern eine lebendige, liebende, sichtbar in Jesus Christus, Seinem Abbild (Kol.1:15), der Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und des Gepräges Seines Wesens (Heb.1:3), und hörbar in Jesus Christus, Seinem Wort (Joh.1:1,14). Gott, der Eine, ist erkennbar im Angesicht Seines Sohnes.

 

Warnung vor der Eitelkeit der Pharisäer

 

  »Danach sprach Jesus zu den Scharen und zu Seinen Jüngern: Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet euch daran; aber richtet euch nicht nach ihren Werken; denn sie lehren es, handeln selbst aber nicht danach« (Mat.23:1-3).

  Mit den Versen 1 bis 12 rüstet Jesus Seine Jünger und mögliche Gläubige aus dem Volk für den rechten Glaubenswandel zu.

  Die Pharisäer haben sehr wohl das Gesetz des Mose zu lehren, und was sie dem Gesetz gemäß sagen, sollen die Gläubigen auch tun (5.Mose 17:10,11; Mal.2:7). Dass ihre Gesetzesauslegung in manchen Fällen falsch sein kann (Mat.12:1-13; 15:1-20), ist hier nicht das Thema, sondern der Gegensatz zwischen ihren Worten und ihren Taten. Was nicht unbedingt heißen soll, dass sie zum Beispiel lehren, nicht zu stehlen, und selber stehlen, sondern dass sie die Gebote ehrsüchtig erfüllen. Ihr heuchlerisches Verhalten soll keiner nachahmen.

  Jesus beschreibt die Pharisäer näher (Verse 4-7): »Sie binden schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, sie selbst aber wollen sie nicht mit einem ihrer Finger bewegen. Sie tun alle ihre Werke nur, um von den Menschen angeschaut zu werden; denn sie verbreitern ihre Denkzeichenriemen und vergrößern die Quasten; sie haben gern den ersten Liegeplatz bei den Gastmählern, die Vordersitze in den Synagogen, die Begrüßungen auf den Märkten und wollen von den Menschen »Rabbi« genannt werden.«

  Die religiösen Führer Israels bestanden also auf der genauen Beachtung der Forderungen des Gesetzes und der zusätzlich zum Gesetz formulierten Überlieferungen der Ältesten (Mat.15:1-9). Sie selbst aber versuchten, sich mit spitzfindigen Begründungen darum zu drücken.

  An den Denkzeichenriemen waren Kapseln mit Bibelzitaten befestigt, die zur Gebetsstunde an der Stirn und am linken Arm getragen wurden, damit man das Wort Gottes denke (2.Mose 13:18; 5.Mose 6:4-9; 11:13-21). Und Quasten sollten die Söhne Israels an den vier Zipfeln ihrer Obergewänder an einer Schnur aus violettem Purpur befestigen, damit sie bei ihrem Anblick allezeit an die Gebote Jewes denken und sie tun mögen (vgl. Mat.9:20; 4.Mose 15:38; 5.Mose 22:12). Die Verbreiterung der Riemen und die Vergrößerung der Quasten verriet, dass es den Pharisäern nur um ihre Selbstverherrlichung ging und um die Anerkennung durch die Menschen, auf die sie einen Anspruch zu haben meinten.

  Und »Rabbi« wollen sie gerufen werden; das bedeutet: mein Mehrer, mein Meister.

  »Ihr aber«, fährt der Herr fort zu sprechen, »lasst euch nicht »Rabbi« nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr aber seid alle Brüder. Auch sollt ihr keinen Menschen auf Erden euren »Vater« nennen; denn einer ist euer Vater, der himmlische. Lasst euch auch nicht »Lehrmeister« nennen, da einer euer Lehrmeister ist, der Christus« (Verse 8-10).

  Mithin streben die Nachfolger Christi nicht nach Titeln, wie Rabbi, Vater, Lehrer, sondern ehren und achten einander wie Brüder. Maleachi betont: »Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein El uns erschaffen?« (Mal.2:10).

  Hören wir nun die Ermahnung unseres Herrn in den Versen 11 und 12: »Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer sich jedoch selbst erhöhen wird, soll erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigen wird, soll erhöht werden.«

  Die Pharisäer, die sich selbst erhöhten, sollten erniedrigt werden, wie es ihnen mit dem Untergang Israels im Jahre 70 n. Chr. sodann auch geschah. »Hochmut kommt vor dem Fall« (Spr.16:18). »Der Herrlichkeit geht die Demut voran« (Spr.15:33). Demut ist die von der Niedrigkeit überzeugte Gesinnung.

  Jesus hatte dieses Thema bereits in Matthäus 20:25-28 angesprochen und legt es Seinen Jüngern hier erneut ans Herz. Später darf Petrus schreiben: »Seid alle untereinander mit der Demut umschürzt, weil Gott sich den Stolzen widersetzt, den Demütigen aber gibt Er Gnade. Demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit Er euch zur rechten Frist erhöhe!« (1.Pet.5:5,6). In dieser Gesinnung wandeln die Gläubigen Gott wohlgefällig!

 

»Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer!«

(Matthäus 23:13-39)

 

  Die Streitgespräche der Hohenpriester und Ältesten, der Sadduzäer, Pharisäer und Schriftgelehrten mit dem Herrn Jesus Christus waren im Laufe des 11. Nisan zum Abschluss gekommen (Mat.21:23-22:46). Jesus hatte Sich ihnen stets als weit überlegen erwiesen. Deshalb »wagte von jenem Tag an keiner mehr, Ihn noch länger zu fragen« (Mat.22:46).

  Der Herr aber sprach weiter und warnte Seine Jünger und die Scharen zunächst vor dem selbstbezogenen Wandel der Führer des Volkes (Mat.23:1-12).

  Jetzt aber wandte Er Sich mit sieben Weherufen direkt an sie.

 

Der erste Weheruf

 

  »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt das Königreich der Himmel vor den Menschen. Denn ihr geht nicht hinein, noch lasst ihr hineingehen, die hineingehen wollen« (Vers 13). (Vers 14 nicht in den ältesten Kodizes.)

  Die Weherufe decken auf, dass die Religiosität der Oberen Israels nichts als Heuchelei ist. Es fehlt ihnen der Glaube und die Barmherzigkeit (Vers 23).

  Der erste Weheruf stellt fest, dass sie, die nicht glauben, dass Jesus der Sohn Gottes und der Messias ist, nicht am tausendjährigen Königreich Israels teilhaben werden. Sie haben das äonische Leben nicht, weil sie Jesus nicht haben, den Urheber des Lebens (Ap.3:15). Zudem hindern sie andere Menschen, fromme Juden, die sich an ihrer Obrigkeit orientieren, in das Königreich einzugehen, weil sie sie von Jesus fernhalten.

  Begonnen hatte Jesus Seinen Dienst mit der neunfachen Seligpreisung der Armen, der Trauernden, der Sanftmütigen, der nach Gerechtigkeit Dürstenden, der sich Erbarmenden, der Reinen, der Friedensstifter, der der Gerechtigkeit wegen Verfolgten und der um Jesu willen Geschmähten (Mat.5:3-11). Die Glückseligpreisungen schlossen mit der Verheißung großen Lohnes in den Himmeln. Die Religiösen sind allerdings das genaue Gegenteil der glückselig Gepriesenen. Dementsprechend schließen die Weherufe mit der Ankündigung des Gerichts (Verse 33-36).

 

Der zweite Weheruf

 

  »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über das Meer und das Trockene, um einen Proselyten zu machen, und wenn er es wird, macht ihr ihn zu einem Sohn der Gehenna, mehr als doppelt so schlimm wie ihr« (Vers 15).

  Wenn sie einen Ausländer für den mosaischen Glauben gewonnen hatten und er zum Judentum übergetreten war, dann zogen sie ihn in die Heuchelei der äußerlichen Gesetzeserfüllung und der selbstsüchtigen Werkgerechtigkeit hinein und bereiteten ihn auf diese Weise für die Gehenna zu, den Ort äonischen Feuergerichts, die brennende Abfallhalde in der Schlucht von Hinnom direkt unterhalt von Jerusalem und den Feuersee, in den der Proselyt nach seiner Verurteilung zum zweiten Tod vor dem großen, weißen Thron geworfen wird (Off.20:11-15).

 

Der dritte Weheruf

 

  »Wehe euch, ihr blinden Leiter, die ihr sagt: Wer bei dem Tempel schwört, das ist nichts; wer aber bei dem Gold des Tempels schwört, soll daran gebunden sein. Ihr Toren und Blinden! Was ist denn größer, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Weiter sagt ihr: Wer bei dem Altar schwört, das ist nichts; wer aber bei der darauf liegenden Nahegabe schwört, soll daran gebunden sein. Ihr Toren und Blinden! Was ist denn größer, die Nahegabe oder der Altar, der die Nahegabe heiligt? Wer daher bei dem Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf ist; und wer bei dem Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der ihn bewohnt; und wer bei dem Himmel schwört, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt« (Verse 16-22).

  Solche Spitzfindigkeiten hatten die Leiter des Volkes ausgeklügelt - und irrten dabei gewaltig; sie sind wahrhaft blind, sie tappen in der Finsternis, sie haben nichts von der Größe und Herrlichkeit Gottes begriffen. Durch ihre falsche Interpretation und die Überlieferung der Ältesten haben sie das Wort Gottes sogar praktisch ungültig gemacht (Mat.15:6). Äußerlichkeiten waren für sie wichtig. Das Gold des Tempels hatte sie so geblendet, dass sie keinen Blick mehr für die Würde des Heiligtums hatten, das durch die Gegenwart Gottes geheiligt war (Ps.11:4; 132:13,14). Sie waren blind für geistliche Werte.

  Im Übrigen soll sowieso niemand schwören, sondern eines jeden Wort sei ja, ja oder nein, nein. Alles darüber hinaus aber ist von dem Bösen (Mat.5:33-37).

 

Der vierte Weheruf

 

  »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verzehntet die Minze, den Dill und den Kümmel, doch das Wichtigste im Gesetz, das gerechte Richten, die Barmherzigkeit und den Glauben, das lasst ihr außer Acht. Dies muss man beachten und jenes nicht unterlassen. Ihr blinden Leiter, die ihr die Mücke seiht, aber das Kamel verschlingt!« (Verse 23+24).

  Sehr wohl ist der Zehnte von allem Ertrag des Feldes zu geben und dabei durchaus auf Kleinigkeiten zu achten (3.Mose 27:30; 5.Mose 14:22); wer es aber an der Hauptsache, sei es die Liebe zu Gott und den Menschen oder das gerechte Gericht, die Barmherzigkeit und der Glaube, mangeln lässt, bei dem ist alles nur eine hohle Phrase, nur Heuchelei. Ihren riesigen Mangel, vergleichbar einem ebenso wie die Mücken unreinen Kamel (3.Mose 11:4,42), stecken sie mit einem Achselzucken weg.

  Jesus hatte bei anderer Gelegenheit bereits gesagt: »Richtet nicht nach dem Äußeren, sondern richtet gerechtes Gericht!« (Joh.7:24). Dies entspricht Sacharja 7:9: »Sprecht wahrheitsgemäß Recht und erweist Huld und Erbarmungen ein jeder seinem Bruder.«

  Von der Barmherzigkeit schreibt Jakobus: »Das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat. Barmherzigkeit aber rühmt sich gegenüber dem Gericht« (Jak.2:13).

  Und der Glaube fehlte den Heuchlern. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen; denn wer zu Ihm kommt, muss glauben, dass Er ist und denen, die Ihn ernstlich suchen, ein Belohner sein wird« (Heb.11.6).

Der fünfte Weheruf

 

  »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr reinigt den Becher und den Teller von außen, von innen aber sind sie angefüllt mit Raub und Unenthaltsamkeit. Du blinder Pharisäer! Reinige zuerst das Innere des Bechers und des Tellers, damit auch das Äußere derselben rein werde« (Verse 25+26).

  Hier sind Bild und Person ineinander verschränkt.

  Nach außen standen die Heuchler glänzend da, ihr Herz aber war von Habgier und Haltlosigkeit erfüllt. Dem Aufruf Jesu »Sinnet um!« (Mat.4:17) zu Beginn Seines Dienstes entsprechend, bekommen sie noch einmal zu hören: Reinigt euer Herz, euer Innerstes, eure Gesinnung. Dann würden auch eure Lebensäußerungen wirklich rein sein.

 

Der sechste Weheruf

 

  »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht getünchten Grüften, die zwar von außen schön verziert erscheinen, inwendig aber sind sie angefüllt mit Totengebeinen und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr den Menschen von außen zwar gerecht, inwendig aber seid ihr gedunsen vor Heuchelei und Gesetzlosigkeit« (Verse 27+28).

  Es ist wohl zu spät - Israel, der Feigenbaum, ist bereits verflucht (Mat.21:19) -, sodass dieses Wort Jesu an ihnen nicht mehr zur Sünden- und Selbsterkenntnis wirksam werden wird.

 

Der siebente Weheruf

 

  »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr baut die Grüfte der Propheten auf und schmückt die Grabmäler der Gerechten und sagt: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gewesen wären, so wären wir nicht in Gemeinschaft mit ihnen an dem Blut der Propheten schuldig geworden. Daher stellt ihr euch selbst das Zeugnis aus, dass ihr Söhne der Mörder der Propheten seid. So macht ihr das Maß eurer Väter voll!« (Verse 29-32).

  Sie haben wirklich keine Selbsterkenntnis; sonst würden sie nicht sagen, dass sie die Propheten nicht verfolgt hätten. Sie sind doch Söhne der Mörder; wie kann es da einen Grund geben zu meinen, dass sie besser als ihre Väter seien. Ja gerade ihre Meinung, besser zu sein, zeigt, wie sehr sie ihrem sündlichen Wesen verhaftet sind.

  Statt sich von den bösen Taten ihrer Väter zu distanzieren, werden sie in drei Tagen die schlimmste Tat verüben, indem sie ihren Messias ermorden. So sollten sie das Maß der Sünden ihrer Väter voll machen!

 

Alles gerechte Blut wird über diese Generation kommen

 

  Das Urteil ist unausweichlich. Der Herr spricht es in den Versen 33 bis 36 aus: »Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr dem Gericht der Gehenna entfliehen? Deshalb siehe: Ich schicke Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch; von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und andere von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen, damit über euch alles gerechte Blut komme, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Zacharias, des Sohnes Barachias, den ihr zwischen Tempel und Altar gemordet habt. Wahrlich, Ich sage euch: Dies alles wird über diese Generation eintreffen!«

  Die Generation Jesu wird dem Gericht der Gehenna nicht entfliehen. Sie werden vor dem großen, weißen Thron zum zweiten Tod verurteilt und in den Feuersee geworfen werden (Off.20:11-15) und somit keineswegs am äonischen Leben in dem die kommenden Äonen währenden Königreich Israels teilhaben.

  Zu allen Zeiten haben die Oberen der Israeliten immer wieder Propheten und andere von Gott gesandte Männer verfolgt und getötet; ebenso werden sie auch die, die Jesus in den nächsten Jahrzehnten zu ihnen senden wird, umbringen, wie zum Beispiel den Apostel Jakobus (Ap.12:2), oder es zumindest versuchen (Ap.5:33; 17:5; 1.Thess.2:14-16).

  Deshalb wird alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen worden ist, von Abel an bis auf Zacharias, an dieser Generation gerächt werden.

  Wie kann dies sein? Sie haben diese Taten doch gar nicht begangen! Sie hätten sie aber begangen, wenn sie zu jenen Zeiten gelebt hätten, denn sie waren so böse - erkennbar an ihrem Hass auf Jesus -, dass sie auf jeden Fall alle getötet hätten, die anderer Gesinnung waren als sie, wenn sie nur Gelegenheit dazu gehabt hätten.

  Die Söhne des Satans hassen zu allen Zeiten alle, die Gott wohlgefällig leben wollen (2.Tim.2:12). Sie haben die Gesinnung des Kain, der vom Bösen war und seinen Bruder Abel erschlug (1.Mose 4:8; 1.Joh.3:12). Mit Zacharias, dem Sohn Barachias, war sicherlich nicht der Prophet Sacharja, der Sohn Berechias (Sach.1:1) gemeint, sondern Sacharja, der Sohn (was auch Enkelsohn bedeuten kann) des Priesters Jojada (2.Chron.24:20-22), der zur Zeit des Königs Joasch von Juda (851-812 v. Chr.) im Vorhof des Hauses Jewes gesteinigt worden war.

  Indem der Herr diese zwei Männer aus (nach der jüdischen Ordnung) dem ersten und dem letzten Buch der hebräischen heiligen Schriften nannte, legte Er Seiner Generation die Schuld eines umfassenden Zeitraums zur Last.

  Und was sodann alles über diese Generation hereinbrach: der Jüdische Krieg in den Jahren 66 bis 70 n. Chr., die Zerstörung Jerusalems samt des Tempels im Jahre 70 n. Chr. mit Millionen von Toten und der Untergang Israels!

 

Jerusalem, Jerusalem!

 

  Welch ein Leid Jesus über Israel tragen musste! In Vers 37 brachte Er es zum Ausdruck: »Jerusalem, Jerusalem, das die Propheten tötet und die steinigt, die zu ihm geschickt werden! Wie oft wollte Ich deine Kinder versammeln, in derselben Weise wie eine Henne ihre Küchlein unter den Flügeln versammelt; doch ihr habt nicht gewollt.«

  Dies ist ein schmerzerfülltes und doch zugleich von der Liebe getragenes Wort Jesu. Israel hat Seine Liebe zurückgewiesen, aber Er liebte es bis zuletzt. Dies schwingt auch in der betonten Anrede »Jerusalem, Jerusalem« mit. Das prophetenmordende Jerusalem ist und bleibt der Ausgangspunkt des Heils für die ganze Welt.

  Wie oft wollte Jewe Israel unter Seinen Flügeln bergen! Einst rief Er aus: »Den ganzen Tag breite Ich Meine Hände aus zu einem widerspenstigen und hadernden Volk, das da geht den unguten Weg nach seinen eigenen Gedanken, zu einem Volk, das Mich erzürnt - Mir ins Angesicht - unentwegt« (Jes.65:2,3). Die Verheißung des Psalms 91:4 hätten sie erfahren sollen: »Mit Seinen Schwingen wird Er dich überschatten, und unter Seinen Flügeln darfst du Zuflucht nehmen; ein Schild und ein Beschützer sind Seine Treue.«

  Aber sie haben nicht gewollt - und wollen immer noch nicht! Mehr noch: sie haben sich verhärtet, wie in Jeremia 5:3 zu lesen: »Jewe, Du schlugst sie, aber es schmerzte sie nicht; Du riebst sie auf, aber sie weigerten sich, die Züchtigung anzunehmen. Sie machten ihr Angesicht härter als Fels; sie weigerten sich, umzukehren.«

  Sie haben nicht wollen können. Denn nach dem von Gott in Christus Jesus gefassten Vorsatz für den Ablauf der Äonen (Eph.3:11) hatte Jesaia sie verstocken müssen, wie der Herr es sodann erneut tat, als Er sprach: »Deshalb spreche Ich in Gleichnissen zu ihnen, damit sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen. So wird an ihnen das Prophetenwort des Jesaia erfüllt, das besagt: Mit dem Gehör werdet ihr hören und keinesfalls verstehen. Sehend werdet ihr sehen und keinesfalls wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist verdickt, mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen schließen sie, damit sie mit den Augen nicht wahrnehmen noch mit den Ohren hören, noch mit dem Herzen verstehen und sich umwenden und Ich sie heilen könnte« (Mat.13:13-15; Jes.6:9,10).

  Es ist doch so, wie geschrieben steht: »Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott, weil sie sich dem Gesetz Gottes nicht unterordnet; denn sie kann es auch nicht« (Röm.8:7). Jewe Elohim hatte ihr Herz so gebildet (Ps.33:15). Und: »Kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben wird« (Joh.3:27).

  Es war heilsgeschichtlich noch nicht so weit. Noch hatte Gott die Unfrömmigkeit nicht von Jakob abgewendet, noch hatte Er den neuen Bund nicht mit ihnen geschlossen und ihnen noch kein neues Herz und keinen neuen Geist gegeben (Röm.11:26,27; Jes.59:20,21; Jer.31:31-33; Hes.36:26,27).

  So musste der Herr Jesus ihnen ankündigen: »Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen werden; denn Ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr Mich keinesfalls gewahren, bis ihr dereinst sagt: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!« (Verse 38+39).

  Wer Jesus zurückweist, bleibt weiterhin und sogar in verstärktem Maße der Obrigkeit der Finsternis und dem Gericht ausgeliefert. Jesaia hatte es angesagt: »Deine heiligen Städte wurden eine Wildnis. Zion wurde eine Wildnis, Jerusalem eine Öde« (Jes.64:9). Dem König Salomo hatte Jewe bei der Einweihung des Tempels angekündigt: »Wenn ihr euch aber von Mir abwendet ... dann werde Ich Israel ausrotten von dem Angesicht des Landes, das Ich ihnen gegeben habe, und das Haus, das Ich Meinem Namen geheiligt habe, werde Ich von meinem Angesicht wegstoßen« (1.Kön.9:6,7).

  Der Begriff »Haus« darf im Kontext des Verses 38 eng gefasst und nur auf den Tempel bezogen werden, da der Herr gerade in seinem Vorhof stand und es zunächst die Weihestätte war, die verödet zurückgelassen wurde, als Jesus, die Herrlichkeit Gottes (Joh.1:14), von dort wegging, sodass die Juden Ihn alsbald danach nicht mehr sahen, was schließlich allerdings auch die Verödung des Hauses im weiteren Sinne, nämlich ganz Israels, bedeutete.

  Dies erinnert uns an die Wolke der Herrlichkeit Jewes, die bei der Tempelweihe das Haus Jewes erfüllte (1.Kön.8:10,11), die - wie Hesekiel sah - sich zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft im Jahre 592 v. Chr. vom Cherub weg erhob zur Schwelle des Hauses hin, sodass das ganze Haus von der Wolke und der Vorhof vom Glanz der Herrlichkeit Jewes erfüllt waren (Hes.9:3; 10:4), und die sodann aus der Stadt hinweg aufstieg und sich - gewiss nur vorübergehend - auf den Ölberg stellte (Hes.11:23). Mit Jesus war die Herrlichkeit Gottes wieder in der Weihestätte; mit Seinem Weggang verließ sie sie. Auch Jesus verweilte noch am Ölberg, um Seine Jünger zu belehren (Kap.24:3); dort (vermutlich in Bethanien) nächtigte Er auch am 12. Nisan (Luk.21:37,38) und wurde Er am 13. Nisan gefangengenommen.

 

»Gesegnet sei, der da kommt!«

 

  Unser Kapitel schließt mit einer Verheißung: Israel wird Jesus wiedersehen, allerdings erst dann, wenn Er auf den Wolken des Himmels mit Macht und Herrlichkeit kommt (Mat.24:30), Seine Füße auf dem Ölberg stehen werden (Sach.14:4), Er das Königreich für Israel aufrichtet und Seine Herrschaft für die Äonen antritt (Off.11:15; 20:6; 22:5). Dann wird das auserwählte Volk, die wiedergezeugte und heilige Nation (2.Mose 19:6; 1.Pet.2:9) ausrufen: »Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!«

  Unser Herr zitierte hier aus Psalm 118:26. Ja, dann wird das gläubige Israel diesen Psalm von ganzem Herzen singen, in welchem es unter anderem heißt:

»Huldigt Jewe, denn Er ist gut!

Denn Seine Huld währt für den Äon.

Der Ruf des Jubels und der Rettung

ertönt in den Zelten der Gerechten:

Jewes Rechte wirkt mächtig,

Jewes Rechte ist erhöht,

Jewes Rechte wirkt mächtig.

Ich werde nicht sterben, sondern leben,

und ich werde die Tagen Jes erzählen.

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,

der wurde zum Hauptstein der Ecke.

Dies geschah von Jewe,

es ist wunderbar in unseren Augen.

Dies ist der Tag, den Jewe gemacht hat;

lasst uns frohlocken und uns freuen in ihm.

Ach Jewe, rette uns doch nun!

Ach Jewe, lass uns doch nun gedeihen!

Gesegnet im Namen Jewes ist,

der da kommt!

Wir segnen euch vom Hause Jewes.

El ist Jewe, und Er wird uns erleuchten.

Bindet den Weg zum Festopfer mit gewundenen Zweigen

bis an die Hörner des Altars.

Du bist mein El, und ich huldige Dir,

mein Elohim, ich werde Dich erhöhen.

Huldigt Jewe, denn Er ist gut!

Wahrhaftig, Seine Huld währt für den Äon!«

(Verse 1, 15-17, 22-29).

 

Die große Endzeitrede des Herrn, Teil I

(Matthäus 24:1-28)

 

  Der 11. Nisan des Jahres 32 n. Chr. neigte sich dem Ende zu. Unser Herr Jesus Christus hatte in der Weihestätte gelehrt, Fangfragen der Ältesten überlegen beantwortet (Mat.21:23-22:46) und Seine Jünger sowie die Scharen vor der ehrsüchtigen Gesinnung der Schriftgelehrten und Pharisäer gewarnt (Mat.23:1-12). Sein schonungslos bloßstellender Mahnruf an die Letzteren war an ihren feindseligen Herzen abgeprallt (Mat.23:13-32). So war es nur folgerichtig, dass der Herr dem prophetenmordenden, widerspenstigen, ungläubigen und nicht umsinnenden Jerusalem zum Schluss Seiner Reden das unaufhaltsame Gericht Gottes angekündigt hatte (Mat.23:33-39).

  Jesus und Seine Jünger verließen die Weihestätte und begaben sich zum Ölberg. Dort hielt der Herr Seine große, die Kapitel 24 und 25 umfassende Endzeitrede.

 

Kein Stein wird auf dem anderen bleiben

 

  Der Apostel Matthäus berichtet in den Versen 1 und 2 des 24. Kapitels: »Als Jesus aus der Weihestätte herauskam und weitergehen wollte, traten Seine Jünger zu Ihm und zeigten auf die Gebäude der Weihestätte. Da antwortete Er ihnen: Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, Ich sage euch: Keinesfalls wird hier Stein auf Stein gelassen werden, den man nicht abbrechen wird.«

  Als Jesus kurz zuvor gesagt hatte: »Siehe, euer Haus [der Tempel] wird euch öde gelassen werden« (Mat.23:38), mögen die Jünger zwar halbwegs eingesehen haben, dass mit der Verwerfung Jesu als des Königs auch das Königreich Israels verworfen werden müsse, aber - man schaue sich doch diese herrlichen Steine und diese prächtigen Gebäude an! Der Tempel - das Herzstück Israels und des Glaubens an den wahren Gott! Der Tempel - der künftige Regierungssitz des Messias!

  Doch Gottes Gericht über Jerusalem und der Untergang Israels sind fest beschlossen.

  Und am Ende des jüdischen Aufstands und Krieges gegen die Römer in den Jahren 66 bis 70 n. Chr. wurden Jerusalem und der Tempel völlig zerstört und fielen in Schutt und Asche. Die Toten zählten nach Millionen. Kein Stein blieb auf dem anderen.

 

Die Frage der Jünger auf dem Ölberg

 

  Gedankenschwer folgten die Jünger ihrem Herrn. Auf dem Ölberg angekommen, fanden sie ihre Worte wieder und stellten eine vom Verständnis für das prophetische Wort geprägte, dreifache Frage. In Vers 3 lesen wir davon: »Als Er Sich auf dem Ölberg gesetzt hatte, kamen Seine Jünger, als sie für sich allein waren, zu Ihm und fragten: Sage uns, wann wird dies sein, und welches ist das Zeichen Deiner Anwesenheit und des Abschlusses des Äons?«

  Der erste Teil der Frage ist: Wann wird dies geschehen, nämlich dass kein Stein der Weihestätte auf dem anderen gelassen wird und dass - wie der Herr ebenfalls gerade vorher gesagt hatte - Israel einst ausrufen wird: »Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!« (Mat.23:39)?

  Der zweite Teil der Frage lautet: Welches ist das Zeichen für Deine Wiederkunft und bleibende Anwesenheit unter Israel, mithin für die Aufrichtung des Königreichs? (Es sei angemerkt, dass das griechische Wort parousia Anwesenheit bedeutet und nicht Ankunft, wenngleich Jesu Anwesenheit mit Seiner Ankunft beginnt.)

  Der dritte Teil der Frage ist: Welches ist das Zeichen für den Abschluss des gegenwärtigen bösen Äons (vgl. Gal.1:4), des Zeitalters des Unglaubens Israels?

  Der zweite und dritte Teil der Frage darf durchaus als ein Teil aufgefasst werden, weil dieser Äon mit der Anwesenheit Jesu Christi abgeschlossen sein wird.

  Den Begriff »Abschluss des Äons« kannten die Jünger aus den Gleichnissen des Kapitels 13 über die Geheimnisse des Königreichs (Mat.13:40). Sie wussten seitdem auch, dass das Königreich nicht sogleich kommen wird, sondern hinausgeschoben werden würde. Dass es aber kommen wird, war ihnen klar (Mat.13:43).

  Es ist Ausdruck des Glaubens der Jünger, dass sie sagten: »... das Zeichen Deiner Anwesenheit.« Jesus Selbst ist und bleibt demnach der Mittelpunkt ihrer Erwartung. Er, der König, ist der Garant für das Königreich.

  Im Übrigen ist es eigentlich überflüssig, darauf hinzuweisen, dass die Frage der Jünger die dem Apostel Paulus gegebene heilsgeschichtliche Haushaltung der Gnade Gottes, in der wir leben und die zwischen die Zeit der Verwerfung Israels, die Zeit der Geheimnisse des Königreichs (Mast.13), eingeschoben ist, nicht berührt (Eph.3:2,9; Kol.1:25). Die gegenwärtige Gemeinde, die Herausgerufene, die Christi Körper ist (Eph.1:22,23), ist nicht betroffen. Erst nach unserer Entrückung am Tag Christi (1.Thess.4:13-18) werden dem Volk Israel Zeichen gegeben werden und kommt es im letzten der siebzig Jahrsiebener (Dan.9:24,27) zum Abschluss unseres Äons und zur Anwesenheit Jesu Christi auf der Erde.

  Auf Folgendes muss noch mit Entschiedenheit hingewiesen werden: Unter »Zeichen« sind nicht Anzeichen oder Vorzeichen zu verstehen, sondern die einen Zeitabschnitt charakterisierenden Kennzeichen. Was also sind die charakterisierenden Merkmale im letzten Jahrsiebener oder welche Zeichen kennzeichnen die Endzeit?

 

»Hütet euch!«

 

  Der Herr gab Seinen Jüngern umfangreiche Auskunft: »Da antwortete Jesus ihnen: Hütet euch, damit niemand euch irreführe! Denn viele werden in Meinem Namen kommen und sagen: Ich bin der Christus! - und werden viele irreführen« (Verse 4+5).

  Den Zeitpunkt nannte Jesus den Seinen nicht, zumal Er ihn damals Selbst nicht kannte (Vers 36). Auch wenige Wochen später am Tag Seiner Himmelfahrt war die Zeit dafür noch nicht reif, entgegnete Er ihnen doch auf ihre Frage »Herr, stellst Du in dieser Zeit das Königreich für Israel wieder her?«: »Euch steht es nicht zu, die Zeiten oder Fristen zu erfahren, die der Vater in eigener Vollmacht festgesetzt hat« (Ap.1:6,7).

  Den Gläubigen Israels aber gilt allezeit, sich zu hüten, wachsam zu sein, aufzupassen. Deshalb warnte Jesus Seine Jünger vor den Irreführern. Diese werden in vielgestaltiger religiösen und politischen Weise auftreten und die Endzeit prägen. Die falschen Messiasse werden Lügenvisionen und Betrug weissagen (Jer.14:14).

  Unsere Verse 4 und 5 liegen auf gleicher Höhe mit Offenbarung 6:2. Dort heißt es: »Und ich gewahrte, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf Sitzende hatte einen Bogen; und ihm wurde ein Kranz gegeben, und er zog aus als Siegender, um zu siegen.« Dieser Mann ist der Mensch der Gesetzlosigkeit, das wilde Tier, der Antichristus, das heißt der Anstatt-Christus. Dieser unter dem ersten Siegelgericht mit großer Macht Kommende, der von sich sagt, er sei der Christus, ist der Irreführer überhaupt. Dieser Anstatt-Christus wird die Mehrheit des Volkes irreführen, wie Jesus kundtat: »Ich bin im Namen Meines Vaters gekommen, doch ihr nehmt Mich nicht auf. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, werdet ihr denselben aufnehmen« (Joh.5:43). Dieser andere ist der Antichristus. Darum: Hütet euch! Lasst euch von ihm nicht irreführen!

 

Der Anfang der Wehen

 

  Alsdann sagte Jesus: »Wenn ihr aber künftig Schlachtenlärm und Kunde von Schlachten hört, seht zu, seid nicht bestürzt, denn es muss so geschehen; jedoch ist es noch nicht die Vollendung. Denn es wird Nation gegen Nation und Königreich gegen Königreich erweckt werden, auch werden Hungersnöte und stellenweise Erdbeben sein; alles dies ist aber erst der Anfang der Wehen« (Verse 6-8).

  Dies alles muss so geschehen nach dem von Gott in Christus Jesus gefassten Vorsatz für den Lauf der Äonen (Eph.3:11). Er ist es, der Nation gegen Nation zum Kriege erweckt, wie denn auch die vier Tiere des Thrones, die Cherubim (Off.4:6-8), im Auftrag Jesu die jeweiligen Befehle erteilen. So lesen wir zu den Kriegen in Offenbarung 6:3,4: »Als es [das Lämmlein] das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite Tier sagen: Komm! - Dann zog ein anderes Pferd aus, feuerrot; und dem darauf Sitzenden wurde gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, damit sie einander hinschlachteten. Und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.« Gott ist es, der die Hungersnöte heraufführt. Dazu steht in Offenbarung 6:5,6 geschrieben: »Als es das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Tier sagen: Komm! - Und ich gewahrte: Und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf Sitzende hatte eine Waage in seiner Hand. Dann hörte ich, wie eine Stimme inmitten der vier Tiere sagte: Ein Tagesmaß Weizen einen Denar und drei Tagesmaß Gerste einen Denar - und das Öl und den Wein beschädige nicht!«

  Da bei Gott alles Sinn und Zweck hat und es keinen losen Faden auf Seinem Webstuhl gibt, mögen die Heiligen jener Zeit nicht bestürzt sein.

  Schlachtenlärm werden sie hören, Geschützdonner und Fluglärm von den an Israel angrenzenden Ländern her, wenn der König des Reiches nördlich von Israel seine Kriege führt; siehe zum Beispiel Daniel 11:11-16, 22-25, 40-44.

  Ebenso wie die ersten vier Siegelgerichte (Off.6:1-8) in die erste Hälfte des Jahrsiebeners fallen, sind die vom Herrn den Jüngern genannten Ereignisse der Anfang der Wehen. Wehen sind sich steigernde Schmerzwellen, zugleich aber voller Verheißung. Die Zeit der »Angst Jakobs« (Jer.30:7) wird die Juden läutern und Israel zur Wiederwerdung (Wiedergeburt) als heilige Nation führen (Mat.19:28).

 

Drangsale

 

  Die siebenjährige Zeit des Zorns und Gerichts Gottes ist nicht mit der großen Drangsal zu verwechseln, die nur über die Gläubigen kommt und von der Mitte des Jahrsiebeners an währt, wenn der Antichristus den Bund bricht, das Heiligtum entweiht und das ständige Opferritual abschafft (Dan.9:27; 11:31).

  Im Folgenden spricht der Herr von der zweiten Hälft des Jahrsiebeners.

  »Dann wird man euch in Drangsal überantworten und euch töten, ja ihr werdet um Meines Namens willen von allen Nationen gehasst werden. Dann werden viele straucheln und einander verraten und einander hassen« (Verse 9+10).

  Dies entspricht dem fünften Siegel: »Als es das fünfte Siegel öffnete, gewahrte ich unten, unter dem Altar, die Seelen derer, die hingeschlachtet waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten« (Off.6:9). Die gläubigen Juden, die nicht mitmachen bei dem, was alle Welt tut, nämlich den Drachen und das wilde Tier anzubeten (Off.13:4,15), werden von allen Nationen gehasst werden. Außerdem werden besonders die abgefallenen Juden die treu gebliebenen hassen und verraten. Dieser unerträgliche Druck wird viele zum Wanken bringen, wie auch Daniel schreibt: »Sie werden durch Schwert und Lohe, durch Gefangenschaft und Plünderung für Tage straucheln. Einige der Einsichtigen werden straucheln; dadurch werden sie geläutert, gereinigt und weiß gemacht werden bis zur Zeit des Endes« (Dan.11:33-35).

 

Ausharren ist nötig

 

  Jesus sprach weiter: »Auch viele falsche Propheten werden erweckt werden und viele irreführen. Weil sich die Gesetzlosigkeit mehrt, wird die Liebe bei den meisten erkalten. Wer aber bis zur Vollendung ausharrt, der wird gerettet werden« (Verse 11-13).

  Ein falscher Prophet ist zum Beispiel einer, der Jesus nicht als im Fleisch gekommen bekennt (1.Joh.4:3). Petrus schreibt, dass falsche Propheten und falsche Lehrer Irrlehren des Untergangs einschmuggeln, ausschweifend leben und, von Habgier getrieben, die Gläubigen mit geglätteten Worten zur Handelsware machen werden (2.Pet.2:1-4).

  Und weil die Gesetzlosigkeit auf den Höhepunkt zustrebt, wird die Liebe in vielen erkalten. Nur wer an der Erwartung festhält, wird in der Liebe bleiben können.

  Ausharren ist nötig. Man muss bis zur Vollendung des letzten Jahrsiebeners ausharren, um gerettet zu werden, das heißt in diesem Zusammenhang, in das Königreich Israels einzugehen. Nur wer Ausdauer hat, wird die Verheißung davontragen (Heb.10:36; Off.13:10).

 

Das Evangelium vom Königreich

 

  Es schließt sich Vers 14 an: »Dieses Evangelium vom Königreich wird auf der ganzen Wohnerde geheroldet werden, allen Nationen zum Zeugnis, und dann wird die Vollendung eintreffen.«

  Ist dies das dem Apostel Paulus enthüllte Evangelium der überströmenden Gnade (Gal.1:12; Eph.1:5-8; 2:8), nach welchem man allein durch Glauben gerettet wird, ohne Werke und ohne sich durch Ausharren bewähren zu müssen? Daran zu denken, wäre völlig abwegig. Es war damals ein Geheimnis (Eph.3:3,9; Kol.1:26). Wir werden in das überhimmlische Königreich Christi versetzt, während Israels Königreich auf der Erde sein wird (2.Tim.4:18; Eph.2:6).

  Das Evangelium vom Königreich Israels wird allen Nationen bis zum Ende der Drangsalszeit bezeugt werden. Es ist das Evangelium, das auf dem Gesetz des Mose und den Propheten fußt, das der Herr Seinen Jüngern gelehrt hatte und das zu verkündigen Er sie in alle Städte und Dörfer Israels ausgesandt hatte (Mat.10). Es ist das Evangelium der Beschneidung, mit dem Petrus betraut wurde (Gal.2:7).

 

Der Gräuel der Verödung

 

  Den Beginn der großen Drangsal gab der Herr genau an: »Wenn ihr nun den vom Propheten Daniel angesagten Gräuel der Verödung in der heiligen Stätte stehen seht - möge der Leser es begreifen -, dann sollen die in Judäa in die Berge fliehen! Wer auf dem Flachdach ist, steige nicht erst hinab, um etwas aus seinem Haus mitzunehmen, und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um noch sein Obergewand aufzunehmen« (Verse 15-18).

  Der Gräuel der Verödung - dies ist ein gewaltiges Zeichen1 Und dann gilt es, sofort in die gebirgige Wildnis südöstlich von Jerusalem, in die Wüste Juda, zu fliehen, denn von Stund an wird jeder getötet werden, der den Drachen, das wilde Tier (Off.13:4) und sein Standbild nicht anbetet. Der Satan fordert Anbetung! Der Antichristus sitzt im Tempel und sucht zu erweisen, er sei ein Gott (2.Thess.2:4). Das zweite wilde Tier [frei umschrieben: der Propagandaminister] hatte dem wilden Tier ein Standbild machen lassen(Off.13:11-14). »Dann wurde es ihm gegeben, dem Bild des wilden Tieres Geist zu verleihen, sodass das Bild des wilden Tieres sogar sprach. Und es bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des wilden Tieres nicht anbeteten« (Off.13:15).

  Größte Eile ist geboten! Es ist keine Zeit mehr, das Obergewand aufzunehmen oder etwas aus dem Haus mitzunehmen. Hier ist der Glaube der Heiligen nötig, dass Gott die Seinen gleichwohl versorgen wird.

  Der Prophet Daniel schrieb: »Dann wird er [der Antichristus] Herr eines Bundes mit den Vielen sein für einen Siebener; zur Hälfte des Siebeners wird er das Opfer und das Nahungsgeschenk aufhören lassen, und auf einem Flügel des Heiligtums werden Gräuel der Verödung aufgestellt sein. Armeen von ihm werden dastehen und das Heiligtum, die Hochburg, entweihen, das beständige Ritual abschaffen und den Gräuel der Verödung aufstellen« (Dan.9:27; 11:31).

  Der Leser begreife es, sagte Jesus. Wer nicht gelesen hat, ist verloren.

  Der Gräuel der Verödung ist die Inbesitznahme des Tempels durch den Antichristus und das Aufstellen seines Standbilds, womit die Opfer und Darbringungen für Gott unterbunden sind: der Tempel entbehrt des beständigen Rituals und ist insofern verödet. Das gräuelhafteste Götzenbild steht von da an dort.

  Von den Gläubigen, die in Judäa wohnen, ist auch in Offenbarung 12:6, und zwar unter dem Bild einer Frau, die Rede: »Dann floh die Frau [die mit der Sonne umhüllte] in die Wildnis, dorthin, wo sie eine von Gott zubereitete Stätte hatte, damit man sie dort tausendzweihundertsechzig Tage ernährte.«

 

Das Gebet zur Flucht

 

  In den folgenden Versen kommt des Herrn Mitleid zum Ausdruck: »Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Betet doch, dass eure Flucht nicht im Winter noch am Sabbat geschehe!« (Verse 19+20).

  Eine Flucht an einem Sabbat würde die Gläubigen jener Tage, die den Sabbat als Tag der Ruhe heiligen wollen, in einen schweren Konflikt bringen, da sie das Gesetz des Mose übertreten müssten (2.Mose 20:11). So werden sie darum bitten, dass die Gräueltat nicht an einem Sabbat geschehe; dabei werden sie auch an die Not des Winters und an die Schwangeren und Stillenden fürbittend denken.

 

Die große Drangsal

 

  Weiter sagte Jesus: »Denn dann wird eine derartig große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis nun noch nicht gewesen ist noch je sein wird. Und wenn jene Tage nicht verkürzt wären, so würde keinerlei Fleisch gerettet werden; jedoch um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden« (Verse 21+22).

  Jesus griff die Worte von Daniel 12:1 auf: »Dann wird eine Zeit der Drangsal sein, derart, wie noch keine geschehen ist, seit Nationen auf der Erde wurden, bis zu dieser Zeit. Aber in dieser Zeit wird dein Volk entkommen, alle, die in der Rolle eingeschrieben gefunden werden.«

  In der zweiten Hälfte des siebenjährigen Zorngerichts Gottes über das abtrünnige Israel und die Welt (Jes.13:9,13; Zeph.1:14-2:3) werden die an Jesus gläubigen Juden der Verfolgung durch den Drachen und das wilde Tier ausgesetzt sein und schwerste Drangsale erleiden. Die Auserwählten aber werden für das Königreich Israel gerettet werden, alle, die in der Rolle des Lebens eingeschrieben sind.

  Gott, der Vater des Mitleids (2.Kor.1:3), wird ihnen Erleichterung in ihrer Not verschaffen, indem Er die Tage verkürzt - sie werden nicht mehr 24 Stunden dauern, sondern weniger -, wie auch der Apostel Paulus schreibt: »Abschließend und abkürzend wird der Herr auf Erden Abrechnung halten« (Röm.9:28; vgl. Jes.10:23).

  Nur der Überrest aus Israel wird gerettet werden: »Jesaia ruft laut über Israel aus: Wenn auch die Zahl der Söhne Israels wie Sand am Meer wäre, so wird doch nur der Überrest gerettet werden« (Röm.9:27; Jes.10:22). Die Auserwählten sind der Überrest. Alle Auserwählten zusammen werden sodann das auserwählte Volk bilden: »Denn viele sind berufen [praktisch ganz Israel], wenige aber auserwählt« (Mat.22:14).

 

Warnung vor Irreführern

 

  Wieder warnte der Herr die Seinen: »Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus! oder: hier ist Er!, so glaubt es nicht! Denn es werden sich falsche Christi und falsche Propheten erheben; die werden große Zeichen geben und Wunder tun, um wenn möglich auch die Auserwählten irrezuführen. Siehe, Ich habe es euch vorher angesagt« (Verse 23-25).

  Die satanischen Verführungskünste werden das Höchstmaß erreichen, um wenn möglich auch die Auserwählten irrezuführen. »Wenn möglich«, das heißt es ist nicht möglich!

  »Wenn man daher zu euch sagt: Siehe, Er ist in der Wildnis!, so geht nicht hinaus; oder: Siehe, Er ist in den Kammern!, so glaubt es nicht! Denn ebenso wie der Blitz vom Osten ausgeht und bis zum Westen scheint, so wird es auch mit der Anwesenheit des Sohnes des Menschen sein; wo der Leichnam ist, dort werden sich die Geier versammeln« (Verse 26-28).

  Die Ankunft Jesu auf der Erde erfolgt nicht im Geheimen, etwa in einer Wildnis oder einer Kammer. Ebenso wie ein Blitz unverkennbar erscheint und von allen gesehen wird, so werden alle Jesus sehen und nicht im Unklaren darüber sein, wen sie sehen.

  Wo das Aas ist, sammeln sich die Geier. Das ist ein Sprichwort für die Eindeutigkeit. Wer eine Ansammlung von Geiern sieht, weiß genau, dass dort ein Aas liegt. Ebenso werden alle genau wissen, wo Jesus ist, denn sie sehen Ihn zu Seiner Stadt Jerusalem kommen. »Und Seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen« (Sach.14:4).

  Wir, die Glieder der Gemeinde, die Christi Körper ist (Eph.1:22,23), können übrigens durch den Ruf: Hier ist der Christus! nicht verführt werden, weil wir mit Christus nicht dem Fleische nach vertraut sind (2.Kor.5:16). Wir erwarten Ihn nicht im Fleisch. Und wir erwarten Ihn nicht auf der Erde, sondern werden Ihm in der Luft begegnen. Außerdem sind wir zu jener Zeit schon längst zu Ihm hin entrückt (1.Thess.4:17) und Ihm gleichgestaltet worden (Röm.8:29). Unser geistlicher Körper (1.Kor.15:44) gleicht dem Körper Seiner Herrlichkeit (Phil.3:21).

  Der Lobpreis sei Ihm für die Herrlichkeit dieser uns widerfahrenden Gnade!

 

Die große Endzeitrede des Herrn, Teil II

(Matthäus 24:29-51)

 

  Nachdem der Herr Jesus Christus Seinen Jüngern die Zeichen ausführlich geschildert hatte, die in den letzten sieben Jahren vor Seiner Anwesenheit auftreten werden (Mat.24:4-28), kommt Er nun auf die Endphase der Zeit des Zorngerichts Gottes zu sprechen und nennt ihnen die allerletzten Zeichen des Abschlusses des gegenwärtigen bösen Äons (Mat.24:3; Gal.1:4).

 

Kosmische Erschütterungen

 

  »Sogleich nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern, und der Mond wird seinen Schein nicht geben; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Mächte der Himmel erschüttert werden« (Vers 29).

  Die zweite Hälfte des letzten Jahrsiebeners, die Zeit der Drangsal für die an Jesus gläubigen Juden, geht mit gewaltigen kosmischen Erschütterungen zu Ende. Mehrmals lesen wir im Buch der Enthüllung Jesu Christi von der Verfinsterung der Sonne und des Mondes und vom Fallen der Sterne (Off.6:12-14; 8:12; 16:10). Bei den Sternen ist wahrscheinlich an Meteore zu denken, die massenhaft in die Luftschicht der Erde eintreten und verglühen oder als Meteoriten auf die Erde fallen. Jesaia weissagt über den Tag Jewes: »Die Sterne der Himmel erscheinen nicht, und ihre Gestirne lassen ihr Licht nicht leuchten. Finster ist die Sonne bei ihrem Aufgang, und der Mond glänzt nicht mit seinem Licht. Ich will die Himmel erschüttern, und es erbebt die Erde von ihrer Stätte bei dem wütenden Ingrimm Jewes der Heere am Tag Seiner Zorneshitze« (Jes.13:10,13). Der Prophet Joel sagt: »Die Sonne und der Mond verfinstern sich, und die Sterne verlieren ihren Glanz. Himmel und Erde erbeben« (Joel 4:15,16). Siehe auch Jes.34:4; Hes.32:7,8 und Joel 2:10. Diese Katastrophen treten in der Endzeit zu verschiedenen Gelegenheiten auf, und nach den Worten unseres Herrn auch am Ende, beim Abschluss der großen Drangsal.

 

Das Zeichen des Menschensohns

 

  »Dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen, und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen und den Sohn des Menschen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit kommen sehen« (Vers 30).

  Was ist das Zeichen Jesu Christi, das am Himmel erscheint? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es eine lichte Wolke sein, denn alle Angaben über das Kommen und die Anwesenheit des Sohnes Gottes sind stets mit einer Wolke oder Wolken verbunden, so in unserem Vers 30 und in Kapitel 26:64. So auch bei Daniel: »Siehe, da kam mit den Wolken der Himmel einer wie eines Sterblichen Sohn« (Dan.7:13). Die Wolkensäule bei Tag und die Feuersäule bei Nacht über dem Zelt der Zusammenkunft zeigte die Anwesenheit Jewes an (2.Mose 13:21; 33:9). Auf dem Berg der Verklärung Jesu beschattete eine lichte Wolke alle Anwesenden, und eine Stimme ertönte aus der Wolke: Dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe; hört auf Ihn! (Mat.17:5). Bei der Himmelfahrt Jesu beobachteten die Jünger, »wie Er emporgehoben wurde und eine Wolke Ihn vor ihren Augen aufnahm« (Ap.1:9). Und genau so wird Er wiederkommen, in einer Wolke, wie die Boten Gottes es den Jüngern erklärten: »Jesus wird so wiederkommen, in der Weise, wie ihr Ihn in den Himmel gehend geschaut habt« (Ap.1:11). Vergessen wir auch die Kennzeichnung der Anwesenheit Jesu unter Israel durch Jesaia nicht: »Dann kommt Er, und über jeder Stätte des Berges Zion und über dessen gesamten Gemeinland wird der Schatten einer Wolke bei Tage wie Rauch sein, und es wird der Glanz eines lodernden Feuers bei Nacht sein; und über allem wird diese Herrlichkeit zum Schutzdach« (Jes.4:5). Welch eine Herrlichkeit!

  Alle Stämme des Landes werden wehklagen, wenn sie den Kommenden sehen. Der Apostel Johannes schreibt auf Patmos: »Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden um Ihn alle Stämme des Landes. Ja, Amen!« (Off.1:7). Bei Sacharja ist zu lesen: »Über das Haus David und die Einwohner von Jerusalem gieße Ich den Geist der Gnade und des Gnadeerflehens aus, und sie werden auf Mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über Ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über Ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint« (Sach.12:10).

  Mit Macht und großer Herrlichkeit wird Er kommen. Welch ein Unterschied zu Seinem ersten Kommen in Niedrigkeit! Zum Beispiel wird Er das Königreich für Israel aufrichten und damit den nächsten Äon heraufführen, den Satan für tausend Jahre binden lassen (Off.20:2) und die des äonischen Lebens für würdig geachteten Toten Israels auferwecken (Luk.20:35; Joh.5:29). Frieden und Gerechtigkeit wird Er der Erde bringen.

 

Die Sammlung Seiner Auserwählten

 

  Im Zusammenhang mit Seinem Kommen sagte der Herr in Vers 31: »Alsdann wird Er Seine Boten mit lautem Posaunenton aussenden, und sie werden Seine Auserwählten von den vier Winden her versammeln, vom äußersten Ende der Himmel an bis wieder zu ihrem äußersten Ende.«

  Die Boten sind nach Psalm 103:20,21 Mächtige der Kraft, Täter des Wortes Gottes; sie dienen Ihm und tun, was Ihm wohlannehmbar ist. Posaunen werden vielfältig gebraucht, zum Beispiel als Aufruf zur Vorbereitung auf eine Schlacht (1.Kor.14:8), zur Warnung, als Auftakt zu göttlichen Gerichten (Off.8) wie auch bei der Auferweckung unserer in Christus Entschlafenen und bei unserer zugleich stattfindenden Entrückung (1.Thess.4:16,17). Auf jeden Fall kündigt der Ton der Posaune eine besondere Tat an, hier die Sammlung der aus Israel Auserwählten. Jesaia spricht davon: »Und ihr, ihr werdet einzeln aufgelesen, Söhne Israels. Und es geschieht an jenem Tage, dass man die große Posaune bläst. ... Und dann beten sie an vor Jewe auf dem heiligen Berg in Jerusalem« (Jes.27:12,13). Mose verhieß es bereits: »Er wird dich wieder sammeln aus all den Völkern, wohin Jewe, dein Elohim, dich zerstreute. Wenn deine Versprengten am Ende der Himmel wären, selbst von dort wird Jewe, dein Elohim, dich sammeln und von dort dich holen« (5.Mose 30:3,4).

  Der Ausdruck »äußerstes Ende der Himmel« bekräftigt in nicht mehr zu steigernder Weise, dass sie selbst vom entlegensten Ort der Erde in das Land ihrer Väter gebracht werden. Die himmlischen Boten werden sie aufraffen und mit sich führen, allerdings nur die an Jesus gläubigen und Ihm auch in der Drangsalszeit treu gebliebenen Juden; schließlich heißt es: »Dann werden zwei auf dem Feld sein; einer wird mitgenommen und einer wird zurückgelassen werden« (Mat.24:40). Der Zurückgelassene wird jammern und mit den Zähnen knirschen (Mat.8:12; 13:49,50; 22:13). »Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt« (Mat.22:14).

 

Das Gleichnis vom Feigenbaum

 

  Jesus fuhr fort: »Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn seine Zweige schon weich werden und Blätter hervorsprossen, dann erkennt ihr daran, dass der Sommer nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr dies alles seht, dann erkennt daran, dass Er nahe ist - an den Türen!« (Verse 32+33).

  Der Feigenbaum ist ein Symbol für Israel (Jer.24:2-10; Hos.9:10) sowie für Fruchtbarkeit und Süße (Richt.9:11).

  Gerade am Tag zuvor hatte Jesus zu dem Feigenbaum, der am Weg in die Stadt Jerusalem stand und keine Frucht trug, gesagt: »Nie mehr komme Frucht von dir für den Äon!« (Mat.21:19) und Israel damit verflucht.

  Wenn die gläubigen Juden in der siebenjährigen Endzeit nun dies alles sehen, was der Herr gerade in den Versen 4 bis 28 angekündigt hat, insbesondere die Glaubenstreue und die Flucht derer in Judäa in die Wüste Juda (Vers 16), dann wissen sie, dass ihr Herr Jesus Christus nahe ist - an den Türen! Sie sehen damit zugleich, dass der Feigenbaum Israel schon Blätter getrieben hat und Saft in den Zweigen fließt, denn da sind Juden in Israel, die glauben, und zudem sind Juden im Ausland, die glauben, wie zum Beispiel die in Offenbarung 2 und 3 genannten sieben Gemeinden.

  Nebenbei bemerkt: Wir, die Glieder der Leibesgemeinde, der Herausgerufenen, die Christi Körper ist (Eph.1:22,23), sehen nichts, denn uns sind keine Zeichen gegeben. »Wir wandeln hier durch Glauben und nicht durch Wahrnehmung« (2.Kor.5:7). Wir erwarten kein irdisches Ereignis, sondern unseren Herrn Jesus Christus - Er ist unsere Erwartung (1.Tim.1:1) - und unsere Entrückung zu Ihm hin (1.Thess.4:17).

 

Keinesfalls sollte diese Generation vergehen

 

  »Wahrlich, Ich sage euch«, so lautet das Wort Jesu in Vers 34, »keinesfalls sollte diese Generation vergehen, bis dies alles geschehen ist.«

  Ja, Jesu Generation hätte Sein Kommen in Herrlichkeit an und für sich erleben sollen.

  Wenn Übersetzungen die Worte unseres Herrn Jesus Christus in Matthäus 24:34, Markus 13:30 und Lukas 21:32 mit: »Diese Generation wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist« wiedergeben, so lassen sie den Herrn etwas sagen, was sich nicht erfüllt hat. Man hat viele Bücher darüber geschrieben und Erklärungen versucht, doch keine war befriedigend. Jesu Generation, das heißt die Erwachsenen Seiner Zeit, Seine Altersstufe im weiteren Sinn, verging.

  Abgesehen davon, dass das Wort »vergehen« in der Möglichkeitsform steht, bietet die kleine griechische Partikel an den Schlüssel zur Lösung. Sie bedeutet »etwa«, »gleichsam«, »wohl«, bezeichnet eine Möglichkeit, die von gewissen Umständen abhängt und wird, wenn sie in Verbindung mit einem Verb steht, durch Modalverben, wie zum Beispiel »mögen«, »hätte«, »würde« oder »sollte« wiedergegeben.

  Deshalb ist folgender Gedanke auszudrücken: »Das Verheißene hätte geschehen sollen, wenn Israel die Voraussetzungen erfüllt und den Messias angenommen hätte.« Mithin könnte man übersetzen: »Diese Generation mag nicht vergehen, bis dies alles geschehen sollte« oder besser: »Keinesfalls sollte diese Generation vergehen, bis dies alles geschehen ist« (Konkordante Übersetzung).

  Unser Herr Jesus Christus wusste genau, dass nicht Sein Königreich, sondern Sein Kreuz aufgerichtet werden würde. Und so drückte Er Sich wahrheitsgemäß aus. Ein kleines Wort von nur zwei Buchstaben aus Seinem Mund gibt uns mehr Licht als ganze Bibliotheken menschlicher Weisheit.

 

Jesu Worte vergehen nicht

 

  Vers 35 lautet: »Der Himmel und die Erde werden vergehen, aber Meine Worte werden keinesfalls vergehen.« Vgl. Mat.5:18; Luk.16:17.

  Jesus schreibt Seinen Worten die Eigenschaft der Unvergänglichkeit zu. Ähnlich heißt es in Jesaia 40:8: »Das Wort unseres Elohim besteht für äonisch.«

  Jesu Worte sind Geist und sind Leben (Joh.6:63) und werden deshalb allesamt zur Tat. Jesaia durfte verkündigen: »Ich bin El! Und da ist sonst kein Elohim! Und da ist niemand gleich wie Ich! Der Ich kundtue von Anfang an den Ausgang und vor alters, was noch nicht getan; der Ich sage: Mein gesamter Ratschluss soll bestätigt werden, und alles, was Mir wohlgefällt, will Ich tun. So habe Ich gesprochen! So will Ich es kommen lassen! Wie ich geplant, so will Ich es tun!« (Jes.46:9-11).

  Das Wort Gottes ist mithin zuverlässig; man kann darauf bauen.

  Ob der Satan und die Völker toben oder sogar Himmel und Erde vergehen - Jesu Worte haben Bestand ebenso wie Er Selbst. Psalm 102:26,27, hier nach Hebräer 1:10,11 zitiert, sagte es schon: »Du hast in den Anfängen, Herr, die Erde gegründet, und die Himmel sind Deiner Hände Werk. Sie werden umkommen, Du aber bestehst fort.«

  Die gegenwärtige Ede und der jetzige Himmel vergehen übrigens beim Abschluss des kommenden Äons und des so lange bestehenden tausendjährigen Königreichs Israels (Jes.65:17; 2.Pet.3:7; Off.20:11).

 

Niemand kennt Zeit und Stunde

 

  Die weitere Rede Jesu bis hin zu den Gleichnissen von den zehn Jungfrauen (Kap. 25:1-12) und der Abrechnung mit den Sklaven (Kap. 25:13-30) ist eine ernste Ermahnung an die Heiligen Israels zu wachen, weil sie nicht wissen, an welchem Tag ihr Herr kommt.

  Vers 36 leitet den Abschnitt ein: »Um jenen Tag und jene Stunde aber weiß niemand, weder die Boten der Himmel noch der Sohn, außer dem Vater allein.«

  Die Tatsache, dass die Gläubigen das genaue Datum nicht kennen, ist ein Ansporn für sie, allezeit zu wachen (Vers 42) und bis zur Vollendung in Treue auszuharren (Vers 13), und dient ihrer Erziehung zur Heiligung.

  Ganz gewiss weiß Jesus heute, da Er zur Rechten des Vaters sitzt, genau um Tag und Stunde Bescheid. Er hat ja doch auch Seinen Sklaven inzwischen die Einzelheiten der Endzeit enthüllt (Off.1:1). Damals aber brauchte Er es nicht zu wissen, zumal es den Jüngern nicht zustand, die Zeiten oder Fristen zu erfahren, die der Vater in eigener Vollmacht festgesetzt hat (Ap.1:7).

 

Wie in den Tagen Noahs

 

  Viele Menschen werden die Zeichen der Endzeit, »des Abschlusses des Äons« (Vers 3), und für die kurz bevorstehende Anwesenheit Jesu gar nicht als solche wahrnehmen. Da mag sich der Mensch der Gesetzlosigkeit in den Tempel setzen (Mat.24:15; 2.Thess.2:4) - sie aber erkennen nichts, sie werden dadurch nicht wachgerüttelt.

  Dies kündigte der Herr in den Versen 37 bis 39 an: »Denn ebenso wie es in den Tagen Noahs war, so wird es bei der Anwesenheit des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in jenen Tagen vor der Überflutung waren: essend und trinkend, heiratend und verheiratend bis zu dem Tage, an dem Noah in die Arche hineinging, und sie erkannten nichts, bis die Überflutung kam und sie allesamt hinwegnahm, so wird es auch bei der Anwesenheit des Sohnes des Menschen sein.«

  Für viele nimmt der Alltag seinen gewohnten Gang - und plötzlich werden sie von der Anwesenheit Jesu überrascht. Die Menschen ergehen sich in der Höhe ihrer Kultur und ihres Wohlstands, aber an Jesus denken sie nicht. Sie sind gleichgültig. Wohl bezeugt Gott Sich durch die Ihm Treuen und durch die Gerichte Seines Zorns, aber die Menschen hören nicht hin und sinnen nicht um (Off.9:21; 16:9).

 

Wachet!

 

  Es gilt, wach zu sein für den Herrn und nicht länger selbstbezogen zu schlummern. Wachen - das heißt auf das prophetische Wort achten, glauben, vertrauen und sich zu dem Herrn Jesus Christus zu bekennen.

  Denn »dann werden«, wie die Verse 40 bis 42 sagen, »zwei auf dem Feld sein; einer wird mitgenommen und einer zurückgelassen werden. Von zwei mit dem Mühlstein Mahlenden wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen werden. So wacht nun, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.«

  In Vers 31 lasen wir, dass der Herr bei seinem Kommen Seine Boten mit lautem Posaunenton aussenden wird und sie Seine Auserwählten von den vier Winden her versammeln werden. Die Boten Gottes werden also, und zwar am Tag der Wiederkunft Jesu zu Israel, welche in das verheißene Land mitnehmen und welche in der Finsternis unter den Nationen (Jes.60:2) zurücklassen. Die Scheidung der gläubigen Juden von den ungläubigen Juden hat stattgefunden! Der gläubige Überrest wird das auserwählte Volk bilden.

 

Seid bereit!

 

  Sodann ermahnte der Herr zur Bereitschaft: »Jenes aber erkennt ihr: Wenn der Hausherr wüsste, in welcher Nachtwache der Dieb kommt, würde er wachen und nicht die Wand seines Hauses durchgraben lassen. Deshalb seid auch ihr bereit, weil der Sohn des Menschen zu einer Stunde kommt, da ihr es nicht meint« (Verse 43+44).

  Zum Wachen kommt das Bereitsein noch hinzu. Was das heißt, wird in Lukas 12:35 recht deutlich: »Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Leuchten brennen.« Dies spricht für die tätige Liebe und edle Werke (Mat.5:16).

  Zu den Wachen und Bereiten kommt Jesus Christus als ihr Retter, zu den Trägen aber wie ein Dieb in der Nacht.

  Zu uns kommt Jesus übrigens nicht wie ein Dieb (1.Thess.5:4). Ob wir wachen oder schlummern, wir werden entrückt werden (1.Thess.4:17; 5:10). So groß ist die uns zuteil gewordene Gnade!

 

Der treue und der üble Sklave

 

  Im Folgenden betont Jesus, dass man in Gott wohlgefälliger Weise tätig sein muss, um in das Königreich Israels eingehen zu können: »Wer ist wohl der treue und besonnene Sklave, den der Herr über sein Gesinde einsetzt, um ihnen zur rechten Zeit die Nahrung zu geben? Glückselig ist jener Sklave, den sein Herr, wenn er kommt, so tätig finden wird. Wahrlich, Ich sage euch: Er wird ihn über all seinen Besitz einsetzen. - Wenn aber jener als ein übler Sklave in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus - und fängt an, seine Mitsklaven zu schlagen, und isst und trinkt mit den Berauschten, dann wir der Herr jenes Sklaven an einem Tag eintreffen, da er es nicht vermutet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn zweiteilen lassen und ihm sein Teil bei den Heuchlern geben. Dort wird Jammern und Zähneknirschen sein« (Verse 45-51).

  Sogleich nach seiner Wiederkunft wird der Messias die Scheidung zwischen seinen leitenden Sklaven vornehmen. Nahrung sollen sie austeilen, mithin in Wort und Tat zum Segen und zur Glaubensstärkung ihrer Mitsklaven wirken. Die treuen Sklaven werden über all den Besitz des Herrn eingesetzt, etwa dass sie mit Ihm über fünf oder zehn Städte regieren (Luk.19:17,19; Off.20:6). Die üblen Sklaven aber werden vom Königreich ausgeschlossen. Angesichts dieses Urteils wird es aber auch keinen einzigen untreuen Juden geben, der nicht jammern und mit den Zähnen knirschen wird.

  Vers 51 kann man auch wie folgt übersetzen: »Und jener wird im Hinblick auf ihn entzweischneiden«, und zwar das Dienstverhältnis; es also radikal beenden.

  Wir ersehen aus diesem Gleichnis, dass Wandel und Dienst der Sklaven Gottes wesentlich bestimmt werden von ihrer Herzenshaltung zur Rückkehr Jesu Christi. Erwarten sie Ihn für bald, wird ihr Verhalten von der Kraft zur Wohlverehrung Gottes getragen sein. Erwarten sie Ihn erst für sehr viel später, so wird ihr Wandel nicht auf Ihn ausgerichtet und folglich lasch sein.

  Auch unser Wandel und Dienst wird von Gott beurteilt werden. Auch wir müssen Rechenschaft ablegen. »Wir alle müssen vorne vor der Preisrichterbühne des Christus offenbar gemacht werden, damit ein jeder das wiederbekomme, was er durch den Körper verübte, sei es gut oder schlecht« (2.Kor.5:10). Aber, obwohl unsere Werke im Feuer geprüft werden, werden wir dennoch alle gerettet (1.Kor.3:15). In Israel regiert aber die Gerechtigkeit mehr als die Gnade, sodass Übeltäter mit ihrer Verwerfung rechnen müssen.

  Der Lobpreis sei der Herrlichkeit der Gnade, in der wir stehen!

 

Die große Endzeitrede des Herrn, Teil III

(Matthäus 25)

 

  Unser Herr Jesus Christus schildert in Matthäus 25, und zwar in den Gleichnissen von den zehn Jungfrauen (Verse 1-13) und von den anvertrauten Talenten (Verse 14-30) sowie in der Darstellung des Gerichts über die Nationen (Verse 31-46), was direkt bei Seiner Wiederkunft zu Israel geschehen wird und sogleich danach.

 

Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen

 

  »Dann wird das Königreich der Himmel zehn Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen. Fünf von ihnen aber waren töricht und fünf besonnen. Denn die törichten nahmen wohl ihre Lampen, nahmen aber kein Öl mit sich; die besonnenen aber nahmen zu ihren Lampen auch Öl in den Behältern mit sich. Als nun der Bräutigam ausblieb, nickten sie alle ein und schlummerten. - Mitten in der Nacht aber erscholl ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus, ihm entgegen! Da erwachten alle jene Jungfrauen und putzten ihre Lampen. Die törichten sagten zu den besonnenen: Gebt uns von eurem Öl, weil unsere Lampen verlöschen! Darauf antworteten die besonnenen: Nein, sonst könnte es für uns und euch nicht ausreichen. Geht vielmehr zu denen, die es verkaufen, und kauft für euch selbst ein! Während sie hingingen, um Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier hinein, und die Tür wurde verschlossen. - Zuletzt kamen auch die übrigen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, öffne uns! Er aber antwortete: Wahrlich, ich sage euch: Ich weiß nichts von euch.

  Daher wachet, weil ihr weder Tag noch Stunde wisst« (Verse 1-13).

  Als unser Herr Jesus Christus das Gleichnis von den zehn Jungfrauen verkündigte, nannte Er den Zeitpunkt und den Bezugsrahmen, sodass es keine Zweifel über die heilsgeschichtliche Einordnung gibt und man es ohne große Schwierigkeiten verstehen kann. Denn Er sagte: »Dann wird das Königreich der Himmel zehn Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen« (Vers 1). »Dann« - das ist, wenn »alle Stämme des Landes wehklagen und den Sohn des Menschen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit kommen sehen«; »dann« - »bei der Anwesenheit des Sohnes des Menschen«, an dem Tage und zu der Stunde, wenn der Herr kommt; »dann«, wenn der Herr eintrifft (Mat.24:30,39,42,44,50). Das Gleichnis bezieht sich auf das »Königreich der Himmel«. Dies ist das Königreich des Gottes der Himmel (Dan.2:44), das tausendjährige Königreich Israels (Ap.1:6), das dem zukünftig wiedergeborenen und gläubigen Israel verheißen ist. Dies alles geschieht nach unserer Zeit auf Erden. Wir, die Glieder des Körpers Christi, befinden uns dann bereits seit unserer Verwandlung und Entrückung in die Luft zu unserem Herrn Jesus Christus hin nicht mehr auf der Erde (1.Kor.15:51; 1.Thess.4:13-18; 2.Tim.4:18). Die Endzeit (Dan.9:27; 12:4), die siebenjährige Zeit des Zornes Gottes und Seines Gerichts, erleben wir nicht mehr, denn wir sind »nicht zum Zorn gesetzt« (1.Thess.5:9), sondern werden »vor dem Zorn gerettet« (Röm.5:9); über Gerechtfertigte und Versöhnte und mit jedem geistlichen Segen inmitten der Überhimmlischen in Christus Jesus Gesegnete kann »die Frist der Rache Jewes« (Jer.51:6) ohnehin nicht kommen. Der siebzigste Jahrsiebener ist ebenso wie die 69 Jahrsiebener für Israel »abgetrennt« (Dan.9:24), also nicht für uns bestimmt.

  Bevor wir fragen, wen die Jungfrauen darstellen, muss Klarheit darüber herrschen, wer der Bräutigam und die Braut sind und für was die Hochzeit steht. Der Bräutigam ist der Herr Jesus Christus (Mat.9:15; Mark.2:19; Luk.5:34; Off.19:7); die Braut ist Israel (Joh.3:29; Jes.61:10; 62:5), im letzten Äon die Bewohner der Stadt Jerusalem (Off.21:9,10). Die Hochzeitsfeier ist die Einführung des neuen Bundes (Jer.31:31-34; Röm.11:26,27); das Feiern währt den gesamten Königreichsäon lang (Heb.4:1-11).

  Wer sind die Jungfrauen? Unterscheidend gefragt: Wer sind die fünf besonnenen Jungfrauen? Wer geht mit zur Hochzeitsfeier hinein (Mat.25:10)? Wer sind die zur Hochzeit Geladenen (Off.19:9)? Wer nimmt teil an der Freude Israels? Das sind die Nationen, die im Königreich am Segen Israels aufs engste teilhaben (1.Mose 12:3; Jes.49:6; Hes.34:26; Sach.8:13). Das sind die Nationen, »über die Mein Name angerufen wird, sagt der Herr, der dies tut« (Ap.15:17; Amos 9:11,12).

Dies alles betrifft die gegenwärtige heilsgeschichtliche Verwaltung der Gnade Gottes, mit der der Apostel Paulus betraut wurde (Eph.3:2,8,9; Kol.1:25), überhaupt nicht. Heute ist Christus nicht bei Israel - verworfen hat Er es (Röm.11:15) -, sondern Er ist unter den Nationen (Kol.1:27). Ohne die Vermittlung Israels, das zur Zeit kein »königliches Priestertum« und keine »heilige Nation« ist (vgl. 1.Pet.2:9), wurden wir gerettet und gesegnet.

Einen guten Aufschluss gibt uns Psalm 45. Darin ist vom König die Rede, dessen Thron für den Äon und weiterhin bestehen wird (V.3-l0a), von Seiner Gemahlin zu Seiner Rechten in gleißendem Ophirgold (V.10b-15a) und in den Versen 15b und 16 von den Jungfrauen: »Jungfrauen, ihre Gefährtinnen, nach ihr, werden zu Dir hineingebracht. Sie werden mit Freude und Frohlocken geholt werden, sie sollen in den Palast des Königs kommen.« Da bleibt nur übrig zu rufen: »Seid fröhlich, ihr Nationen, mit Seinem Volk!« (Röm.15:10; 5.Mose 32:43). Wir, die wir dies im Glauben erkennen dürfen, freuen uns heute schon über das zukünftige Jauchzen Israels und der mit ihm besonders gesegneten Nationen.

  Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen hat manche Parallele zu dem von den Schafen und Ziegenböcken (Mat.25:31-46). Wenn der Sohn des Menschen gekommen ist, wird Er auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzen und alle Nationen richten (Joel 4:1-3; Jes.34:8; Jer.25:31). Den fünf besonnenen Jungfrauen entsprechen die Nationen, die zur Rechten des Königs gestellt werden, die Gesegneten des Vaters; sie werden das Losteil des Königreichs einnehmen, »das euch vom Niederwurf der Welt an bereitet ist« (V.34). Die fünf törichten Jungfrauen erkennen wir in denen zur Linken des Königs wieder (V.33+41). Die Nationen zur Linken gehen in die äonische Strafe in Gestalt des äonischen Feuers (V.41+46). Hier ist nicht von einer Strafe zur Ahndung (griech. timõria) die Rede, sondern von der erziehenden Strafe (griech. kolasis). Feuer symbolisiert Drangsal. Die Drangsal besteht darin, dass sie von den Überwindern aus Israel mit eiserner Keule regiert werden, ,»wie man Töpfergefäße zertrümmert« (Off.2:27; Ps.2:9).

  Der Apostel Petrus schreibt: »Um so stetiger halten wir uns an das prophetische Wort, und ihr tut trefflich, darauf Acht zu geben (wie auf eine Leuchte, die an einem trüben Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht) in euren Herzen« (2.Pet.1:19). Eine Lampe ohne Öl ist keine Leuchte. Mögen viele aus den Nationen darum in der Endzeit auf das prophetische Wort achten, damit sie Öl in ihren Lampen haben und dieses geistgewirkte Wort sie leite. Das Öl ist das Licht des prophetischen Wortes. Wer darauf achtet, wacht wirklich und ist wirklich bereit, das heißt gerüstet, an der Hochzeitsfeier teilzunehmen. Da hoffen viele auf Jesus, aber dann stellt sich heraus, dass die Hälfte von ihnen aufgrund mangelnder Schriftkenntnis nicht weiß, dass die entsprechenden Werke dazugehören, auf jeden Fall das Bekenntnis des Mundes in der Anrufung des Namens des Herrn (Ps.86:5; 145:18; Sach.13:9; Joel 3:5; Röm.10:8-13). Wer das äonische Evangelium, die für den Königsreichsäon bedeutsame Wohlbotschaft, beachtet, das der im Mittelhimmel fliegende Bote verkündigt: »Fürchtet Gott und gebt Ihm die Verherrlichung!« (Off.14:7) und mithin das wilde Tier (den Menschen der Gesetzlosigkeit; 2.Thess.2:3) und sein Bild nicht anbetet (Off.14:9), der wird an der Hochzeitsfeier des Lämmleins und der Braut teilnehmen. »Glückselig sind die zum Hochzeitsmahl des Lämmleins Geladenen!« (Off.19:9).

 

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten

 

  Mit den Versen 13 bis 30 folgt das Gleichnis von den anvertrauten Talenten: »Daher wachet, weil ihr weder Tag noch Stunde wisst. Denn es wird so sein wie bei einem Mann, der verreisen wollte; er rief seine Sklaven zusammen und übergab ihnen seinen Besitz. Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner eigenen Fähigkeit; alsdann verreiste er.

  Der die fünf Talente bekommen hatte, ging nun sofort hin, arbeitete damit und gewann andere fünf Talente dazu. Und der die zwei hatte, gewann in derselben Weise andere zwei dazu. Der aber das eine Talent bekommen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.

  Nach längerer Zeit kam der Herr jener Sklaven zurück und rechnete mit ihnen ab. Da trat der herzu, der die fünf Talente bekommen hatte, brachte andere fünf Talente mit und sagte: Herr, fünf Talente übergabst du mir; siehe, damit habe ich andere fünf Talente gewonnen. Hierauf entgegnete ihm sein Herr. Sehr wohl, guter und treuer Sklave! Über wenigem warst du treu, über vieles werde ich dich einsetzen; geh ein zur Freudenfeier deines Herrn!

  Dann trat der herzu, der die zwei Talente bekommen hatte, und sagte: Herr, zwei Talente übergabst du mir; siehe, damit habe ich andere zwei Talente gewonnen. Sein Herr entgegnete ihm: Sehr wohl, guter und treuer Sklave! Über wenigem warst du treu, über vieles werde ich dich einsetzen; geh ein zur Freudenfeier deines Herrn!

  Schließlich trat auch der herzu, der das eine Talent bekommen hatte, und sagte: Herr, mir war von dir bekannt, dass du ein harter Mensch bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. Da ich mich fürchtete, ging ich hin und verbarg dein Talent in der Erde; siehe, hier hast du das Deine!

  Da antwortete ihm sein Herr: Böser und träger Sklave! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe; daher hättest du mein Geld bei den Wechslern anlegen müssen; dann hätte ich, als ich kam, das Meine mit Zinsen wiederbekommen. Nehmt ihm nun das Talent ab und gebt es dem, der die zehn Talente hat. Denn jedem, der da hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; von dem aber, der nichts hat, wird auch noch das genommen werden, was er zu haben meint. Den unbrauchbaren Sklaven werft hinaus in die Finsternis, die draußen ist! Dort wird Jammern und Zähneknirschen sein.«

  Ein Talent ist die immense Summe von rund 36 kg Silber und steht hier bildlich für die den gläubigen Juden anvertrauten geistlichen Schätze des Wortes Gottes, die im Dienst des Herrn einzusetzen sind. Nicht nur Glauben, sondern auch Werke sind nach dem Evangelium der Beschneidung zur Rettung notwendig (Ga..2:7; Mat.7:21; Joh.15:2; Jak.2:24; 2.Pet.1:10,11). Möge nun jeder seiner Gabe entsprechend wirken und den kostbaren Schatz seiner Gotteserkenntnis durch die Weitergabe an andere Menschen verdoppeln.

  Welch eine Freude erklingt doch aus den Worten der beiden guten und treuen Sklaven, das ihnen Anvertraute zur Verherrlichung ihres Herrn eingesetzt zu haben!

  Dem bösen, trägen und unbrauchbaren Sklaven aber lag die Ehrung seines Herrn nicht am Herzen; er wirkte nicht und bekannte sich somit noch nicht einmal zu seinem Herrn, etwa durch eine Geldanlage. Jener wird nicht am Königreich Israels teilhaben, sondern hinausgeworfen werden in die Finsternis, die unter den Nationen ist (Jes.60:2). Welch ein Jammer!

  Dies ist nicht das uns angehende (Eph.1:15) Glaubensgut, das dem Apostel Paulus anvertraute Evangelium (Röm.16:25; Gal.2:7; 2.Tim.2:8), unserem Lehrer (1.Tim.2:7). Wir werden ohne Werke gerettet, ja sind es schon, allein durch Glauben, allein in der Gnade (Röm.3:24,28; 4:16). Uns ist nichts zur Verurteilung, die wir in Christus Jesus sind (Röm.8:1). Selbst wenn alle unsere Werke vor der Preisrichterbühne Christi verbrennen, vor den prüfenden Augen unseres Herrn keinen Bestand haben sollten - wir sind und bleiben gerettet (Röm.8:30; 14:12; 1.Kor.3:10-15; 2.Kor.5:10; Eph.1:13).

 

Das Gericht über die Nationen

 

  Nun kommt unser Herr Jesus Christus auf das Gericht über die Nationen zu Beginn des Millenniums zu sprechen: »Wenn aber der Sohn des Menschen in Seiner Herrlichkeit kommt und alle heiligen Boten mit Ihm, dann wird Er auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzen (vgl. Sach.14:5). Alle Nationen werden vor Ihm versammelt werden, und Er wird sie voneinander sondern, so wie der Hirte die Schafe von den Ziegenböcken sondert. Und zwar wird Er die Schafe zu Seiner Rechten stellen, die Ziegenböcke aber zu Seiner Linken« (Verse 31-33).

  Die heiligen Boten, die mit dem Herrn zusammen kommen, sind Boten Gottes, auch auserwählte Boten genannt (1.Tim.5:21).

  Eine Auferstehung findet bei dieser Gelegenheit nicht statt. Die Nationen sind alle die, die es zu jener Zeit auf der Erde gibt. Das Gericht wird auf der Erde durchgeführt.

  Jesus spricht von den Nationen in der bildlichen Gestalt von Schafen und Ziegenböcken. Ein Tier steht jeweils für eine Nation.

  »Dann wird der König denen zu Seiner Rechten sagen: Kommt herzu, ihr Gesegneten Meines Vaters! Nehmt das Losteil des Königreichs ein, das euch vom Niederwurf der Welt an bereitet ist. Denn Ich war hungrig, und ihr gabt Mir zu essen; Ich war durstig, und ihr gabt Mir zu trinken. Ich war ein Fremdling, und ihr führtet Mich ins Haus. Ich war ohne Kleidung, und ihr umhülltet Mich; Ich war hinfällig, und ihr besuchtet Mich; Ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu Mir.

  Dann werden Ihm die Gerechten antworten: Herr, wann gewahrten wir Dich hungrig und nährten Dich oder durstig und tränkten Dich? Wann gewahrten wir Dich als Fremdling und führten Dich ins Haus oder ohne Kleidung und umhüllten Dich? Wann gewahrten wir Dich hinfällig oder im Gefängnis und kamen zu Dir?

  Als Antwort wird der König ihnen erwidern: Wahrlich, Ich sage euch: Was immer ihr an einem dieser geringsten Meiner Brüder tatet - Mir habt ihr es erwiesen!« (Verse 34-40).

  Die geringsten Brüder Jesu sind die an Ihn gläubigen und Ihm treuen Juden. Sie sind es, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrsiebeners, in der Zeit der großen Drangsal, unter dem wilden Tier, dem Antichristus und Menschen der Gesetzlosigkeit, die ärgste Verfolgung erleiden müssen, die es je gab (Dan.7:25; 9:24,27; Mat.24:21; Off.13:15).

  Den verfolgten gläubigen Juden zu helfen, ist höchst riskant und darum eines großen Lohnes wert. In der Endzeit werden alle Nationen die Juden um des Namens Jesu willen hassen (Mat.24:9); es wird aber auch judenfreundliche Nationen geben - nicht dass ihre Regierungen dies wären, sondern eine gute Anzahl von einzelnen Menschen in manchen Ländern wird den gläubigen Juden - dies sind solche, die das wilde Tier nicht anbeten - Gutes tun.

  Und diesen Nationen wird dann gesagt: »Kommt herzu, ihr Gesegneten Meines Vaters!«

  Die Nationen werden also nicht für ihre Sünden gerichtet und einzelne Menschen sowieso nicht, denn es geht hier nur um Nationen. Und ihr Gesegnetwerden ist nicht von Glauben oder Umsinnung abhängig. Einzig und allein ihr Verhalten gegenüber den bedrängten Juden entscheidet über ihr Schicksal während des tausendjährigen Königreichs Israels auf der Erde. In der Drangsalszeit gibt es keine gerechtere Tat als den gejagten Gläubigen etwas zu essen oder zu trinken zu geben.

  Was die Menschen dann einem Heiligen tun, das tun sie dem Herrn Jesus Christus Selbst. Jeder Bruder Jesu steht hier an Seiner Stelle, sind sie doch in Christus und ruht doch Sein Geist auf ihnen.

  Es mag sein, dass nicht nur die letzten sieben und besonders die letzten dreieinhalb Jahre, sondern die gesamte Geschichte einer Nation, seitdem sie mit Juden in Kontakt kam, in die Beurteilung einbezogen wird, der Schwerpunkt liegt aber auf der Endzeit und den Messiastreuen, die da Zuwendung erfuhren.

  Das Losteil, der den gesegneten Nationen wie durch ein Los zugefallene Vorzug, konkret: ihr Wohngebiet und ihre Lebensqualität auf der Erde während der Königsherrschaft Israels, war ihnen schon vom Niederwurf (griech. katabolê, Herab-Wurf) der Welt an, als die Erde ein Tohuwabohu wurde (1.Mose 1:2), bereitet - nach Gottes souveränem Vorsatz (Ap.4:28; Eph.3:11).

  Wir hören weiter (Verse 41 bis 46): »Dann wird Er denen zu Seiner Linken sagen: Geht von Mir, ihr Verfluchten, in das äonische Feuer, das dem Widerwirker und seinen Boten bereitet ist! Denn Ich war hungrig, und ihr gabt Mir nicht zu essen; Ich war durstig, und ihr gabt Mir nicht zu trinken. Ich war ein Fremdling, und ihr führtet Mich nicht ins Haus; Ich war ohne Kleidung, und ihr umhülltet Mich nicht; Ich war hinfällig und im Gefängnis, und ihr besuchtet Mich nicht.

  Dann werden auch sie antworten: Herr, wann gewahrten wir Dich hungrig oder durstig, als Fremdling oder ohne Kleidung, hinfällig oder im Gefängnis, und wir dienten Dir nicht?

  Dann wird Er ihnen antworten: Wahrlich, Ich sage euch: Was immer ihr an einem dieser Geringsten nicht tatet, habt ihr auch Mir nicht erwiesen! So werden diese in die äonische Strafe gehen, die Gerechten aber in das äonische Leben.«

  Wie sieht die äonische Strafe, also die für den tausendjährigen Äon auf den verfluchten Nationen lastende Strafe aus?

  Zunächst muss man wissen, dass das hier gebrauchte Wort für Strafe, kolasis, eine Strafe zur Erziehung und Besserung meint. Timõria wäre eine Strafe zur Ahndung.

  Die äonische Strafe ist, in das äonische Feuer - Feuer steht für Drangsal - hineingehen zu müssen, das dem Satan und seinen Boten bereitet ist; jene werden für die tausend Jahre im Abgrund gebunden sein (Off.20:1-3). Die üblen Nationen werden dementsprechend unter der Knechtschaft Israels stehen und mit eiserner Keule regiert werden, wie der Herr in Offenbarung 2:26,27 sagt: »Wer überwindet und Meine Werke bis zur Vollendung bewahrt, dem werde Ich Vollmacht über die Nationen geben, und er soll sie mit eiserner Keule hirten, wie man die Töpfergefäße zertrümmert.« Dann wird sich Psalm 2:7-9 erfüllen: »Jewe sagt zu Mir: Mein Sohn bist Du, heute habe Ich dich gezeugt. Heische von Mir, und Ich werde Dir Nationen als Dein Losteil geben und Dir zum Besitz die Enden der Erde! Du wirst sie mit eiserner Keule zerschmettern und sie wie Töpfergefäße zertrümmern!« (vgl. Off.12:5). »Denn das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat. Barmherzigkeit aber rühmt sich gegenüber dem Gericht« (Jak.2:13).

  Im Falle des Ungehorsams einer dieser Nationen werden die Überwinder zum Beispiel die Strafe der Trockenheit verhängen, wie Sacharja weissagt: »Und es wird geschehen, wenn eine von den Sippen der Erde nicht nach Jerusalem hinaufzieht, um den König, Jewe der Heere, anzubeten, über diese wird kein Regen kommen. Das wird das Unheil sein, mit dem Jewe die Nationen plagen wird, die nicht hinaufziehen werden, das Laubhüttenfest zu feiern« (Sach.14:17-19).

  Die gerechten Nationen aber gehen in das äonische Leben ein; sie werden sich eines guten Lebens im kommenden Äon erfreuen.

 

Jesu Salbung, Passahfeier und Gebet in Gethsemane

(Matthäus 26:1-46)

 

  Der Apostel Matthäus berichtet: »Als Jesus alle diese Worte vollendet hatte, geschah es, dass Er zu Seinen Jüngern sagte: Ihr wisst, dass in zwei Tagen das Passah ist; und der Sohn des Menschen wird zur Kreuzigung überantwortet« (Verse 1+2).

  Jesus hatte am Ölberg genächtigt, vermutlich in Bethanien (Luk.21:37; Mat.26:6). Mit der Formulierung: »Als Jesus alle diese Worte vollendet hatte«, hier: Seine Reden in der Weihestätte (Mat.21:23-25:46), markiert Matthäus zum fünften Mal in nahezu gleichlautenden Worten das Ende eines Dienstabschnitts unseres Herrn Jesus Christus (vgl. Mat.7:28; 11:1; 13:53; 19:1).

  Wir schreiben den 12. Nisan des Jahres 32 u. Ztr. Das Passahfest des 14. Nissan ist nahe. Jesus kündigte nicht einfach nur wieder an, dass Er leiden und getötet werden müsse (Mat.16:21; 17:23), sondern Er sagte nochmals, wie schon auf dem Weg nach Jerusalem (Mat.20:19), dass Er nach römischer Art und Weise gekreuzigt werden würde. Zum ersten Mal aber brachte Er Seine Kreuzigung mit dem Passahfest in Verbindung. Am Passahfest sollte das einzig wahre Lamm, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf Sich nimmt, geopfert werden!

 

Sie beschlossen, Jesus umzubringen

 

  »Damals versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Hof des Hohenpriesters, der Kaiphas hieß. Dort berieten sie miteinander, damit sie sich Jesu mit Betrug bemächtigten und Ihn töten könnten. Sie sagten aber: Nicht während des Festes, auf dass kein Tumult unter dem Volk entstehe!« (Verse 3-5).

  Diese Beratung stellt die Erfüllung von Psalm 2:2 und 31:14 dar: »Die Oberen versammeln sich gegen Jewe und Seinen Gesalbten«; »Indem sie sich allesamt gegen mich zusammenschließen, planen sie, meine Seele zu nehmen.« Nach dem Fest, wenn die Menschen wieder in ihre Wohnorte zurückgekehrt sind, wollten sie Jesus unauffällig gefangennehmen und töten.

  Nach Gottes heilsgeschichtlichem Vorsatz aber sollte die Opferung Jesu genau auf den Tag des Passahfestes fallen. Das Passah sollte seine Erfüllung in Ihm finden. Er ist das große Gegenbild des makellosen Opferlammes, dessen Blut Israel einst in Ägypten vor dem Tode der Erstgeborenen rettete (2.Mose 12:1-14).

  Der Apostel Paulus schreibt: »Als unser Passah wurde Christus für uns geopfert« (1.Kor.5:7).

 

Jesu zweite Salbung zur Bestattung

 

  »Als Jesus Sich in Bethanien im Hause Simons des Aussätzigen befand, trat eine Frau zu Ihm. Sie hatte ein Alabasterfläschchen mit wertvollem Würzöl und goss es Ihm auf das Haupt, während Er zu Tisch lag. Seine Jünger aber, die dies gewahrten, waren entrüstet und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung? Man hätte doch dieses Würzöl für viel Geld veräußern und es den Armen geben können. - Als Jesus das erkannte, sagte Er zu ihnen: Was verursacht ihr der Frau Mühe? Sie hat doch ein edles Werk an Mir getan! Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, Mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat es doch zu Meiner Bestattung getan, als sie dieses Würzöl auf Meinen Körper sprengte. Wahrlich, Ich sage euch: Wo auch immer man dieses Evangelium in der ganzen Welt herolden mag, wird man zu ihrem Gedenken auch von dem sprechen, was sie getan hat« (Verse 6-13).

  Eine namenlose Frau trat in das Haus Simons des ehemals Aussätzigen und goss wertvolles Würzöl auf Jesu Haupt. War dies eine Verschwendung, oder war es trefflich, den König Israels zu seinem Amtsantritt zu salben, wie auch an Saul, David, Salomo und anderen Königen geschehen (1.Sam.10:1; 16:13; 2.Sam.2:4; 1.Kön.1:39; 2.Kön.9:6)? Hatten die Jünger kein Verständnis für die Salbung des Messias? Hätte dies nicht sogar ihr eigenes Anliegen sein müssen? - Vor Jesu Regierungsherrlichkeit aber lagen Sein Opfer, Sein Tod und Seine Bestattung. Und Jesus deklarierte die Tat der Frau als die zur rechten Zeit nach Gottes Willen vorgenommene Salbung zu seiner Bestattung.

  Diese unbekannte Frau gab Ihm die Ehre, die Ihm gebührte. Und wo man das Evangelium vom Königreich Israels heroldet, dort wird man auch von ihr erzählen.

  Dies war die zweite Salbung Jesu zum Begräbnis. Am Abend nach dem sechsten Tag vor dem Passah hatte Maria, die Schwester des Lazarus und der Martha, Ihm die Füße gesalbt (Joh.12:3). (Im Jahr zuvor war die Salbung Seiner Füße im Haus des Pharisäers Simon durch eine Sünderin geschehen; Luk.7:37).

 

Die Verratsabmachung des Iskarioten

 

  »Dann ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohenpriestern und fragte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich Ihn an euch verraten werde? - Die aber wägten ihm dreißig Silberstücke dar. Von da an suchte er eine günstige Gelegenheit, um Ihn zu verraten« (Verse 14-16).

  Wer kann das fassen - dass ein Jünger, der durch die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus gesegnet war und alle Seine Zeichen und Wunder miterlebt hatte, die Jesus als den ersehnten Messias auswiesen, Ihn zu verraten bereit war? Und dies für nur dreißig Silberstücke, deren Wert uns allerdings nicht bekannt ist, da es nur »Silber« heißt und die Währung nicht angegeben ist. Dreißig Schekel Silber jedenfalls waren der Wert eines Knechtes oder einer Magd (2.Mose 21:32) wie auch der Lohn für den Dienst eines Hirten (Sach.11:12). Dreißig Silberstücke waren schlechthin der Mindestwert eines Menschen.

  Was war das Motiv des Judas Iskariot? - Die Geldgier, denn »er war ein Dieb, der die Kasse hatte und das, was eingelegt wurde, an sich nahm« (Joh.12:6). Die Geldgier ist »eine Wurzel aller Übel«, die sogar vom Glauben und der Treue abirren lässt (1.Tim.6:10).

  Ein Zurück gab es für Judas nicht mehr, da er sein Wort gegeben hatte und bereits bezahlt worden war.

  Der 12. Nisan ging gegen 18 Uhr zu Ende.

 

Die Bereitung des Passah

 

  »Am ersten Tag der ungesäuerten Brote kamen die Jünger zu Jesus und sagten zu Ihm: Wo willst Du das Passah essen? Wo sollen wir es Dir bereiten? Da gebot Er ihnen: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt ihm: Der Lehrer lässt sagen: Der Zeitpunkt für Mich ist nahe; bei dir will Ich das Passah mit Meinen Jüngern halten. - Die Jünger taten nun, wie Jesus es ihnen angeordnet hatte und bereiteten das Passah« (Verse 17-19; vgl. Mark.14:12; Luk.22:7; Joh.13:1).

  Der 13. Nisan brach mit dem Abend an. Dieser Tag war der Vorbereitungstag des Passah, an welchem unser Herr Jesus Christus zur 6. Stunde, das heißt gegen 12 Uhr, verurteilt wurde (Joh.19:14). Jesus feierte das Passah vor dem Passahfest des 14. Nisan, also am 13. Nisan (Joh.13:1).

  Es war erlaubt, dass Passah vorzuziehen, zum einen wegen der riesigen Mengen der zu schlachtenden Lämmer (Josephus Flavius schreibt in der „Geschichte des Jüdischen Krieges«, VI, 9.3., von 256.500 Lämmern) und zum andern, weil der 1. Nisan nicht unbedingt auf den Tag des Neumonds, sondern auch auf einen oder zwei Tage später festgesetzt werden konnte, sodass man, wenn man das Passah vor dem kalendermäßigen 14. Nisan feierte, es dennoch an einem 14. Nisan, und zwar eben dem mondgenauen, feierte.

  Außerdem muss man wissen, dass das Passah, der 14. Nisan, auch als der erste Tag der ungesäuerten Brote bezeichnet wurde (das Fest der ungesäuerten Brote begann erst am 15. Nisan; 3.Mose 23:6), und zwar weil zu diesem Zeitpunkt alles Gesäuerte aus den Häusern entfernt sein musste (2.Mose 12:18). Diese Vorschrift beachtete man auch beim vorgezogenen Passah.

  Die Jünger bereiteten mithin an einem vorgezogenen ersten Tag der ungesäuerten Brote das Passah im Hause eines gewiss an Jesus gläubigen, uns ansonsten unbekannten Juden.

 

Jesu Voraussage des Verrats

 

  »Als es Abend geworden war, lag Er mit den zwölf Jüngern zu Tisch. Während sie aßen, sagte Er: Wahrlich, Ich sage euch: Einer von euch wird Mich verraten. Da wurden sie sehr betrübt und fingen an, Ihn zu fragen, ein jeder von ihnen: Ich bin es doch nicht etwa, Herr? Er aber antwortete: Der mit Mir die Hand in die Schüssel eintaucht, der wird Mich verraten. Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, so wie es von Ihm geschrieben steht; doch wehe jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen verraten wird! Schön wäre es für Ihn, wenn jener Mensch nicht geboren wäre! - Da antwortete Judas, Sein Verräter: Ich bin es doch nicht etwa, Rabbi? Jesus erwiderte ihm: Du hast es gesagt!« (Verse 20-25).

  Vom Merkmal des Eintauchens der Hand in die Schüssel her gesehen bestand für alle Jünger die Möglichkeit, den Herrn zu verraten. Doch eben nur einer sollte es sein. Psalm 41:10 sollte sich erfüllen: »Sogar der mir wohlgesinnte Mann, welchem ich vertraute, der mein Brot aß, erhebt seine Ferse hoch gegen mich.«

  Dass der Sohn des Menschen dahingehen sollte, stand mehrfach von Ihm geschrieben, zum Beispiel in Psalm 22, Jesaia 53:4-8 und Daniel 9:26. Doch wehe dem Verräter! Wie auch Mose sagte: »Verflucht sei, wer eine Bestechung annimmt, um eine Seele zu erschlagen und unschuldiges Blut zu vergießen« (5.Mose 27:25).

  Schön wäre es für Jesus gewesen, wenn jener Mensch, dem das »Wehe!« galt, nicht geboren wäre.

  Wenn es gut für Judas gewesen wäre, nicht geboren zu werden - wie manche Übersetzer schreiben -, wenn also das Nichtsein besser wäre als die Rechtfertigung und die Aussöhnung, dann wäre Gott der alles bewirkt (Eph.1:11) und allen Menschen in der Vollendung nach dem Abschluss der Äonen die Rechtfertigung und die Aussöhnung gewährt (Röm.5:18,19; Kol.1:20), nicht vollkommen. Gottes Ziele aber sind stets die besten. - Da der Mensch gerechtfertigt und ausgesöhnt wird, ist es gut für ihn, dass er geboren wurde.

 

Die Passahfeier

 

  »Als sie aßen, nahm Jesus das Brot, segnete und brach es, gab es den Jüngern und sagte: Nehmt, esst! Dieses ist Mein Körper. Dann nahm Er den Becher, dankte und gab ihnen den und sagte: Trinkt alle daraus! Denn dieses ist Mein Blut des neuen Bundes, das für viele zur Erlassung der Sünden vergossen wird« (Verse 26-28).

  Wieso ist das Brot des Passah der Körper Jesu, der für viele gebrochen wird? Weil das Brechen und Austeilen des Brotes seine Erfüllung im Brechen des Körpers Jesu findet; durch Seinen Tod sollen die vielen am wahren Lebensbrot teilhaben und für die Äonen leben.

  Wieso ist der Wein des Passah das Blut Jesu, das für viele zur Erlassung der Sünden vergossen wird? Weil der Wein des Passah seine Erfüllung darin findet, dass Jesu Blut die Sünden der vielen hinwegnimmt. Das Blut von Stieren und Böchen kann doch keine Sünden wegnehmen (Heb.10:4).

  Durch Sein Blut stiftet Jesus den neuen Bund Gottes mit Israel. Schon der erste Bund wurde mit Blut geschlossen, wie in 2.Mose 24:8 berichtet: »Da nahm Mose das Blut und sprengte es auf das Volk und sagte: Siehe, dies ist das Blut des Bundes, den Jewe mit euch über all diese Worte geschlossen hat.« Diesen Bund hatte Israel gebrochen; der verheißene neue Bund gründet auf Jesus Leiden und Sterben (Jer.31:31-33). Durch Sein Blut ist Jesus eines besseren Bundes Bürge geworden (Heb.7:22).

  Der Becher ist übrigens der dritte Weinbecher des jüdischen Passahmahls, der auch »Becher des Segens« hieß (1.Kor.10:16).

  Das Brot und der Wein sind nicht buchstäblich Jesu Körper und Blut; wäre dem so, hätte Jesus dem griechischen Sprachgebrauch gemäß das Wort »ist« jeweils ausgelassen. Es handelt sich um einen Vergleich; das Brot und der Wein bedeuten Seinen Körper und Sein Blut.

  Jesus hatte den Juden bereits gesagt: »Wer Mein Fleisch isst und Mein Blut trinkt« - wer also glaubend von Seinem Opfer Gebrauch macht -, »hat äonisches Leben, und Ich werde ihn am letzten Tag auferstehen lassen; denn Mein Fleisch ist wahre Speise, und Mein Blut ist wahrer Trank« (Joh.6:54,55).

  Der Herr fügte hinzu: »Aber Ich sage euch: Ich werde von jetzt an keinesfalls von diesem Ertrag des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn Ich ihn im Königreich Meines Vaters neu mit euch trinken werde« (Vers 29).

  Seinem Sohn wird der Vater das Königreich geben. Welche eine herrliche Erwartung, und zwar die des Festmahls mit Ihm im Königreich, gab Jesus Seinen Jüngern doch mit auf den Weg (vgl. Off.19:7)!

 

Auf dem Ölberg

 

  »Nach dem Lobgesang zogen sie hinaus auf den Ölberg« (Vers 30).

  Beim Passahmahl wurden die Psalmen 113 bis 118, die Hallel-Psalmen, die Hymnen des Lobes, gesungen, die Psalmen 115 bis 118 beim Abschluss des Mahles. Singend verließen sie das Haus in Jerusalem, um an den Ölberg zu gehen.

 

Das Versprechen des Petrus

 

  »Dann sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an Mir Anstoß nehmen; denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten erschlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen. Jedoch nach Meiner Auferweckung werde Ich euch nach Galiläa vorangehen. -

Petrus aber antwortete Ihm: Wenn sie auch alle an Dir Anstoß nehmen, ich werde niemals an Dir Anstoß nehmen. - Jesus entgegnete ihm: Wahrlich, Ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du Mich dreimal verleugnen. - Da sagte Petrus zu Ihm: Und wenn ich mit Dir sterben müsste, so werde ich Dich keinesfalls verleugnen. - Gleicherweise sprachen auch alle anderen Jünger« (Verse 31-35).

  Petrus verstrickte sich in diese Sache, weil der Herr gesagt hatte, alle würden Anstoß nehmen, Petrus aber in mangelnder Erkenntnis seiner selbst und der Schwachheit der menschlichen guten Absichten meinte, er sei eine Ausnahme. Selbstüberschätzung aber kommt vor dem Fall.

  Die Gefangennahme Jesu wird allen Jüngern eine solche Furcht einjagen, dass sie Ihn allesamt verleugnen. So wird sich das Wort des Propheten Sacharja erfüllen: »Schwert, sei erweckt gegen Meinen Hirten. ... Schlage den Hirten, dass das Kleinvieh sich zerstreut« (Sach.13:7). Das Schlagen oder Erschlagen bedeutet, dass der Hirte leiden muss.

  Über das Vorangehen Jesu nach Galiläa nach seiner Auferweckung wird in Kapitel 28:7,10,16 berichtet.

 

Jesu Gebetsringen in Gethsemane

 

  »Dann kam Jesus mit ihnen zu einem Freiacker mit Namen Gethsemane und sagte zu Seinen Jüngern: Ich gehe dort hinüber; setzt euch nieder, bis Ich gebetet habe. Hierauf nahm Er Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus beiseite und begann betrübt und niedergedrückt zu werden. Dann sagte Er zu ihnen: Tief betrübt ist Meine Seele bis zum Tode; bleibt hier und wacht mit Mir!« (Verse 36-38).

  Der Freiacker östlich des Kidrontals am Hang des Ölbergs trug seinen Namen Gethsemane, das heißt Ölkelter oder Ölpresse, nicht von ungefähr, denn hier sollte Jesus so niedergedrückt und in die entschiedene Haltung gepresst werden, dass Öl, ins Geistliche übertragen: Geist und Leben, aus Ihm zur Rettung aller kommen möge.

  Die zwei Söhne des Zebedäus sind Johannes und Jakobus (Mat.4:21), Jesu engste Vertraute neben Petrus. Sie waren auch auf dem Berg der Verklärung dabei (Mat.17:1). Diese nahm Jesus beiseite und offenbarte ihnen, dass Er tief betrübt und niedergedrückt sei. Er forderte sie auf, mit Ihm zu wachen, Ihm mithin Gemeinschaft zu leisten, indem sie wach blieben und wohl auch sein Gebet mittrugen.

  »Und ein klein wenig vorausgehend, fiel Er auf Sein Angesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Becher an Mir vorüber! Indes nicht wie Ich will, sondern wie Du willst!« (Vers 39).

  Jesus betete zu Seinem Gott und Vater, dem alles möglich ist (Mark.14:36). Nach Gottes in Christus Jesus gefassten Vorsatz für den Lauf der Äonen (Eph.3:11) konnte der Becher nicht an Jesus vorübergehen. Der zu trinkende Becher ist ein Bild für das zu Erfahrende und zu Erleidende.

  Der Herr kannte Seinen Becher, dass Er nämlich vom Vater preisgegeben werde (Ps.22:2), indem Er den Nationen übergeben und gekreuzigt würde (Mat.20:19; 26:2). So brachte Er Seinem Gott und Vater Sein Gebet dar, auf welches Hebräer 5:7 Licht werfen darf: »Der in den Tagen Seines Fleisches sowohl Flehen wie auch inständige Bittrufe mit starkem Geschrei und Tränen dem darbrachte, der Ihn aus dem Tode retten konnte; und Er wurde wegen Seiner Ehrfurcht erhört.«

  Mit diesem Gebet machte Sich Jesus die Notwendigkeit Seines Kreuzestodes vertieft deutlich, denn Er wollte nichts anderes, als dass der Wille des Vaters geschehe. Dazu war Er ja in die Welt gekommen (Ps.40:9; Heb.10:7,9). Und in diesem Willen wollte Er auch bleiben.

  Der Herr Jesus Christus wusste, dass das Kreuz sein musste, damit die Sünde der Menschheit in Seinem Fleisch verurteilt würde (Röm.8:3), der Gerechtigkeit Genüge getan werde (Röm.8:4) und die Gnade Gottes freien Lauf gewinne.

  Jesus rang nicht mit dem Satan; dieser war zu jener Zeit in Judas Iskariot (Joh.13:27). Hätte Satan Weisheit, so hätte er nicht veranlasst, dass der Herr der Herrlichkeit gekreuzigt würde (1.Kor.2:8), denn dort auf Golgatha errang Jesus den Sieg über jenen, die Sünde und den Tod und streifte alle Oberherrschaften und Obrigkeiten, auch den Satan ab, indem Er sie öffentlich an den Pranger stellte und sie im Kreuz im Triumph einherführte (Kol.2:15). Da der Satan dies aber nicht wusste und ihm auch die Weisheit dazu fehlte, betrieb er die Kreuzigung.

  Wir lesen die Verse 40 und 41: »Darauf kam Er zu den Jüngern und fand sie schlummernd. Da sagte Er zu Petrus: So vermögt ihr nicht eine Stunde mit Mir zu wachen? Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung kommt! Der Geist zwar hat das Verlangen, das Fleisch aber ist schwach.«

  Man könnte auch übersetzen: Wachet und betet, damit ihr nicht in eine Versuchung hineinkommt. Ja, der Geist des Menschen möchte zwar gern das Gott Wohlgefällige tun, aber das Fleisch ist schwach. Nur wer wacht und betet, dessen Geist wird durch den Geist Gottes so gestärkt, dass ihm die Anfechtung nicht zur Gefahr oder die jeweilige Situation nicht zur Versuchung wird.

  »Da ging Er zum zweitenmal hin und betete wieder: Mein Vater, wenn es nicht möglich ist, dass dieser Becher an Mir vorübergehe, es sei denn, dass Ich ihn trinke, so geschehe Dein Wille! - Darauf kam Er zurück und fand sie wieder schlummernd; denn die Augen waren ihnen schwer geworden. Da verließ Er sie, ging nochmals hin und betete zum drittenmal, wieder mit denselben Worten. Dann kam Er zu den Jüngern und sagte zu ihnen: Schlummert und ruht ein andermal; denn siehe, die Stunde hat sich genaht! Der Sohn des Menschen wird in die Hände der Sünder überantwortet! Erhebt euch, wir gehen! Siehe, Mein Verräter hat sich genaht!« (Verse 42-46).

  Nach Seinem ersten Gebet hatte Jesus Seine Jünger geweckt und sie getadelt. Sein zweites Gebet schloss Er mit den Worten »... so geschehe Dein Wille« ab. Wieder hatte Er den Sieg errungen - allein. Das Bejahen des Willens Gottes ist das Geheimnis eines jeden Überwinderlebens. Jetzt weckte Er Seine Jünger nicht auf; ihr Wachen mit Ihm war nicht mehr nötig; Er billigte ihr Schlafen.

  Die schließlich auch im dritten Gebet ausgesprochene völlige Hingabe an den Vater trug Ihn dann hin zum Tode im Gehorsam und in der Treue.

  Nun konnte sich die Stunde nahen. Er weckte Seine Jünger und sagte ihnen, dass Er in die Hände der Sünder überantwortet werde. Dies ist die übelste Sache. König David konnte nach seiner Sünde der Volkszählung wählen und entschied sich wie folgt: »Lass uns doch in die Hand Jewes fallen, denn viele sind Seine Erbarmungen, aber in die Hand der Menschen will ich nicht fallen« (2.Sam.24:14).

  »Erhebt euch, wir gehen!« Dies ist durchaus im Sinne von »Lasst uns auf das Ziel zugehen« zu verstehen.

  Der Verräter nahte. Es erfüllte sich Psalm 119:150: »Die mich verfolgen, nahen mit Bosheit; sie sind fern von Deinem Gesetz.«

 

Jesu Gefangennahme und Verurteilung

(Matthäus 26:47-27:26)

 

  In der Nacht des 13. Nisan des Jahres 32 u. Ztr. geschah es, dass unser Herr Jesus Christus im Garten Gethsemane sagte: »Siehe, die Stunde hat sich genaht! Der Sohn des Menschen wird in die Hände der Sünder überantwortet! Erhebt euch, wir gehen! Siehe, Mein Verräter hat sich genaht!« (Mat.26:45,46).

 

Jesu Gefangennahme

 

  »Während Er noch sprach, siehe, da trat Judas, einer der Zwölf, herzu, und mit Ihm kam eine große Schar mit Schwertern und Knütteln von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes her. Sein Verräter aber hatte ihnen als verabredetes Zeichen gegeben: Welchen ich küssen werde, der ist es; bemächtigt euch Seiner! - Sofort trat er zu Jesus und sagte: Freue Dich, Rabbi! und küsste Ihn herzlich. Jesus aber sagte zu ihm: Kamerad, dazu bist du hier? - Dann traten sie herzu, legten die Hände an Jesus und bemächtigten sich Seiner« (Mat.26:47-50).

  Die bewaffnete Truppe bestand aus Ordnungskräften der Weihestätte und war Judas vom Synedrium bereitgestellt worden (Joh.18:3).

  Schmerzlich ist ein heuchlerischer Kuss, wie denn in den Sprüchen 27:6 geschrieben steht: »Überreichlich sind die Küsse des Hassenden.« Jesus entgegnete Seinem Verräter freundlich, hatte Er ihn doch wohlüberlegt für diese Aufgabe ausgewählt (Luk.6:13; Joh.6:70; 13:18). Er wusste, was in einem jeden Menschen ist (Joh.2:25). Zugleich versuchte Er, das Gewissen des Judas zu erwecken.

  Jetzt erfüllte sich Psalm 41:9: »Sogar der mir wohlgesinnte Mann, welchem ich vertraute, der mein Brot aß, erhebt seine Ferse hoch gegen mich.«

 

Der Schwerthieb des Petrus

 

  »Und siehe, einer von denen, die mit Jesus waren, streckte die Hand aus, riss sein Schwert heraus, schlug auf den Sklaven des Hohenpriesters ein und hieb ihm die Ohrmuschel ab. Da sagte Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Platz; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen! Oder meinst du, dass Ich Meinem Vater nicht zusprechen könnte, und Er würde Mir jetzt mehr als zwölf Legionen Boten bereitstellen? Wie nun sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es so geschehen muss?« (Verse 51-54).

  Petrus war es, der sein Schwert gezogen hatte. Der Sklave des Hohenpriesters hieß Malchus (Joh.18:10). Der Herr heilte dessen Ohr wieder (Luk.22:51).

  Petrus hatte immer noch nicht begriffen, dass es der Wille des Lammes Gottes war, Sich Selbst zum Opfer für die Sünden der Welt dahinzugeben (Joh.1:29). Später konnte Petrus mit Verständnis schreiben: »Er Selbst [Jesus Christus] hat unsere Sünden in Seinem Körper an das Holz hinaufgetragen, damit wir von den Sünden abkommen und der Gerechtigkeit leben: Durch dessen Striemen wurdet ihr geheilt« (1.Pet.2:24).

  Noch aber sah Petrus den Messias als den vor allem Üblen zu beschützenden Heilsbringer an. Es wäre Gott ein Leichtes gewesen, seinen Sohn durch Legionen von Boten zu bewahren, wie es in Psalm 91:11 heißt: »Er wird Seinen Boten deinetwegen gebieten, um dich auf all deinen Wegen zu bewahren.« Doch alles zu seiner Zeit. Zuerst mussten die Sünde und der Tod am Kreuz überwunden und abgetan werden. Dann sind die Hemmnisse für das Heil der Menschen beseitigt. Damit dies geschehe, alles, was die Schrift sagt, insbesondere in Psalm 22 und Jesaia 53, sollte nicht zum Schwert gegriffen, sollte nach des Herrn Worten »dem Bösen nicht Widerstand geleistet werden; sondern wer dich auf deine rechte Wange ohrfeigt, dem wende auch die andere zu« (Mat.5:39; vgl. 1.Mose 9:6; Röm.12:19-21; Off.13:10).

 

Jesus machte Seinen Schergen Vorhaltungen

 

  »In jener Stunde sagte Jesus zu den Scharen: Wie gegen einen Wegelagerer seid ihr mit Schwertern und Knütteln ausgezogen, um Mich zu ergreifen. Täglich saß Ich bei euch in der Weihestätte und lehrte, und ihr habt euch Meiner nicht bemächtigt. Aber das Ganze ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. - Dann verließen Ihn alle Seine Jünger und flohen« (Verse 55+56).

  Der Volksmenge wegen, die Jesus für einen Propheten hielt (Mat.16:14; 21:46; 26:5), hatten die Ältesten es nicht gewagt, Ihn am hellen Tag festzunehmen.

  Jetzt verließen Ihn alle Seine Jünger, flohen und zerstreuten sich, wie der Herr es ihnen angesagt hatte: »Die Schafe der Herde werden sich zerstreuen« (Mat.26:31) und: »Siehe, es kommt die Stunde, ja sie ist gekommen, dass ihr zerstreut werdet, jeder in das Eigene, und ihr werdet Mich allein lassen. Doch Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei Mir« (Joh.16:32).

 

Jesus vor Hannas

 

  Jesus wurde zuerst zu dem Hohenpriester Hannas abgeführt. Über die Verhandlung vor ihm berichtet nur Johannes in den Kapiteln 18:13+19-24).

 

Jesus vor Kaiphas

 

  »Die sich nun Jesu bemächtigt hatten, führten Ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas ab, wo die Schriftgelehrten und Ältesten versammelt waren. Petrus jedoch folgte Ihm von ferne bis zu dem Hof des Hohenpriesters; dort ging er hinein und setzte sich unter die Gerichtsdiener, um den Abschluss zu gewahren.

  Die Hohenpriester aber, die Ältesten und das ganze Synedrium suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, damit sie Ihn zu Tode bringen könnten; doch fanden sie keines, wiewohl viele falsche Zeugen herzutraten. Zuletzt aber kamen zwei herzu und sagten: Dieser hat behauptet: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und ihn in drei Tagen aufbauen! - Da stand der Hohepriester auf und fragte Ihn: Antwortest Du nichts auf das, was diese gegen Dich zeugen? - Jesus aber schwieg still« (Verse 57-63a).

  Sehr wohl hatte Jesus gesagt: »Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten!« Er hatte aber von dem Tempel Seines Körpers gesprochen (Joh.2:18-22). Da Seinen Gegnern jegliches geistliche Verständnis dafür fehlte und überhaupt weil die Anschuldigungen falsch waren, schwieg der Herr.

  Übrigens hatte Jesus nicht gesagt, »Er« werde den Tempel niederreißen, sondern »sie« würden es tun. Und genau darauf arbeiteten sie jetzt hin. Ohne es zu ahnen, sollten sie den Willen Gottes ausführen und das wahre Opfer darbringen, dessen Blut alle Sünden hinwegnimmt.

  Jede Anklage musste auf den übereinstimmenden Aussagen mindestens zweier Zeugen beruhen (5.Mose 19:15). Aber auch das Zeugnis der letzten beiden war falsch und eine Übertretung des 9. Gebotes: »Du sollst gegen deinen Nächsten kein falsches Zeugnis ablegen« (2.Mose 20:16). So erfüllte sich Psalm 27:12: »Es erheben sich falsche Zeugen gegen mich und fauchen Gewalttat.«

  Und Jesus schwieg, wie Jesaia geweissagt hatte: »Jewe ließ Ihn einstehen für all unsere Verworfenheit. Bedrückt wurde Er und gedemütigt, aber Er tat Seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm wurde Er zur Schlachtung geholt; und wie ein Mutterschaf vor seinen Scherern verstummt, so tat Er Seinen Mund nicht auf« (Jes.53:7).

 

»Bist Du der Christus?«

 

  Die Verhandlung kam nicht recht voran; das gewünschte Ergebnis war fern. Da erwuchs im Hohenpriester die alles entscheidende Frage. Das eigentliche Ärgernis war nämlich der Anspruch Jesu, der Messias zu sein. Sollte Er dies bestätigen, dann hätte Er Gott gelästert und wäre des Todes schuldig. denn in 3.Mose 24:26 steht geschrieben: »Wer den Namen Jewes lästert, muss getötet werden, die ganze Gemeinde muss ihn steinigen.«

  Wir lesen die Verse 63 b bis 68: »Dann sagte der Hohepriester zu Ihm: Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, dass Du uns sagst, ob Du der Christus, der Sohn Gottes bist. Jesus erwiderte ihm: Du hast es gesagt! Indes sage Ich euch: Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. - Da zerriss der Hohepriester seine Kleidung und rief: Er lästert! Was brauchen wir noch Zeugen? Siehe, nun habt ihr Seine Lästerung gehört! Was meint ihr? - Sie aber antworteten: Er ist dem Tode verfallen! - Dann spien sie Ihm ins Angesicht und schlugen Ihn mit Fäusten; die Ihn ohrfeigten, sagten: Prophezeie uns, Christus! Wer ist es, der Dich geschlagen hat?«

  Als der Hohepriester Jesus bei dem lebendigen Gott beschwor, war die Zeit gekommen, dass der Herr um Gottes und der Bezeugung der zentralen Wahrheit willen antwortete: Du hast es gesagt! Das heißt: Ich bin der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes (vgl. Mat.16:16)!

  Schon aufgrund dieses Bekenntnisses war das Todesurteil unausweichlich, denn damit hatte Jesus nach der Meinung Seiner Gegner Sich Selbst zu Gottes Sohn gemacht (Joh.10:33; 19:7), was ihrer Ansicht nach Gotteslästerung war.

  Der Herr gab ihnen noch mehr Verurteilungsgründe an die Hand, als Er von Sich sagte, dass Er zur Rechten Gottes sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen werde. Diese Worte waren allen aus den prophetischen Schriften als auf den Messias bezogen bekannt. In Psalm 110:1 heißt es: »Die Erklärung Jewes an meinen Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße lege.« Und aus Daniel 7:13,14 geht hervor, dass der Menschensohn und König Israels mit den Wolken des Himmels kommen wird. Jesus hatte Sich mit diesen Bezugnahmen als der verheißene Messias bezeichnet; eine ungeheuerliche Anmaßung in den Augen des Hohenpriesters und der Ältesten. (Vgl. Mat.24:30; Ap.7:56; Off.1:7).

  Da zerriss der Hohepriester seine Kleider vor Entrüstung (was er nach 3.Mose 21:10 nicht hätte tun dürfen). Und dann gab es kein Halten mehr gegenüber dem »Lästerer« und Todgeweihten; sie bespien, schlugen und ohrfeigten Ihn, so wie es einst Jesaia als prophetischem Vorbild auf Ihn ergangen war (Jes.50:6; vgl. Ps.69:8). Petrus bezeugt, dass Jesus, »beleidigt, nicht wieder beleidigte und, als Er litt, nicht gedroht hat, sondern es dem übergab, der gerecht richtet« (1.Pet.2:23).

 

Die Verleugnung des Petrus

 

  »Petrus aber saß draußen im Hof; da trat eine Magd zu ihm und sagte: Du warst auch mit Jesus, dem Galiläer! Er aber leugnete vor ihnen allen und sagte: Ich weiß nicht, was du sagst. - Als er aus dem Hof in die Torhalle trat, gewahrte ihn eine andere Magd und sagte zu den Umstehenden dort: Dieser war auch mit Jesus, dem Nazarener! Er aber leugnete nochmals, und zwar mit einem Eidschwur: Ich weiß nichts von dem Menschen. - Nach einer kleinen Weile traten die Umstehenden hinzu und sagten zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von ihnen; denn deine Aussprache macht dich kenntlich. Da fing er an, sich zu verdammen und zu schwören: Ich weiß nichts von dem Menschen! - Und sogleich krähte ein Hahn. Nun erinnerte sich Petrus des Ausspruchs Jesu, der es ihm angesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du Mich dreimal verleugnen (Mat.26:34). - Da ging er hinaus und weinte bitterlich« (Verse 69-75).

  Jetzt hätte Petrus Gelegenheit gehabt, sich zu dem Herrn zu bekennen, wie er es gelobt hatte (Mat.26:33,35). Aber erst das Krähen eines Hahns, das ihm zur Stimme Gottes wurde, brachte ihn zur Besinnung.

  »... und er schluchzte bitterlich.« Auf diese Art und Weise bringt Gott das Herz eines Menschen zur Selbsterkenntnis, Umsinnung und Demut. Hier reifte Petrus.

 

Jesus vor dem Synedrium

 

  »Als es Morgen wurde, hielten alle Hohenpriester und Ältesten des Volkes eine Beratung über Jesus ab, um Ihn zu Tode zu bringen. Nachdem man Ihn gebunden hatte, führten sie Ihn ab und übergaben Ihn dem Statthalter Pontius Pilatus« (Mat.27:1,2).

  Der Morgen umfasst die Zeit von sechs bis neun Uhr (Luk.22:66). Die dritte Verhandlung gegen Jesus fand statt, und zwar vor dem ganzen, nun offiziell tagenden Synedrium (Mark.15:1). Lukas berichtet Näheres darüber (Luk.22:66-71).

  Es erfüllte sich Psalm 2:2: »Die Oberen versammeln sich gegen Jewe und Seinen Gesalbten« (vgl. Ap.4:24-28).

 

Die Reue des Verräters

 

  »Als dann Judas, der Ihn verraten hatte, gewahrte, dass Er verurteilt war, bereute er es, brachte die dreißig Silberstücke den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sagte: Ich habe gesündigt, weil ich unschuldiges Blut verriet. Sie erwiderten jedoch: Was geht das uns an? Da sieh du zu! - Darauf schleuderte er die Silberstücke in den Tempel und machte sich davon, ging hin und erhängte sich« (Verse 3-5). (Nähere Einzelheiten sind in Apostelgeschichte 1:18,19 nachzulesen.)

  Judas Iskariot, der Verräter, war zur Erkenntnis seiner Sünde gekommen, bereute und bekannte sie sogar, Vergebung aber konnte ihm nicht zuteil werden, weil er vorsätzlich (nicht aus Versehen) gesündigt hatte (4.Mose 15:30: »mit erhobener Hand«, vollmächtiglich; Heb.10:26).

  »Die Hohenpriester aber nahmen die Silberstücke und sagten: Es ist nicht erlaubt, sie in den Korban [in den Nahegabenkasten] zu werfen, weil es ein Blutpreis ist. Nachdem sie eine Beratung abgehalten hatten, kauften sie dafür das Feld des Töpfers als Begräbnisplatz für Fremde. Jenes Feld heißt darum bis auf den heutigen Tag Feld des Blutes. Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia angesagt war: Sie nahmen die dreißig Silberstücke - den Preis des so Bewerteten, den man seitens der Söhne Israels so bewertet hatte, und gaben sie für das Feld des Töpfers, so wie der Herr es mir angeordnet hat« (Verse 6-10).

  Matthäus nennt nur den Namen des größeren der beiden Propheten Jeremia und Sacharja, die auf dieses Geschehen hinwiesen. In Jeremia 32:9 ist vom Kauf eines Ackers die Rede und in Jeremia 19:1-13 wird unter dem Bild des Zerbrechens eines Töpfergefäßes (Verse 1, 4+11) Gericht für das Vergießen unschuldigen Blutes angekündigt. Jeremia deutet das Feld des Blutes unter dem Begriff »Tal des Mordens« an (Vers 6). Sacharja nennt die Einzelheiten, nämlich den Lohn von dreißig Silberschekeln, dessen der gute Hirte von Israel wertgeachtet wurde und der in das Haus Jewes dem Töpfer zugeworfen wurde (Sach.11:12,13). Der Töpfer wird es verwenden, um etwas Neues daraus zu formen, so wie das Blut Jesu Christi alles neu machen wird.

 

Jesus vor Pilatus

 

  »Jesus wurde dann vor den Statthaltern gestellt, und der Statthalter fragte Ihn: Bist Du der König der Juden? Jesus entgegnete ihm: Du sagst es. - Doch während der Anklage durch die Hohenpriester und Ältesten antwortete Er nichts. Da fragte Pilatus Ihn: Hörst Du nicht, wieviel sie gegen Dich zeugen? Er aber antwortete ihm auf keinen einzigen Ausspruch, sodass der Statthalter sehr erstaunt war« (Verse 11-14).

  Die Ältesten hatten Pilatus vorgetragen, Jesus verbiete, dem Kaiser Steuern zu geben (gegen Mat.22:21!) und sage von Sich Selbst, dass Er der Christus und ein König sei (Luk.23:2), um Ihn zu einem Gegner Roms zu stempeln. Pilatus aber wusste, dass das Synedrium niemals den Tod für einen Juden fordern würde, der ein Feind Roms war. Sein Argwohn wurde durch das Schweigen Jesu zu den unberechtigten Vorwürfen bestätigt. Auf die sachgerechte Frage des Pilatus aber antwortete ihm der Herr, dass Er der König der Juden sei. Nach Johannes 18:33-38 erklärte Er ihm sogar, dass Sein Königreich nicht von dieser Welt ist und Er dazu in die Welt gekommen sei, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen.

 

Jesus vor Herodes

 

  Als Pilatus hörte, dass Jesus ein Galiläer sei, also aus dem Hoheitsgebiet des Herodes komme, sandte er Ihn zu König Herodes Antipas, der gerade in Jerusalem war, wo die Hohenpriester und Schriftgelehrten Ihn erneut verklagten. Jesus antwortete Ihm nichts. Da sandte Herodes den Gefangenen wieder zu Pilatus zurück (Luk.23:6-11). - Dies war übrigens die fünfte Verhandlung gegen Jesus.

 

Jesus nochmals vor Pilatus

 

  »Zu jedem Passahfest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, der Volksmenge einen Häftling freizulassen, welchen sie wollten. Man hatte aber damals einen verrufenen Häftling mit Namen Barabbas. Als sich nun die Volksmenge versammelt hatte, fragte Pilatus sie: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch freilassen, Barabbas oder Jesus, der Christus genannt wird? - Denn er wusste, dass sie Ihn aus Neid überantwortet hatten« (Verse 15-18).

  Neidisch waren sie auf Ihn, Neid ergriff sie angesichts Seiner Aufrichtigkeit und der Kraft Seiner Worte.

  Barabbas war ein Wegelagerer, Aufrührer und Mörder (Mark.15:7; Joh.18:40). Sein Name ist wahrscheinlich aramäisch und dürfte Sohn des Vaters bedeuten. Sein Vater war allerdings der Satan. Er stand in krassem Gegensatz zu Jesus, dem Sohn des wahren Vaters.

  Pilatus wollte Jesus freilassen und hoffte darauf, dass das Volk Ihn doch wohl schätze.

  »Während er auf der Richterbühne saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Nichts sei zwischen dir und jenem Gerechten; denn ich habe heute im Traumgesicht viel um Seinetwillen gelitten« (Vers 19).

  Dieser Traum war der Frau des Pilatus gewiss von Gott eingegeben worden, denn sie nannte Jesus den Schriften gemäß einen Gerechten (Jes.53:11; Sach.9:9; 1.Joh:2:1). Ihr Mann war nun gewarnt, sich nicht in diese Sache verwickeln zu lassen.

  Es bestand eine gute Wahrscheinlichkeit, dass das Volk die Freilassung Jesu wählen würde. Pilatus hatte aber nicht mit der Hartnäckigkeit der Oberen gerechnet. Und so lesen wir ab Vers 20: »Doch die Hohenpriester und Ältesten überredeten die Volksmenge, dass sie sich Barabbas erbitten und Jesus umbringen lassen sollte. Der Statthalter antwortete ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den zweien soll ich euch freilassen? Da riefen sie: Barabbas! Darauf fragte Pilatus sie: Was soll ich denn mit Jesus machen, der Christus genannt wird? Sie riefen alle: Er werde gekreuzigt! Der Statthalter aber entgegnete: Was hat Er denn Übles getan? Doch sie schrien übermäßig laut: Er werde gekreuzigt!

  Als Pilatus gewahrte, dass er nichts ausrichten konnte, sondern nur noch mehr Tumult entstand, nahm er Wasser, wusch sich vor der Volksmenge die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten; seht ihr zu! Da antwortete das gesamte Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« (Verse 20-25).

  Die Hohenpriester hatten sich die Menge gefügig gemacht, sodass Pilatus in eine schwierige Lage kam, in die er sich immer mehr verstricken musste, zumal er dem Volk die Wahl nur zwischen den zweien angetragen hatte. Zwar hatte er immer noch die Macht, nicht nur Barabbas, sondern auch Jesus freizulassen, aber die Vehemenz der Ereignisse überrollte ihn. Im Griechischen ist es nur ein Wort, das die Menge stürmisch und leidenschaftlich ausrief: staurõthêtõ!, was wörtlich »Er werde angepfahlt!« heißt. Und dann willfuhr Pilatus, gewiss auch aus Rücksicht auf sein Ansehen bei dem Volk und auf seine Karriere, der Menge.

  Das Händewaschen zum Zeichen der Unschuld war ein jüdischer Brauch (5.Mose 21:6; Ps.26:6; 73:13). Dies befreite ihn natürlich nicht von der Schuld an seinem eklatant ungerechten Urteil.

  »Sein Blut komme über uns!« - Die Juden haben allen Grund, beim Lesen dieser ihrer Worte zu schaudern, denn das Unrecht ihrer Bluttat an Jesus kommt für die Zeit ihrer Verwerfung (Röm.11:15,26) immer noch in schrecklicher Weise über sie (Mat.23:33-36; 1.Thess.2:16).

  Weitere Einzelheiten des Tauziehens zwischen Pilatus und dem Volk sind in Johannes 19:1-16 nachzulesen.

 

Jesu Verurteilung

 

  »Dann ließ er ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er peitschen und übergab Ihn, damit Er gekreuzigt würde« (Vers 26; vgl. Mark.15:15).

  Lukas berichtet: »So fällte Pilatus das Urteil, ihre Forderung solle erfüllt werden« (Luk.23:24). Johannes schreibt: »Daher gab er Ihn dann dahin, ihnen zu Willen, damit Er gekreuzigt würde« (Joh.19:16).

  »Es war aber der Vorbereitungstag des Passah, etwa um die sechste Stunde« (Joh.19:14). Das heißt, dies geschah am 13. Nisan gegen 12 Uhr mittags.

  Jesu Kreuzigung sodann erfolgte am 14. Nisan zur dritten Stunde (Mark.15:25), also gegen 9 Uhr vormittags.

  Die Kodizes Alexandrinus (A), Vaticanus (B) und der ursprüngliche Kodex Sinaiticus (S 1) haben in Johannes 19:14 »sechste Stunde«, der redigierte Kodex Sinaiticus (S 2) hat »dritte Stunde«. Abgesehen von der Frage, ab wann am Morgen (6 bis 9 Uhr) Pilatus denn zu sprechen gewesen sein mag, dürften die Verhandlungen gegen Jesus, die Sendung zu Herodes, die erneute Zusammenrufung der Oberen bei Pilatus (Luk.23:13) und die Aufwiegelung der Volksmenge geraume Zeit in Anspruch genommen haben, sodass die Wiedergabe mit »dritte Stunde« in Johannes 19:14 nicht angebracht ist. Die Mehrheit der Textzeugen spricht ebenfalls dagegen.

  Das Urteil war gesprochen. Pilatus hatte die Vollmacht dazu von oben bekommen (Joh.19:11). Und nicht nur dies, sondern alles geschah nach dem Vorsatz für den Lauf der Äonen, den der allein weise (Röm.16:27) und alles bewirkende Gott (Eph.1:11) in Christus Jesus gefasst hat (Eph.3:11). - Nach der Freilassung des Petrus und Johannes aus dem Synedrium betete die gesamte Gemeinde: »Herodes wie auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels haben alles ausgeführt, was Deine hand und Dein Ratschluss vorherbestimmt hatten, dass es geschehe« (Ap.4:27,28).

 

Die Kreuzigung Jesu Christi

(Matthäus 27:27-61)

 

  Am 14. Nisan des Jahres 32 u. Ztr., am Passahfest, wurde unser Herr Jesus Christus gekreuzigt.

 

Die Verhöhnung Jesu durch die Krieger

 

  Die in Matthäus 27:27-31 geschilderte Verhöhnung Jesu durch die Römer fand vermutlich am Morgen des Passahtages, also zwischen 6 und 9 Uhr, und nicht unmittelbar nach Jesu Verurteilung am Vortag statt (Joh.19:14).

  Matthäus berichtet: »Dann nahmen die Krieger des Statthalters Jesus mit in das Prätorium und versammelten die ganze Truppe um Ihn. Sie zogen Ihn aus, legten Ihm einen scharlachroten Mantel um, flochten aus Dornen einen Kranz, den sie Ihm auf das Haupt setzten, und gaben Ihm ein Rohr in die rechte Hand; dann fielen sie vor Ihm auf die Knie, höhnten Ihn und sagten: Freue Dich, König der Juden! Dann spien sie Ihn an, nahmen das Rohr und schlugen Ihn auf das Haupt. - Als sie Ihn so verhöhnt hatten, zogen sie Ihm den Mantel aus, zogen Ihm Seine Kleidung wieder an und führten Ihn zur Kreuzigung ab« (Verse 27-31).

  Die ganze Kohorte von 600 Mann versammelte sich um Jesus. Es war üblich, einen Verurteilten vor seiner Hinrichtung zu verspotten, in diesem Falle mit Königsinsignien, und zu quälen. Mit dem Schilfrohr, dem Zepter, schlugen sie Ihm auf das Haupt und sicherlich auch ins Gesicht, sodass sich Jesaia 52:14 erfüllte: »Entstellt ist sein Aussehen.« Und sie spien Ihn an; so geschah, was in Jesaia 50:6 geschrieben steht: »Mein Angesicht berge ich nicht vor Schande und Bespeiung.«

  Die Soldaten hatten keine Ahnung, dass diesem Juden als dem Herrn der Erde und dem Haupt des Alls die Königswürde zu Recht zukommt.

  Ebenso wenig wissen manche Gläubige heutzutage nicht, dass die Demütigung Jesu die wesentliche Zeremonie für die Thronbesteigung des Königs der Könige und Herrn der Herren war. Er hätte nämlich niemals den Platz des Hauptes über alle einnehmen können, wenn Er nicht bis in die tiefste Tiefe herabgestiegen wäre. Leiden und Schmach sind die göttlichen Voraussetzungen für die Verherrlichung und Freude. Die da leiden, diese werden herrschen (2.Tim.2:12).

  Und dann führten sie Ihn zur Kreuzigung ab. Jesaia sah dies schon: »Wie ein Lamm wurde er zur Schlachtung geholt« (Jes.53:7).

 

Der Kreuzträger

 

  »Als sie hinauszogen, fanden sie einen Mann, einen Kyrenäer mit Namen Simon; diesen zwangen sie, Sein Kreuz aufzunehmen« (Vers 32).

  Simon, der Vater des vermutlich später in der Gemeinde bekannten Alexander und des Rufus, kam gerade vom Feld (Mark.15:21). Jesus hatte Sein Kreuz, wörtlich: Seinen Pfahl, zunächst Selbst getragen (Joh.19:17), muss aber so sehr geschwächt gewesen sein, dass Er darunter zusammenbrach. Da die Juden zu dem Frondienst des Lastentragens für die Römer verpflichtet waren, zwangen sie einen gerade Vorübergehenden, Jesu Kreuz aufzunehmen.

 

Wein mit Galle

 

  »So kamen sie an die Stätte genannt Golgatha, das heißt Schädelstätte. Dort gaben sie Ihm Wein mit Galle vermischt zu trinken; doch als Er ihn gekostet hatte, wollt Er nicht davon trinken« (Verse 33+34).

  Der Hügel hieß Schädelstätte, weil seine Form an die eines Schädels erinnerte. Jesus litt außerhalb des Tores (Heb.13:12). Den Ihm gereichten Betäubungstrank nahm Er nicht, weil Er bei vollem Bewusstsein die Sünde der Welt tragen und leiden wollte.

 

Die Verteilung Seiner Kleider

 

  Es war die dritte Stunde, also gegen 9 Uhr, als sie Ihn kreuzigten (Mark.15:25).

  Das erste der sieben Worte Jesu am Kreuz war: »Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun« (Luk.23:34).

  »Nachdem sie Ihn gekreuzigt hatten, verteilten sie Seine Kleider, indem sie das Los darüber warfen; dann setzten sie sich und bewachten Ihn dort« (Verse 35+36).

  Die Kleider der Verurteilten fielen gewöhnlich den Kriegern zu. Sie verteilten sie unter sich. Da das Untergewand aber ohne Naht war, von oben an ganz durchgewebt, wollten sie es nicht zerreißen, sondern darum würfeln (Joh.19:23,24). So erfüllten sie die Schrift, welche sagt: »Sie werden meine Kleider unter sich verteilen und über mein Gewand das Los werfen« (Ps.22:19).

 

Die Inschrift

 

  »Oben über Seinem Haupt brachten sie eine Inschrift mit Seiner Schuld an: Dieser ist Jesus, der König der Juden« (Vers 37).

  Die Schuld eines Gehängten wurde auf einer Tafel oben am Pfahl angegeben. Den Text hatte Pilatus selbst festgelegt und die Hohenpriester damit in Herz getroffen, die auch prompt bei ihm vorstellig wurden und wünschten, dass er stattdessen schreibe, Jesus habe gesagt, dass Er der König der Juden sei (Joh.19:21). Aber Pilatus blieb standhaft. - Die Inschrift war in griechischen, lateinischen und hebräischen Buchstaben geschrieben (Luk.23:38).

 

Zwei Mitgekreuzigte

 

  »Dann wurden zwei Wegelagerer mit Ihm gekreuzigt, einer zu Seiner Rechten und einer zu Seiner Linken« (Vers 38).

  Die Wegelagerer waren Banditen, die raubten und mordeten.

 

Die Schmähung Jesu

 

  »Die Vorübergehenden lästerten Ihn, schüttelten ihre Häupter und sagten: Du, der den Tempel abbricht und in drei Tagen wieder aufbaut, rette Dich Selbst! Wenn Du Gottes Sohn bist, so steige vom Kreuz

herab. - Auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten höhnten in gleicher Weise und riefen: Andere hat Er gerettet, Sich Selbst kann Er nicht retten! Wenn Er Israels König ist, so steige Er nun vom Kreuz herab, dann wollen wir an Ihn glauben. Er vertraute auf Gott; der berge Ihn nun, wenn Er Ihn bergen will; denn Er sagte: Ich bin Gottes Sohn. - In derselben Weise schmähten Ihn auch die Wegelagerer, die zusammen mit Ihm gekreuzigt waren« (Verse 39-44).

  Welch einen Widerspruch musste der Herr von den Sündern erdulden (Heb.12:3)!

  Zwar hatten sie das Wort Jesu vom Abbruch des Tempels verdreht (Mat.26:61) - Jesus hatte vom Tempel Seines Körpers gesprochen, den nicht Er, sondern die Juden abbrechen (Joh.2:19-21), was sie gerade zu tun im Begriff waren -, im Übrigen aber sprachen die Hasser Jesu kostbare Wahrheiten aus, ohne zu erkennen, dass sie es waren, die der Rettung bedurften. Ihre Rettung würde aber nicht kommen, wenn Jesus Sich Selbst retten und vom Kreuz herabsteigen würde.

  Das prophetische Wort sagt zu dieser Szene: »Ich bin ein Wurm und kein Mensch, eine Schmach der Menschheit und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, hohnlachen meiner, sie öffnen die Lippen und schütteln das Haupt: Er wartet auf Jewe! Er wird ihn befreien! Er wird ihn bergen; denn Er hat Gefallen an ihm!« (Ps.22:7-9; vgl. Ps.109:25). In Psalm 3:2,3 ist zu lesen: »Jewe, wozu mehren sich meine Gegner? Viele stehen gegen mich auf! Viele sagen zu meiner Seele: Keine Rettung wird ihm durch seinen Elohim.«

  Was schon in den Psalmen und jetzt auf Golgatha im Hohn ausgerufen wurde, sprechen wir triumphierend und Gott verherrlichend aus: Jesus Christus ist der Retter!

  Nach Lukas 23:39-43 muss einer der Banditen im Lauf des Vormittags zur Umsinnung gekommen sein. Er sagte nämlich zu Jesus: »Gedenke meiner, Herr, wenn Du in Deinem Königreich kommst!« Und Jesus antwortete ihm in Seinem zweiten Wort am Kreuz: »Wahrlich, dir sage Ich heute: Mit Mir wirst du im Paradiese sein!« Dieser Verbrecher hatte mithin Glauben gefasst und den Namen des Herrn angerufen, ein Werk seines Mundes getan (Joel 3:5; Röm.10:8-13; Jak.2:24), sodass er mit Christus im Paradies - dies ist eine Bezeichnung für das Königreich Israels auf der Erde (Off.2:7) - leben wird. Heute, an seinem schlimmsten Tag, sagte der Herr ihm dies zu.

  Das dritte Wort Jesu am Kreuz ist in Johannes 19:26,27 vermerkt; es richtete sich an Seine Mutter und an Johannes und lautete: »Frau, siehe, dein Sohn! - Siehe, deine Mutter!« So übergab Er die Fürsorge für Seine Mutter dem Johannes.

 

Die Finsternis

 

  »Von der sechsten Stunde an kam Finsternis über das gesamte Land bis zur neunten Stunde« (Vers 45).

  Diese drei Stunden von gegen 12 bis gegen 15 Uhr waren den Mächten der Finsternis gegeben, wie in Psalm 22:13,14 beschrieben: »Viele Jungstiere umgeben mich, Bullen, die fett sind, umringen mich. Sie sperren ihre Mäuler gegen mich auf, wie ein Löwe, zerreißend und brüllend.« Der Satan ging wie ein brüllender Löwe umher und suchte, Jesus zu verschlingen, und zwar auf die Weise, dass dieser Seine Glaubenstreue gegenüber Seinem Gott und Vater aufgebe (1.Pet.5:8,9).

 

»Mein Gott, Mein Gott, wozu Du Mich verlassen hast!«

 

  »Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und reif: Eloi, Eloi, lema sabachthani!, das heißt: Mein Gott, Mein Gott, wozu Du Mich verlassen hast!« (Vers 46).

  Die Finsternis wich. Jesus rief laut zu Seinem Gott hinauf. Was Er rief, wäre wörtlich wie folgt zu übersetzen: Mein Gott, Mein Gott, warum verließest Du Mich? Da der Herr aber kein Unwissender war, sondern Sinn und Zweck Seines Leidens kannte, fragte Er nicht warum, sondern pries Gott um des hohen Zieles willen.

  Er wusste, wozu der Vater Ihn verlassen hatte:

-         damit man dem zukünftig neugeborenen Israel die Gerechtigkeit Jewes kundtue (Ps.22:32);

-         damit alle Enden der Erde sich zu Jewe umwenden (Ps.22:28);

-         damit Israel Frieden und Heilung von der ärgsten Wunde, der Sünde, zuteil werde (Jes.53:5);

-         damit Er als der gerechte Knecht die Vielen rechtfertige (Jes.53:11);

-         damit Ihm für Sein Leiden die vielen Gerechtfertigten zu Seiner Verherrlichung als Siegeskranz zugeteilt werden (Jes.53:10-12);

-         damit Er Selbst durch Seinen Gehorsam vollkommen gemacht werde und Er allen, die Ihm gehorchen, die Ursache der äonischen Rettung sei (Heb.2:10; 5:9);

-         damit Er die Sünden in Seinem Körper von den Menschen wegtrage an das Holz hinauf (1.Pet.2:24);

-         damit Er zur Sühne für die Sünden Israels, ja der ganzen Welt werde (1.Joh.2:2);

-         damit Er das Sündopfer sei (2.Kor.2:21) und den Fluch des Gesetzes trage (5.Mose 21:23; Gal.3:13);

-         damit Gott durch Sein Blut Frieden machen und das All mit Sich aussöhnen könne (Kol.1:29)

-         und damit Gottes Liebe erkennbar werde, die Ihn Sein Liebstes für Seine Geschöpfe an den Schandpfahl dahingeben ließ.

 

  Was bedeutet Verlassensein? Das Verlassensein Jesu wird in Psalm 22, dessen ersten Satz der Herr zitierte, anschaulich und ausführlich geschildert: nämlich seine Preisgabe an die Drangsale, die Ihm Seine menschlichen und geistlichen Feinde zufügten. Gott hatte Ihn dahingegeben, ebenso wie Er Selbst Sich dahingegeben hatte (Joh.3:16; 1.Tim.2:6).

  Der Herr spürte keine Liebeszuwendung Seines Gottes mehr.

  Die Verlassenheit bestand in der Preisgabe, dem Entzug des Schutzes und der Huld, wie in Psalm 22 beschrieben: »Fern von meiner Rettung sind die Worte meines Schreiens. Viele Hunde umgeben mich; schon haben sie meine Hände und Füße durchgraben. Alle meine Gebeine kann ich zählen. Doch du, Jewe, sei nicht fern, mein Unterordner! Eile mir zur Hilfe! Rette mich vor dem Schlund des Löwen und vor den Hörnern der Urochsen!«

  Gott verließ Ihn, indem Er Ihn zerschlug und leiden ließ (Jes.53:10). Gott gab Ihn dahin in die Hände Seiner Peiniger (Röm.4:25).

  Und Gott litt mit, denn »Gott war in Christus, die Welt mit Sich Selbst versöhnend« (2.Kor.5:19).

  

Jemand tränkte Ihn

 

  »Eloi, Eloi, lema sabachthani!« - »Als einige der dort Stehenden das hörten, sagten sie: Der ruft Elia! Und sogleich lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und tränkte Ihn. Die Übrigen aber sagten: Lass nur! Wir wollen sehen, ob Elia kommt und Ihn rettet!« (Verse 47-49a).

  Die Umstehenden hatten nicht genau verstanden, sicher weil Jesus mit trockener Zunge nicht deutlich sprechen konnte. Jemand wollte Ihm deshalb etwas zu trinken geben, was andere mit dem Hinweis ablehnten, dass auch Elia Ihm nicht helfen werde. Im Rahmen dieses Geschehens wird der Herr Sein fünftes Wort am Kreuz ausgerufen haben: »Mich dürstet« (Joh.19:28). Und so kam es, dass Ihn einer tränkte.